{"id":8221,"date":"2011-02-04T16:06:12","date_gmt":"2011-02-04T15:06:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=8221"},"modified":"2019-07-30T12:17:17","modified_gmt":"2019-07-30T10:17:17","slug":"wohin-fuehrt-der-weg-der-aegyptischen-revolution","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=8221","title":{"rendered":"Wohin f\u00fchrt der Weg der \u00e4gyptischen Revolution?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Das europ&auml;ische Versagen k&ouml;nnte der T&uuml;rkei eine Vorbildrolle im Nahen Osten zuweisen<\/strong><\/p><p>Die zwiesp&auml;ltige historische Rolle der USA im Nahen Osten und die ausschlie&szlig;lich an &bdquo;Stabilit&auml;t&ldquo; Unterst&uuml;tzung der nordafrikanischen Despoten durch die Europ&auml;ische Union und durch Deutschland k&ouml;nnte der T&uuml;rkei eine ganz neue Rolle im Nahen Osten zuweisen. Von Volker Bahl<br>\n<!--more--><\/p><p>Auch ich lerne immer wieder dazu &ndash; und deshalb w&uuml;rde ich inzwischen nie mehr das unter demokratischen Gesichtspunkten betrachtete &ldquo;Scheitern&rdquo; der &ldquo;iranisch-islamischen Revolution&rdquo; durch die Ayatollahs Ende der Siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts an den Anfang einer Geschichte f&uuml;r den Nahen Osten&nbsp;setzen. (Erinnert sei, auch ein Michel Foucault war &ldquo;damals&rdquo; davon begeistert)&nbsp;<\/p><p>Dieses sog. &ldquo;Scheitern&rdquo; hatte aber seine Vorgeschichte: 1953 putschten die USA (CIA) und Gro&szlig;britannien eine demokratische Regierung &ndash; die Regierung Mossadegh &ndash;&nbsp;im Iran im Interesse ihrer nationalen &Ouml;lindustrie weg. Hatte doch dieser persische Premierminister die Frechheit besessen, dar&uuml;ber nachzudenken &ndash; damit die Perser auch noch ein wenig von ihrem &Ouml;lreichtum haben -, das &Ouml;l zu verstaatlichen. So musste diese Demokratie &ndash; die meisten Perser waren daf&uuml;r &ndash; beseitigt werden, um das Terror-Regime dieses Schah Pahlevi in ihrem &Ouml;l-Interesse zu etablieren. <\/p><p>(&ldquo;Nachgezeichnet&rdquo;&nbsp;von dem Journalisten Stephen Kinzer &ldquo;Im Dienste des Schah&rdquo; &ndash; CIA, MI6 und die Wurzeln des Terrors im Nahen Osten . Ein Zitat daraus : &ldquo;H&auml;tten die USA 1953 nicht ihre Agenten losgeschickt, um Premierminister Mohammed Mossadegh abzusetzen, w&auml;re der Iran weiter den Weg der Demokratisierung vorangeschritten. Vielleicht w&auml;re er &uuml;ber die Jahrzehnte zum ersten demokratischen Staat im Mittleren Osten geworden und h&auml;tte ein Modell f&uuml;r die ganze Region sein k&ouml;nnen.&rdquo;)<br>\n&nbsp;<br>\nSo genau wussten &bdquo;wir&ldquo; das wohl damals noch nicht, als &ldquo;wir&rdquo; gegen den Schahbesuch &ldquo;1968&rdquo; in Deutschland protestierten &ndash; und Ohnesorg erschossen wurde. (Aber es zeigt auch wie der &ldquo;Nahe Osten&rdquo; uns pers&ouml;nlich auch immer &ldquo;nahe&rdquo; ging.)<br>\n&nbsp;<br>\nSo glaubt im Iran im speziellen und&nbsp;von den&nbsp;Arabern im Nahen Osten insgesamt keiner mehr an die USA, wenn dort von &ldquo;Demokratie&rdquo; gesprochen wird. Im Gegenteil hat sich dort eine enorme Skepsis nicht nur gegen die amerikanische Regierung, sondern auch gegen die dortige Regierungsform ausgebildet, weil diese durch von den Geheimdiensten angezettelten Staatsstreiche &ndash; wie etwa bei Mossadegh geschehen &ndash; oder durch Kriege im Irak, aber auch in Afghanistan erheblich desavouiert wurden.<br>\nIn den arabischen L&auml;ndern ist nicht vergessen, dass eine wichtige Ursache des sp&auml;teren Terrors im Nahen Osten &ndash; vollkommen demokratiefeindlich &ndash; &nbsp;von den USA und von Gro&szlig;britannien ausging.<\/p><p>Auch bei vielen &Auml;gyptern scheint sich eine Skepsis gegen diese Art &bdquo;westlicher Demokratie&ldquo; <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/regierungskrise-in-aegypten-buhrufe-f%C3%BCr-einfache-parolen-1.1054158\">&ldquo;festgefressen&rdquo; zu haben<\/a>.&nbsp;&nbsp; <\/p><p>Wie diese &ldquo;Geschichte&rdquo; mit dem Iran dann weiter ging, ist bekannt: Nachdem die &ldquo;islamische Revolution&rdquo; gegen diese US-Marionette Schah erfolgreich war, unterst&uuml;tzten die USA massiv das laizistische Regime im Irak und dessen Krieg gegen den &ndash; inzwischen islamisch-religi&ouml;sen &ndash; Iran. Nicht zuletzt wieder im &Ouml;linteresse wurde der &ldquo;Z&ouml;gling&rdquo; Irak, indem man ihm eine Atombombe und die Verbandelung mit Al Quaida (nach dem 11.September 01) durch einen religi&ouml;s-fundamentalistisch inspirierten US-Pr&auml;sidenten George W. Bush andichtete, wiederum mit einem Krieg &uuml;berzogen.<\/p><p>Immerhin sind die USA immer wieder f&uuml;r &Uuml;berraschungen gut, denn w&auml;hrend sich Europa bez&uuml;glich des etablierten Despoten Mubarak weiterhin &ldquo;vornehm&rdquo; bedeckt h&auml;lt, begann US-Pr&auml;sident Obama immerhin damit Mubarak <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/aegypten-in-aufruhr-obama-draengt-mubarak-zur-abgabe-der-macht-1.1054178\">zur Aufgabe seines Amtes zu dr&auml;ngen<\/a>.&nbsp;&nbsp;&nbsp;<br>\n&nbsp;<br>\n<strong>Ist Deutschland, ist Europa ein verl&auml;sslicher Partner&nbsp;f&uuml;r die Demokratisierung im Nahen Osten?<\/strong><\/p><p>Schauen wir einmal auf Deutschland und seine ach so demokratie&rdquo;freundlichen&rdquo; Politiker. Ob von der FDP (Westerwelle) oder von der SPD (Steinmeier) schw&auml;rmten sie nicht &uuml;ber den Diktator Mubarak als Hort der Stabilit&auml;t im Nahen Osten &ndash; auch gegen den Islamismus?  Und so&nbsp;z&ouml;gern Deutschland und Europa bis heute, klar Stellung zu beziehen. Weil eben offenbar nicht Demokratie das wichtigstes Ziel ist, sondern  nach wie vor &ldquo;Stabilit&auml;t&rdquo; &ndash;&nbsp;und so haben&nbsp;sie bisher die arabischen Autokraten feste unterst&uuml;tzt, w&auml;hrend ihre&nbsp;Demokratief&ouml;rderung&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.swp-berlin.org\/fileadmin\/contents\/products\/fachpublikationen\/ass_orient_082005_ks.pdf\">nur &ldquo;zwiesp&auml;ltig&rdquo;&nbsp;war [PDF &ndash; 1.5 MB]<\/a>.<br>\n(Siehe dazu  allgemein <a href=\"http:\/\/www.swp-berlin.org\/de\/wissenschaftler-detail\/profile\/muriel-asseburg.html\">Muriel Asseburg<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.berlinonline.de\/berliner-zeitung\/politik\/328830\/328831.php\">aktuell<\/a>. Siehe j&uuml;ngst auch: &ldquo;<a href=\"http:\/\/www.taz.de\/1\/politik\/europa\/artikel\/1\/absichtserklaerung-aus-bruessel\/\">Haltung der EU zu den arabischen Revolten: Absichtserkl&auml;rungen aus Br&uuml;ssel<\/a>&ldquo;.)<\/p><p>Auch das Nachbarland Israel&nbsp;sitzt wohl in der Falle der &bdquo;doppelten Moral&ldquo;: Demokratie&nbsp;scheint immer nur solange wichtig zu sein, solange man sie als &ldquo;Propaganda&rdquo; gegen andere einsetzen kann und&nbsp;solange sie&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.fr-online.de\/politik\/meinung\/israel-muss-umdenken\/-\/1472602\/7137624\/-\/index.html\">nicht wirklich&nbsp;konkret ansteht<\/a>. Ja, es wird von einem ehemaligen israelischen Au&szlig;en- und Verteidigungsminister&nbsp;sogar offen ausgesprochen: &ldquo;<a href=\"http:\/\/www.fr-online.de\/kultur\/demokratien-sind-unsicher\/-\/1472786\/7145160\/-\/index.html\">Demokratien sind unsicher<\/a>&ldquo;.&nbsp; <\/p><p>W&auml;hrend in Europa davon ausgegangen wird, dass Tunesien stabiler ist, und somit auch <a href=\"\/?p=8091#h16\">keine allzu gro&szlig;e Gefahr von den &bdquo;Islamisten&ldquo; ausgeht<\/a> k&ouml;nnte das alles f&uuml;r &Auml;gypten schwieriger werden.  (Oder liegt dieser Angst wieder einmal nur diese westliche Paranoia gegen den Islam (Islam = Islamisten ) zugrunde?)<br>\n&nbsp;<br>\n&ldquo;Dass der Aufstand eine islamistische Wende nehmen k&ouml;nnte, glaubt er nicht&rdquo;, meint <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/1\/archiv\/print-archiv\/printressorts\/digi-artikel\/?ressort=sw&amp;dig=2011%2F02%2F02%2Fa0092&amp;cHash=1feb9e0ac4\">ein Kenner des Landes<\/a>.&nbsp;<br>\n(Zu den Muslimbr&uuml;dern u.a. siehe <a href=\"http:\/\/www.fr-online.de\/kultur\/debatte\/die-taktik-der-muslimbrueder\/-\/1473340\/7143864\/-\/index.html\">hier<\/a>)&nbsp;<br>\n&nbsp;<br>\nInteressanter und wichtiger als die Muslimbr&uuml;der erscheinen mir jedoch die jungen Leute in dieser <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/1\/archiv\/print-archiv\/printressorts\/digi-artikel\/?ressort=sw&amp;dig=2011%2F02%2F02%2Fa0084&amp;cHash=1faafeeeb0\">Protestbewegung zu sein<\/a>:&nbsp; <\/p><p>&ldquo;Eine Gruppe, die bei den j&uuml;ngsten Protesten an vorderster Front steht, ist die Jugendbewegung 6.April. Sie war es, die f&uuml;r den 25. Januar zum &ldquo;Tag des Zorns&rdquo; gegen die Regierung aufgerufen hatte. Die Gr&uuml;ndung der Gruppe, die sich &uuml;ber Facebook organisiert, geht auf das Jahr 2008 zur&uuml;ck, als sie zur Unterst&uuml;tzung eines Textilarbeiterstreiks in Mahallah al-Kubra aufrief. Anfang vergangenen Jahres hatte die Gruppe im Internet 70 000 Mitglieder. Die meisten von ihnen waren politisch vorher nicht aktiv und zeigen eine h&ouml;here Bereitschaft als andere, zu Protesten aufzurufen und etwas zu riskieren.&rdquo; Sozusagen eine echte Revolte aus dem Internet?<\/p><p>Nur, wer hat ein &ldquo;Rezept&rdquo; solch eine Jugendbewegung auch l&auml;ngerfristig politisch zum Erfolg zu f&uuml;hren? Al Baradei mit einer Unterst&uuml;tzung von Obama? Oder gar von Erdogan aus der T&uuml;rkei?&nbsp; <\/p><p>Da es wohl vielen &Auml;gyptern schwerf&auml;llt, an einem Sinneswandel der <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/westerwelle-ueber-mubarak-schw%C3%A4rmen-vom-diktator-1.1053521\">Amerikaner oder der Europ&auml;er zu vertrauen<\/a>, k&ouml;nnte vermutlich gerade die T&uuml;rkei als islamischer Staat im Mittelmeer-Raum hilfreich seine <a href=\"http:\/\/www.swp-berlin.org\/de\/produkte\/swp-aktuell\/swp-aktuell-detail\/article\/die-neue-aussenpolitik-konzeption-der-tuerkei.html\">Hand ins Spiel bringen<\/a>.<br>\n(Man beachte das T&uuml;rkei-Dossier in &ldquo;Le Monde-Diplomatique&rdquo;&nbsp; &ndash; vor allem mit dem Artikel von Wendy Kristianasen &ldquo;<a href=\"http:\/\/www.monde-diplomatique.de\/pm\/.dossier\/tuerkei\">Die T&uuml;rkei denkt sich neu<\/a>&ldquo;.)&nbsp; <\/p><p>Angesichts der Unruhen in den arabischen L&auml;ndern sieht sich offenbar jetzt die T&uuml;rkei, das einzige muslimisch gepr&auml;gte Land der Region mit einer ann&auml;hernd nach westlichen Ma&szlig;st&auml;ben funktionierenden Demokratie, mehr denn je als Modell f&uuml;r seine Nachbarn.<br>\n(FR: <a href=\"http:\/\/www.fr-online.de\/politik\/demokratie-made-by-erdogan\/-\/1472596\/7138108\/-\/index.html\">Demokratie made by Erdogan<\/a>) &nbsp;<br>\n&nbsp;<br>\nDie T&uuml;rkei h&auml;tte den eindeutigen Vorteil ein &ndash; wenn auch sicher ein im westlichen Sinne &ldquo;fortgeschrittener&rdquo; &ndash; Teil der muslimischen Welt zu sein. (Siehe <a href=\"http:\/\/www.swp-berlin.org\/de\/produkte\/swp-studien\/swp-studien-detail\/article\/staat-und-islam-in-der-tuerkei.html\">Staat und Islam in der T&uuml;rkei<\/a>)<\/p><p>Aber das ist derzeit nicht der einzige Vorteil: W&auml;hrend die EU jetzt mangels gemeinsamer Wirtschaftspolitik und einem seltsam nationalistisch-eigens&uuml;chtigen Verhalten aus Deutschland finanzpolitisch und &ouml;konomisch schrecklich vor sich hin d&uuml;mpelt und &ldquo;stagniert&rdquo;, kann die T&uuml;rkei ein fulminantes Wirtschaftswachstum hinlegen &ndash; sozusagen als <a href=\"http:\/\/www.focus.de\/finanzen\/news\/konjunktur\/tid-20353\/tuerkei-das-china-europas_aid_569153.html\">China Europas<\/a>.<br>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;<br>\nWas sollte also an der arroganten EU und diesem Deutschland f&uuml;r diese arabischen L&auml;nder und ihre revoltierenden B&uuml;rger&nbsp;noch anregend sein?<br>\nSie br&auml;uchten sich ja nur das &ldquo;Schicksal&rdquo; von Griechenland im Euro-Verbund anschauen.<br>\nEs sind doch wohl auch gerade wieder diese &ldquo;westlichen&rdquo; L&auml;nder, die das zur Seite gebrachte Geld der so korrupten Familie&nbsp;Mubarak <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/aegypten-praesident-in-bedraengnis-familie-mubarak-hat-vorgesorgt-1.1054096\">gewinnbringend verwalten<\/a>.<br>\nGanze 40 Milliarden sollen es sein, die die Mubaraks aus &Auml;gypten so zur Seite geschafft haben.<\/p><p>Jedenfalls sitzt die T&uuml;rkei&nbsp;jetzt mitten drin in dieser &ldquo;neuen Welt&rdquo; des arabischen Protestes &ndash; jenseits von Europa &ndash; dem Verschlafenen?<\/p><p>Vielleicht finden die m&ouml;glichen Akteure von den USA, &uuml;ber die T&uuml;rkei bis hin zum verschlafenen Europa doch angesichts dieser gewaltigen demokratischen Herausforderungen zu einem gemeinsamen&nbsp; Zusammenspiel? Es w&auml;re wirklich ein neues, aber &uuml;beraus spannendes Experiment! Gelingt es aber nicht diese Herausforderung anzunehmen und sich ihr zu stellen, ist die Idee der Demokratie in Nordafrika f&uuml;r Jahrzehnte desavouiert!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><strong>Das europ&auml;ische Versagen k&ouml;nnte der T&uuml;rkei eine Vorbildrolle im Nahen Osten zuweisen<\/strong><\/p>\n<p>Die zwiesp&auml;ltige historische Rolle der USA im Nahen Osten und die ausschlie&szlig;lich an &bdquo;Stabilit&auml;t&ldquo; Unterst&uuml;tzung der nordafrikanischen Despoten durch die Europ&auml;ische Union und durch Deutschland k&ouml;nnte der T&uuml;rkei eine ganz neue Rolle im Nahen Osten zuweisen. 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