{"id":82296,"date":"2022-03-25T10:00:46","date_gmt":"2022-03-25T09:00:46","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=82296"},"modified":"2022-03-25T10:06:45","modified_gmt":"2022-03-25T09:06:45","slug":"chile-gabriel-borics-amtsuebernahme-innenpolitische-warnschuesse-und-das-eventuelle-politische-szenario-lateinamerikas","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=82296","title":{"rendered":"Chile \u2013 Gabriel Borics Amts\u00fcbernahme, innenpolitische Warnsch\u00fcsse und das eventuelle politische Szenario Lateinamerikas"},"content":{"rendered":"<p>Eine\/r nach der\/dem anderen trafen sie in Santiago de Chile ein. Vom spanischen Monarchen Felipe VI., &uuml;ber die in den USA lebende chilenische Bestseller-Autorin Isabel Allende, bis hin zu Pedro Castillo, Perus progressivem, und Guillermo Lasso, Ecuadors konservativem Pr&auml;sidenten. Es waren indes nicht viele, wegen der ansteckenden Corona-Omikron-Variante waren nur 500 der sonst bis zu 1.300 offiziellen G&auml;sten zugelassen. Vom britischen Labour-Politiker Jeremy Corbyn und der spanischen Ministerin f&uuml;r Gender-Gleichstellung von der Unidas\/Podemos-Partei, Irene Montero, abgesehen, gl&auml;nzte das &uuml;brige Europa durch Abwesenheit. Wie irrelevant der Machtwechsel offenbar der US-Administration Joe Bidens erschien, zeigte die Entsendung der Niedrigprofil-Direktorin der US-Small Business Administration, Isabella Casillas Guzm&aacute;n, als Delegationsleiterin. Von <strong>Frederico F&uuml;llgraf<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nEs war Chiles erste Amtsvereidigung eines unverheirateten, der Etikette verdrossenen, krawattenlosen Heavy-Metal-Fans als Staatschef. Chiles konservative, weitgehend kulturlose und gern heuchlerische Elite reagierte emp&ouml;rt &ndash; &bdquo;obendrein ein Kommunist!&ldquo; (sic!) &ndash; die internationalen Medien hingegen feierten die &bdquo;Ruptura (den Bruch) mit der Vergangenheit&ldquo;. Auf dem linken Ufer des politischen Stroms tat sich gespannte Beobachtung auf. &bdquo;Chile war die Wiege des Neoliberalismus und wird sein Grabmal sein!&ldquo;, hatte ein feuriger Gabriel Boric beim Auftakt seiner Wahlkampagne im Juli 2021 <a href=\"https:\/\/larepublica.pe\/mundo\/2021\/11\/19\/gabriel-boric-chile-sera-la-tumba-del-neoliberalismo-elecciones\/\">seinen W&auml;hlern versprochen<\/a>. Was war von dem Versprechen k&uuml;hne Wahlpropaganda oder, gemessen an den Herausforderungen, was ist an der Beerdigung realistisch, fragen sich nicht Wenige.<\/p><p><strong>Sebasti&aacute;n Pi&ntilde;eras &bdquo;schlechteste Regierung Chiles seit der Pinochet-Diktatur&ldquo;<\/strong><\/p><p>Die &Uuml;bertragung der trikoloren Pr&auml;sidenten-Sch&auml;rpe vom 72-j&auml;hrigen Multimilliard&auml;r Sebasti&aacute;n Pi&ntilde;era auf die Schultern des halb so alten, 36-j&auml;hrigen &bdquo;Millenials&ldquo; Gabriel Boric wirkte auf Erstbeobachter wie eine Sensation. Ihr zeremonielles Gegen&uuml;berstehen im Parlamentssaal von Valpara&iacute;so rief jedoch eine Episode in Erinnerung, die sich genau zehn Jahre davor w&auml;hrend der Studenten-Massendemonstrationen von 2011 zutrug, als Pi&ntilde;era sein erstes Mandat bekleidete. &bdquo;Sie sind wohl umgekehrt angeschraubt! Bei Ihnen steht die Bildung auf dem Kopf, Sie haben Ihr Gesch&auml;ft weiter gef&ouml;rdert und das kann nicht zugelassen werden. Sie sollten wissen, dass wir weiterhin auf den Stra&szlig;en f&uuml;r kostenlose und qualitativ hochwertige &ouml;ffentliche Bildung mobilisieren werden!&ldquo;, <a href=\"https:\/\/www.eldesconcierto.cl\/nacional\/2022\/03\/11\/video-esta-atornillando-al-reves-el-dia-que-gabriel-boric-encaro-a-pinera-en-la-calle.html\">br&uuml;llte der damals erboste Studentenf&uuml;hrer Gabriel Boric <\/a> aus ein paar Metern Entfernung dem &uuml;berraschten Sebasti&aacute;n Pi&ntilde;era entgegen.<\/p><p>Nach einem vierj&auml;hrigen, progressiven Interregnum der Regierung Michelle Bachelet (2014-2018) kehrte Pi&ntilde;era allerdings an die Macht zur&uuml;ck und &ndash; mit Borics damaligen Worten &ndash; steht Chile wieder &bdquo;auf dem Kopf&ldquo;. Kritische chilenische Medien scholten Pi&ntilde;eras Abgang mit Schlagzeilen wie <a href=\"https:\/\/www.elmostrador.cl\/destacado\/2022\/02\/18\/el-peor-gobierno-de-la-historia-estudio-revela-que-aprobacion-del-segundo-periodo-del-presidente-pinera-es-mas-baja-que-la-dictadura-de-pinochet\/\">&bdquo;Die mieseste Regierung seit Ende der Diktatur&ldquo;<\/a>, bis hin zu Grabreden wie <a href=\"https:\/\/resumen.cl\/articulos\/perro-muerto\">&bdquo;Toter Hund&ldquo;<\/a>. Die letzten Umfragen vor seinem Abtritt von Ende Februar bescheinigten Pi&ntilde;eras zweiter Amtszeit gerademal <a href=\"https:\/\/es.noticias.yahoo.com\/pi%C3%B1era-termina-mandato-popularidad-pinochet-021205774.html;\">15 Prozent Zuspruch<\/a> womit der Multimilliard&auml;r schlechter abschneidet als der von ihm vormals geehrte, blutige Diktator Augusto Pinochet, der seine 17-j&auml;hrige Herrschaft mit 22 Prozent &bdquo;Popularit&auml;t&ldquo; beendete. &bdquo;Die Krawattenlosen treten herein und die Schamlosen verlassen das Haus&hellip;&ldquo;, lautete ein ironischer Tweet in Richtung Pi&ntilde;era.<\/p><p>Die Einsch&auml;tzung, dass der Pi&ntilde;era-Administration seit Ende 2019 eine zunehmende und massive Hasswelle entgegenschwappte, ist nicht &uuml;bertrieben. Zwischen Oktober 2019 und M&auml;rz 2020 wurde seine Regierung von massenhaften Sozialprotesten &uuml;berrascht und gesch&uuml;ttelt. Entgegen der Lagebeurteilung seines Geheimdienstes spann der Staatschef das Verschw&ouml;rungsgarn, die damalige Sozialrevolte sei von &bdquo;gef&auml;hrlichen internationalen Agenten gelenkt&ldquo; worden, ordnete <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=56761\">brutale Polizeieins&auml;tze<\/a> an und geht in die Geschichte als Beschuldigter massiver Menschenrechtsverletzungen ein.<\/p><p>Monate zuvor, Anfang 2019, weihte der rechtsgerichtete Pr&auml;sident mit seiner Beteiligung am <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=50518\">gescheiterten Versuch einer internationalen Invasion Venezuelas<\/a> eine katastrophale Au&szlig;enpolitik ein. Mit der daran anschlie&szlig;enden Einladung an fluchtbereite Venezolaner bescherte Pi&ntilde;era Chile eine der dramatischsten und gef&auml;hrlichsten Migranten-Krisen: Es kamen bis Ende 2021 nahezu 500.000 VenezolanerInnen, zum Teil illegal, &uuml;ber die chilenischen Nordgrenzen und fristen mehrheitlich ein nacktes &Uuml;berleben in der Misere. Bar an Ausweispapieren, arbeitslos, mittellos, der Marginalit&auml;t und Kriminalit&auml;t ausgeliefert. Weil Pi&ntilde;eras &bdquo;Einladung&ldquo; rein politisch und in keinerlei Hinsicht sozial durchdacht war. Nordchile erlebte in den vergangenen Monaten mehrfach fremdenfeindliche und gewaltt&auml;tige Aufm&auml;rsche, die Regierung rief den Ausnahmezustand aus und befehligte das Milit&auml;r an die Grenzen zu Peru und Bolivien.<\/p><p>Die &bdquo;Migrantenkrise&ldquo; ist einer der Brandherde vom &bdquo;Nachlass&ldquo; Pi&ntilde;eras. Der frisch amtseingef&uuml;hrten Regierung Gabriel Boric blieb nichts anderes &uuml;brig, als den Ausnahmezustand zu verl&auml;ngern. Die Unterbindung der illegalen Einwanderung geh&ouml;rt zur tagespolitischen Priorit&auml;t, doch Boric setzt mittelfristig auf einen omin&ouml;sen &bdquo;globalen Plan&ldquo; zur L&ouml;sung, sprich <a href=\"https:\/\/elpais.com\/internacional\/2022-03-14\/gabriel-boric-propone-un-plan-global-para-resolver-la-crisis-migratoria-venezolana.html\">&bdquo;Aufteilung&ldquo; der Migrationskrise<\/a>, die in Chile kaum mit den Ausma&szlig;en der Massenflucht von nahezu zwei Millionen VenezolanerInnen nach Kolumbien zu vergleichen ist.<\/p><p><strong>Warnsch&uuml;sse und Baumbarrikaden gegen Besuch von Innenministerin Siches<\/strong><\/p><p>Die Pi&ntilde;era-&Auml;ra hinterl&auml;sst jedoch mehrere Zeitbomben. Ein zweiter Brandherd lauert im s&uuml;dchilenischen Araukanien, von seiner indigenen Urbev&ouml;lkerung &bdquo;Wallmapu&ldquo;, &bdquo;Land der Mapuches&ldquo;, genannt. Das 31.842 km2 umfassende Stammes-Territorium wurde nach der Unabh&auml;ngigkeit Chiles zwischen 1860 und 1883 von seiner neuen Oligarchie usurpiert und an deutsche, schweizerische, franz&ouml;sische und britische Siedler verteilt. Der Mapuche-Stamm wurde auf dazwischen gequetschte &bdquo;Landinseln&ldquo; eingepfercht, sozial verlassen, kulturell diskriminiert und &ndash; von der Regierung Salvador Allende abgesehen &ndash; politisch verfolgt. Hunderttausende wanderten in die chilenischen Gro&szlig;st&auml;dte aus, es verblieben kaum 300.000 Mapuches im eigenen Territorium.<\/p><p>Mit der Pinochet-Diktatur, ihren Investitionsanreizen und Steuererlassen nisteten sich Forstunternehmen im Gebiet ein, die die &Uuml;berreste des pazifischen Feuchtwaldes kahlschlugen, mit Mega-Plantagen von Tannen- und Eukalyptus-Monokulturen die B&ouml;den austrockneten und eine der gleichzeitig <a href=\"https:\/\/capuchainformativa.org\/forestales-en-la-araucania-extractivismo-pobreza-y-represion\/\">&auml;rmsten und korruptesten Wirtschaftsenklaven<\/a> errichteten, aus der j&auml;hrlich zur Umgehung von Steuerzahlung Holz im Wert von 150 Millionen US-Dollar geschmuggelt wird.<\/p><p>Dagegen erhebt sich wachsender bewaffneter Widerstand von mindestens f&uuml;nf unterschiedlichen Mapuche-Untergrund-Organisationen, die mit Brandanschl&auml;gen und Landnahmen die indigene Autonomie mit ihrem urspr&uuml;nglichen Territorium wieder herstellen wollen. Nicht erst die Regierung Pi&ntilde;era, sondern ihre sozialistische Vorg&auml;ngerin Michelle Bachelet ordnete bereits mit der Entsendung schwerbewaffneter Polizei die Besetzung Araukaniens an, die der Lage nicht Herr wurde und seit 2020 den Einsatz der Streitkr&auml;fte und die Militarisierung des Konflikts zur Folge hatte. Die Eins&auml;tze forderten seit Anfang des neuen Millenniums mehrere Tote und Schwerverletze auf Seiten der Mapuches, weswegen sich die Wahlkampagne Gabriel Borics die friedliche L&ouml;sung des Konflikts als Priorit&auml;t des Regierungsprogramms auf die Agenda geschrieben hatte.<\/p><p>Doch mangelnde Insider-Kontakte zur Indigenen-Welt und Improvisation bescherten der gerade drei Tage im Amt befindlichen Regierung Boric ihren ersten Stolperstein. Als die zweifellos in guter Absicht handelnde Innenministerin Izkia Siches in Begleitung von vier weiteren Ministern &ndash; darunter Salvador Allendes Enkelin und Verteidigungsministerin Maya Fern&aacute;ndez &ndash; sich auf Waldwegen der Mapuche-Kommune Temucuicui n&auml;herte, wurde ihr Konvoi von einem Kugelhagel in die Luft abgegebener Warnsch&uuml;sse aufgehalten. Das anonyme Signal besagte, &bdquo;bis hierher und keinen Schritt weiter!&ldquo;.<\/p><p>Hinter der Warnung stand <em>Lonko<\/em> (Stammesf&uuml;hrer) V&iacute;ctor Queipul, der den Medien erkl&auml;rte, Borics Regierung m&ouml;ge kommen, &bdquo;aber nur unter der Bedingung, dass die Landr&uuml;ckgabe besprochen und seine Autorit&auml;t respektiert werde&ldquo;. Queipuls Rivale, allerdings strategischer Verb&uuml;ndeter und wegen mutma&szlig;lichen &Uuml;bergriffen verurteilter, jedoch nach mehreren Jahren Haft freigesprochener F&uuml;hrer der bewaffneten Organisation &bdquo;Coordinadora Arauco-Malleco&ldquo; (CAM), H&eacute;ctor Llaitul, ging ebenfalls mit der Boric-Regierung in den Medien scharf ins Gericht: <a href=\"https:\/\/www.biobiochile.cl\/noticias\/nacional\/chile\/2022\/03\/15\/me-da-lo-mismo-hector-llaitul-critica-al-presidente-boric-y-afirma-que-no-habran-cambios.shtml\">&bdquo;Ist Neues vom Alten und mir egal. Es wird sich nichts &auml;ndern.&ldquo;<\/a>. Die in Santiago von renommierten Journalisten herausgegebene Medienplattform <em>Interferencia<\/em> nannte den ersten Zwischenfall der neuen linken Regierung einen <a href=\"https:\/\/interferencia.cl\/articulos\/golpe-de-realidad-improvisacion-hace-fracasar-ministra-siches-en-su-primer-acercamiento\">bewusstseinsf&ouml;rdernden &bdquo;Realit&auml;ts-Schock&ldquo;<\/a>.<\/p><p>Doch damit genug: Eng mit dem Araukanien\/Wallmapu-Konflikt verbunden, ist die neue Regierung mit der massiven Korruption innerhalb der Bereitschaftspolizei Carabineros konfrontiert, die in der j&uuml;ngsten Vergangenheit der Mitt&auml;terschaft am Holzschmuggel verd&auml;chtigt wird. Boric selbst hatte die Parole von der &bdquo;Neugr&uuml;ndung&ldquo; der Polizei ausgegeben, doch ist wohl eher mit einer vorsichtigen Reform zu rechnen. Durchgehende Korruption auch im Heer, wovon mindestens zwei Gener&auml;le in Haft sitzen und dessen j&uuml;ngster, vielfach beschuldigter Kommandant, General Ricardo Mart&iacute;nez, wenige Tage vor Borics Amts&uuml;bernahme <a href=\"https:\/\/cnnespanol.cnn.com\/2022\/03\/02\/renuncia-comandante-jefe-ejercito-chile-investigacion-fraude-orix\/\">sein Amt niederlegte<\/a>.<\/p><p><strong>Eine neue blockfreie Allianz f&uuml;r Lateinamerika?<\/strong><\/p><p>Gabriel Borics Amtseinf&uuml;hrung fungierte allerdings auch als B&uuml;hne au&szlig;enpolitischer Signale. Wie bereits Ende 2019 am Vorabend der Amtseinf&uuml;hrung Alberto Fern&aacute;ndez&rsquo; in Argentinien geschehen, boykottierte der faschistoide Ex-Fallschirmj&auml;ger und brasilianische Pr&auml;sident Jair Bolsonaro auch die Weihe Gabriel Borics. &bdquo;Ich bin keiner, der Probleme mit den internationalen Beziehungen schafft. Brasilien kommt mit der ganzen Welt sehr gut zurecht&ldquo;, erkl&auml;rte der in seiner eigenen Heimat als krankhafter L&uuml;gner geltende Regierungschef. Dabei widersprach er sich im n&auml;chsten Satz jedoch selbst, als er <a href=\"https:\/\/www.poder360.com.br\/governo\/bolsonaro-diz-que-nao-vai-a-posse-de-boric-no-chile\/\">ein Zusammentreffen mit progressiven Politikern ablehnte<\/a>: &bdquo;Sehen Sie doch hin, wer dem neuen Pr&auml;sidenten von Chile gratulieren wird!&ldquo;. Mit anderen Worten: Weil &bdquo;seine&ldquo; Kandidaten &ndash; der ultrakonservative und korrupte Mauricio Macri in Argentinien und der Pinochet-Anh&auml;nger Jos&eacute; Antonio Kast in Chile &ndash; die Wahlen gegen Fern&aacute;ndez respektive gegen Boric verloren, &bdquo;r&auml;chte&ldquo; sich der brasilianische Regierungschef mit der groben Verletzung des elementaren diplomatischen Anstands und entsandte seinen Vize, General Hamilton Mour&atilde;o.<\/p><p>Bolsonaros Ber&uuml;hrungspanik gegen&uuml;ber linken Politikern hat mit der politischen Wende in Lateinamerika zu tun, die 2018 mit dem Wahlsieg Andr&eacute;s L&oacute;pez Obradors in Mexiko begann, sich 2019 in Argentinien, 2020 in Bolivien sowie Ende 2021 in Honduras fortsetzte und nun in der Amts&uuml;bernahme Gabriel Borics in Chile gipfelt. Mit der an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit eines Wahlsieges des progressiven Oppositionsf&uuml;hrers Gustavo Petro bei den Pr&auml;sidentschaftswahlen in Kolumbien im kommenden Mai sieht sich Bolsonaro in den letzten sieben Monaten seiner Amtszeit einer kompletten politischen Isolierung in Lateinamerika gegen&uuml;ber.<\/p><p>Boric hatte jedoch auch den f&uuml;r die im kommenden November 2022 stattfindende Pr&auml;sidentschaftswahl in Brasilien wieder antretenden Altpr&auml;sidenten Luis In&aacute;cio Lula da Silva eingeladen. Der sagte &uuml;berraschenderweise ebenfalls ab, schickte jedoch dem antretenden chilenischen Kollegen <a href=\"https:\/\/oglobo.globo.com\/mundo\/apos-ser-convidado-lula-responde-em-carta-que-nao-ira-posse-de-novo-presidente-do-chile-gabriel-boric-25407110\">einen h&ouml;flichen Brief mit der Begr&uuml;ndung<\/a>, er wolle nicht als Ursache &bdquo;diplomatischer Blamagen&ldquo; auftreten. Daf&uuml;r landete die 2016 durch einen parlamentarischen Coup abgesetzte Ex-Pr&auml;sidentin Dilma Rousseff in Santiago und nahm Boric m&uuml;tterlich in die Arme.<\/p><p>Br&uuml;derlichkeit signalisierende, robuste Umarmungen wurden Boric von Seiten der progressiven Pr&auml;sidenten Argentiniens und Boliviens, Alberto Fern&aacute;ndez sowie Luis Arce, zuteil, denen sich als Dritter im Bunde Gustavo Petro als Kolumbiens potenzieller n&auml;chster Regierungschef zugesellte. Auff&auml;llig war Borics ausdr&uuml;ckliche Bitte, Fern&aacute;ndez solle die Tischrede zum Mittagessen im Anschluss an seinen Verfassungsschwur halten. Ihrer progressiven Botschaft f&uuml;r Lateinamerika schloss sich Arces Omen bei seiner Landung in Santiago an: &bdquo;St&auml;rker denn je wehen heute die Winde des S&uuml;dens&ldquo;. Gewinnt Lula nach Petros Sieg ebenso die Pr&auml;sidentschaftswahlen in Brasilien, k&ouml;nnten allen Anzeichen nach Lula, Fern&aacute;ndez, Arce und Petro &ndash; mit dem jungen Boric an Bord und der punktuellen Unterst&uuml;tzung von Mexikos Pr&auml;sidenten L&oacute;pez Obrador &ndash; eine Neudeutung des k&uuml;nftigen Kurses der lateinamerikanischen Au&szlig;enpolitik mit Integration und Blockfreiheit einleiten.<\/p><p>Im globalen Kontext wird diese Blockfreiheit maximale Souver&auml;nit&auml;t gegen&uuml;ber den USA, jedoch auch Distanz gegen&uuml;ber dem Russland Wladimir Putins bedeuten. Boric sorgte f&uuml;r Aufsehen, als er Putins Krieg gegen die Ukraine scharf verurteilte. Nach mehrst&uuml;ndiger Begegnung mit Pr&auml;sident L&oacute;pez Obrador und w&auml;hrend seiner Ansprache im Parlament Mexikos von Anfang M&auml;rz grenzte sich Lula da Silva allerdings auch mit einem energischen &bdquo;Es reicht, basta mit Kriegen!&ldquo; von Putin ab. Und Gustavo Petro gab zu bedenken: &bdquo;Lateinamerika kann nicht in ein Kolumbien der NATO und ein Venezuela von Putin geteilt werden&ldquo;. Im engeren, lateinamerikanischen Kontext kann die Blockfreiheit jedoch trotz gemeinsamer Bek&auml;mpfung der USA-Kuba-Blockade und Venezuela-Sanktionen auch selektive Distanz zu den ehemaligen &bdquo;bolivarischen&ldquo; Verb&uuml;ndeten Kuba, Venezuela und Nicaragua bedeuten. Lula, das sollte man wissen, musste oft Hugo Ch&aacute;vez von &uuml;berst&uuml;rzten und lautstarken Inszenierungen abhalten, Pr&auml;sidentin Dilma Rousseff beschwerte sich wiederholt &uuml;ber Nicol&aacute;s Maduros dilettantische Auftritte.<\/p><p>Die Pr&auml;sidenten der drei letztgenannten L&auml;nder &ndash; Miguel D&iacute;az Canel, Nicol&aacute;s Maduro und Daniel Ortega &ndash; blieben jedenfalls auch der Amtsweihe Borics fern; ob nicht eingeladen oder abgesagt, blieb unklar. Dass Boric den renommierten Romanautor und ehemaligen Sandino-Guerillero Sergio Ram&iacute;rez sowie die Schriftstellerin Gioconda Belli, beide aus Nicaragua, als seine pers&ouml;nlichen G&auml;ste ins Rampenlicht stellte, hatte politische Signalwirkung: Sie geh&ouml;ren zur von Ortega drangsalierten Opposition und bedeuteten eine Absage an autorit&auml;re Staatschefs der Linken. Dem vorausgegangen war im Februar ein Schlagabtausch zwischen Perus Pr&auml;sident Pedro Castillo und Gabriel Boric auf der einen und Nicol&aacute;s Maduro auf der anderen Seite. Als Boric der britischen BBC erkl&auml;rte, &bdquo;Venezuela ist ein eher gescheitertes Experiment&ldquo;, schoss Maduro zur&uuml;ck. Castillo und Boric seien Vertreter einer &bdquo;feigen, bankrotten und anti-bolivarischen Linken&ldquo;.<\/p><p>Titelbild: abriendomundo\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine\/r nach der\/dem anderen trafen sie in Santiago de Chile ein. Vom spanischen Monarchen Felipe VI., &uuml;ber die in den USA lebende chilenische Bestseller-Autorin Isabel Allende, bis hin zu Pedro Castillo, Perus progressivem, und Guillermo Lasso, Ecuadors konservativem Pr&auml;sidenten. Es waren indes nicht viele, wegen der ansteckenden Corona-Omikron-Variante waren nur 500 der sonst bis zu<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=82296\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":82297,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,20,190],"tags":[2454,3177,669,1055,2196,2145,452,3175,2244,1333,2717],"class_list":["post-82296","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-landerberichte","category-wahlen","tag-bolsonaro-jair","tag-boric-gabriel","tag-chile","tag-fluechtlinge","tag-indigene-voelker","tag-lateinamerika","tag-linksrutsch","tag-neutrale-laender","tag-pinera-sebastian","tag-venezuela","tag-wirtschaftskriminalitaet"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/shutterstock_1558632461-1.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/82296","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=82296"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/82296\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":82298,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/82296\/revisions\/82298"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/82297"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=82296"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=82296"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=82296"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}