{"id":82448,"date":"2022-03-30T09:30:30","date_gmt":"2022-03-30T07:30:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=82448"},"modified":"2022-03-30T16:04:13","modified_gmt":"2022-03-30T14:04:13","slug":"tv-serie-mit-selenskyj-ein-praesident-als-kunstfigur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=82448","title":{"rendered":"TV-Serie mit Selenskyj: Ein Pr\u00e4sident als Kunstfigur"},"content":{"rendered":"<p>Seinen politischen Durchbruch verdankte der ukrainische Pr&auml;sident Wolodymyr Selenskyj der Hauptrolle in einer Fernsehserie. &bdquo;Diener des Volkes&ldquo;, ab 2015 ausgestrahlt, gab auch der 2018 gegr&uuml;ndeten Partei ihren Namen, die jetzt in der Ukraine die Alleinherrschaft hat. Die erste Staffel (23 Episoden) ist in den Mediatheken von ARTE, ARD und ZDF verf&uuml;gbar. Selenskyj als Schauspieler und als Pr&auml;sident: Dem treuherzigen Geschichtslehrer Wassyl Holoborodko verdankt er sein Image. Soft-Power vom Feinsten. Von <strong>Irmtraud Gutschke<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_2887\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-82448-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220330-TV-Serie-mit-Selenskyj-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220330-TV-Serie-mit-Selenskyj-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220330-TV-Serie-mit-Selenskyj-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220330-TV-Serie-mit-Selenskyj-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=82448-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220330-TV-Serie-mit-Selenskyj-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"220330-TV-Serie-mit-Selenskyj-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Das Zuschauerecho war so gro&szlig;, dass ARTE die erste Staffel der <a href=\"https:\/\/www.ardmediathek.de\/sendung\/diener-des-volkes-die-erfolgsserie-die-selenskyj-zum-praesidenten-machte\/staffel-1\/Y3JpZDovL2FydGUudHYvY29sbGVjdGlvbnMvUkMtMDIxODA0\/1\">TV-Serie &bdquo;Diener des Volkes&ldquo;<\/a> nicht, wie angek&uuml;ndigt, am 31. M&auml;rz aus der Mediathek nimmt, sondern sie am 8. April ab 21.45 Uhr sogar im Abendprogramm zeigen will. Die Staffeln 2 und 3 wurden nun auch angekauft und sollen ab Mai in Originalversion mit deutschen Untertiteln verf&uuml;gbar sein. Den Hauptdarsteller und Produzenten Wolodymyr Selenskyj wird&rsquo;s freuen, zumal ihm auch das Studio &bdquo;Kvartal 95&ldquo; geh&ouml;rt. <\/p><p>&bdquo;Diener des Volkes&ldquo;, zwischen 2015 und 2018 nach einer Idee von Wolodymyr Selenskyj gedreht, hat den Ausgang der Pr&auml;sidentschaftswahl in der Ukraine 2019 ma&szlig;geblich bestimmt. Am 21. April 2019 wurde Selenskyj mit einer Mehrheit von 73 Prozent in einer Stichwahl gegen Petro Poroschenko zum Pr&auml;sidenten. Bei der Parlamentswahl am 21. Juli 2019 gewann seine Partei &bdquo;Diener des Volkes&ldquo; die absolute Mehrheit. Dabei gab es sie erst seit dem 31. M&auml;rz 2018. Erster Vorsitzender wurde Iwan Bakanow, Rechtsanwalt des von Selenskyj gegr&uuml;ndeten Filmstudios &bdquo;Studio Kvartal 95&ldquo;. Als dieser 2019 zum Leiter des Geheimdienstes avancierte, wurde Dmytro Rasumkow, auch ein Selenskyj-Vertrauter, sein Nachfolger. Erstmals in der Geschichte der unabh&auml;ngigen Ukraine kam es zu einer Alleinregierung. Der Pr&auml;sident hat alle Macht in der Hand &ndash; zumindest jenen Teil der Macht, den die USA einem ukrainischen Pr&auml;sidenten zugestehen.<\/p><p>Es m&uuml;ssen verschmitzte Leute gewesen sein, die es wagten, diese Polit-Comedy-Serie ins deutsche Fernsehen zu bringen. Das war im November 2021. Vor dem Hintergrund des Krieges f&uuml;hlt es sich freilich seltsam an, wenn die turbulente, meist in Kiew spielende Handlung mit ihren Sitcom-, Comedy- und Slapstick-Elementen einen zum Lachen bringt. Als ob man sich selbst bei etwas Unerlaubtem erwischen w&uuml;rde. <\/p><p>23 Folgen hat die erste Staffel. Jede beginnt mit einem Lied, dessen Melodie man im Ohr beh&auml;lt: &bdquo;Ich liebe mein Land, liebe meine Frau, liebe meinen Hund. Ich bin Mitglied von allem M&ouml;glichen auf der Welt. Fast ein Superman. Ich fange selten einen Streit an. Fast der ganze Hinterhof kennt mein Urteil &sbquo;Diener des Volkes&lsquo;. Ich habe fast alles. W&uuml;rde und Ehre, sogar Bravo-Rufe. Ein Privatflugzeug hat mir das Volk zugeteilt. Was denn? Ich habe ein Recht darauf. Auf dem  Bauch (genau hier) lasse ich mir ein Tatoo machen &sbquo;Diener des Volkes.&lsquo;&ldquo; <\/p><p>Da radelt ein frischgebackener Pr&auml;sident durch den Fr&uuml;hling und zeigt sich als ehrliche Haut. Als Geschichtslehrer hatte Wassyl Holoborodko kein Blatt vor den Mund genommen, was die Zust&auml;nde im Land betraf. Sch&uuml;ler haben ihn dabei heimlich gefilmt und die Videos bei YouTube hochgeladen. Wie per Crowdfunding das Geld f&uuml;r seine Wahlkampagne zusammenkam, erstaunt ihn selbst, und dass er Pr&auml;sident wird, kann er erstmal nicht fassen.<\/p><p>K&ouml;stlich zu sehen, wie er alles umkrempeln will, so, wie man es sich auch selber vorstellen w&uuml;rde. Der b&uuml;rokratische Apparat wird verkleinert, Dienstkarossen werden abgeschafft. Das Parlament, die Rada, passt nun in einen viel kleineren Raum. Und es gibt keine Schl&auml;gereien mehr unter den Abgeordneten. Geschieden ist er, hat einen kleinen Sohn. Und auch als Pr&auml;sident lebt er in einer viel zu kleinen Wohnung mit seinen Eltern, seiner Schwester und seiner Nichte.<\/p><p><strong>Oligarchie, Korruption, Vetternwirtschaft<\/strong><\/p><p>Was uns satirisch &uuml;berspitzt erscheint, wird auf ukrainische Zuschauer einen anderen Eindruck gemacht haben: Endlich sagt jemand, wie es ist. Oligarchie: Immer mal wieder eingeblendet werden drei M&auml;nner, die Kraft ihres Verm&ouml;gens die Politik an der Leine f&uuml;hren, Whisky trinkend, Kaviar essend oder im Massagesalon. Vetternwirtschaft: Holoborodko bildet ein Kabinett aus pers&ouml;nlichen Freunden, auch seine Ex-Frau geh&ouml;rt dazu, weil er den bisherigen Ministern nicht traut. Korruption: Raub an &ouml;ffentlichen und privaten Mitteln. Daran kann auch die pr&auml;sidiale Befehlsstruktur nichts &auml;ndern. Der Anordnung Holoborodkos zum Bau einer Stra&szlig;e folgt eine Kette von Telefonaten, wobei sich die zur Verf&uuml;gung gestellten Finanzen verringern. Jeder hat sich was abgezweigt.<\/p><p>Was manch einem, gerade jetzt, als denunziatorisch scheinen k&ouml;nnte, ist die Beschreibung von Zust&auml;nden, wie sie nach dem Zerfall der UdSSR nicht nur f&uuml;r die Ukraine charakteristisch wurden. Schon mit dem Perestroika-Schwenk Richtung vorsichtige Liberalisierung im Wirtschaftsbereich, weil das  Kommandosystem uneffizient geworden war, hatte Gorbatschow bei den Eliten Begehrlichkeiten geweckt. Mit dem Zerfall der Sowjetunion begann dann ein Wettrennen um das einstige &bdquo;Volkseigentum&ldquo;. Warum die Betriebe, die man verwaltete, nicht einfach besitzen? Warum nicht Anteile verkaufen, ob zum Zweck parasit&auml;rer Konsumtion oder neuer Investition? Die Entstehung des Kapitalismus setzt urspr&uuml;ngliche Akkumulation voraus. Wie Marx diese in &bdquo;Das Kapital&ldquo; beschrieb, geht es &ndash; ob im 15. Jahrhundert oder heute &ndash; dabei nicht eben fein zu. <\/p><p>Aus der b&uuml;rokratischen Elite bildete sich eine neue Klasse von Eigent&uuml;mern, die sich das gesellschaftliche Verm&ouml;gen unter den Nagel rissen. So offensichtlich, wie das geschah, wurde Bereicherung zum allgemeinen Gebot. Nimm dir, was du kriegen kannst. Wie eine Furie geht Holoborodkos Schwester den Bruder an. Sie will leben &bdquo;wie ein Mensch&ldquo; und verlangt eine gutbezahlte Stelle. Der Verteidigungsminister wird von seiner Frau verlassen. Die weint und schreit, weil er das ihm gezahlte Bestechungsgeld der Staatskasse gegeben hat. Was h&auml;tten sie sich alles daf&uuml;r kaufen k&ouml;nnen!<\/p><p><strong>Populismus gegen &bdquo;die da oben&ldquo;<\/strong><\/p><p>So am&uuml;sant kann ein populistisches Machwerk sein: Das berechtigte Ressentiment gegen &bdquo;die da oben&ldquo; wird aufgenommen und aufgel&ouml;st, weil Holoborodko ja wie Herkules im Augiasstall gegen den ganzen Filz k&auml;mpft. Wie es sein m&uuml;sste im Land &ndash; wie in einer Familie eben oder unter Freunden &ndash; diese naive Vorstellung soll sich verwirklichen. &bdquo;Im Namen der Geschichte wird ein allein auf individueller Verantwortung und pers&ouml;nlicher Verbindlichkeit beruhender Gerechtigkeitsbegriff propagiert, wobei soziale Probleme, Fragen der &Ouml;konomie, der Rechtsstaatlichkeit oder gar des Krieges nicht vorkommen. Und wenn doch, werden sie lediglich als Effekte von korrupten Intrigen und oligarchischen Schattenregimen dargestellt&ldquo;, schreibt Matthias Schwarz im Blog des Leibniz-Zentrums f&uuml;r Literatur- und Kulturforschung Berlin &uuml;ber die Selenskyj-Serie. &bdquo;Alle Komplexit&auml;t einer globalisierten Welt wird auf die simple Logik einer von einzelnen Drahtziehern und Gl&uuml;cksrittern beherrschten Wirklichkeit reduziert.&ldquo; Und ich &uuml;berlege, wie verbreitet auch hierzulande der Traum von einem &bdquo;guten F&uuml;hrer&ldquo; ist.<\/p><p><strong>Aggressive Wertepolitik<\/strong><\/p><p>Dem einstigen Geschichtslehrer  kommen immer mal wieder historische Gestalten vor Augen: Plutarch, Machiavelli, Ludwig XVI., Lincoln, Al Capone, Che Guevara, die ihn zu h&auml;rterem Durchgreifen anstacheln. Iwan der Schreckliche r&auml;t zu &ouml;ffentlichen Hinrichtungen, um die Korruption zu bek&auml;mpfen. &bdquo;Wir sind doch slawische Br&uuml;der.&ldquo; Holoborodko wehrt sich gegen die Umarmung: &bdquo;Wir gehen einen anderen Weg &ndash; nach Europa.&ldquo;<\/p><p>Dabei f&uuml;hrt die Filmserie vor Augen, wie weit die Zust&auml;nde im Land vom europ&auml;ischen Wertekanon entfernt sind. Von Demokratie kann nicht die Rede sein. Und was ein patriarchalisches Weltbild bedeutet, hier kann man es sehen. Junge, sch&ouml;ne Frauen sind f&uuml;r alte erfolgreiche M&auml;nner nur Garnitur. Ohne die kluge Oksana w&auml;re der Au&szlig;enminister ein Nichts, aber er schaut auf sie herab. Zwei attraktive Vertreterinnen des Internationalen W&auml;hrungsfonds und der Europ&auml;ischen Bank f&uuml;r Wiederaufbau werden besoffen gemacht. Wieder n&uuml;chtern, fordern sie dennoch die R&uuml;ckzahlung von Krediten, die an politische und &ouml;konomische Auflagen gebunden waren. <\/p><p>So wie die USA bereits vorher in Lateinamerika wirtschaftlich und milit&auml;risch ihre Interessen durchgesetzt haben, setzten sie es in Osteuropa fort. In aller Offenheit ist seit 1990 vom &bdquo;Washington Consens&ldquo; die Rede, einem B&uuml;ndel von Ma&szlig;nahmen, um die Vormacht der USA nach dem Zusammenbruch der UdSSR zu sichern und auszubauen. &bdquo;Die Position, der Westen habe die Transformationsprozesse im post-sowjetischen Raum von au&szlig;en zu steuern&ldquo;, war mit einer &bdquo;Strategie der Gleichzeitigkeit der Transformation aller politischen, &ouml;konomischen und gesellschaftlichen Systeme&ldquo;, mit einem &bdquo;Frontalangriff&ldquo; auf alles Bisherige verbunden, erkl&auml;rt Arne C. Seifert in seinem Band &bdquo;Friedliche Koexistenz in unserer Zeit&ldquo;. Gerade heute kann man sehen, wie der westliche &bdquo;Wertekanon&ldquo; zur politischen Waffe wird im vermeintlichen Kampf zwischen Gut und B&ouml;se. Manipulationstechnik  zur Kriegseinstimmung. Es schaudert einen.<\/p><p>Die Ukraine als Br&uuml;ckenkopf gegen Russland: Da spielt es keine Rolle mehr, dass die westliche Wertepolitik dort an Grenzen st&ouml;&szlig;t. Was man indes jedem Land zugestehen muss. Aber vor dem acht Jahre w&auml;hrenden Krieg gegen die sogenannten &bdquo;Separatistengebiete&ldquo; hat man hierzulande ebenso die Augen verschlossen wie vor dem Erstarken nationalistischer, ja nazistischer Bewegungen. Im Gegenteil, sie wurden gef&ouml;rdert, wie einst die islamistischen Kr&auml;fte in Afghanistan, als es gegen die Sowjetunion ging. <\/p><p>Dass viele Menschen in der Ukraine eine Entwicklung Richtung Westen bef&uuml;rworteten, meinte vornehmlich den Lebensstandard. Dass die dem Osten verordnete &bdquo;Schocktherapie&ldquo; als &bdquo;Stabilisierungs-, Liberalisierungs- und Privatisierungsprogramm nat&uuml;rlich kein Wachstumsprogramm&ldquo; war, wie der Nobelpreistr&auml;ger f&uuml;r Wirtschaft Joseph Stiglitz feststellt, war indes bald zu sp&uuml;ren. Mehr noch, jene Eliten und Kapitalismen wurden dadurch erst befeuert, gegen die westliche Wertepolitik nun angeblich zu Felde zieht. <\/p><p><strong>Soft-Power vom Feinsten<\/strong><\/p><p>&bdquo;Diener des Volkes&ldquo;? Wer ist denn das Volk? Im Film ist es eine aufgebrachte, manipulierte Masse. &bdquo;Sei es beim Euromaidan oder vorm Regierungssitz, jede gr&ouml;&szlig;ere Menschenansammlung ist bestellt und bezahlt&ldquo;, bringt es Matthias Schwarz auf den Punkt. &bdquo;Handelt es sich um einzelne Stra&szlig;enbauarbeiterinnen, Taxifahrer oder Verk&auml;uferinnen, dann schimpfen sie &auml;hnlich wie noch der Lehrer Holoborodko auf die da oben, solange sie keine Chance haben, selber von der Korruption zu profitieren.&ldquo; Als der Pr&auml;sident sich einer zornigen Menge stellt, die ihn wegen Preissteigerungen f&uuml;r Alkohol bedr&auml;ngt, ruft er: &bdquo;Putin ist gest&uuml;rzt&ldquo;, und alle sind still. Auf geradezu selbstverst&auml;ndliche Weise sind der Serie Nationalismus und Russophobie eingeschrieben &ndash; in winzigen, umso wirksameren Dosen. Soft-Power vom Feinsten. <\/p><p>Der Aufstieg Selenskyjs ist erstaunlich! Man wei&szlig; zwar, dass hinter Selenskyj der m&auml;chtige Oligarch Igor Kolomojski stand, mit dem er sich inzwischen  entzweit haben soll. Aber war es Kolomojski allein? &bdquo;Hier zeichnet sich nicht nur ein neues Verh&auml;ltnis von digitaler Wirklichkeit und politischer &Ouml;ffentlichkeit ab, sondern auch eine neue Form des Populismus, die nicht auf nationalistische Diskurse und reaktion&auml;re Denkmuster baut, sondern antistaatliche und neoliberale Affekte miteinander verbindet&ldquo;, urteilt Matthias Schwarz. <\/p><p>Selenskyj, aus dem russischsprachigen S&uuml;den des Landes stammend, &uuml;bernahm Poroschenkos aggressive antirussische Rhetorik erst einmal nicht. Doch setzte er die Ukrainisierung des Staatsapparats und des Bildungssystems fort. Zun&auml;chst hatte er noch Friedensverhandlungen mit den abtr&uuml;nnigen &bdquo;Volksrepubliken&ldquo; und Russland als Ziel genannt. Doch schlie&szlig;lich lie&szlig; er sich im Tarnanzug mit kugelsicherer Weste in den Stellungen der ukrainischen Armee filmen. <\/p><p><strong>Acht Jahre Krieg mit 13 000 Toten<\/strong><\/p><p>Konnte er nicht anders? Ist er am Widerstand derjenigen gescheitert, die hinter jedem Kompromiss Landesverrat gewittert h&auml;tten? L&auml;sst die Schutzmacht USA ukrainischen Pr&auml;sidenten (egal, welcher Couleur) &uuml;berhaupt irgendwelchen eigenen Handlungsspielraum? Der Konflikt im Donbass hat in acht Jahren schon mehr als 13 000 Tote gefordert. Dass die Ukraine einen Krieg gegen die eigene Bev&ouml;lkerung f&uuml;hrte, ist vom Westen kaum zur Kenntnis genommen worden, als h&auml;tte Russland aus heiterem Himmel eingegriffen. Aber zur Anerkennung der vornehmlich von Russen bewohnten Republiken von Donezk und Lugansk w&auml;re es nicht gekommen, wenn ihnen innerhalb der Ukraine ein Sonderstatus gew&auml;hrt worden w&auml;re. Die heutige Eskalation h&auml;tte vermieden werden k&ouml;nnen. Aber sollte sie das? Hat der Lehrer Holoborodko im Film dem jetzigen Pr&auml;sidenten nicht jenes Image gegeben, das ihn f&uuml;r die derzeitige Lage geradezu pr&auml;destiniert? &bdquo;Die Bilder haben ein Eigenleben&ldquo;, wie einer der Oligarchen im Film sagt.<\/p><p>Holoborodko\/Selenskyj: Sie wirken ja so durchweg anst&auml;ndig auf uns, dass wir uns kaum vorstellen k&ouml;nnen, dass der reale Pr&auml;sident zu den 38 ukrainischen Politikern geh&ouml;rt, die Geld auf Offshore-Konten versteckt haben. Die sogenannten &bdquo;Pandora-Papers&ldquo; enth&uuml;llten im Herbst 2021 seine Beteiligung an einem ganzen Netzwerk internationaler Firmen. Niemand emp&ouml;rt sich dar&uuml;ber, dass er in einer Videobotschaft am 20. M&auml;rz <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=82314\">das Verbot von elf Oppositionsparteien<\/a> verk&uuml;ndet hat. Der Sicherheitsrat der Ukraine ordnete zudem an, alle Fernsehsender, die Informationsprogramme verbreiten, zu einem einheitlichen Programm zusammenzuschalten. Wie in der Serie &bdquo;Diener des Volkes&ldquo; Journalisten die herrschende Politik hinterfragen, wurde einem eine Ukraine vorgegaukelt, die es so nicht gab. Denn alle gro&szlig;en Fernsehanstalten geh&ouml;ren irgendwelchen Oligarchen.<\/p><p><strong>Ein Land auf &bdquo;zwei tektonischen Platten&ldquo;<\/strong><\/p><p>Der TV-Pr&auml;sident Holoborodko hat recht, wenn er sagt: Die Ukraine ist ein erniedrigtes Land, erpressbar gemacht durch fremde Zuwendungen und Kredite, von denen man nicht wei&szlig;, wieviel davon auf privaten Konten verschwindet oder in Waffengesch&auml;fte geht. Ein Land auf &bdquo;zwei tektonischen Platten&ldquo;, wie es Holobordko einmal sagt. Denn es ist nicht nur ein Konflikt zwischen Russland und der Ukraine, der uns jetzt in Atem h&auml;lt. Es ist ein Stellvertreterkrieg zweier Gro&szlig;m&auml;chte, von denen eine die Hegemonie in der Welt beansprucht, was ihr die andere nun streitig macht. Die USA sind in geografischer Sicherheit. Europa wird mittels antirussischer Sanktionen in eine gef&auml;hrliche Abh&auml;ngigkeit, ja Konfrontation gelockt. Als ob Russland gezwungen werden k&ouml;nnte, den einmal begonnenen Krieg abzubrechen.<\/p><p><strong>Hoffnung auf Selenskyj?<\/strong><\/p><p>&bdquo;Volodymyr Selenskyj, der ukrainische Schauspieler, der Pr&auml;sident geworden ist, scheint nun die einzige Person zu sein, die Frieden mit Russland schlie&szlig;en und den Krieg beenden k&ouml;nnte&ldquo;, meint der Diplomat Michael von der Schulenburg. Oder spitzt Selenskyj im Gegenteil die Lage zu? Wer w&auml;re denn besser geeignet als er, mit entschlossen-traurigem Blick, Europa und die USA zu bitten, sein Land in diesem Kampf zu unterst&uuml;tzen? Ein David, der im kurz&auml;rmligen T-Shirt einem Goliath die Stirn bieten will: Indem er unentwegt Angriffswaffen fordert und eine Flugverbotszone, macht er Stimmung f&uuml;r einen europ&auml;ischen Vernichtungskrieg. Hatte er nicht schon vor dem 24. Februar laut dar&uuml;ber nachgedacht, dass die Ukraine  Atomwaffen braucht? Dass sie diese selber herstellen k&ouml;nnte, ist wohl einer der Kriegsausl&ouml;ser gewesen.<\/p><p>Demonstrativ blieb er im Lande. Sein Rating d&uuml;rfte steigen. Dass der russische Kriegseinsatz die &bdquo;Derussifizierung&ldquo; vorangetrieben habe, meint er jetzt. Ein nachvollziehbares Argument. In Moskau mochte man sich eine Ukraine vorgestellt haben, die zwischen Russland und Westeuropa ein Bindeglied sein k&ouml;nnte. Stattdessen baut die Nato nun ihre Ost-Flanke aus, Russland wird moralisch und wirtschaftlich ins Abseits gedr&auml;ngt. Allerdings haben nur westliche L&auml;nder und ihre &uuml;blichen asiatischen Verb&uuml;ndeten wie Japan, Australien und Singapur harte Sanktionen gegen Russland verh&auml;ngt, wie Michael von der Schulenburg betont. &bdquo;Praktisch kein asiatisches, nah&ouml;stliches, afrikanisches oder lateinamerikanisches Land hat sich ihnen angeschlossen, unabh&auml;ngig davon, ob sie die Resolution der UN-Generalversammlung unterst&uuml;tzt haben oder nicht. Nicht einmal das NATO-Mitglied T&uuml;rkei oder der enge Verb&uuml;ndete des Westens, Israel, haben Sanktionen beschlossen. Die verfeindeten Parteien des Westens und Russlands repr&auml;sentieren zusammen nur etwa 10 % der Weltbev&ouml;lkerung, und ihr Anteil nimmt rapide ab. Es scheint, dass die anderen 90 % der Weltbev&ouml;lkerung sich nicht an diesem Krieg beteiligen wollen.&ldquo;<\/p><p>Dass Sanktionen nicht in europ&auml;ischem, geschweige denn in deutschem Interesse sind, die Spatzen pfeifen es von den D&auml;chern. Wird die hierzulande vorherrschende Kriegspropaganda auf Dauer den Missmut in der Bev&ouml;lkerung &uuml;bert&uuml;nchen? Je l&auml;nger der Krieg dauert, umso gr&ouml;&szlig;er wird die Furcht vor weiterer Eskalation. Irgendwann wird es einen Friedensvertrag geben m&uuml;ssen. Im Interesse der USA ist es, dies zu verz&ouml;gern, im Interesse der Ukraine nicht. Dass Putin lieber einen anderen ukrainischen Pr&auml;sidenten zum Partner h&auml;tte, ist zu vermuten. Aber w&uuml;rde es f&uuml;r Selenskyj &ndash; bei entsprechender Kommunikation &ndash; nicht eine Paraderolle sein?  <\/p><p>&bdquo;Es w&auml;re eine der herzerw&auml;rmendsten Erfolge der europ&auml;ischen Geschichte, wenn ein junger ukrainischer Mann mit j&uuml;dischen Wurzeln es schaffen w&uuml;rde, der Ukraine in seiner gr&ouml;&szlig;ten Not den Frieden zu bringen, also einem Land, in dem einst die grausame Massenvernichtung von sechs Millionen Juden begann, als 1941 unter deutscher Besatzung 33.000 Juden in Babin Jar bei Kiew ermordet wurden&ldquo;, schreibt Michael von der Schulenburg. Sein Wort in Gottes Geh&ouml;rgang. Selenskyj k&ouml;nnte daf&uuml;r tats&auml;chlich den Friedensnobelpreis bekommen.<\/p><p>Allerdings hat Holoborodko im Film immer eine graue Eminenz zur Seite. Und in der letzten Staffel, als er eine gro&szlig;e Fernsehansprache gegen die Korruption h&auml;lt, sieht man hinter den Kulissen einen farblosen Mann auf ihn zielen. <\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Quellen:<\/strong><\/p><ul>\n<li><a href=\"https:\/\/www.ardmediathek.de\/sendung\/diener-des-volkes-die-erfolgsserie-die-selenskyj-zum-praesidenten-machte\/staffel-1\/Y3JpZDovL2FydGUudHYvY29sbGVjdGlvbnMvUkMtMDIxODA0\/1\">Diener des Volkes &ndash; Die Erfolgsserie, die Selenskyj zum Pr&auml;sidenten machte<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/welttrends.de\/friedliche-koexistenz-in-unserer-zeit\/\">Arne C. Seifert: Friedliche Koexistenz in unserer Zeit<\/a>, Welttrends, 91 S., br., 9,50 &euro;.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/ria.ru\/20220117\/poroshenko-1768159980.html\">https:\/\/ria.ru\/20220117\/poroshenko-1768159980.html<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2020\/05\/29\/matthias-schwartz-der-diener-des-volkes-wolodymyr-selenskyjs-praesidentschaft-in-der-ukraine\/\">Matthias Schwartz: DER &raquo;DIENER DES VOLKES&laquo;. Wolodymyr Selenskyjs Pr&auml;sidentschaft in der Ukraine<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/wochenende\/pandora-papers-volodymyr-selenskij-der-ukrainische-praesident-und-sein-peinliches-netzwerk-li.188923\">Wolodymyr Selenskyj: Der ukrainische Pr&auml;sident und sein peinliches Netzwerk<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/artikel\/422949.krieg-in-ukraine-kiew-schaltet-gleich.html\">Kiew schaltet gleich<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/wsimag.com\/de\/wirtschaft-und-politik\/69015-wir-brauchen-jetzt-frieden-in-der-ukraine\">Wir brauchen jetzt Frieden in der Ukraine<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.pravda.com.ua\/rus\/news\/2022\/03\/26\/7334859\/\">https:\/\/www.pravda.com.ua\/rus\/news\/2022\/03\/26\/7334859\/<\/a><\/li>\n<\/ul><p>Titelbild: photocosmos1 \/ shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seinen politischen Durchbruch verdankte der ukrainische Pr&auml;sident Wolodymyr Selenskyj der Hauptrolle in einer Fernsehserie. &bdquo;Diener des Volkes&ldquo;, ab 2015 ausgestrahlt, gab auch der 2018 gegr&uuml;ndeten Partei ihren Namen, die jetzt in der Ukraine die Alleinherrschaft hat. 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Selenskyj als Schauspieler und<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=82448\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":82449,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,198,41,171,85],"tags":[1337,259,2620,260,1019],"class_list":["post-82448","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-einzelne-politiker-personen-der-zeitgeschichte","category-medienanalyse","category-militaereinsaetzekriege","category-pr","tag-oligarchen","tag-russland","tag-selenskyj-wolodymyr","tag-ukraine","tag-wirtschaftssanktionen"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/shutterstock_1427985455.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/82448","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=82448"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/82448\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":82469,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/82448\/revisions\/82469"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/82449"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=82448"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=82448"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=82448"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}