{"id":82480,"date":"2022-03-31T09:02:37","date_gmt":"2022-03-31T07:02:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=82480"},"modified":"2022-03-31T16:50:22","modified_gmt":"2022-03-31T14:50:22","slug":"lettland-russische-botschaft-beschwert-sich-ueber-putin-karikatur-vor-dem-fenster-eskalation-statt-appeasement","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=82480","title":{"rendered":"Lettland: Russische Botschaft beschwert sich \u00fcber Putin-Karikatur vor dem Fenster &#8211; Eskalation statt \u201cAppeasement\u201d?"},"content":{"rendered":"<p>Passanten, die an der russischen Botschaft in Riga vorbeigehen, erblicken ein irritierendes, gro&szlig;formatiges Plakat, das an der gegen&uuml;berliegenden H&auml;userwand aufgeh&auml;ngt ist: Vor rotem Hintergrund ist Wladimir Putins Kopf zu sehen, der sich von der Stirn zum Gebiss in einen Totensch&auml;del verwandelt. Mit dieser Aktion will ein lettischer K&uuml;nstler gegen den russischen Krieg in der Ukraine demonstrieren. Die russische Botschaft sandte dem lettischen Au&szlig;enministerium eine Protestnote. Anl&auml;sslich dieses Streits stellen sich grunds&auml;tzliche Fragen zu Protest und Diplomatie. Von <strong>Udo Bongartz<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_2945\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-82480-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220331-Lettland-Russische-Botschaft-beschwert-sich-ueber-Putin-Karikatur-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220331-Lettland-Russische-Botschaft-beschwert-sich-ueber-Putin-Karikatur-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220331-Lettland-Russische-Botschaft-beschwert-sich-ueber-Putin-Karikatur-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220331-Lettland-Russische-Botschaft-beschwert-sich-ueber-Putin-Karikatur-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=82480-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220331-Lettland-Russische-Botschaft-beschwert-sich-ueber-Putin-Karikatur-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"220331-Lettland-Russische-Botschaft-beschwert-sich-ueber-Putin-Karikatur-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/bongartz.antiputinprotest1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/bongartz.antiputinprotest1.jpg\" alt=\"\" width=\"1125\" height=\"1000\" class=\"alignleft size-full wp-image-82481\" srcset=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/bongartz.antiputinprotest1.jpg 1125w, https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/bongartz.antiputinprotest1-300x267.jpg 300w, https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/bongartz.antiputinprotest1-1024x910.jpg 1024w, https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/bongartz.antiputinprotest1-768x683.jpg 768w, https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/bongartz.antiputinprotest1-731x650.jpg 731w, https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/bongartz.antiputinprotest1-551x490.jpg 551w, https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/bongartz.antiputinprotest1-276x245.jpg 276w\" sizes=\"auto, (max-width: 1125px) 100vw, 1125px\" \/><\/a><\/p><p>Janis Bekeris, Pressesprecher des Au&szlig;enministeriums, &auml;u&szlig;erte sich am 18. M&auml;rz 2022 zur russischen Beschwerde. Zum Inhalt k&ouml;nne er nichts weiter mitteilen, weil diplomatische Korrespondenz vertraulich sei (<a href=\"https:\/\/www.tvnet.lv\/7480393\/no-krievijas-vestniecibas-sanemta-protesta-nota-par-plakatu-uz-medicinas-muzeja-ekas\">tvnet.lv<\/a>). Au&szlig;enminister Edgars Rinkevics hatte am Vortag getwittert, dass Lettland die Kunst achte und die Freiheit des k&uuml;nstlerischen Ausdrucks nicht begrenze. Der Putinsch&auml;del am Geb&auml;ude des Pauls-Stradins-Museums f&uuml;r Medizingeschichte war eine Idee des K&uuml;nstlers Kriss Salmanis. Zun&auml;chst war seine Grafik als Coverbild auf der Zeitschrift &ldquo;Ir&rdquo; vom 3. M&auml;rz zu sehen, dazu die Unterschrift: &ldquo;Was du s&auml;st, wirst du ernten&rdquo;.<\/p><p>Auf der anderen Stra&szlig;enseite blicken russische Diplomaten auf &Auml;u&szlig;erungen des gelb-blauen Protestdiskurses: Auf dem platzartigen Gel&auml;nde, das sich bis zur Rigaer Kongresshalle hinzieht, sind St&auml;nde aufgebaut, die ukrainische Forderungen und Haltungen formulieren. Dort sind die Bild-Text-Botschaften gleichfalls martialisch: zum Beispiel Putins Kopf unter einer Guillotine mit der Bemerkung: &ldquo;F&uuml;r all das Blut, das er vergossen hat. Putin wird und muss get&ouml;tet werden.&rdquo; Oder Putins Kopf mit Hitler-B&auml;rtchen und der Unterschrift &ldquo;Putler&rdquo;. Oder Putins Kopf in einem Galgenstrick: &ldquo;Die Wahrheit wird ans Licht kommen und Putin wird st&uuml;rzen.&rdquo; Dazu Aufrufe zur milit&auml;rischen Beteiligung des Westens, zu Waffenlieferungen und zur Einrichtung einer Flugverbotszone &ndash; also Appelle an die Europ&auml;er, den Dritten Weltkrieg zu riskieren.<\/p><p>Der von der ukrainischen Regierung und seinen diplomatischen Vertretern beherrschte Diskurs hat politische Folgen. Die unbedingte Identifizierung mit ihren Zielen lie&szlig; die lettischen Saeima-Abgeordneten an die Vereinten Nationen appellieren, f&uuml;r die Ukraine eine Flugverbotszone zu fordern (<a href=\"https:\/\/lcm.lv\/lettische-presseschau\/lettland\/nun-fordert-auch-lettland-eine-flugverbotszone-uber-der-ukraine?gads=2022\">lcm.lv<\/a>). Verteidigungsminister Artis Pabriks hatte kurz vor Kriegsausbruch sich &uuml;ber die &ldquo;pazifistische Nachkriegsphilosophie&rdquo; der Deutschen beklagt und deren Politiker belehrt, sie verst&auml;nden nichts von Abschreckungspolitik (<a href=\"https:\/\/lcm.lv\/lettische-presseschau\/lettland\/lettischer-verteidigungsminister-artis-pabriks-kritisiert-die-pazifistische-nachkriegsphilosophie-de?gads=2022\">lcm.lv<\/a>). Ebenfalls am 18. M&auml;rz berichtete LTV &uuml;ber das Treffen des lettischen Ministerpr&auml;sidenten Krisjanis Karins mit dem ukrainischen Botschafter Olexandr Mischenko (<a href=\"https:\/\/www.lsm.lv\/raksts\/zinas\/latvija\/ukrainas-vestnieks-latvija-pec-tiksanas-ar-karinu-putins-ir-jaiznicina-ka-politiska-figura.a448547\/?utm_source=lsm&amp;utm_medium=theme&amp;utm_campaign=theme\">lsm.lv<\/a>).  <\/p><p>Mischenko sagte nach dem Treffen den Journalisten: &ldquo;Lettland versteht die Ukraine besser als andere L&auml;nder.&rdquo; Er erinnerte an das gemeinsame Schicksal, &ldquo;die scheu&szlig;lichen Verbrechen&rdquo; und die Deportationen, die sie unter der Sowjetherrschaft ertragen mussten. &ldquo;Deshalb verstehen die lettischen Staatslenker im Unterschied zu anderen L&auml;ndern, dass man mit Putin keine Gespr&auml;che f&uuml;hren kann, Putin muss als politische Figur, als System, als Staat vernichtet werden: ein Terrorist, der derzeit im 21. Jahrhundert einen derart blutigen Krieg entfacht hat,&rdquo; meinte der ukrainische Diplomat. Putin w&uuml;nsche, die Welt wieder in zwei Zonen zu teilen und die Ukraine in seine einzuf&uuml;gen. &ldquo;Wir w&auml;hlen unser eigenes Schicksal. Und deshalb werden wir dem niemals zustimmen, dass Putin uns seine Bedingungen diktiert.&rdquo; Schlie&szlig;lich zeigte er noch unbedingte Siegeszuversicht und nannte ausbleibende Waffenlieferungen aus dem Westen als Grund, wenn der Krieg l&auml;nger fortdauert und sich die Opferzahl erh&ouml;ht: &ldquo;Ohne Unterst&uuml;tzung der NATO und der Welt wird es viele Opfer geben.&rdquo;<\/p><p>Ministerpr&auml;sident Krisjanis Karins sekundierte dem Botschafter. Er forderte von der EU unausweichliche Sanktionen gegen Russland und w&uuml;nschte, dass die Verantwortlichen in &ldquo;Putins Regime&rdquo;, die den Krieg entfachten, sich vor einem internationalen Gericht verantworten werden. Dass man sich an der NATO-Ostflanke kaum um Diplomatisches bem&uuml;ht, um eventuell noch mit dem &ldquo;Putin-Regime&rdquo; in Verhandlungen zu treten, verdeutlichte die Reise, die Inara Murniece, Politikerin der Nationalen Allianz (NA) und Vorsitzende der lettischen Saeima, nach Kiew unternahm. Mit den beiden Parlamentsvorsitzenden der baltischen Nachbarn war sie am 24. M&auml;rz einer Einladung ihres ukrainischen Kollegen Ruslan Stefantschuk gefolgt (<a href=\"https:\/\/www.lsm.lv\/raksts\/zinas\/latvija\/murniece-pec-vizites-kijiva-ukraini-nepielaus-kompromisus-ar-krieviju.a449656\/?utm_source=lsm&amp;utm_medium=theme&amp;utm_campaign=theme\">lsm.lv<\/a>). Sie zeigte sich vom Ernst und der Dienstbereitschaft ukrainischer Parlamentarier tief beeindruckt. Von diesem Ort aus k&ouml;nne man die Sch&uuml;sse an der Front h&ouml;ren. Die Abgeordneten beg&auml;nnen die Sitzung mit der Nationalhymne, in der es hei&szlig;t: &ldquo;Wir werden unsere Seele und unseren K&ouml;rper f&uuml;r unsere Freiheit hingeben.&rdquo; Die nationalkonservative Politikerin war auch davon begeistert: &ldquo;Und welche Augen sie haben! Und wie sie singen! Mit vollst&auml;ndiger Hingabe, mit voller, hundertprozentiger Bereitschaft zu handeln.&rdquo;<\/p><p>Die Ukrainer baten die Balten um Hilfe, um m&ouml;glichst schnell der EU beizutreten. Auch diese Forderung ist heikler, als sie zun&auml;chst erscheint: Im Artikel 42, Absatz 7 des EU-Vertrags besteht eine Beistandspflicht im milit&auml;rischen Konfliktfall. Was die Flugverbotszone angeht, h&auml;tten die Ukrainer laut Murniece wohl verstanden, dass keine &auml;u&szlig;ere Hilfe zu erwarten ist; daher forderten sie Waffen, um sie selbst einzurichten: &ldquo;Je fr&uuml;her, desto besser; je mehr, desto besser.&rdquo; Waffenlieferungen solcher Gr&ouml;&szlig;enordnungen, die den Kriegsverlauf &auml;ndern, sind ebenfalls heikel. Erinnert sei an den Eiertanz der polnischen Regierung vor einigen Wochen, die die Absicht hatte, den Ukrainern m&ouml;glichst unbemerkt ihre alten MiG-Kampfjets zu liefern, was zu Verstimmungen in der NATO und in der EU f&uuml;hrte.<\/p><p>Auf ukrainischer Seite habe man keine gro&szlig;en Erwartungen an die Verhandlungen, die derzeit gef&uuml;hrt werden: &ldquo;Sie sind in Kampfstimmung. Und sie sind gestimmt, den Krieg zu gewinnen. Sie wissen, dass sie diesen Krieg gewinnen werden. Deshalb bitten sie um Waffen, um ihn nach M&ouml;glichkeit schneller zu beenden.&rdquo; Schlie&szlig;lich deutete Murniece darauf hin, dass die ukrainischen Politiker zu einem nicht bereit seien, was f&uuml;r Verhandlungen unerl&auml;sslich ist: &ldquo;Mit einem Kompromiss sind sie nicht zufriedenzustellen und es wird auch kein Kompromiss angestrebt. Das ist ganz sp&uuml;rbar, schon wenn man mit den Menschen redet. Nun, schon wenn man in den Sitzungssaal des ukrainischen Parlaments hineingeht, nun, dort wird kein Kompromiss angenommen. Sie sind von ihrer Wahrheit &uuml;berzeugt. Und so ist es ja auch.&rdquo;<\/p><p>Die Begegnung mit Politikern und Diplomaten der NATO-Ostflanke affiziert wiederum den anscheinend m&auml;chtigsten Mann des Planeten, Joe Biden. Auf seiner Reise nach Polen hatte er Putin als &bdquo;Schl&auml;chter&ldquo;, &bdquo;Kriegsverbrecher&ldquo; und &bdquo;m&ouml;rderischen Diktator&ldquo; bezeichnet und folgerte: &ldquo;Um Gottes willen. Dieser Mann kann nicht an der Macht bleiben.&rdquo; Emmanuel Macron distanzierte sich; das Wei&szlig;e Haus versuchte klarzustellen, dass die USA im Kreml keinen Regimewechsel anstrebe. Manche kritisieren diese Wortwahl und warnen vor der D&auml;monisierung Putins. Hannes Adomeit [<a href=\"#foot_*\" name=\"note_*\">*<\/a>] wies 2017 in einem Arbeitspapier f&uuml;r die Bundesakademie f&uuml;r Sicherheitspolitik den Begriff der D&auml;monisierung zur&uuml;ck (<a href=\"https:\/\/www.baks.bund.de\/\">baks.bund.de<\/a>). Seiner Ansicht nach ist er ein Argument der sogenannten &ldquo;Putin-Versteher&rdquo;, die damit &ldquo;objektive Beweisst&uuml;cke f&uuml;r eine in zunehmendem Ma&szlig;e repressive Innenpolitik mit gef&auml;hrlicher Instrumentalisierung national-patriotischer und anti-westlicher Rhetorik und aggressiver Au&szlig;enpolitik&rdquo; als &ldquo;Ausw&uuml;chse pathologischer Russophobie&rdquo; darstellten. Zudem betrieben die &ldquo;Putin-Versteher&rdquo; eine problematische Gleichsetzung Putins mit Russland und &uuml;bern&auml;hmen damit die Sichtweise des Kremls, dass die Interessen des Kreises um Putin die Interessen des Landes seien.<\/p><p>Doch in der aktuellen Situation erweist sich die offenkundige D&auml;monisierung Putins als sprachliches Ph&auml;nomen, das unbeabsichtigte Folgen haben k&ouml;nnte. Der Linguist Roman Jakobson wies 1960 darauf hin, dass Sprache nicht nur die Funktion hat, Sachverhalte zu beschreiben. Sie hat vielf&auml;ltige Funktionen, unter anderem verdeutlicht sie die emotionale Beteiligung (die nat&uuml;rlich fingiert sein kann) und die Perspektive des Schreibers oder Sprechers. Deren Worte appellieren stets an Leser und Zuh&ouml;rer, die eigene Sicht zu &uuml;bernehmen. Schlie&szlig;lich signalisiert die Wortwahl auch den sozialen Kontext, in welchem sich der Textproduzent bewegt. Derzeit ist festzustellen: Der Befund, dass die russische Regierung einen v&ouml;lkerrechtswidrigen Angriffskrieg f&uuml;hrt, reicht den meisten Textproduzenten nicht, um glaubw&uuml;rdige emotionale Beteiligung zu bekunden. Dieser Begriff ist offenbar zu harmlos und abgegriffen, offensichtlich, weil westliche Politiker in den letzten Jahrzehnten selbst v&ouml;lkerrechtswidrige Angriffskriege f&uuml;hrten und westliche Medien diesen Tatbestand wie ein Kavaliersdelikt vermittelten.<\/p><p>Die offenkundige D&auml;monisierung erschwert das diplomatische Bem&uuml;hen, den Krieg auf dem Verhandlungsweg zu beenden. Zur allgemein zu beobachtenden Emotionalisierung geh&ouml;rt auch der Umstand, dass sich Politiker und Journalisten vorbehaltlos mit der ukrainischen Seite identifizieren und deren Propaganda &uuml;bernehmen. Narrative, dass die Ukrainer den Krieg schnell gewinnen k&ouml;nnten, wenn die NATO-L&auml;nder entsprechende Waffen lieferten oder westliche L&auml;nder milit&auml;risch eingreifen sollten, besorgt offenbar schon das US-Pentagon, weil sie die NATO in den Krieg verwickeln k&ouml;nnte. Joe Lauria wies darauf hin, dass das Pentagon nun schon &ldquo;Wahrheitsbomben&rdquo; abwerfe, um der ukrainischen Propaganda entgegenzutreten (<a href=\"https:\/\/consortiumnews.com\/2022\/03\/23\/pentagon-drops-truth-bombs-to-stave-off-war-with-russia\/\">consortiumnews.com<\/a>).<\/p><p>Lauria bezweifelte in seinem Artikel ukrainische Meldungen, die auf einen russischen Vernichtungskrieg gegen Zivilisten schlie&szlig;en lassen. US-Milit&auml;rs hatten ihm die milit&auml;rische Situation derart beschrieben, dass sich die russischen Soldaten auf milit&auml;rische Ziele konzentrieren. Dazu zitierte er unter anderem einen US-Offizier: &ldquo;Ich bin frustriert &uuml;ber das aktuelle Narrativ, dass Russland absichtlich auf Zivilisten zielt und dass es St&auml;dte zerst&ouml;rt und dass das Putin nicht k&uuml;mmert. Solch eine verzerrte Sicht steht der Aussicht im Wege, ein Ende zu finden, bevor ein wahrhaftiges Desaster eintritt oder der Krieg sich &uuml;ber den Rest Europas verbreitet.&rdquo;<\/p><p>W&auml;hrend Putin kaum d&auml;monisch genug skizziert werden kann, erfolgt eine weitgehende Verharmlosung des ukrainischen Rechtsextremismus`. Dies geschieht gewiss auch in der Absicht, sich von Putins Propaganda zu distanzieren, dem &ldquo;Entnazifizierung&rdquo; als Vorwand f&uuml;r diesen milit&auml;rischen &Uuml;berfall dient. Im nationalkonservativ orientierten Online-Auftritt der NRA, einem lettischen Leitmedium, gipfelt die Verharmlosung geradezu in Verleugnung (<a href=\"https:\/\/nra.lv\/latvija\/300143-kara-pret-ukrainu-hibriduzbrukums-caur-latviju.htm\">nra.lv<\/a>). Dass es sich bei dem ukrainischen Asow-Bataillon um eine faschistische Organisation handelt, besteht gemeinhin kein Zweifel; umstritten ist nur, wie stark der Einfluss solcher und &auml;hnlicher Gruppierungen auf die ukrainische Politik und Gesellschaft ist. Doch NRA bestreitet sogar, dass Asow-Mitglieder Nazis sind.<\/p><p>Die Asow-K&auml;mpfer werden von der NRA gelobt: Mit kaum 100 Freiwilligen und schlechtem Equipment sei es der Truppe 2014 gelungen, die Separatisten aus Mariupol zu vertreiben. Sp&auml;ter seien sie in die ukrainische Armee integriert und dem Innenministerium unterstellt worden. Dadurch dass man Asow-Mitglieder als fanatische Nazis beschreibe, werde die gesamte ukrainische Armee diskreditiert und entspreche damit der russischen Propaganda. NRA kritisiert das lettische Journalistenteam Re:Baltica, das &uuml;ber die Kontakte und Treffen von Asow-Vertretern mit Mitgliedern der NA berichtet hatte, also dem Parteienb&uuml;ndnis, dem auch Parlamentsvorsitzende Murniece angeh&ouml;rt und das in der lettischen Regierung vertreten ist (<a href=\"https:\/\/rebaltica.lv\/2019\/12\/ka-na-biedri-draudzejas-ar-ukrainas-galeji-labejiem\/\">rebaltica.lv<\/a>). Sowohl lettische Nationalisten am rechten Rand der NA als auch ukrainische Faschisten tr&auml;umen von einem ebenso antiwestlichen wie antirussischen &ldquo;Intermarium&rdquo; zwischen Tallinn und Odessa, indem eine antiliberale &ldquo;Reconquista&rdquo; Liberalisten, Kulturmarxisten und ethnisch Unerw&uuml;nschte entfernen wird (<a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Lettische-Nationalkonservative-und-ukrainische-Faschisten-traeumen-vom-Intermarium-4681705.html\">heise.de<\/a>).<\/p><p>F&uuml;r die NRA ist das kein Grund zur Besorgnis, sie zitierte einen &ldquo;Milit&auml;rexperten&rdquo;: Asow-K&auml;mpfer seien keine Nazis, sondern &ldquo;politisch hoch motivierte, national denkende Patrioten&rdquo;, was anscheinend etwas v&ouml;llig anderes ist. 2019 hatten US-Abgeordnete gefordert, das Asow-Bataillon als terroristische Organisation einzustufen (<a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/US-Abgeordnete-fordern-die-Einstufung-des-Asow-Regiments-als-Terrororganisation-4569699.html\">heise.de<\/a>). Der ukrainische Innenminister Arsen Awakow wies die Kritik laut NRA als &ldquo;verlogene und diffamierende Kampagne&rdquo; zur&uuml;ck. Die &ldquo;Effektivit&auml;t Asows im Donbass&rdquo; sei der wirkliche Grund, um sie mit Methoden des &ldquo;Hybridkriegs&rdquo; aufzuhalten. NRA befragte auch Raivis Zeltits, der bis 2020 NA-Generalsekret&auml;r war, dem Re:Baltica Kontakte zu Asow nachwies und der das Intermarium offen propagiert. Er h&auml;lt die Kritik an Asow f&uuml;r den Teil einer breiteren Kampagne, die in der Haltung des Bataillons begr&uuml;ndet sei, der Ukraine keine Kapitulation zu gestatten.<\/p><p>Bei einer solchen diskursbestimmenden Presse muss die massenpsychologische Wirkung Sorgen bereiten. Der einzige Weg, das Leid in der Ukraine m&ouml;glichst schnell zu beenden, sind erfolgreiche diplomatische Verhandlungen; diese werden durch eine affektheischende Berichterstattung zunehmend erschwert. Politiker und Journalisten der Leitmedien sind sich offenbar nicht bewusst, welchen diplomatischen Flurschaden sie sowohl mit emotionsbetonter Sprache als auch mit einseitiger, distanzloser Berichterstattung anrichten.<\/p><p>Dazu noch mein pers&ouml;nlicher Science-Fiction-Alptraum aus dem Jahr 2122:<\/p><p>&ldquo;Die Schlafwandler II&rdquo; in Sydney erschienen<\/p><p>Kristaps Klarks, ein australischer Historiker mit lettischen Vorfahren, erl&auml;utert in seinem spektakul&auml;ren Werk, das j&uuml;ngst erschienen ist, weshalb sich Westeuropa nach dem Dritten Weltkrieg in eine nicht begehbare Todeszone verwandelte. Aufgrund des erhaltenen digitalen Datenmaterials rekonstruierte er die politische und gesellschaftliche Situation des einst bl&uuml;henden Kontinents in den zwanziger Jahren, in denen sozio&ouml;konomische Probleme, Umweltzerst&ouml;rung, Klimaerw&auml;rmung und zunehmende Konfrontation mit dem Erzfeind Russland zu unbeherrschbaren Konflikten f&uuml;hrten. Als Russland einen Angriffskrieg gegen die Ukraine begann, sahen westliche Entscheidungstr&auml;ger die Gelegenheit f&uuml;r weitere milit&auml;rische Aufr&uuml;stung und Vermehrung des nuklearen Overkills gekommen. Klarks wertete die damaligen Online-Publikationen aus, die auf der internationalen Wayback-Machine gespeichert sind. Seiner Ansicht nach bef&uuml;rwortete die europ&auml;ische &Ouml;ffentlichkeit Militarisierung und Kriegsbeteiligung, aufgehetzt durch eine emotionalisierte und einseitige Berichterstattung. Nach vielen Kriegsjahren f&uuml;hrte Ende der zwanziger Jahre eine Lieferung von NATO-Kampfjets an die Ukraine dazu, dass die russische Regierung dem westlichen Verteidigungsb&uuml;ndnis den Krieg erkl&auml;rte. Als NATO-Truppen die symboltr&auml;chtige russische Stadt Wolgograd eingenommen hatten, reagierte der Kreml mit Atomschl&auml;gen auf Westeuropa, die aus Washington umgehend mit Atomschl&auml;gen auf Belarus, Ostukraine und weitere GUS-L&auml;nder au&szlig;er Russland beantwortet wurden. Klarks sensationelle Entdeckung ist der Geheimvertrag, den die russische Regierung mit der US-amerikanischen geschlossen hatte und den beide L&auml;nder bislang abstritten: Moskau und Washington hatten in diesem Abkommen tats&auml;chlich vereinbart, ihre L&auml;nder von Atomschl&auml;gen auszunehmen und einen atomaren Konflikt mit Mini Nukes auf westeurop&auml;ische L&auml;nder und die &uuml;brigen GUS-Staaten zu begrenzen. Das reichte, um in Europa einen nuklearen Winter auszul&ouml;sen, den dort niemand &uuml;berlebte und der sogar noch in unseren Breiten viele Opfer kostete. Klarks gr&uuml;ndliche Analyse ist zu w&uuml;nschen, dass sie als Bestseller eine nachhaltige Warnung f&uuml;r die Zukunft darstellt. M&ouml;gen die Verhandlungen &uuml;ber eine Neu-Organisation der Vereinten Nationen ohne Veto-Recht der Atomm&auml;chte und zur Abschaffung nuklearer Waffen, die immer noch unter nationaler Aufsicht stehen, bald von Erfolg gekr&ouml;nt werden. Klarks Buch liefert die Argumente.<\/p><p>[<a href=\"#note_*\" name=\"foot_*\">&laquo;*<\/a>] <em><strong>Anmerkung der Redaktion:<\/strong> Stammlesern der NachDenkSeiten k&ouml;nnte der Name Hannes Adomeit ein Begriff sein. Er war derjenige, der die Aufgabe hatte, eine deutsche Zelle der von britischen Diensten gegr&uuml;ndeten Propaganda-Einrichtung &ldquo;Integrity Initative&rdquo; <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=48281\">aufbauen sollte<\/a>. Einer der inoffiziellen Mitarbeiter, die er damals f&uuml;r die Briten rekrutieren konnte, war &uuml;brigens der Journalist Boris Reitschuster, der heute im Bereich der alternativen Medien t&auml;tig ist und antirussische Propaganda lanciert.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Passanten, die an der russischen Botschaft in Riga vorbeigehen, erblicken ein irritierendes, gro&szlig;formatiges Plakat, das an der gegen&uuml;berliegenden H&auml;userwand aufgeh&auml;ngt ist: Vor rotem Hintergrund ist Wladimir Putins Kopf zu sehen, der sich von der Stirn zum Gebiss in einen Totensch&auml;del verwandelt. Mit dieser Aktion will ein lettischer K&uuml;nstler gegen den russischen Krieg in der Ukraine<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=82480\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":82482,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,20,171,11],"tags":[3058,3036,1867,3044,2051,955,915,259,260,2377],"class_list":["post-82480","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-landerberichte","category-militaereinsaetzekriege","category-strategien-der-meinungsmache","tag-diffamierung","tag-dystopie","tag-eu-mitgliedschaft","tag-flugverbotszone","tag-lettland","tag-neonazismus","tag-putin-wladimir","tag-russland","tag-ukraine","tag-waffenlieferungen"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/220331_titel_bongartz.antiputinprotest2.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/82480","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=82480"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/82480\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":82509,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/82480\/revisions\/82509"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/82482"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=82480"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=82480"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=82480"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}