{"id":82552,"date":"2022-04-03T11:30:47","date_gmt":"2022-04-03T09:30:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=82552"},"modified":"2022-04-03T13:17:57","modified_gmt":"2022-04-03T11:17:57","slug":"es-wird-blut-fliessen-viel-blut","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=82552","title":{"rendered":"\u201eEs wird Blut flie\u00dfen, viel Blut\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong>Arno Luiks<\/strong> Interviews beginnen oft mit provozierenden Fragen, schon mit der ersten Antwort wird der Leser in diese Gespr&auml;che hineingezogen &ndash; und liest Dinge, die er anderswo nicht gelesen hat. 2009 hat Luik <strong>Eric Hobsbawm<\/strong> getroffen, herausgekommen ist ein lesenswertes Interview mit manchmal fast prophetischen Aussagen des mittlerweile leider verstorbenen Historikers. Das Interview ist abgedruckt in dem Gespr&auml;chsband <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/index.php?cl=details&amp;libriid=A42787338&amp;listtype=search&amp;searchparam=Markus%20Lanz%20Arno%20luik%20Als%20die%20Mauer%20fiel%20war%20ich%20in%20der%20Sauna\">&bdquo;Als die Mauer fiel, war ich in der Sauna. Gespr&auml;che &uuml;ber den Wahnsinn unserer Zeit&rdquo;<\/a>, eine faszinierende Zeitreise, in der sich Geschichte auf eine mitrei&szlig;ende Weise entfaltet: anekdotisch, politisch, intim. <\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_6468\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-82552-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220402_Es_wird_Blut_fliessen_viel_Blut_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220402_Es_wird_Blut_fliessen_viel_Blut_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220402_Es_wird_Blut_fliessen_viel_Blut_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220402_Es_wird_Blut_fliessen_viel_Blut_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=82552-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220402_Es_wird_Blut_fliessen_viel_Blut_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"220402_Es_wird_Blut_fliessen_viel_Blut_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Eric Hobsbawm treffe ich 2009, kurz nach der weltweiten Finanzkrise, in seinem kleinen Reihenhaus in London, ein paar Hundert Meter vom Grab jenes Mannes entfernt, dem er seine Analysekraft verdankt: Karl Marx. Hobsbawm treibt in diesen Tagen um, wie die Regierenden mit zig-Billionen Euro die Banken st&uuml;tzen, die diese weltweite Krise verursachten. Wissen die, was sie da tun?, fragt er. Nein, sagt Hobsbawm, einer der wichtigsten Historiker unserer Zeit. Schlimmer noch als die Weltwirtschaftskrise, die er in den fr&uuml;hen 1930ern in Berlin miterlebte, sei der Zusammenbruch des Finanzsystems heute. Er hat Angst, dass der Kapitalismus sich &uuml;ber eine f&uuml;rchterliche Katastrophe rettet. Nach drei Stunden Gespr&auml;ch kommt seine Frau ins Zimmer und sagt: &raquo;Nun m&uuml;sst ihr aufh&ouml;ren. Eric wird m&uuml;de.&laquo; In der K&uuml;che wartet ein kleines Essen auf uns, und dazu trinken wir zwei Flaschen deutschen Riesling.<\/p><p><strong>Herr Hobsbawm, Sie haben das Verschwinden von vielen Systemen erlebt: den Untergang der Weimarer Republik, die Zerschlagung des Faschismus, das Absterben der DDR, den Kollaps des Kommunismus und nun &hellip;<\/strong> <\/p><p>Wenn Sie das so aufz&auml;hlen, merke ich, dass ich fast so etwas wie ein Museumsobjekt bin. Als ich ein Kind war, war der K&ouml;nig von England auch noch der Kaiser von Indien, die Welt bestand zum gro&szlig;en Teil aus Monarchien, Kaiser- und Kolonialreichen. Und fast alle sind fl&ouml;ten gegangen.<\/p><p><strong>Und nun erleben Sie vielleicht auch noch das: das Ende des Kapitalismus.<\/strong> <\/p><p>Nein, ich glaube nicht, dass ich dieses Ende, &uuml;ber das ich mich freuen w&uuml;rde, noch erlebe. Als Historiker wei&szlig; ich aber, dass es keine Dauerl&ouml;sungen gibt. Auch der Kapitalismus, egal, wie z&auml;h er ist und wie sehr er auch in den K&ouml;pfen der Menschen als etwas Unab&auml;nderliches erscheint, er wird verschwinden, fr&uuml;her oder sp&auml;ter.<\/p><p><strong>Klar, dass Sie das so sehen m&uuml;ssen.<\/strong> <\/p><p>Wieso denn?<\/p><p><strong>Sie als alter Marxist, der hier in London in Rufweite vom Grab von Karl Marx lebt.<\/strong> <\/p><p>Spotten Sie nicht. Dass ich Marxist geworden bin, liegt an meinen pers&ouml;nlichen Erfahrungen in den 30er Jahren, in der Gro&szlig;en Depression.<\/p><p><strong>Sie lebten damals in Berlin, Sie wissen also, was das hei&szlig;t: Krise.<\/strong> <\/p><p>Ich habe als junger Mensch zwischen Schule und Stra&szlig;enk&auml;mpfen mitbekommen, was es bedeutet, wenn Arbeitslosigkeit sich durch die Gesellschaft frisst. Das ist wie eine alles zersetzende Krankheit. Die Angst kroch in das B&uuml;rgertum. Mir war damals klar, dass wir auf der Titanic sind und dass wir bald den Eisberg rammen w&uuml;rden. Das einzig Ungewisse war, was passieren w&uuml;rde, wenn es so weit ist. Wer w&uuml;rde ein neues Schiff bereitstellen?<\/p><p><strong>Sie wussten, dass ein System zu Ende gehen w&uuml;rde?<\/strong> <\/p><p>Ja. Ich lebte in einer Welt, an deren Fortbestand keiner mehr glaubte. Eigentlich war ich literarisch interessiert, ein Sch&ouml;ngeist eben. Aber das war unm&ouml;glich 1931\/32 in Berlin, man wurde politisiert, ich wurde Mitglied des Sozialistischen Sch&uuml;lerbunds. Die Krise war wie ein Vulkan, der politische Eruptionen hervorrief. Vor der letzten Reichstagswahl habe ich noch Flugbl&auml;tter verteilt, es war gef&auml;hrlich, aber f&uuml;r mich als Jugendlichen war da auch so ein Element von Indianerspielen, wie bei Karl May, dabei. Am 25. Januar 1933 organisierte die KPD ihre letzte legale Demonstration, einen Massenmarsch durch die d&auml;mmrigen Stra&szlig;en Berlins zum Karl-Liebknecht-Haus. Wir sangen Lieder wie &raquo;Der kleine Trompeter&laquo;, auch ein Lied &uuml;ber die Bauernkriege, &raquo;Wir sind des Geyers schwarzer Haufen&laquo;, die &raquo;Internationale&laquo;, es war da ein kollektives Hochgef&uuml;hl, Massenekstase trotz Zukunftsangst.<\/p><p><strong>Als Hitler an die Macht kam, da &hellip;<\/strong> <\/p><p>Als er am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt wurde, es war ein kalter Tag, auf dem Heimweg von der Schule mit meiner Schwester las ich die Schlagzeilen, ich kann sie immer noch, wie im Traum, vor mir sehen. Ja, ich habe es gesp&uuml;rt: Das ist ein historischer Wendepunkt.<\/p><p><strong>Und jetzt? Stehen wir wieder an einem Wendepunkt?<\/strong> <\/p><p>Ich denke, ja. Der 15. September 2008, der Tag, an dem die Lehman-Bank zusammenbrach, wird den Lauf der Geschichte mehr ver&auml;ndern als der 11. September 2001, als die T&uuml;rme des World Trade Centers zusammenbrachen.<\/p><p><strong>Riskieren Sie doch mal einen Blick in die Zukunft.<\/strong> <\/p><p>Wir Historiker sind keine Propheten. Ich kann nur sagen: Wir kommen wohl noch nicht an den J&uuml;ngsten Tag. Aber Teile der Welt k&ouml;nnen untergehen.<\/p><p><strong>Warum blo&szlig;?<\/strong> <\/p><p>Zun&auml;chst mal: Mir, der ich die Gro&szlig;e Depression miterlebt habe, f&auml;llt es immer noch unfassbar schwer zu verstehen, wieso die Ideologen der entfesselten Marktwirtschaft, deren Vorg&auml;nger schon einmal so eine f&uuml;rchterliche Katastrophe, also Armut, Elend, Arbeitslosigkeit, letztendlich auch den Weltkrieg mitverursacht haben, in den sp&auml;ten 70ern, den 80er, 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wieder das Sagen haben konnten.<\/p><p><strong>Warum? Wie erkl&auml;ren Sie sich das?<\/strong> <\/p><p>Der Mensch hat ein unglaublich kurzes Ged&auml;chtnis. Wir Historiker schreiben die Verbrechen und den Wahnsinn der Menschheit auf, wir erinnern an das, was viele Menschen vergessen wollen. Aber fast nichts wird aus der Geschichte gelernt. Das r&auml;cht sich nun. In den letzten 30, 40 Jahren wurde eine rationale Analyse des Kapitalismus systematisch verweigert.<\/p><p><strong>Wir haben jede Menge Wirtschaftswissenschaftler, Experten, die den ganzen Tag nichts anderes tun.<\/strong> <\/p><p>Wir haben vor allem Theologen des Marktes mit einem kindlich-kindischen Glauben, dass der Markt alles von allein regeln wird. Sie verschlie&szlig;en die Augen vor der Wirklichkeit, das macht sie so gef&auml;hrlich f&uuml;r die Menschheit. In den vergangenen Jahren weigerten sie sich einfach, die Krisen, die sich immer mehr aufbauten, &uuml;berhaupt wahrzunehmen. Verblendete. Ignoranten.<\/p><p><strong>Manche in den USA sprachen &ndash; ganz euphorisiert &ndash; vom Ende der Geschichte. Gab es denn gar keinen Grund f&uuml;r diesen Optimismus?<\/strong> <\/p><p>Nein. 40 Prozent der Weltbev&ouml;lkerung leben von einem Dollar am Tag. Das ist doch keine Basis f&uuml;r eine stabile Gesellschaftsordnung. Von wegen Ende der Geschichte. Die Krisen wurden am Rand immer gr&ouml;&szlig;er und immer dramatischer. Bei uns im Zentrum kamen sie gelegentlich als B&ouml;rsenkr&auml;che an, die bald wieder repariert waren, das Spiel konnte weitergehen.<\/p><p><strong>Das Spiel ist aus.<\/strong> <\/p><p>Ja, das kann man wohl so sagen. Diese Krise hat eine v&ouml;llig neue Qualit&auml;t. Das Einzige, an dem sich die Politiker ein wenig orientieren k&ouml;nnen, ist die Zeit zwischen 1929 und 1933.<\/p><p><strong>Nun haben wir, sagt die <em>New York Times<\/em>, sogar eine Krise, die wom&ouml;glich dramatischer ist als die der Gro&szlig;en Depression. Und diese Depression damals sei erst durch den Weltkrieg bereinigt worden.<\/strong> <\/p><p>Roosevelts heute so gefeierter New Deal hat die Krise tats&auml;chlich nicht beendet, er verhinderte allenfalls politische und soziale Aufst&auml;nde in den USA. Niemand bekam in den 1930er Jahren die Krise wirklich in den Griff. Und heute &ndash; obwohl sich Geschichte nicht wiederholt &ndash; ist es &auml;hnlich dramatisch wie damals, nein schlimmer: Keine Regierung wei&szlig;, was sie tun soll.<\/p><p><strong>Wie bitte? US-Pr&auml;sident Barack Obama pumpt Billionen Dollar in die Wirtschaft, Angela Merkel und die Bundesregierung legen milliardenschwere Konjunkturprogramme auf, auf dem G-20-Gipfel haben sie erkl&auml;rt: Wir halten zusammen! Wir wissen, was wir tun!<\/strong> <\/p><p>Haben Sie das Gef&uuml;hl, die wissen wirklich, was sie tun? Stecken da Konzepte, Analysen dahinter? Nein, aufgeschreckt wie Krankenschwestern eilen die Politiker ans Bett des Kapitalismus und tun so, als ob sie etwas t&auml;ten.<\/p><p><strong>Sie wissen nicht, wohin sie gehen?<\/strong> <\/p><p>Ja, und das macht die Sache so schrecklich ungem&uuml;tlich: Sie wissen einfach nicht, was sie tun sollen! Was wir im Augenblick erleben, ist ja etwas, was es nach der radikalen Moraltheologie des Marktes gar nicht geben kann und darf, es ist also etwas, was das Denkverm&ouml;gen der Akteure sprengt. Wie ein blinder Mann, der durch ein Labyrinth zu gehen versucht, klopfen sie mit verschiedenen St&ouml;cken die W&auml;nde ab, ganz verzweifelt, und sie hoffen, dass sie so irgendwann den Ausgang finden. Aber ihre Werkzeuge funktionieren nicht.<\/p><p><strong>Der fr&uuml;here franz&ouml;sische Premierminister Laurent Fabius f&uuml;rchtet &raquo;soziale Revolten&laquo;, und die, meint die SPD-Pr&auml;sidentschaftskandidatin Gesine Schwan, k&ouml;nnten zu einer Gefahr f&uuml;r die Demokratie werden.<\/strong> <\/p><p>Alles ist m&ouml;glich. Inflation, Deflation, Hyperinflation. Wie reagieren die Menschen, wenn alle Sicherheiten verschwinden, sie aus ihrem Leben hinausgeworfen, ihre Lebensentw&uuml;rfe brutal zerst&ouml;rt werden? Meine geschichtliche Erfahrung sagt mir, dass wir uns &ndash; ich kann das nicht ausschlie&szlig;en &ndash; auf eine Trag&ouml;die zubewegen. Es wird Blut flie&szlig;en, mehr als das, viel Blut, das Leid der Menschen wird zunehmen, auch die Zahl der Fl&uuml;chtlinge. Und noch etwas m&ouml;chte ich nicht ausschlie&szlig;en: einen Krieg, der dann zum Weltkrieg werden w&uuml;rde &ndash; zwischen den USA und China.<\/p><p><strong>Das ist doch Unsinn.<\/strong> <\/p><p>Nein.<\/p><p><strong>Okay, das ist doch einfach absurd, dieser Gedanke!<\/strong> <\/p><p>Nein. Im Augenblick, das gebe ich gern zu, erscheint dieses Szenario sehr unwahrscheinlich. Im Augenblick scheinen sich China und die USA zu erg&auml;nzen, ja sich sogar zu st&uuml;tzen, sie erscheinen geradezu komplement&auml;r. Doch im pazifischen wie im asiatischen Raum wird ihr Konkurrenzkampf immer h&auml;rter. Es gibt keine Basis f&uuml;r eine dauerhafte Freundschaft zwischen diesen beiden Gro&szlig;m&auml;chten.<\/p><p><strong>H&ouml;ren Sie doch bitte auf mit Ihrem Pessimismus!<\/strong> <\/p><p>Ob es Ihnen passt oder nicht: Es gibt wenig Grund, hoffnungsvoll in die Zukunft zu blicken! Im 19. Jahrhundert glaubten die Menschen, es gehe stets aufw&auml;rts, vorw&auml;rts, man werde zivilisierter, man werde gebildeter. Die Leute lernten lesen, schreiben, sie glaubten, es gehe nicht nur materiell, sondern gleichzeitig auch moralisch voran. Man konnte optimistisch sein.<\/p><p><strong>Aber dann kam 1914.<\/strong> <\/p><p>Und da h&ouml;rt das alles auf. Ein schreckliches, ein extremes Zeitalter beginnt: Mehr Menschen als jemals zuvor wurden im 20. Jahrhundert in Kriegen oder auf Weisung und mit staatlicher Erlaubnis ermordet. Die Folter, die im Westen offiziell abgeschafft worden war &ndash; ein dramatischer Fortschritt in der Menschheitsgeschichte &ndash;, sie kam zur&uuml;ck! Und wurde am Anfang des neuen Jahrtausends durch die USA wieder zu einem staatlichen Mittel der Befragung! Die Barbarei schreitet voran. Anerkannte Werte der Zivilisation werden pl&ouml;tzlich wieder aberkannt.<\/p><p><strong>So wie Sie reden, kann man nur sagen: Der Mensch ist bl&ouml;d.<\/strong> <\/p><p>Sehen Sie, materiell hat sich die Welt f&uuml;r sehr viele Menschen verbessert. Man ist gr&ouml;&szlig;er, lebt l&auml;nger, man ist ges&uuml;nder. Aber geistig, politisch, moralisch &ndash; da kommt der Mensch nicht hinterher, vielleicht entwickelt er sich sogar im Augenblick noch weiter zur&uuml;ck. Was sind die Werte des Lebens? Warum leben wir? Wozu?<\/p><p><strong>Was ist Ihre Antwort?<\/strong> <\/p><p>Tja, ich k&ouml;nnte nun fragen, warum h&auml;lt der Mensch an einem System fest, das regelm&auml;&szlig;ig die f&uuml;rchterlichsten Katastrophen produziert, das die Umwelt ausbeutet und zerst&ouml;rt, den Ast also abs&auml;gt, auf dem er sitzt? Und jetzt brechen und knacken &uuml;berall die &Auml;ste. Vielleicht wird die Menschheit noch bedauern, dass sie nicht auf Rosa Luxemburg geh&ouml;rt hat: Sozialismus oder Barbarei.<\/p><p><strong>Ich bitte Sie: Es waren Ihre politischen Freunde, die Erben Lenins, die den Gegenentwurf zum Kapitalismus zertr&uuml;mmert, den Gedanken an die Utopie zerst&ouml;rt haben.<\/strong> <\/p><p>Ja, das stimmt. Und das r&auml;cht sich nun. Denn nun, wo wir es wirklich brauchten, gibt es kein Gegenprojekt f&uuml;r die Menschheit! Das ist fatal.<\/p><p><strong>&raquo;Unverantwortliche Banker&laquo;, sagt die Kanzlerin, &raquo;hemmungslose Gier&laquo;, erkl&auml;rt der Bundespr&auml;sident, h&auml;tten die Grundlagen des Gemeinwesens verzockt. Mich erinnert das an mittelalterliche Deutungsversuche. Gab es fr&uuml;her eine D&uuml;rre, hie&szlig; es: Wir haben ges&uuml;ndigt, Gott straft uns daf&uuml;r. Und nun soll wieder eine Tods&uuml;nde, Gier, schuldig am Schlamassel sein &ndash; der strafende Gott ist nun der strafende Markt!<\/strong> <\/p><p>Die Politiker m&uuml;ssen so reden, sie k&ouml;nnen ja wohl schlecht zugeben, dass nicht der einzelne Mensch, sondern das System an sich falsch ist. Der Markt ist nicht moralisch. Die reine Marktwirtschaft ist auf Habgier aufgebaut &ndash; und auf sonst gar nichts, das ist das System.<\/p><p><strong>Vielleicht ist es einfach so: Der Mensch ist habgierig &ndash; fertig, aus, Nikolaus.<\/strong> <\/p><p>Nein. Nein. Auch Karl Marx hat ja nie gegen gierige Kapitalisten argumentiert, er war gegen ein System, das notwendigerweise Habgier schafft. Der Mensch, mein fester Glaube, kann anders sein. Aber im Kapitalismus sucht jeder seinen Vorteil, jeder ist dazu verdammt, sonst geht er unter.<\/p><p><strong>Die Banker, sagen Sie, haben also nichts &uuml;bertrieben?<\/strong> <\/p><p>Sie haben sich absolut systemimmanent verhalten. Profit. Gewinn. Maximales Wirtschaftswachstum. Die marktradikalen Theorien sind ja wunderbar &ndash; wenn man von der Wirklichkeit absieht. Man konstruiert sich ein System, nennt es Freiheit, und in der Theorie funktioniert es: Jedermann, jeder Mensch, jede Firma sucht f&uuml;r sich den Vorteil, den rational kalkulierbaren Vorteil, und der Markt, jenseits des menschlichen Urteils, regelt alles zum Guten. Eine primitive Ideologie. Das Wissen von Leuten jedoch, die den Kapitalismus analysiert und verstanden hatten, wurde dagegen verspottet und vergessen: Leute wie Marx und Schumpeter wussten, dass der Kapitalismus etwas Instabiles ist, dass er sich entwickelt und revolution&auml;r voranschreitet, aber auch zwangsl&auml;ufig zusammenbricht, dass er stets anf&auml;llig ist f&uuml;r Krisen von unterschiedlicher Dauer und bisweilen gro&szlig;er Heftigkeit.<\/p><p><strong>Und nun rufen selbst die ungest&uuml;mtesten Freunde der Marktwirtschaft nach dem Staat.<\/strong> <\/p><p>Ja, das ist doch eine nette Ironie der Geschichte.<\/p><p><strong>Und Sie freuen sich, recht zu haben.<\/strong> <\/p><p>Ich empfinde eine gewisse Schadenfreude, ja.<\/p><p><strong>&Auml;hnlich empfand Karl Marx 1857 in einer Krise, er am&uuml;sierte sich: &raquo;Dass die Kapitalisten nun &uuml;berall von den Regierungen &ouml;ffentliche Unterst&uuml;tzung verlangen, ist sch&ouml;n.&laquo;<\/strong> <\/p><p>Ja, und sie glauben auch, dass nach einer kurzen Zeit des staatlichen Eingriffes alles wieder zum Alten zur&uuml;ckkehren werde. Aber das wird nicht passieren.<\/p><p><strong>Warum denn nicht?<\/strong> <\/p><p>Es ist ganz einfach: Entweder h&ouml;ren wir mit der Ideologie des grenzenlosen Wachstums auf, oder es passiert eine schreckliche Kata&shy;strophe. Entweder wandelt sich die Gesellschaft, scheitert aber dieser Versuch, dann kommt die Finsternis. Heute geht es um das &Uuml;berleben der Menschheit.<\/p><p><strong>Sie m&ouml;gen es dramatisch.<\/strong> <\/p><p>Nein. Die Menschheit kann nicht zum Laisser-faire-Kapitalismus der letzten Jahrzehnte zur&uuml;ckkehren. Die Zukunft kann keine Fortsetzung der Vergangenheit oder auch der Gegenwart sein. Die L&ouml;sung liegt in der richtigen Kombination aus Markt und Staat.<\/p><p><strong>Das k&ouml;nnte auch der Marktradikale Guido Westerwelle sagen, genau so!<\/strong> <\/p><p>Nein. Es kann so nicht weitergehen. Wir werden Gesellschaften bekommen m&uuml;ssen, in denen der Staat wieder eine gr&ouml;&szlig;ere Rolle, eine viel gr&ouml;&szlig;ere Rolle spielt.<\/p><p><strong>Und das ist alles?<\/strong> <\/p><p>Anders geht es im Moment nicht, oder soll ich auf die gro&szlig;e Revolution hoffen? Nein, die Zeit dr&auml;ngt. Die Welt riskiert im Augenblick eine Explosion wie eine Implosion. Sie muss sich also &auml;ndern.<\/p><p><strong>Aber danach sieht es nicht aus: Mit der Abwrackpr&auml;mie etwa hier in Deutschland wird die Wegwerfgesellschaft sogar noch staatlich subventioniert.<\/strong> <\/p><p>Die Politiker sind Gefangene des alten Denkens, das ist be&auml;ngstigend. Wom&ouml;glich kann sich der Kapitalismus tats&auml;chlich nur durch eine Riesenkatastrophe retten, wie es Schumpeter nennen w&uuml;rde, durch eine &raquo;kreative Zerst&ouml;rung&laquo;. Ich m&ouml;chte das nicht, aber sehen Sie, die Sch&auml;den und Zerst&ouml;rungen nach dem Zweiten Weltkrieg waren ein ungeheurer Ansporn zum Aufbau.<\/p><p><strong>Sie sind ein Apokalyptiker.<\/strong> <\/p><p>Ich stelle nur fest: Keiner kann wissen, wie wir aus der Krise kommen, denn so etwas wie heute hat es noch nie gegeben. Und noch etwas kommt hinzu: Die Weltwirtschaft verschiebt sich vom Westen, ihrem historischen Zentrum, in ein neues Zentrum, nach Asien &ndash; ein Vorgang, der schon in normalen Zeiten f&uuml;r unruhige Zust&auml;nde sorgen w&uuml;rde.<\/p><p><strong>Was mich beunruhigt: Es herrscht &ndash; angesichts der Herausforderungen &ndash; eine D&uuml;rre des Denkens, eine Art intellektuelle Wortlosigkeit.<\/strong> <\/p><p>Ja, Sie haben recht. Es fehlen heute Leute und Denker wie Keynes, der in den 30ern so weitsichtig war, dass es ihm gelang, den Kapitalismus zu b&auml;ndigen. Er wollte den Kapitalismus nicht &uuml;berwinden, er wollte ihn stabilisieren, er wollte ihn retten. Er sagte ganz offen: &raquo;Meine Klasse ist das gebildete B&uuml;rgertum, und ich m&ouml;chte eine Welt, in der es Leuten wie mir gut geht. Aber das hei&szlig;t, es muss den anderen auch gut gehen.&laquo;<\/p><p><strong>Also: Was ist zu tun?<\/strong> <\/p><p>Ich sehe nur einen Weg aus dem Dilemma, der aber setzt eine fundamentale Bewusstseinsver&auml;nderung voraus, er ist ein internationales, ein Riesenprojekt: die Welt gegen die Umweltgefahr sicherer machen. Das w&uuml;rde helfen, die Wirtschaft anzukurbeln, aber es w&auml;re auch ein Projekt, das man gegen die Marktkr&auml;fte durchsetzen m&uuml;sste.<\/p><p><strong>Mein Gott, f&uuml;r einen alten Marxisten h&ouml;ren Sie sich sehr bescheiden an!<\/strong> <\/p><p>Ja. Ich bin nun 92 Jahre alt, lebe von einem Tag auf den anderen, aber meine Utopie ist schon noch die vom alten Marx, dass der Mensch das h&ouml;chste Wesen f&uuml;r den Menschen sei, &raquo;also mit dem kategorischen Imperativ, alle Verh&auml;ltnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein ver&auml;chtliches Wesen ist&laquo;. Irgendwo in meinem Innern schlummert noch immer der Traum der Oktoberrevolution.<\/p><p><strong>&raquo;Alle Revolutionen&laquo;, sagte aber Ihr Marx, &raquo;haben bisher nur eins bewiesen, n&auml;mlich dass sich vieles &auml;ndern l&auml;sst, blo&szlig; nicht die Menschen&laquo;.<\/strong> <\/p><p>Das stimmt. Aber eine gro&szlig;e Sache ist es dennoch, dieses Prinzip Hoffnung. Auch wenn die ideale Gesellschaft, wie Max Weber glaubte, jenseits unserer M&ouml;glichkeiten liegt, ist nichts Ernsthaftes in der Politik zu erreichen, wenn man nicht an sie glaubt. Der Mensch hat die Anlagen zum Guten wie zum Schlechten &ndash; und wie er sich benimmt, das kann man wohl &auml;ndern! Dass unsere Welt, immer noch oder endlich mal Heimat f&uuml;r alle werden kann &ndash; das ist doch ein sch&ouml;nes Ziel!<\/p><p><em>Eric Hobsbawm, 1917 im &auml;gyptischen Alexandria geboren, war einer der letzten Universalgelehrten. Der Sohn eines Engl&auml;nders und einer &Ouml;sterreicherin erlebte in den fr&uuml;hen 1930er Jahren als Sch&uuml;ler in Berlin die um sich greifende Arbeitslosigkeit, die ihn zum &raquo;lebensl&auml;nglichen Marxisten&laquo; machte. Kurz nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler emigrierte er nach England, sp&auml;ter lehrte er in Cambridge, Paris, Stanford, am MIT in Boston und an der University of London. Zu seinen Werken, die weltweit verlegt werden, geh&ouml;rt<\/em> Das Zeitalter der Extreme <em>oder seine Biografie<\/em> Gef&auml;hrliche Zeiten. <em>&raquo;Was Shakespeare f&uuml;r die Darstellung der menschlichen Seele getan hat, das ist dem Historiker Hobsbawm bez&uuml;glich der Universalgeschichte gelungen&laquo;, so die<\/em> S&uuml;ddeutsche Zeitung. <em>Hobsbawm, den die britische K&ouml;nigin zum &raquo;Companion of Honour&laquo; ernannte, starb 2012 In London.<\/em><\/p><p><strong><em>Lesetipp: Arno Luik: <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/index.php?cl=details&amp;libriid=A42787338&amp;listtype=search&amp;searchparam=Markus%20Lanz%20Arno%20luik%20Als%20die%20Mauer%20fiel%20war%20ich%20in%20der%20Sauna\">&bdquo;Als die Mauer fiel, war ich in der Sauna. Gespr&auml;che &uuml;ber den Wahnsinn unserer Zeit mit Ina M&uuml;ller, Sahra Wagenknecht, Yanis Varoufakis, Jean Ziegler, u.v.m.&ldquo;<\/a>, 288 Seiten, Westend Verlag, 14.3.2022<\/em><\/strong><\/p><p>Titelbild: &copy; Little, Brown<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><strong>Arno Luiks<\/strong> Interviews beginnen oft mit provozierenden Fragen, schon mit der ersten Antwort wird der Leser in diese Gespr&auml;che hineingezogen &ndash; und liest Dinge, die er anderswo nicht gelesen hat. 2009 hat Luik <strong>Eric Hobsbawm<\/strong> getroffen, herausgekommen ist ein lesenswertes Interview mit manchmal fast prophetischen Aussagen des mittlerweile leider verstorbenen Historikers. Das Interview ist abgedruckt<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=82552\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":82553,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,50,201,209,160,161],"tags":[881,3214,909,2301,233,1972,692,402,476],"class_list":["post-82552","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-finanzkrise","category-ideologiekritik","category-interviews","category-markt-und-staat","category-wertedebatte","tag-armut","tag-hobsbawn-eric","tag-kapitalismus","tag-konfrontationspolitik","tag-marktliberalismus","tag-marx-karl","tag-rettungspaket","tag-wachstum","tag-weltwirtschaftskrise"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/hobsbawm-5.jpeg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/82552","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=82552"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/82552\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":82587,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/82552\/revisions\/82587"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/82553"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=82552"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=82552"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=82552"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}