{"id":82592,"date":"2022-04-04T08:50:14","date_gmt":"2022-04-04T06:50:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=82592"},"modified":"2022-04-04T13:43:17","modified_gmt":"2022-04-04T11:43:17","slug":"mehr-arbeiter-und-angestellte-muessen-wieder-in-parteien-und-parlamenten-praesent-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=82592","title":{"rendered":"\u201eMehr Arbeiter und Angestellte m\u00fcssen wieder in Parteien und Parlamenten pr\u00e4sent sein\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong>Sebastian Chwala<\/strong> ist promovierter Philosoph und Politikwissenschaftler aus Marburg, seine Dissertation &uuml;ber die radikale Rechte in Frankreich erscheint im Herbst 2022. Der Frankreichexperte Chwala beobachtet, dass die Erz&auml;hlung vom bereits feststehenden Wahlsieg Macrons vor allen Dingen ein Produkt der Medienberichterstattung sei. Das k&ouml;nne einen nicht wundern, wenn man bedenkt, dass die Medien unter der Kontrolle weniger Gro&szlig;eigent&uuml;mer sind, die in der Regel hinter Macron stehen, da sie von seiner Politik profitierten.  Alle Umfragen sagten, so Chwala, dass ein Gro&szlig;teil der W&auml;hler am 10. und 23. April Macron unbedingt verhindern wollten. Auch wollten mehr als zwei Drittel der W&auml;hler am Ende nicht nur die Wahl zwischen Le Pen und Macron. Somit zeige sich ein nach wie vor gro&szlig;es Potential f&uuml;r einen politischen Aufbruch. Wie also ist die Situation in Frankreich, Herr Chwala? Die NachDenkSeiten haben mit ihm ein Interview gef&uuml;hrt. Von <strong>Frank Blenz<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Die erste Runde der Pr&auml;sidentschaftswahl in Frankreich steht an, zw&ouml;lf Kandidatinnen und Kandidaten stehen zur Wahl. Wer hat warum die gr&ouml;&szlig;ten Chancen, einer der zwei Teilnehmer der Stichwahl zu werden, und was muss aus Sicht des &uuml;beraus aktiven M&eacute;lenchon geschehen, dass es eben nicht zum Duell Macron versus Le Pen kommt?<\/strong><\/p><p>Urspr&uuml;nglich sah es lange Monate danach aus, dass der amtierende Staatspr&auml;sident Macron nur ernsthafte Konkurrenz aus dem rechten Lager bekommen w&uuml;rde. Da ist einerseits nat&uuml;rlich Marine Le Pen zu nennen, dar&uuml;ber hinaus Val&eacute;rie P&eacute;cresse von der postgaullistischen Partei &bdquo;Die  Republikaner&ldquo; und der Journalist &Eacute;ric Zemmour. Besonders Letzterer hatte &uuml;ber Monate gute Chancen, in die Stichwahlen einzuziehen. Der offen rassistisch argumentierende Zemmour ist vielen Franz&ouml;sinnen und Franzosen vor allem &uuml;ber das Fernsehen bekannt geworden, wo er auf den Kan&auml;len des ultrarechten Medienmoguls Bollor&eacute; gegen die degenerierte und viel zu liberale franz&ouml;sische Republik Stimmung machte. Da sein Wahlprogramm ganz offen wirtschaftsliberal ist und er weitere K&uuml;rzungen bei sozialstaatlichen Leistungen fordert, begrenzt sich seine Unterst&uuml;tzung allerdings auf konservative, gro&szlig;b&uuml;rgerliche Milieus. Lagen seine Umfragewerte lange deutlich im zweistelligen Bereich, sinken sie jetzt teils deutlich ab. Denn Zemmour konkurriert hier inzwischen mit der programmatisch fast deckungsgleichen P&eacute;cresse, die zwar Regionalpr&auml;sidentin der Hauptstadtregion &Icirc;le-de-France ist, der allerdings das Charisma eines Zemmours fehlt, weshalb sich  das W&auml;hlermilieu aufspalten wird und beide sich gegenseitig Stimmen wegnehmen werden, was die Chancen am 10. April (erster Wahlgang) deutlich reduzieren d&uuml;rfte.<\/p><p>Marine Le Pen dagegen ist deutlich besser positioniert, denn sie erreicht im Gegensatz zum rechten b&uuml;rgerlich-akademischen Milieu tendenziell eher Arbeiterinnen und Arbeiter, da sie ihre fremdenfeindliche Argumentation &bdquo;sozial&ldquo; zu untermauern versucht. Die unsichere &ouml;konomische Lage und die mangelnde Reichweite sozialstaatlicher Sicherungssysteme werden auf diese Weise zwar thematisiert, sollen allerdings nur die konsequente Ausgrenzung &bdquo;nicht-wei&szlig;er&ldquo; Menschen kompensieren. So schafft es Le Pen, die Illusion zu verbreiten, dass durch eine restriktive Politik gegen&uuml;ber Zuwanderung, aber auch gegen bereits im Land lebende Menschen mit Migrationserfahrung 50 Milliarden Euro eingespart werden k&ouml;nnten, denn schlie&szlig;lich &bdquo;erschlichen&ldquo;  sich Menschen mit Migrationserfahrung ganz grunds&auml;tzlich jede Art sozialer soziale Leistungen. <\/p><p>Demzufolge pl&auml;diert auch Le Pen nicht f&uuml;r h&ouml;here Verm&ouml;genssteuern oder h&ouml;here Mindestl&ouml;hne, sondern f&uuml;r eine weitere Entlastung der Unternehmen durch die Senkung der Lohnnebenkosten sowie f&uuml;r niedrigere Erbschaftssteuern. Auch eine Festschreibung des Renteneintrittsalters auf 60 Jahre ist mit ihr nicht zu machen. Schuld bleibt in erster Linie die Migration, welche das gerechte Funktionieren des franz&ouml;sischen Kapitalismus st&ouml;rt. Mit dieser Argumentation erreicht sie auch sozial wenig integrierte und von gesellschaftlichen Abstiegsprozessen betroffene Gruppen, allerdings auch Milieus, deren sozialer Aufstieg ins Stocken gekommen ist und die, anders als Macron, keine Anh&auml;nger einer vollst&auml;ndig neoliberalen Gesellschaftsordnung sind, weil sie die politische Rolle der Eliten und ihre zu Unrecht wahrgenommenen Privilegien kritisieren, hingegen auch eine Umverteilungspolitik zugunsten prek&auml;rer Gruppen als St&auml;rkung einer Mitnahme-Mentalit&auml;t der Unterklassen kritisieren.<\/p><p>Jean-Luc M&eacute;lenchon sah lange Zeit relativ chancenlos aus. Nach dem Wahlerfolg von &bdquo;La France insoumise&ldquo; bei den Pr&auml;sidentschaftswahlen 2017 (19,5 Prozent), welche als Bewegung ohne feste parteipolitische Strukturen organisiert war, reihte sich Entt&auml;uschung an Entt&auml;uschung. Erst konnte nur mit M&uuml;he und Not bei den Parlamentswahlen 2017 der Fraktionsstatus erreicht werden, dann gelang es trotz gro&szlig;en Aufwandes nicht, selbst bei Nachwahlen in politisch gewogenen Wahlkreisen  Siege zu erringen. Auch die Europa-, Regional- und D&eacute;partementalswahlen lieferten Ergebnisse, die unter den Erwartungen lagen. Dagegen trumpften die franz&ouml;sischen Gr&uuml;nen als st&auml;rkste Partei unter einst LFI-affinen W&auml;hlern auf. Zudem wurde Kritik an den internen Strukturen von LFI laut. Die mangelnde Formalisierung der Bewegung lie&szlig; immer wieder den Vorwurf laut werden, programmatische Entscheidungen w&uuml;rden allein im innersten F&uuml;hrungskreis um M&eacute;lenchon getroffen und eine wirkliche Debatte sei nicht m&ouml;glich. Zudem entwickelte sich die Parlamentsfraktion zu einem nicht legitimierten Zentrum der Bewegung. Dies &auml;nderte allerdings nichts daran, dass zwar wichtige K&ouml;pfe aus der zweiten Reihe ihre aktive Unterst&uuml;tzung einstellten, ein erweiterter harter Kern an der Basis aber immer aktiv blieb.<\/p><p>Nachdem sichtbar wurde, dass eine Einigung auf eine gemeinsame Kandidatur mit der Kommunistischen Partei, wie es sie 2012 und 2017 gegeben hatte, aufgrund unterschiedlicher strategischer Erwartungshaltungen und pers&ouml;nlicher Dissonanzen nicht zustande kommen w&uuml;rde, versuchten M&eacute;lenchon und LFI nun selbst diese Einigung der Linkskr&auml;fte als Projekt an den Apparaten vorbei &bdquo;von unten&ldquo; herzustellen. Dieser Schritt ist bemerkenswert, hatte sich LFI doch in den Jahren nach 2017 immer als neue Alternative zur franz&ouml;sischen Linken darzustellen versucht, welche als f&uuml;hrende progressive Kraft an deren Stelle zu treten versuchte. F&uuml;r diesen aktuellen Wahlkampf allerdings versuchte LFI durch die Gr&uuml;ndung eines Parlaments einen Raum zu schaffen, in welchem an einer linken Alternative zu Macron interessierte zivilgesellschaftliche Akteure (B&uuml;rger, Wissenschaftler, Experten) gemeinsam &uuml;ber alternative Konzepte diskutieren k&ouml;nnen, ohne sich politisch innerhalb von &bdquo;La France insoumise&ldquo; organisieren zu m&uuml;ssen. Dieses Parlament soll gleichzeitig ein Fingerzeig an die politische &Ouml;ffentlichkeit sein, dass eine &Ouml;ffnung zur Gesellschaft erw&uuml;nscht ist und man sich nicht als enge, dogmatische Linksorganisation versteht. Ein Schritt, der im traditionell parteien-kritischen Frankreich gut ankam. <\/p><p>Zudem lief die Wahlkampfmaschinerie bereits fr&uuml;h wieder an und man versucht seitdem in starkem Ma&szlig;e, die sozialen Medien zu nutzen. Dies hatte man schon 2017 versucht. Dazu entwickelte man erneut neue inhaltliche Diskussionsformate, die &uuml;ber die relevanten Streamingplattformen zu empfangen sind. Zus&auml;tzlich intensivierte man die Pr&auml;senz in den sozialen Brennpunkten, um in einem ersten Schritt prek&auml;re (migrantisch gepr&auml;gte) Bewohnerinnen und Bewohner zur Eintragung in die Wahlregister zu bewegen, damit diese in einem zweiten Schritt f&uuml;r Jean-Luc M&eacute;lenchon stimmen k&ouml;nnen. Mit dem Beginn der hei&szlig;en Wahlkampfphase scheint sich diese Arbeit auszuzahlen, wenn man den steigenden Umfragewerten Glauben schenken darf, die M&eacute;lenchon durchweg schon auf Platz 3 sehen. Insbesondere j&uuml;ngere Jahrg&auml;nge, die tendenziell zu einer viel h&ouml;heren Wahlenthaltung neigen, aber in der Vergangenheit &uuml;berdurchschnittlich M&eacute;lenchon w&auml;hlten, scheinen erneut erfolgreich politisiert zu werden.<\/p><p><strong>Zu beobachten ist, dass Medien, viele B&uuml;rger in Frankreich und auch hier in Deutschland die Wahl schon f&uuml;r getroffen halten: Macron macht es, er ist geeignet und so weiter. Warum strahlt seine Figur so, obwohl viele Schatten auf seine erste Amtszeit fallen, die m&ouml;gliche zweite nicht minder wenig sonnig werden k&ouml;nnte?<\/strong><\/p><p>Die Erz&auml;hlung vom bereits feststehenden Wahlsieg Macrons ist vor allen Dingen ein Produkt der Medienberichterstattung. Das kann einen nicht wundern, wenn man bedenkt, dass die Medien unter der Kontrolle weniger Gro&szlig;eigent&uuml;mer sind, die in der Regel hinter Macron stehen, da sie von seiner Politik profitieren. <\/p><p>Lassen wir die &bdquo;Reformen&ldquo; noch einmal Revue passieren: Macron hat faktisch die Verm&ouml;genssteuer beseitigt (nur noch Immobilienbesitzer m&uuml;ssen diese abf&uuml;hren), gleichzeitig wurden Kapitalertragssteuern auf 30 Prozent gesenkt, zudem wurden Steuerkreditprogramme fortgeschrieben, welche die Gro&szlig;unternehmen um Dutzende Milliarden entlasteten, ohne dass dadurch in nennenswertem Ma&szlig;e neue Besch&auml;ftigung entstanden w&auml;re. Gleichzeitig wurden die sozialstaatlichen Leistungen weiter gesenkt. Angefangen bei der Senkung des Wohngeldes bis hin zur letzten Reform der Arbeitslosenunterst&uuml;tzung, welche in Zukunft die Menschen nicht nur zwingt, statt vier nun sechs Monate gearbeitet haben zu m&uuml;ssen, und bei Teilzeitarbeit nicht mehr der Durchschnittslohn, sondern nur noch die real gearbeiteten Stunden angerechnet zu bekommen.<\/p><p>Vor der T&uuml;r steht die Rentenreform, welche das gesetzliche Renteneintrittsalter von 60 auf 65 Jahre erh&ouml;hen will, um die Leistungen aus der gesetzlichen Rente weiter senken zu k&ouml;nnen. Denn fast 25 Prozent der franz&ouml;sischen Geringverdiener erreichen das 66. Lebensjahr gar nicht erst. Und denken wir an die Schlangen von Studierenden, die w&auml;hrend der Hochphase der Restriktionen in Frankreich gegen die Covid-19-Pandemie vor Suppenk&uuml;chen anstanden, weil einfach kein Geld f&uuml;r eine warme Mahlzeit mehr vorhanden war. Macron und seine Regierung lehnen es bis heute ab, &uuml;ber eine Erweiterung des Rechts auf Grundsicherung f&uuml;r junge Menschen zwischen 18 und 25 Jahre &uuml;berhaupt zu diskutieren. Auch die Verbesserung der sozialen Unterst&uuml;tzungsleistungen f&uuml;r Studierende lehnt Macron schlichtweg ab und will Studierende zur Erwerbsarbeit zwingen oder ihnen gleich das Recht auf ein Studium entziehen. <\/p><p>Denn s&auml;mtliche durchgef&uuml;hrten und geplanten Reformen laufen auf die Schaffung eines riesigen Niedriglohnsektors hinaus, der bewusst auf die &bdquo;Dequalifizierung&ldquo; der jungen Generation setzt, welcher der Weg an die Universit&auml;ten durch die Erh&ouml;hung der Kosten durch Studiengeb&uuml;hren deutlich steiniger machen soll. Die Pl&auml;ne f&uuml;r die neue Legislaturperiode deuten schlie&szlig;lich auf eine Versch&auml;rfung des politischen Drucks hin, jede auch noch so schlecht entlohnte T&auml;tigkeit anzunehmen.<\/p><p>Es ist allerdings nicht zu negieren, dass &uuml;ber 20 Prozent der Wahlberechtigten am 10. April ihre Stimme Macron geben werden. Dies liegt daran, dass es gesellschaftliche Akteure gibt, die von seiner Politik profitiert haben (knapp 10 Prozent) und eine Fortsetzung dieser Politik gerne s&auml;hen. Zudem gibt es Gruppen, die sich aktuell aus Angst vor den Auswirkungen der geopolitischen Krise um den Pr&auml;sidenten scharen und sich durch seine Wiederwahl Stabilit&auml;t und Kontinuit&auml;t versprechen und Angst vor radikalen Umbr&uuml;chen haben. Diese Leute stammen allerdings eher aus sozial privilegierten Milieus. Diese Gruppen werden garantiert zur Wahl gehen, sie sind in den Umfragen seit jeher &uuml;berrepr&auml;sentiert.<\/p><p>In der Gesamtbev&ouml;lkerung &uuml;berwiegen andere Probleme. Hier &uuml;berwiegen die Sorgen &uuml;ber Preissteigerungen und die Zukunft des Sozialstaates. Freilich handelt dieser Teil der Gesellschaft nicht kollektiv oder homogen. Gerade die prek&auml;rsten Gruppen ziehen sich aus Hoffnungslosigkeit ins Private zur&uuml;ck oder resignieren im Angesicht der staatlichen Gewalt, der offenem Protest in Frankreich seit Jahren entgegenschl&auml;gt. Macrons Amtszeit hat hier einen neuen H&ouml;hepunkt erreicht, denn es wurden nicht weniger als sieben sogenannte &bdquo;Sicherheitsgesetze&ldquo; erlassen. Besonders scharf wurde gegen die Gelbwestenbewegung vorgegangen, da sich hier zum ersten Mal seit langem wieder politisch kaum aktive Menschen, die gr&ouml;&szlig;tenteils der Arbeiterklasse angeh&ouml;ren, artikulierten und drohten, Macrons politische Macht wenigstens phasenweise herauszufordern. Gerade die Gelbwesten handelten aus Emp&ouml;rung &uuml;ber die etablierte Politik von &bdquo;rechts&ldquo; und &bdquo;links&ldquo; in Frankreich, welche die gesellschaftlichen Lasten immer weiter auf die Schultern der Lohnempf&auml;ngerinnen und -empf&auml;nger verschob. <\/p><p><strong>Was hat M&eacute;lenchon, was Macron nicht bietet &ndash; in Sachen Programmatik, Inhalte, Auftreten? Die Frage unterstellt durchaus den Unterschied in Sachen Progressivit&auml;t und Humanismus.<\/strong><\/p><p>W&uuml;rde man eingefleischte Unterst&uuml;tzer von M&eacute;lenchon fragen, w&uuml;rden sie wahrscheinlich erst einmal sehr einhellig antworten und auf das Wahlprogramm verweisen, das wie 2017 bereits auch dieses Jahr wieder unter dem Titel &bdquo;L`Avenir en Commun&ldquo; (Die gemeinschaftliche Zukunft) ver&ouml;ffentlicht wurde. Auch in Umfragen verweisen W&auml;hler gerne darauf, aus programmatischen Gr&uuml;nden f&uuml;r Jean-Luc M&eacute;lenchon zu stimmen. Dies stimmt aber nur zum Teil. Viel macht es auch die Art und Weise, wie er sich in der &Ouml;ffentlichkeit pr&auml;sentiert. Ihm ist Charisma und ein gro&szlig;es Selbstbewusstsein nicht abzusprechen, was dazu f&uuml;hrt, dass er wenig Probleme damit hat, explizit nicht wie zahlreiche klassische Berufspolitiker aufzutreten, die gerade den Medien m&ouml;glichst wenig Reibungsfl&auml;che anbieten m&ouml;chten. <\/p><p>Im Gegenteil, M&eacute;lenchons politisches Konzept besteht darin, genau den Konflikt zu suchen, um Journalisten und politische Gegner bewusst blo&szlig;stellen zu k&ouml;nnen. Dabei zeichnet er sich oft durch eine profunde Sachkenntnis aus und versucht, mit seiner Intellektualit&auml;t zu punkten. Dies macht M&eacute;lenchon zu einer polarisierenden Figur in der franz&ouml;sischen &Ouml;ffentlichkeit, die gro&szlig;e Zustimmung, aber auch heftige Ablehnung erf&auml;hrt. Besonders in traditionellen linken (akademischen) Strukturen wird seine dominante und mitunter ruppige Art und die Begeisterung, die er zu entfachen in der Lage ist, als autorit&auml;r und demagogisch abgelehnt. Zudem st&ouml;rt sich die radikale Linke an der starken Betonung und Verteidigung des franz&ouml;sischen Nationalstaates. F&uuml;r M&eacute;lenchon geh&ouml;ren Patriotismus und die Verteidigung der sozialen Republik in der Traditionslinie vom Jakobinismus einschlie&szlig;lich der Errungenschaften der Arbeiterbewegung unmittelbar zusammen. Deshalb gibt es bei LFI auch kein Pl&auml;doyer gegen das Milit&auml;r. Man fordert sogar die Wiedereinf&uuml;hrung eines sozialen Pflichtdienstes als Dienst an der Nation, der positive Wirkungen zum Abbau gesellschaftlicher Spannungen entfalten k&ouml;nnte, da so die gesellschaftliche Desintegration weiter Teile der Unterklasse &uuml;berwunden werden k&ouml;nnte. <\/p><p>In der Mainstreampresse wird M&eacute;lenchon zum &bdquo;Tribun&ldquo; stilisiert, der ein exemplarisches Beispiel f&uuml;r einen &bdquo;populistischen&ldquo; Politiker sei, der die Irrationalit&auml;t der breiten Masse f&ouml;rdere und mit seinen radikalen Ansichten eine Gefahr f&uuml;r die repr&auml;sentative Demokratie und ihre vernunftbegabten und rationalen politischen K&ouml;pfe und Parteien sei. Tats&auml;chlich ist das Programm von LFI, das M&eacute;lenchon repr&auml;sentiert, aus einer neoliberalen Sicht sicherlich radikal, bricht aber aktuell gar nicht mit der Vorstellung einer marktwirtschaftlich organisierten Volkswirtschaft. Vielmehr fordert &bdquo;L`Avenir en Commun&ldquo; die R&uuml;ckkehr zu einer st&auml;rkeren Wirtschaftssteuerung, bei der Verstaatlichungen wichtiger zentraler Bereiche der Grundversorgung zwar ein wichtiger Schritt sind, aber nicht alle Bereiche umfassen. Eher plant LFI eine Umsteuerung zu einer nachfrageorientierten &Ouml;konomie. Dies soll durch Steigerung der Mindestl&ouml;hne, die St&auml;rkung des &ouml;ffentlichen Sektors, aber auch &uuml;ber die R&uuml;cknahme s&auml;mtlicher Reformen im Sozial- und Wirtschaftsbereich erfolgen. Zentral ist f&uuml;r LFI die St&auml;rkung des Bildungswesens. Auch eine Art Studierendengehalt von knapp 1064 Euro soll eingef&uuml;hrt werden. Zudem soll der sozial-&ouml;kologische Umbau der Volkswirtschaft in Angriff genommen werden. Dabei plant man nicht nur die Schaffung einer &ouml;kologischen Landwirtschaft, sondern auch infrastrukturelle Eingriffe, um dem Klimawandel Einhalt zu gebieten. Zudem sollen kurze Produktionsketten geschaffen werden, um Frankreichs Importe zu senken und die franz&ouml;sische &Ouml;konomie zu st&auml;rken.<\/p><p>Auf der institutionellen Ebene wird die Abschaffung der pr&auml;sidialen 5. Republik gefordert und die Wahl einer verfassungsgebenden Versammlung angestrebt, welche eine Grundlage f&uuml;r die 6. Republik schaffen soll, die viel st&auml;rker basisdemokratisch funktionieren, aber weiterhin auf repr&auml;sentativen Elementen beruhen soll.<\/p><p>Sicherlich ebenso zentral sind die au&szlig;enpolitischen Vorstellungen. Hier fordert LFI den Austritt aus der NATO und eine &bdquo;blockfreie&ldquo; Au&szlig;enpolitik, um sich aus der Vormachtstellung  der  USA zu l&ouml;sen. Auch die &bdquo;Francophonie&ldquo; soll gest&auml;rkt werden. Die Beziehungen sollen sich allerdings partnerschaftlich und ohne jede postkoloniale Hierarchie entwickeln. Zwar ist man bez&uuml;glich eines potentiellen EU-Austritts weniger forsch als 2017, doch weiterhin pl&auml;diert M&eacute;lenchon f&uuml;r eine Neuverhandlung der EU-Vertr&auml;ge, die zum Ziel haben sollen, die EU-Stabilit&auml;tskriterien f&uuml;r Frankreich aushebeln zu k&ouml;nnen.<\/p><p>Scheint also M&eacute;lenchons Wahlprogramm f&uuml;r deutsche Augen befremdlich national, ist doch zu erw&auml;hnen, dass sich dieser beinahe als einziger Spitzenpolitiker konsequent gegen die fremdenfeindliche Grundstimmung dieses Wahlkampfes stellt. W&auml;hrend Macron und die Rechtskandidaten sich dar&uuml;ber streiten, wer am sch&auml;rfsten die franz&ouml;sische Identit&auml;t bewahrt, steht M&eacute;lenchon f&uuml;r das Konzept der &bdquo;Cr&eacute;olisation&ldquo;. F&uuml;r M&eacute;lenchon ist somit die franz&ouml;sische Nation eine sich st&auml;ndig kulturell und ethnisch neu durchmischende Gesellschaft, die nicht daran festhalten kann, in erster Linie wei&szlig; und westeurop&auml;isch zu sein. Freilich ist es auch f&uuml;r LFI nicht denkbar, Konzepte wie eine ethnisch konotierte &bdquo;positive Diskriminierung&ldquo; im nordamerikanischen Stil stark zu machen, die dem Geist der Franz&ouml;sischen Revolution und der Schaffung der modernen Nation, die eine vollst&auml;ndige Gleichheit aller postuliert, entgegensteht. M&eacute;lenchons&rsquo; Appell f&uuml;r die vollst&auml;ndige Gleichberechtigung auch der &bdquo;nicht-wei&szlig;en&ldquo; Bev&ouml;lkerungsgruppe findet massiven Zuspruch in der migrantisch gepr&auml;gten Community. Zuletzt sprachen sich mehrere Interessenverb&auml;nde, die in den franz&ouml;sischen Vorst&auml;dten Sozialarbeit leisten, f&uuml;r ihn aus.  <\/p><p><strong>Wenn es denn so kommt, dass Macron weiter Pr&auml;sident bleibt, bedeutet das nicht, dass die Verlierer und ihre W&auml;hler resignieren? Was muss die folgenden Jahre seitens der Opposition geschehen, dass Macron nicht durchregieren kann?<\/strong><\/p><p>Alle Umfragen sagen, dass ein Gro&szlig;teil der W&auml;hler am 10. und 23. April Macron unbedingt verhindern wollen. Auch wollen mehr als zwei Drittel der W&auml;hler am Ende nicht nur die Wahl zwischen Le Pen und Macron haben. Es besteht ein nach wie vor gro&szlig;es Potential f&uuml;r einen politischen Aufbruch. Leider haben die letzten Jahrzehnte viel dazu beigetragen, soziale und &ouml;konomisch bedingte Bindungen stark zu schw&auml;chen. Mit der Transformation weg von einer Gesellschaft, in der die Industrie und damit die stark gewerkschaftlich organisierten Industriearbeiter dominant waren, hin zu einer dienstleistungsorientierten, arbeiten heute viele Menschen in der Logistikbranche. Eine gemeinsame Interessenvertretung besteht dort nicht. Der Aufbau neuer politischer Strukturen muss wieder ganz von unten anfangen. Also &uuml;ber die Selbstorganisation von Mietern oder soziale Angebote gerade f&uuml;r die Prek&auml;rsten, denen der Versuch folgen muss, politisches Bewusstsein f&uuml;r die eigene soziale Lage zu vermitteln. Die traditionsreiche Kommunistische Partei kann dies schon seit Jahrzehnten nicht mehr leisten, weshalb deren politischer Einfluss in Frankreich deutlich zur&uuml;ckgegangen ist. K&ouml;pfe wie M&eacute;lenchon k&ouml;nnen die Menschen in diesen Quartieren allerdings nur kurzzeitig mobilisieren. Deshalb muss eine neue Generation von politisch aktiven Menschen her, die ernsthaft die Belange gerade der Unterklassen vertreten und sich nicht in erster Linie als Berufspolitiker verstehen, f&uuml;r die das gro&szlig;e Spiel der Politik auf taktischen Volten und Hinterzimmerabsprachen beruht und dies sich fern der t&auml;glichen N&ouml;te der Menschen abspielt. Kurz und gut, mehr Arbeiter und Angestellte m&uuml;ssen wieder in Parteien und Parlamenten pr&auml;sent sein! <\/p><p>Titelbild: NeydtStock\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><strong>Sebastian Chwala<\/strong> ist promovierter Philosoph und Politikwissenschaftler aus Marburg, seine Dissertation &uuml;ber die radikale Rechte in Frankreich erscheint im Herbst 2022. Der Frankreichexperte Chwala beobachtet, dass die Erz&auml;hlung vom bereits feststehenden Wahlsieg Macrons vor allen Dingen ein Produkt der Medienberichterstattung sei. Das k&ouml;nne einen nicht wundern, wenn man bedenkt, dass die Medien unter der Kontrolle<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=82592\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":82593,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[209,20,145,190],"tags":[290,1043,1994,2066,2040,288,1609,389,278],"class_list":["post-82592","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-interviews","category-landerberichte","category-sozialstaat","category-wahlen","tag-binnennachfrage","tag-frankreich","tag-le-pen-marine","tag-macron-emmanuel","tag-melenchon-jean-luc","tag-prekaere-beschaeftigung","tag-rentenreform","tag-sozialrassismus","tag-steuersenkungen"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/shutterstock_2093250544.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/82592","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=82592"}],"version-history":[{"count":11,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/82592\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":82622,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/82592\/revisions\/82622"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/82593"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=82592"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=82592"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=82592"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}