{"id":82601,"date":"2022-04-04T10:19:21","date_gmt":"2022-04-04T08:19:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=82601"},"modified":"2022-04-05T07:47:53","modified_gmt":"2022-04-05T05:47:53","slug":"besuch-im-von-russland-eroberten-gebiet-im-donbass-teil-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=82601","title":{"rendered":"Besuch im von Russland eroberten Gebiet im Donbass, Teil 1"},"content":{"rendered":"<p>Wie sieht es im Donbass heute aus? Was hat sich in dem von Kiew nicht kontrollierten Teil der Region seit dem Einmarsch der russischen Truppen ver&auml;ndert? Um Antworten auf diese Fragen zu finden, nahm Ulrich Heyden am 26.\/27. M&auml;rz f&uuml;r die NachDenkSeiten an einer Reise ausl&auml;ndischer Journalisten durch die international nicht anerkannten Volksrepubliken Donezk und Lugansk teil. Hier ist der erste Teil seines Berichts. Von <strong>Ulrich Heyden<\/strong> aus Donezk\/Wolnowacha.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_5372\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-82601-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220404-Besuch-im-von-Russland-eroberten-Gebiet-im-Donbass-Teil-1-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220404-Besuch-im-von-Russland-eroberten-Gebiet-im-Donbass-Teil-1-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220404-Besuch-im-von-Russland-eroberten-Gebiet-im-Donbass-Teil-1-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220404-Besuch-im-von-Russland-eroberten-Gebiet-im-Donbass-Teil-1-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=82601-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220404-Besuch-im-von-Russland-eroberten-Gebiet-im-Donbass-Teil-1-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"220404-Besuch-im-von-Russland-eroberten-Gebiet-im-Donbass-Teil-1-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Es ist der 26. M&auml;rz 2022. Ich sitze im Autobus und der f&auml;hrt Richtung S&uuml;dwesten. Der Blick gleitet &uuml;ber eine friedliche Landschaft mit H&uuml;geln und geeggten Feldern. Der Schnee ist gerade erst getaut. <\/p><p>Wir kommen aus Donezk, der Hauptstadt der international nicht anerkannten Volksrepublik Donezk (DNR). Unser Ziel ist die Stadt Wolnowacha. Sie liegt 60 Kilometer s&uuml;dwestlich von Donezk auf der H&auml;lfte der Strecke nach Mariupol.<\/p><p>Warum fahren wir ausgerechnet nach Wolnowacha? Die Stadt wurde bis zum 11. M&auml;rz von der Ukraine kontrolliert. Nach einer fast zwei Wochen dauernden milit&auml;rischen Auseinandersetzung eroberten Truppen der Volksrepublik Donezk mit Unterst&uuml;tzung russischer Truppen die Stadt. <\/p><p><strong>Gepfl&uuml;gte Ackerfl&auml;chen &ndash; nichts erinnert an Krieg<\/strong><\/p><p>Auf dem Weg nach Wolnowacha fahren wir durch ein Gebiet, in dem nichts an Krieg erinnert. In den G&auml;rten bereiten die Anwohner ihre gro&szlig;en, aus einfachen St&auml;mmen gebauten Gew&auml;chsh&auml;user f&uuml;r die ersten Pflanzungen vor.  Die gro&szlig;en gepfl&uuml;gten und geeggten Ackerfl&auml;chen warten auf die Aussaat. Die Sonne scheint, aber Gr&uuml;n ist noch nirgends zu sehen. Die meterhohen B&uuml;sche und B&auml;ume entlang der &Auml;cker stehen da in stumpfem grau-braun. Es braucht noch Zeit, bis der Saft in die Zweige schie&szlig;t und sich Knospen bilden. <\/p><p>Doch pl&ouml;tzlich wird klar: Unser Bus f&auml;hrt durch ein Kriegsgebiet. Kurz vor dem Dorf Nikolajewka sehen wir auf einem Feld einen zerst&ouml;rten ukrainischen Posten.  Ein paar Kilometer weiter sehen wir zur Rechten auf einem Feld verlassene Stellungen der ukrainischen Streitkr&auml;fte, die sich hier entlang der Stra&szlig;e nach Wolnowacha eingegraben hatten. Man sieht aus Holzbohlen gebaute Beobachtungsst&auml;nde, die nur einen halben Meter aus der Erde herausragen, verlassene Sch&uuml;tzengr&auml;ben, die sich im Zick-Zack &uuml;ber den Acker ziehen und Munitionskisten. <\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/220404-260322-russischer-Panzer-auf-der-Strecke-Donezk-Mariupol-Foto-Ulrich-Heyden.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/220404-260322-russischer-Panzer-auf-der-Strecke-Donezk-Mariupol-Foto-Ulrich-Heyden.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p><small style=\"display:block; margin-top: -15px;\">Russischer Panzer auf der Strecke Donezk &ndash; Mariupol &ndash; &copy; Ulrich Heyden<\/small><\/p><p>Wir fahren weiter und sehen zwei Meter gro&szlig;e Kreise dunkler Erde auf dem sorgsam geeggten Feld. Das scheinen Granateinschl&auml;ge zu sein. Dann kommen wir an einer Artillerie-Stellung vorbei. Berge von Granath&uuml;lsen deuten darauf hin, dass hier gek&auml;mpft wurde. <\/p><p>Auf der zweispurigen Stra&szlig;e &uuml;berholen wir eine Kolonne der russischen Armee, die am Stra&szlig;enrand geparkt hat. Sie besteht aus Panzern, Lastwagen und kleinen Mannschaftswagen. Ein paar Kilometer weiter kommt uns eine Kolonne russischer Panzer und Lastwagen entgegen. <\/p><p><strong>Anstehen f&uuml;r humanit&auml;re Hilfe<\/strong><\/p><p>Schlie&szlig;lich erreichen wir den nord&ouml;stlichen Stadtrand von Wolnowacha. Auf der linken Stra&szlig;enseite sehe ich kleine, schmucke H&auml;user, die meisten aus Stein, mit kleinen G&auml;rten. Menschen sind nicht zu sehen. Zun&auml;chst sieht noch alles ganz normal aus, doch je weiter wir uns dem Zentrum n&auml;hern, desto schlimmer wird das Bild. Fast jedes vierte Haus ist von Geschossen besch&auml;digt oder schwer zerst&ouml;rt. Sp&auml;ter erfahre ich, dass 85 Prozent der Stadt zerst&ouml;rt sind und die Stadt praktisch neu aufgebaut werden muss.<\/p><p>Schlie&szlig;lich kommen wir auf einen gro&szlig;en Platz im Zentrum. Drumherum sieht man viele zerst&ouml;rte Geb&auml;ude. Es waren einmal Lebensmittel- und Bekleidungsgesch&auml;fte, wie man mir sp&auml;ter erz&auml;hlt. <\/p><p>Ich muss ehrlich gestehen, dass ich bis heute unter einer Art Schock stehe, von dem, was ich in der Stadt gesehen habe. Was sich mir vor allem einpr&auml;gte, waren die Gesichter der Menschen. Ich las in diesen Gesichtern Unruhe, Schock und Verwirrung. Es waren vor allem Menschen &auml;lteren und mittleren Alters, aber auch Kinder. Jugendliche sah ich nur wenige. Wie ein Funken der Hoffnung wirkte da ein elfj&auml;hriges M&auml;dchen, das eine knallgelbe M&uuml;tze in der Form eines K&uuml;kens auf dem Kopf trug. Auch in dem Gesicht dieses Kindes konnte ich die Schrecken des Krieges lesen. Sie war aber gefasst, weinte und beklagte sich nicht. Und manchmal sah ich in ihrem Gesicht sogar den Anflug eines L&auml;chelns. <\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/220404-Ausgabe-von%E2%80%93Lebensmitteln-durch-eine-russische-Militaerangehoerige-in-Wolnowacha_Foto-Ulrich-Heyden-260322-.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/220404-Ausgabe-von%E2%80%93Lebensmitteln-durch-eine-russische-Militaerangehoerige-in-Wolnowacha_Foto-Ulrich-Heyden-260322-.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p><small style=\"display:block; margin-top: -15px;\">Ausgabe von Lebensmitteln durch eine russische Milita&#776;rangeho&#776;rige in Wolnowacha &ndash; &copy; Ulrich Heyden<\/small><\/p><p>Was ich auf dem gro&szlig;en Platz im Zentrum sah, war herzzerrei&szlig;end. Menschen standen &ndash; meist still &ndash; in langen Schlangen vor Tischen, hinter denen russische Soldaten und Soldatinnen wei&szlig;e Plastikt&uuml;ten mit Fleischkonserven, Reis, Keksen, Brot und Mehl ausgaben. Bei der Verteilung, die ganz unb&uuml;rokratisch, ohne Listen vor sich ging, herrschte ein freundlicher Ton. Die Wartenden verhielten sich diszipliniert. Gedr&auml;nge gab es nicht.<\/p><p>&bdquo;So eine T&uuml;te reicht f&uuml;r zwei Tage, denn ich wohne nicht allein zuhause&ldquo;, erz&auml;hlt mir Anton, ein 25 Jahre alter Mann, mit dem ich ins Gespr&auml;ch komme. Er wohnt mit seinen Eltern &ndash; die schon &uuml;ber 50 sind &ndash; in einem Haus.  Ich frage ihn, ob es Vitamine gibt? &bdquo;Nein, Vitamine sind ein Defizit.&ldquo; <\/p><p>Anton erz&auml;hlt, dass er bei der Eisenbahn arbeitet. Seine fr&uuml;here Arbeit konnte er nicht aufnehmen. Daf&uuml;r hilft er jetzt beim Wiederaufbau. &bdquo;Wir reparieren jetzt die Anlagen der Eisenbahn. Wir setzen das Fernheizungssystem wieder in Gang und r&auml;umen die Tr&uuml;mmer aus der Stadt.&ldquo; <\/p><p>Wie er sich insgesamt f&uuml;hle? &bdquo;Ehrlich gesagt ersch&ouml;pft. So viel wurde hier geschossen. Man atmete den Pulverrauch.&ldquo; Ob er so ein Gef&uuml;hl gehabt habe, jetzt sterbe ich? &bdquo;Ja, dieses Gef&uuml;hl hatten wir&ldquo;, wirft seine Nachbarin ein, die sich in unser Gespr&auml;ch einschaltet. &bdquo;Sie haben sehr stark geschossen und wir wussten nicht, wann es aufh&ouml;rt.&ldquo; <\/p><p>Anton erz&auml;hlt, dass die Fenster in seinem Haus alle zerst&ouml;rt sind und auch das Dach und das Tor zum Grundst&uuml;ck besch&auml;digt wurden. Welche Geschosse eingesetzt wurden, wei&szlig; Anton nicht. &bdquo;Wir sind keine Milit&auml;rs.&ldquo; <\/p><p>Anton lebte mit seinen Eltern zwei Wochen im Keller des Hauses, so wie alle Bewohner der Stadt. Wie er &uuml;ber Neuigkeiten informiert wurde, will ich wissen. &bdquo;Ein Radio hatten wir nicht.&ldquo; Schon am ersten Tag wurde der Strom abgestellt, berichtet die Nachbarin. Anton erg&auml;nzt, dass nach drei Tagen die Gasversorgung abgestellt wurde. &bdquo;Wir haben nichts erfahren. Wir lagen im Keller und warteten. Bis Leute aus Donezk kamen und sagten, jetzt ist alles vorbei. Immer wenn wir nachts raus zur Toilette gingen, sahen wir, dass die Stadt in Flammen steht.&ldquo; Die Nachbarin erz&auml;hlt, &bdquo;es brannten Gesch&auml;fte, Apotheken, Tankstellen, Lebensmittell&auml;den&ldquo;. <\/p><p>Ob es Pl&uuml;nderungen gab? Anton meint, er habe so etwas nicht gesehen, aber nach Erz&auml;hlungen kam es auch zu Pl&uuml;nderungen. <\/p><p>Ich frage Anton, ob er ohne Angst Brot von russischen Soldaten nehmen kann oder ob er Angst vor Racheaktionen von ukrainischen Provokateuren hat. Anton antwortet, &bdquo;f&uuml;r uns ist jetzt das Wichtigste, dass die Katastrophe, die wir in den letzten zwei Wochen erlebten, sich nicht wiederholt. Das Wichtigste ist, dass wir leben&ldquo;. <\/p><p>Die Wasserversorgung sei zusammengebrochen. Deshalb seien jetzt die Brunnen so wichtig, welche die Leute im Garten haben. &bdquo;Wir wollen trinken, auch die Kinder, wir wollen &uuml;berleben.&ldquo; <\/p><p><strong>&bdquo;Wir wussten nicht, dass der Krieg begonnen hat&ldquo;<\/strong><\/p><p>Ich komme mit einem gro&szlig;gewachsenen Mann ins Gespr&auml;ch. Er hat eine Schieberm&uuml;tze, eine dunkle, gef&uuml;tterte Felljacke und etwas schiefe Z&auml;hne. Er hei&szlig;t Nikolai und ist 67 Jahre alt. Ob russische und ukrainische Soldaten gleicherma&szlig;en schuld an den Zerst&ouml;rungen sind, frage ich Nikolai. &bdquo;Nein, die ukrainischen Soldaten sind mehr schuld.&ldquo; Warum? &bdquo;Weil sie die Infrastruktur zerst&ouml;rt haben. Die Kinderg&auml;rten, die Gas- und Stromleitungen. Ich habe gesehen, wie ein ukrainischer Panzer einen neuen Strom-Transformator in der Nachbarstra&szlig;e zerst&ouml;rt hat. Das war am 28. Februar. Vom 28. Februar bis zum 2. M&auml;rz waren die schlimmsten K&auml;mpfe. Ich habe mich im untersten Keller des Magnaten (ein reicher Mann, U.H.) versteckt, in einem Weinkeller, mit diesem Kind.&ldquo; Nikolai zeigt auf die 11-j&auml;hrige Sofia, die mir schon wegen ihrer knallgelben K&uuml;ken-M&uuml;tze aufgefallen war. <\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/220404-Nikolai-und-Sofia-in-der-Warteschlange-in-Wolnowacha-Foto-Ulrich-Heyden-260322.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/220404-Nikolai-und-Sofia-in-der-Warteschlange-in-Wolnowacha-Foto-Ulrich-Heyden-260322.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p><small style=\"display:block; margin-top: -15px;\">Nikolai und Sofia in der Warteschlange in Wolnowacha &ndash; &copy; Ulrich Heyden<\/small><\/p><p>Sofia hat keine Angst, von ihren Erlebnissen zu erz&auml;hlen. &bdquo;Am 24. Februar waren wir noch zuhause. Vom 26. Februar bis zum 4. M&auml;rz sa&szlig;en wir im Keller. Danach wurde ich in die Stadt Novosvet evakuiert.&ldquo; Das M&auml;dchen erz&auml;hlt, dass im Haus ihrer Familie eine Wand zerst&ouml;rt wurde. Ein Panzer habe sich im Garten mehrmals gedreht. Sie lebe jetzt bei der Schwester ihrer Mutter in der 1.Mai-Stra&szlig;e. Ob sie Hund und Katze noch habe, will ich wissen. &bdquo;Ja, die leben jetzt bei uns.&ldquo; <\/p><p>Ich frage Nikolai, ob er Angst vor Racheaktionen ukrainischer Nationalisten hat. Er antwortet: &bdquo;Ich habe vor nichts mehr Angst. Ich spucke auf sie. Ich m&ouml;chte blo&szlig; denen, die jetzt weggefahren sind, in die Augen gucken. Ich habe diesen Leuten nichts mehr zu sagen, ich will sie mir blo&szlig; angucken. Sind das Menschen oder keine Menschen?&ldquo; Ich frage, &bdquo;wen meinen Sie?&ldquo;. Nikolai antwortet, &bdquo;die Leute, die uns im Stich gelassen haben und abgehauen sind. Die ukrainische Verwaltung.&ldquo; &bdquo;Was h&auml;tte die Verwaltung machen m&uuml;ssen?&ldquo; &bdquo;Sie h&auml;tte uns informieren m&uuml;ssen, dass der Krieg begonnen hat. Wir wussten nichts davon.&ldquo;<\/p><p><strong>Das Krankenhaus bekam Volltreffer ab<\/strong><\/p><p>Wir fahren weiter zum Krankenhaus von Wolnowacha. Hier bietet sich uns ein Bild des Schreckens. Die wei&szlig;e Au&szlig;enverkleidung des zweist&ouml;ckigen Geb&auml;udes ist von Geschossen durchl&ouml;chert. In der zweiten Etage klafft ein gro&szlig;es Loch in der Au&szlig;enwand. Vor dem rechten Fl&uuml;gel des Geb&auml;udes steht eine von Geschossen zerfetzte Blautanne. <\/p><p>Vor dem Geb&auml;ude treffen wir den Chefarzt des Krankenhauses, Viktor Saranow. Er erz&auml;hlt mir, mehrere ukrainische Panzer h&auml;tten sich vor das Krankenhaus gestellt und es beschossen. Die &Auml;rzte seien w&auml;hrenddessen im Keller gewesen. Er selbst lebe jetzt bei Verwandten, denn sein Haus sei zerst&ouml;rt worden.  Das Krankenhaus habe 120 Betten und 60 Mitarbeiter. Nicht alle Geb&auml;udeteile seien zerst&ouml;rt. &bdquo;Wir sind optimistisch. Wir werden alles wieder aufbauen&ldquo;. <\/p><p>Am siebten Tag der K&auml;mpfe h&auml;tten ukrainische Soldaten die Fenster im Erdgeschoss und in der ersten Etage eingeschlagen, um sich Schuss-Positionen einzurichten. Aufgrund der Kriegshandlungen fielen im Krankenhaus Wasser und Strom aus. Trotzdem ging die Arbeit weiter. Saranow erz&auml;hlt, &bdquo;wir haben alle operiert, auch ukrainische Soldaten&ldquo;. Wie viele Tote es in der Stadt w&auml;hrend der K&auml;mpfe gab, k&ouml;nne er nicht sagen. &bdquo;Zwei Wochen lang gab es nur Ger&uuml;chte&ldquo;. <\/p><p>In dem Krankenhaus habe es auch eine Gruppe von ukrainischen Milit&auml;r&auml;rzten gegeben. Die seien aber zusammen mit der ukrainischen Armee abgezogen. Medizinische Hilfe habe das Krankenhaus vor dem Abzug der ukrainischen Streitkr&auml;fte von einer ukrainisch-deutschen Stiftung bekommen. <\/p><p><strong>&ldquo;Kommt raus, wir bleiben f&uuml;r immer&ldquo;<\/strong><\/p><p>Ich frage Aleksandr, einen gro&szlig;gewachsenen Mann mit blau-kariertem Hemd, dunkler Jacke und grauem Drei-Tage-Bart, was er erlebt hat. Aleksandr arbeitet in dem Krankenhaus als Gyn&auml;kologe. W&auml;hrend der zwei Kriegswochen seien sechs Kinder in der Stadt geboren worden, erz&auml;hlt er mit einem L&auml;cheln. <\/p><p>Aleksandr ist sauer auf die Bewohner, welche die Stadt verlassen haben, anstatt sich jetzt am Wiederaufbau zu beteiligen. Wo die Ausgebombten denn wohnen k&ouml;nnen, frage ich. &bdquo;Sie k&ouml;nnen im Keller leben. Aber unsere sch&ouml;ne Stadt muss wieder aufgebaut werden.&ldquo;<\/p><p>Und wie war das, als die russischen Soldaten kamen und die Menschen in den Kellern sa&szlig;en, frage ich. &bdquo;Sie sagten, kommt raus. Wir bleiben f&uuml;r immer. Wir hatten Tr&auml;nen in den Augen.&ldquo; Dass die ukrainischen Truppen vor dem Abmarsch die Schule, das Krankenhaus und Trafos zerst&ouml;rten, sei einfach Rache gewesen. <\/p><p><strong>Warum stehen im Nordteil des Gebiets Donezk immer noch ukrainische Truppen?<\/strong><\/p><p>Die russische Armee kontrolliert nun schon seit &uuml;ber zwei Wochen den gesamten Bereich n&ouml;rdlich der Krim &ndash; von Donezk bis zur Stadt Nikolajew. Nur in der Stadt Mariupol, die 60 Kilometer s&uuml;dlich der Stadt Wolnowacha liegt, wird noch gek&auml;mpft. In der Innenstadt von Mariupol haben sich an drei Stellen &ndash; unter anderem in dem riesigen Werk &bdquo;Asowstal&ldquo; &ndash; 4.000 Mitglieder des Asow-Bataillons und anderer ukrainischer Verb&auml;nde verschanzt. Sie verweigern 150.000 Einwohnern der Stadt den Abzug aus Mariupol. Die Einwohner werden faktisch als Schutzschild benutzt.<\/p><p>Obwohl Russland schon seit &uuml;ber einem Monat in der Ukraine Krieg f&uuml;hrt, ist es noch nicht gelungen, die n&ouml;rdlich der Volksrepublik Donezk stationierten ukrainischen Truppen, die immer noch die DNR-St&auml;dte Gorlowka und Donezk mit Granaten und sogar Raketen beschie&szlig;en, nach Norden zu verdr&auml;ngen. Am 14. M&auml;rz 2022 ging im Stadtzentrum von Donezk eine ukrainische Totschka-U-Rakete nieder. 21 Menschen wurden get&ouml;tet und 27 verletzt. Nach Angaben der Moskauer Zeitung &bdquo;Komsomolskaja Prawda&ldquo; sind im Nordteil des von Kiew kontrollierten Gebietes Donezk 50.000 gut ausgebildete ukrainische Truppen mit schwerem milit&auml;rischen Ger&auml;t stationiert. <\/p><p>Auf einem Medien-Briefing (<a href=\"https:\/\/youtu.be\/Yk1w9HjNVno\">siehe mein Videobericht<\/a>), welches am 26. M&auml;rz in Donezk genau an der Stelle stattfand, wo die Totschka-U-Rakete niederging, fragte ich den Leiter der Volksrepublik Donezk, Denis Puschilin, warum es noch nicht gelungen sei, mit den Truppen weiter nach Norden vorzudringen, w&auml;hrend doch die Truppen der Volksrepublik Lugansk schon fast das ganze Territorium des ehemaligen ukrainischen Verwaltungsgebietes Lugansk kontrollieren. Puschilin antwortete:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Auf dem Territorium der Volksrepublik Donezk wurden im Gegensatz zur Volksrepublik Lugansk von Kiew mehr Kr&auml;fte konzentriert. Und auf diese Kr&auml;fte musste der Hauptsto&szlig; gef&uuml;hrt werden. Im Donezker Gebiet sind mehr Anstrengungen n&ouml;tig, um die Hindernisse zu &uuml;berwinden, wegen der milit&auml;rischen Einrichtungen, welche der Gegner im Zeitraum von acht Jahren auf dem Territorium des Donezk-Gebietes aufgebaut hat. Der zweite Grund ist, dass sich im Gebiet Donezk mehr St&auml;dte befinden. Die D&ouml;rfer erobern wir ziemlich schnell. Das machte die Volksrepublik Lugansk. Dort gibt es vor allem D&ouml;rfer und Siedlungen. Bei uns ist die Situation anders. Wir haben gro&szlig;e St&auml;dte. Eine dieser St&auml;dte ist Mariupol, wo der Gegner seine Hauptkr&auml;fte konzentriert hat. Das ist der zweite Grund. Der dritte Grund ist, dass wir zielgerichtet vorgehen, um so viel wie m&ouml;glich Menschen der Zivilbev&ouml;lkerung zu sch&uuml;tzen, ihnen keinen Schaden zuzuf&uuml;gen, ihr Leben und die Infrastruktur zu sch&uuml;tzen, soweit es geht. Deshalb l&auml;uft die Operation in dem Tempo, das am Anfang festgelegt wurde. Wir wollen keine St&auml;dte vernichten, wie es zum Beispiel im Irak passierte, wo die amerikanische Armee im Einsatz war. Sie f&uuml;hlten nicht, dass das ihre Orte waren. Die Menschen dort waren ihnen fremd. Wir befreien unsere St&auml;dte und unsere Menschen. Deshalb m&uuml;ssen wir sehr vorsichtig vorgehen, im Gegensatz zu unserem Gegner, der die Orte einfach vernichtet.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p><strong>In Donezk leben jetzt weniger Menschen wegen der Evakuierung<\/strong><\/p><p>Was fiel mir in Donezk auf? Die Stadt macht einen sehr sauberen, ordentlichen Eindruck. Kriegssch&auml;den versucht man sofort zu reparieren. Die Verwaltung tut alles, um den Stress, dem die Menschen ausgesetzt sind, zu lindern. Auf den Stra&szlig;en sah ich weniger Menschen als bei meinen Besuchen in den letzten Jahren. Das h&auml;ngt wohl damit zusammen, dass Mitte Februar die Evakuierung der Zivilbev&ouml;lkerung begann. Auf den Stra&szlig;en sieht man vorwiegend Menschen mittleren und h&ouml;heren Alters, wenig Jugendliche und wenig M&auml;nner. Viele M&auml;nner wurden zur DNR-Armee eingezogen und k&auml;mpfen jetzt an der Front. <\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/220404-in-Donezk-links-Bus-der-Journalisten-und-Begleitfahrzeuge-und-Begleiter-Foto-Ulrich-Heyden-260322-.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/220404-in-Donezk-links-Bus-der-Journalisten-und-Begleitfahrzeuge-und-Begleiter-Foto-Ulrich-Heyden-260322-.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p><small style=\"display:block; margin-top: -15px;\">In Donezk &ndash; links Bus der Journalisten und Begleitfahrzeuge und Begleiter Foto &ndash; &copy; Ulrich Heyden<\/small><\/p><p>Unsere Journalisten-Gruppe besuchte gleich zu Beginn unserer Rundreise die &bdquo;Allee der Engel&ldquo;, ein Denkmal f&uuml;r die 100 w&auml;hrend des Krieges get&ouml;teten Kinder in der Volksrepublik Donezk. W&auml;hrend die Menschenrechtsbeauftragte der DNR, Darja Morosowa, zu uns sprach und erkl&auml;rte, die T&auml;ter f&uuml;r die Kriegsverbrechen w&uuml;rden zur Rechenschaft gezogen, wurde das Gel&auml;nde weitr&auml;umig von Soldaten einer russischen Spezialeinheit abgeschirmt. Unsere Reise wurde vom russischen Verteidigungsministerium organisiert und man tat alles, um Gefahren von uns fernzuhalten. Unser Bus wurde w&auml;hrend der zweit&auml;gigen Reise von drei leichten gepanzerten Fahrzeugen begleitet.<\/p><p>In den n&auml;chsten Tagen erscheint der zweite Teil meiner Donbass-Reportage.<\/p><p><em>Von Ulrich Heyden erschien Ende M&auml;rz das Buch &bdquo;Der l&auml;ngste Krieg in Europa seit 1945. Augenzeugenberichte aus dem Donbass.&ldquo; (<a href=\"https:\/\/shop.tredition.com\/booktitle\/Der_l%3fngste_Krieg_in_Europa_seit_1945\/W-990-737-169\">Verlag tredition<\/a>)<\/em><\/p><p>Titelbild: Ulrich Heyden<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/1d93e1cddc0b41bf8648e6806636bf2b\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie sieht es im Donbass heute aus? Was hat sich in dem von Kiew nicht kontrollierten Teil der Region seit dem Einmarsch der russischen Truppen ver&auml;ndert? Um Antworten auf diese Fragen zu finden, nahm Ulrich Heyden am 26.\/27. M&auml;rz f&uuml;r die NachDenkSeiten an einer Reise ausl&auml;ndischer Journalisten durch die international nicht anerkannten Volksrepubliken Donezk und<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=82601\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":82603,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,20,171],"tags":[3004,2222,1494,2175,259,260,2474],"class_list":["post-82601","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-landerberichte","category-militaereinsaetzekriege","tag-donbass","tag-humanitaere-hilfe","tag-infrastruktur","tag-interventionspolitik","tag-russland","tag-ukraine","tag-wiederaufbau"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/220404-Anwohner-und-Journalisten-vor-Truemmern-im-Stadtzentrum-von-Wolnowacha-Foto-Ulrich-Heyden-260322.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/82601","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=82601"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/82601\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":82636,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/82601\/revisions\/82636"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/82603"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=82601"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=82601"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=82601"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}