{"id":82739,"date":"2022-04-07T10:01:21","date_gmt":"2022-04-07T08:01:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=82739"},"modified":"2022-04-07T15:56:24","modified_gmt":"2022-04-07T13:56:24","slug":"wegen-der-unterstuetzung-der-ukraine-verliert-frankreich-afrika","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=82739","title":{"rendered":"Wegen der Unterst\u00fctzung der Ukraine verliert Frankreich Afrika"},"content":{"rendered":"<p>W&auml;hrend die Medien hierzulande den Eindruck erwecken, die Welt stehe mehrheitlich gegen Russland, zeigt ein Blick auf den afrikanischen Kontinent: Von einer Einheitsfront kann nicht die Rede sein. Der UN-Resolution zur Verurteilung des russischen Angriffs stimmte nur die H&auml;lfte der afrikanischen L&auml;nder zu, ein knappes Drittel enthielt sich, Eritrea stellte sich hinter Russland. Der Pr&auml;sident der Republik S&uuml;dafrika, Cyril Ramaphosa, kritisierte die NATO &ndash; h&auml;tte sie die russischen Warnungen vor einer weiteren Expansion gen Osten ernstgenommen, h&auml;tte der Krieg verhindert werden k&ouml;nnen. Der Bericht der franz&ouml;sischen Politikwissenschaftlerin <strong><a href=\"https:\/\/www.fondsk.ru\/news\/2022\/03\/13\/zanjavshis-ukrainoj-francija-poterjala-afriku-55769.html\">Alessia Miloradovich<\/a><\/strong> wurde &uuml;bersetzt von <strong>Susanne Hofmann<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_5717\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-82739-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220407-Wegen-Unterstuetzung-der-Ukraine-verliert-Frankreich-Afrika-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220407-Wegen-Unterstuetzung-der-Ukraine-verliert-Frankreich-Afrika-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220407-Wegen-Unterstuetzung-der-Ukraine-verliert-Frankreich-Afrika-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220407-Wegen-Unterstuetzung-der-Ukraine-verliert-Frankreich-Afrika-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=82739-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220407-Wegen-Unterstuetzung-der-Ukraine-verliert-Frankreich-Afrika-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"220407-Wegen-Unterstuetzung-der-Ukraine-verliert-Frankreich-Afrika-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Der Text von <a href=\"https:\/\/www.fondsk.ru\/news\/2022\/03\/13\/zanjavshis-ukrainoj-francija-poterjala-afriku-55769.html\">Alessia Miloradovich<\/a> berichtet von einem Treffen ehemaliger afrikanischer Diplomaten und Gesch&auml;ftsleute in Paris. Dort legte der prominente ehemalige Premierminister Benins, Lionel Zinsou, seine Einsch&auml;tzung der Sicht afrikanischer Staaten angesichts des Verhaltens des Westens und insbesondere Frankreichs dar. Er erinnerte auch daran, dass viele afrikanische Staaten nach ihrer Unabh&auml;ngigkeit von der Sowjetunion unterst&uuml;tzt wurden. Zugleich verurteilte Zinsou den medialen L&auml;rm des Westens, der an gr&ouml;&szlig;eren Kriegen und humanit&auml;ren Katastrophen beteiligt war und ist, wie aktuell zum Beispiel im Jemen &ndash; ohne dass es hier zu einem &ouml;ffentlichen Aufschrei verbunden mit nennenswerter Hilfsbereitschaft komme. Hier folgt der Text:<\/p><p><strong>Wegen der Unterst&uuml;tzung der Ukraine verliert Frankreich Afrika<\/strong><\/p><p>Von Alessia Miloradovich<\/p><p>Europa ist fasziniert von milit&auml;rischen Nachrichten aus der Ukraine &ndash; doch die k&ouml;nnten auch aus unerwarteter Richtung kommen.  <\/p><p>Am 12. M&auml;rz besuchte ich eine Abendveranstaltung des Pariser Debattierclubs &bdquo;Cercle des Nouveaux Mondes&ldquo; zu Ehren von Lionel Zinsou, dem ehemaligen Premierminister von Benin &ndash; Absolvent der &Eacute;cole Normale Sup&eacute;rieure, Financier, Mitarbeiter der Rothschild-Gruppe. Eine gro&szlig;e Anzahl Rothschild-Z&ouml;glinge, Banker, Diplomaten und einige amtierende Minister versammelten sich im luxuri&ouml;sen Salon Foch in der Rue Faubourg Saint-Honor&eacute; Nummer 33.  <\/p><p>Der Gastgeber begr&uuml;&szlig;te die G&auml;ste und vers&auml;umte nicht, wie es gerade angesagt ist, seine Unterst&uuml;tzung des &bdquo;ungl&uuml;cklichen ukrainischen Volkes&ldquo; zum Ausdruck zu bringen. Dann &uuml;berlie&szlig; er dem Ehrengast die B&uuml;hne, dem dieser Abend gewidmet war. <\/p><p>Und dann ging etwas schief. Lionel Zinsou erw&auml;hnte ebenfalls die Ukraine-Krise:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Jetzt h&ouml;ren wir alle von dieser Krise, anti-russischen Sanktionen, &Ouml;l, Gas&hellip; Verstehen Sie, was diese Krise beispielsweise f&uuml;r Afrika bedeutet? Russland versorgt uns mit Getreide und Mais. Die ganze Logistik l&auml;uft &uuml;ber das Schwarze Meer. Und die afrikanische Welt erstarrte im Schrecken &uuml;ber die Geschehnisse. Sie waren ersch&uuml;ttert &uuml;ber das Handeln der USA und der Europ&auml;ischen Union.<\/p>\n<p>Afrikaner kauft man nicht mit Geschichten &uuml;ber Demokratie. Das sind nur Eure M&auml;rchen f&uuml;r den internen Gebrauch. Die Mehrheit der afrikanischen Elite wurde in der Sowjetunion gebildet &ndash; &Auml;rzte, Ingenieure, Piloten, Lehrer, Wissenschaftler. Die Russen sind die einzigen Europ&auml;er, die Afrika dekolonialisiert haben. Und daran erinnert sich Afrika. Genauso wie Afrika sich an europ&auml;ische Gr&auml;ueltaten erinnert.<\/p>\n<p>Es ist Euch vielleicht aufgefallen, dass afrikanische L&auml;nder die UN-Resolution, mit der Russland verurteilt wurde, nicht unterst&uuml;tzt haben. Und sie werden nie Resolutionen gegen Russland unterst&uuml;tzen. Es ist in jedem Afrikaner fest verankert: Russland ist gut, egal, was Ihr dar&uuml;ber denkt. Das ist eine Konstante. Ganz Afrika schaut auf die Zentralafrikanische Republik und Mali. Was den Europ&auml;ern jahrzehntelang misslang, haben die Russen in einem Jahr bewirkt. Wo anstatt einer Zentralafrikanischen Republik Banden ihr Unwesen trieben, besteht nun ein richtiger Staat.<\/p>\n<p>Ich wei&szlig;, dass hier im Saal Diplomaten anwesend sind, Mitarbeiter des Au&szlig;enministeriums. Ich appelliere an Euch, an die franz&ouml;sische Diplomatie: Sucht so schnell wie m&ouml;glich nach einer L&ouml;sung f&uuml;r Euer Problem. Denn wenn der Konflikt nicht in einem Monat beendet ist, wird Afrika ausbrechen. <\/p>\n<p>F&uuml;r Euch stehen die Energieprobleme im Vordergrund. Schlimmstenfalls werdet Ihr weniger heizen k&ouml;nnen und weniger Autos haben &ndash; wir in Afrika werden ein Hungerproblem bekommen! Die Krise in Afrika wird die Zerst&ouml;rung Europas zur Folge haben.<\/p>\n<p>Kommt zur Besinnung, sucht nach diplomatischen L&ouml;sungen. Und vergesst nicht, dass Staaten wie Indien und China Russland unterst&uuml;tzen. Auch Afrika unterst&uuml;tzt Russland.<\/p>\n<p>Ich will nicht &uuml;ber Demokratie sprechen, und Ihr werdet mich, einen Afrikaner, auch nicht mit Euren Geschichten &uuml;ber die ungl&uuml;ckselige Ukraine und mit Rufen nach Humanit&auml;t r&uuml;hren. Eure Demokratie ist Eure Sache. Es besteht keine Notwendigkeit, uns Eure Vorstellungen aufzudr&uuml;cken, wie wir Afrikaner leben sollten.<\/p>\n<p>Nochmal! Sucht nach Kompromissen, lasst die Diplomaten ran. Die Zeit spielt gegen uns. Wir haben nur 30 Tage! 30! Nicht mehr!&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Lauter, langanhaltender Applaus!<\/p><p>Die Menschen, die im Salon Foch in der reichsten Stra&szlig;e der franz&ouml;sischen Hauptstadt versammelt waren, wissen eine Menge &uuml;ber Geld. Im Gegensatz zu den Beamten ist ihnen bewusst, dass gro&szlig;e franz&ouml;sische Verm&ouml;gen aus Afrika stammen. Sie wissen, dass Afrika f&uuml;r Frankreich strategisch wichtiger ist als die Ukraine f&uuml;r Russland. Afrika ist die Speisekammer, der Reichtum Frankreichs, sein Schweizer Bankkonto. Hier pulsiert das Blut der franz&ouml;sischen Industrie.<\/p><p>Sidney Cabessa, ein leitender Berater einer Rothschild-Bankengruppe, ist der Meinung, dass man die Dinge mit gesundem Menschenverstand betrachten muss. <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Franz&ouml;sische Unternehmen verlassen Russland, sie verlieren ihre Kontakte, ihr Kapital und ihre Reputation dort, und zugleich drohen sie Afrika zu verlieren. Denn aktuell sieht sich Frankreich der schlimmsten Krise in der Sahelzone gegen&uuml;ber. Der Sturz der beiden pro-franz&ouml;sischen Politiker Ibrahim Boubacar Keita (bis August 2020 Staatspr&auml;sident von Mali) und Roche Marc Christian Kabore (bis Januar 2022 Pr&auml;sident von Burkina Faso) machten die franz&ouml;sische Politik im Sahel unhaltbar. Die politische Krise im Tschad, im Sudan, in Guinea, die Vertreibung Frankreichs aus Mali, der unwiederbringliche Verlust der Zentralafrikanischen Republik. All dies zieht Euch den Boden unter den F&uuml;&szlig;en weg und erschwert die franz&ouml;sische Pr&auml;senz auf dem afrikanischen Kontinent erheblich. Es besteht kaum eine Chance, dass sich das franz&ouml;sische Gesch&auml;ftsleben erholt, nachdem zwei M&auml;rkte auf einmal verloren gegangen sind &ndash; der russische und der afrikanische. Wir sind erst nach dem iranischen Exodus zur Besinnung gekommen, als die USA Frankreich zwangen, seine Investitionen im Iran einzufrieren.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Christine mischt sich in die Unterhaltung ein. Sie ist Investmentbankerin, hat Banken in Casablanca und Rabat gegr&uuml;ndet: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Und wisst ihr, die Russen sind uns auf den Fersen, in Afrika spricht man nur dar&uuml;ber, dass Russland zur&uuml;ckkommt. Die Russen warten dort.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Sonya Dellal, die Vizepr&auml;sidentin der Industrie- und Handelskammer von Kenia in Frankreich, best&auml;tigt das: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Diese Sanktionen besch&auml;digen die Jahrhunderte alte Reputation der franz&ouml;sischen Gesch&auml;ftswelt. Die Leute haben Angst, sie betrachten uns, als w&auml;ren wir verr&uuml;ckt, als sei es gef&auml;hrlich, mit uns ins Gesch&auml;ft zu kommen, dem Geld zu vertrauen, Projekte zu entwickeln. Aber wir sind dazu bereit, mit den Russen Gesch&auml;ftsbeziehungen aufzunehmen&hellip;&ldquo;, sagt Sonya.\n<\/p><\/blockquote><p>Die Unterst&uuml;tzung f&uuml;r die Ukraine und ukrainische Fl&uuml;chtlinge, begleitet von machtvollem medialen Druck einer ganz neuen Qualit&auml;t, evoziert die Erinnerung an das Massaker im Kongo, die Bombardierung Libyens, die brutale Ermordung seines rechtm&auml;&szlig;ig gew&auml;hlten, beliebten und geliebten Anf&uuml;hrers in Afrika.<\/p><p>Der Menschenrechtsaktivist Luc Michel sagt: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Die Europ&auml;er kreischen herum, dass sie Russland wegen ihrer &bdquo;Verbrechen&rdquo; gegen die Ukraine anklagen werden, aber der Internationale Strafgerichtshof hat zu den Massakern in Libyen, Syrien und dem Raub afrikanischer Rohstoffe noch nicht einmal Untersuchungen eingeleitet. Man sagt uns, dass Europa den Rassismus beseitigt habe, wir sehen ihn aber allerorts bl&uuml;hen. F&uuml;r die Ukrainer &ouml;ffnet man die T&uuml;ren weit, die B&uuml;rgermeisterin von Paris, Hidalgo, verspricht, eine Schule f&uuml;r ukrainische Kinder zu er&ouml;ffnen, w&auml;hrend Fl&uuml;chtlinge aus Afrika und dem Nahen Osten immer noch in Zeltst&auml;dten in Calais hocken. Der Krieg im Jemen w&auml;hrt nun schon sieben Jahre mit inzwischen 340.000 Opfern, und es gibt keine einzige Demonstration zur Unterst&uuml;tzung des Jemen. Warum sind die Jemeniten schlechter als die Ukrainer? Die Franzosen tun nur so, als w&auml;ren sie tolerant, sie waren und sind aber Rassisten!&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>&bdquo;Meinst du, Putin wird aufh&ouml;ren?&ldquo;, fragt mich Luke und antwortet dann selbst: &bdquo;Nein, er wird nicht aufh&ouml;ren, er wird das bis zum Schluss durchziehen.&ldquo; <\/p><p><strong>Alessia Miloradovich<\/strong> ist franz&ouml;sische Politikwissenschaftlerin, Aktivistin und Expertin f&uuml;r Geo- und Sicherheitspolitik.<\/p><p>Titelbild: Casablanca Stock \/ Shutterstock<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W&auml;hrend die Medien hierzulande den Eindruck erwecken, die Welt stehe mehrheitlich gegen Russland, zeigt ein Blick auf den afrikanischen Kontinent: Von einer Einheitsfront kann nicht die Rede sein. Der UN-Resolution zur Verurteilung des russischen Angriffs stimmte nur die H&auml;lfte der afrikanischen L&auml;nder zu, ein knappes Drittel enthielt sich, Eritrea stellte sich hinter Russland. 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