{"id":82874,"date":"2022-04-12T09:52:53","date_gmt":"2022-04-12T07:52:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=82874"},"modified":"2022-04-13T07:23:25","modified_gmt":"2022-04-13T05:23:25","slug":"demokratie-nicht-mehr-als-ein-markenname","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=82874","title":{"rendered":"Demokratie \u2013 nicht mehr als ein Markenname"},"content":{"rendered":"<p>Welchen Inszenierungen wir ausgesetzt sind und wie wir sie durchschauen k&ouml;nnen: Der US-amerikanische Politikwissenschaftler Sheldon S. Wolin bietet in seinem Band &bdquo;Umgekehrter Totalitarismus&ldquo; eine scharfsinnige Analyse neoliberaler Herrschaft. Von <strong>Irmtraud Gutschke<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_9223\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-82874-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220412-Demokratie-nicht-mehr-als-ein-Markenname-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220412-Demokratie-nicht-mehr-als-ein-Markenname-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220412-Demokratie-nicht-mehr-als-ein-Markenname-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220412-Demokratie-nicht-mehr-als-ein-Markenname-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=82874-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220412-Demokratie-nicht-mehr-als-ein-Markenname-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"220412-Demokratie-nicht-mehr-als-ein-Markenname-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Demokratische L&auml;nder versus totalit&auml;re Regime &ndash; mit diesem Grundkanon westlicher Wertepolitik l&auml;sst sich alles begr&uuml;nden: von diplomatischer und &ouml;konomischer Einflussnahme bis hin zu robusteren Formen politischer Eind&auml;mmung &ndash; Wirtschaftssanktionen, Waffenlieferungen, Regime-Changes, milit&auml;risches Eingreifen. Der alte West-Ost- und Nord-S&uuml;d-Gegensatz offenbart sich im neuen Kalten Krieg sogar in versch&auml;rfter Form. Die vom Abstieg bedrohte Hegemonialmacht USA ringt um die Erhaltung und den Ausbau einer monopolaren Weltordnung. Die soll gerechtfertigt sein, indem sie sich mit einer Aura von Freiheit und Demokratie umgibt. Insofern steckt schon im Titel von Sheldon S. Wolins Buch eine Provokation: &bdquo;Umgekehrter Totalitarismus&ldquo;, als ob es da eine verborgene &Auml;hnlichkeit g&auml;be zwischen Herrschaftsverh&auml;ltnissen, die einander doch diametral entgegengesetzt sein sollten. <\/p><p>Der US-amerikanische Autor verst&auml;rkt seine Provokation sogar noch, indem er gleich zu Beginn zwischen &bdquo;Triumph des Willens&ldquo;, Leni Riefenstahls Propaganda-Huldigung an Hitler 1934, und  einem US-Propagandafilm von 2003 eine Verbindung herstellt. &bdquo;War der Reichstagsbrand 1933 das symbolische Ereignis, das in Deutschland die Zerst&ouml;rung der parlamentarischen Regierung durch die Diktatur ank&uuml;ndigt, so waren die Zerst&ouml;rung des World Trade Center und der Angriff auf das Pentagon am 11. September 2001 ein  Offenbarungserlebnis in der Geschichte des amerikanischen politischen Lebens.&ldquo; Was folgte, mochte &bdquo;die gr&ouml;&szlig;te Inszenierung in der Geschichte moderner Medien gewesen sein&ldquo;, zu der sich das Fernsehen zur Verf&uuml;gung stellte. Auch aus eigenem Antrieb, mutma&szlig;t der Autor und stellt doch eine Frage, die ebenso heutige Zust&auml;nde betrifft: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wie kommt es, dass eine Gesellschaft, die das Prinzip der Wahlfreiheit verg&ouml;ttert, ein Ma&szlig; an Einigkeit hervorbringen konnte, das auf abgr&uuml;ndige Weise an ein halboffenes Zwangssystem erinnert?&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Da hat ihn 2008 wohl ein warnender Blick aus seinem Verlag Princeton University Press getroffen, weshalb er im Vorwort eilig, &bdquo;um Missverst&auml;ndnisse zu vermeiden&ldquo;, der These widersprach, &bdquo;dass das gegenw&auml;rtige politische System der USA von Nazideutschland inspiriert ist&ldquo;. So kurzschl&uuml;ssig h&auml;tten wir es ja auch nie verstanden. Doch zeigt uns die Beinahe-Entschuldigung, wie sich auch Sheldon S. Wolin der Existenz eines Meinungskorridors bewusst sein musste, in dem man jederzeit an eine Mauer sto&szlig;en oder in eines der vielen &bdquo;Fettn&auml;pfchen&ldquo; treten kann.<\/p><p>Heute muss ich auf makabre Weise geradezu dankbar daf&uuml;r sein, dass es im DDR-Zentralkomitee eine Abteilung f&uuml;r Agitation und Propaganda gegeben hat, auch wenn ich deren in aller Offenheit ausge&uuml;bte Medienzensur direkt zu sp&uuml;ren bekam. Weil ich die ideologische K&uuml;che kenne, habe ich ihren Geruch in der Nase. Weil ich selbstverst&auml;ndlich davon ausgehe, dass der Staat das Machtinstrument der herrschenden Klasse ist, l&auml;uft der Autor des vorliegenden Buches bei mir sozusagen durch eine offene T&uuml;r, wenn er dies auch f&uuml;r die USA behauptet. <\/p><p>Aber er behauptet es nicht nur, sondern weist es im Detail nach, tiefgr&uuml;ndig und sprachm&auml;chtig argumentierend. Anschaulich konkret, denn er nimmt uns mit in die Vergangenheit seines Landes ebenso wie in die Ideengeschichte von Macht und Demokratie. Mitrei&szlig;end zu lesen, steckt das Buch voller interessanter Einzelheiten und zielt dabei auf gr&ouml;&szlig;ere Zusammenh&auml;nge. Auf entlarvende Weise analysiert der Autor ein Herrschaftssystem, das anders ist, als es vorgibt zu sein. Zugleich best&auml;tigt der Band allein schon durch seine Existenz, dass neoliberale Herrschaft, solange sie nicht gef&auml;hrdet ist, auch eine gewisse Toleranz zeigen kann. Immerhin konnte das volumin&ouml;se Werk in den USA ver&ouml;ffentlicht werden. Und die deutsche &Uuml;bersetzung befindet sich im Westend Verlag in guter Gesellschaft mit anderen ideologiekritischen Publikationen. Um nur einige zu nennen: &bdquo;Warum schweigen die L&auml;mmer&ldquo; und &bdquo;Angst und Macht&ldquo; von Rainer Mausfeld, &bdquo;Macht. Wie die Meinung der Herrschenden zur herrschenden Meinung wird&ldquo; von Almut Bruder-Bezzel und Klaus-J&uuml;rgen Bruder, &bdquo;Propaganda. Wie die &ouml;ffentliche Meinung entsteht und geformt wird&ldquo; von Jacques Ellul und nicht zuletzt &bdquo;Glaube wenig. Hinterfrage alles. Denke selbst&ldquo; von Albrecht M&uuml;ller, der Lesern eine praktikable Handreichung gibt, &bdquo;wie man Manipulationen durchschaut&ldquo;.<\/p><p><strong>Dialektik des Machterhalts<\/strong><\/p><p>Die Verf&uuml;gbarkeit solcher B&uuml;cher kann indes nicht dar&uuml;ber hinwegt&auml;uschen, wie schwer sie es im &ouml;ffentlichen Diskurs haben. Journalisten reagieren nicht selten nach dem Motto &bdquo;getroffene Hunde bellen&ldquo; bzw. finden das alles erstunken und erlogen, eine Beleidigung geradezu, als w&auml;ren sie nur Abh&auml;ngige, die nicht offen ihre Meinung sagen. Was da als pers&ouml;nlicher Verdr&auml;ngungsmechanismus erscheint, um systemkritische B&uuml;cher abzulehnen, die einen selbst in Zwiespalt st&uuml;rzen w&uuml;rden, ist zugleich ein ideologisches Bollwerk gegen jeglichen Verdacht von Manipulation und Gleichschaltung in der Bev&ouml;lkerung, der dann schnell als Verschw&ouml;rungstheorie gebrandmarkt wird. Denn f&uuml;r das ohnehin wachsende Ressentiment angesichts politischer Ohnmacht und nicht eingel&ouml;ster Wohlstandsversprechen ist der Vorwurf Medienmanipulation gleichsam ein Brandbeschleuniger. Wenn das Vertrauen in den Staat und seine Institutionen massenhaft schwindet, wird dieser zu anderen Machtmethoden Zuflucht nehmen. <\/p><p>In diesem Zusammenhang charakterisiert Wolin die Auswirkungen der Anschl&auml;ge vom 11. September 2001 auch dahingehend, dass die Medien damals nicht nur eine &bdquo;Ikonographie des Terrors&ldquo; produzierten, &bdquo;sondern auch eine ver&auml;ngstigte &Ouml;ffentlichkeit, die daf&uuml;r empf&auml;nglich war, sich f&uuml;hren zu lassen&ldquo;. Da wurden US-amerikanische B&uuml;rger &bdquo;in das Reich der Mythologie hineingeschleudert, in eine neue und andersartige, au&szlig;erweltliche Dimension des Daseins, in der okkulte Kr&auml;fte darauf aus sind, jene Welt zu zerst&ouml;ren, die f&uuml;r die Kinder des Lichts geschaffen worden war &hellip; Der Mythos erz&auml;hlt eine Geschichte, &hellip; wie sich die Armeen des Lichts aus den Ruinen erheben werden, um die M&auml;chte der Finsternis zu bek&auml;mpfen &hellip; Er macht die Welt nicht verst&auml;ndlich, sondern dramatisiert sie.&ldquo; <\/p><p>Unwillk&uuml;rlich stellt sich beim Lesen ein Bezug zur Gegenwart her. Die Realit&auml;t des Ukraine-Krieges wird ja auch umh&uuml;llt von einer manipulierenden Vorstellung: David k&auml;mpft gleichsam gegen Goliath und ben&ouml;tigt daf&uuml;r die Hilfe aller guten Menschen. Hingerissen von eigenen Emotionen und dem &ouml;ffentlichen Zwang zur Parteinahme, erscheint vielen allein schon die Frage nach den Hintergr&uuml;nden dieses Gro&szlig;machtkonflikts unpassend, als &bdquo;Whataboutism&ldquo;, ein Zur&uuml;ckweichen vor dem Feind.<\/p><p><strong>Bedrohung von au&szlig;en, Druck nach innen<\/strong><\/p><p>Die Gefahr autorit&auml;rer Ver&auml;nderungen droht immer. Sheldon S. Wolin zitiert den Verfassungsrechtler Edward Corwin, der 1947 dar&uuml;ber spekulierte, wie das System der Rechtsstaatlichkeit angesichts der M&ouml;glichkeiten eines Atomkriegs zu einer &bdquo;funktionalen Totalit&auml;t&ldquo; gestrafft werden k&ouml;nnte: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Zu einer politisch verordneten Beteiligung aller Kr&auml;fte an den Kriegsanstrengungen: der individuellen und gesellschaftlichen Kr&auml;fte, der wissenschaftlichen, maschinellen, kommerziellen, wirtschaftlichen moralischen, literarischen und k&uuml;nstlerischen sowie der psychologischen Kr&auml;fte.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Totalit&auml;re Konzentration von Macht, begr&uuml;ndet durch reale oder scheinbare Bedrohung von au&szlig;en, macht in der Tat vieles m&ouml;glich, was im demokratischen Konsens nicht durchsetzbar w&auml;re &ndash; die drastische Erh&ouml;hung von Preisen und von Milit&auml;rausgaben beispielsweise &ndash; und stellt, wor&uuml;ber man sich keine Illusionen machen sollte, im Bedarfsfall auch einen Unterdr&uuml;ckungsapparat zur Verf&uuml;gung. Da weist Sheldon S. Wolin detailliert nach, welche Auswirkungen der Kalte Krieg auf die innere Verfasstheit der USA hatte. Ausf&uuml;hrlich geht er auf den offiziellen Bericht des Nationalen Sicherheitsrats an Pr&auml;sident Truman von 1950 ein. Das darin proklamierte konfrontative Weltbild in der Auseinandersetzung mit der Sowjetunion gilt heute ebenso gegen Russland. Tugend im Kampf gegen ein grenzenloses B&ouml;ses &ndash; so politisch naiv dieser Dualismus scheinen mag, ist er doch ein &bdquo;Lieblingskind vieler Mythen&ldquo;. Sheldon S. Wolin ist 2015 gestorben, doch hat er die Anf&auml;nge &bdquo;eines permanenten globalen Krieges&ldquo; auf scharfsinnige Weise vorausgesehen. <\/p><p>&bdquo;Dem amerikanischen Volk wird ein gro&szlig;es Ma&szlig; an Opfern und Disziplin abverlangt werden&ldquo;, hie&szlig; es schon 1950. &bdquo;Die Amerikaner werden sich aufgefordert sehen, einige der Annehmlichkeiten aufzugeben, die sie mit ihren Freiheiten verbinden.&ldquo; Da r&uuml;ckt einem der Gedanke nahe, wie Corona- und Ukraine-Krise aus verschiedenen Richtungen auf uns eingewirkt haben. &bdquo;Wir k&ouml;nnen auch mal frieren f&uuml;r die Freiheit&ldquo;, sagte Joachim Gauck, der bestimmt nicht frieren wird, doch von &bdquo;Freiheit&ldquo; bekanntlich eine verhimmelte Meinung hat.<\/p><p><strong>Demokratie und Kapitalismus widersprechen sich<\/strong><\/p><p>Es ist die Normalit&auml;t, in der wir leben, dass politische Entscheidungsstrukturen &bdquo;weitgehend von der gesellschaftlichen Basis abgekoppelt&ldquo; sind &bdquo;und sich gegen demokratische Kontrolle und Rechenschaftspflicht abgeschottet&ldquo; haben, wie Rainer Mausfeld in seiner Einleitung feststellt. &bdquo;Exekutivapparate, Parteien, Parlamentsfraktionen, Medien und &ouml;konomische Interessengruppen haben sich zu einer Organisationsform von Macht verschmolzen&ldquo;, mit der wir uns schon abgefunden haben. Den Unterschied zwischen Ideal und Wirklichkeit nehmen viele schon nicht mehr wahr.<\/p><p>Sheldon S. Wolin aber tr&auml;gt ihn schmerzhaft im Herzen. Er klammert sich an das Ideal und polemisiert, weil er die partikul&auml;re, &bdquo;fl&uuml;chtige Demokratie&ldquo; in eng begrenzten R&auml;umen f&uuml;r unzureichend h&auml;lt. Er will viel mehr Teilhabe, als sie die repr&auml;sentative Demokratie zul&auml;sst, die er eine &bdquo;Zuschauer-Demokratie&ldquo; nennt. Eine &bdquo;Wahl-Oligarchie&ldquo;. Wobei es doch eigentlich in der Natur der Sache liegt, dass wirkliche Demokratie, die auf dem Gleichheitsprinzip beruht, nicht zum Kapitalismus passt.<\/p><p>Entlarvend in diesem Zusammenhang die Worte des CDU-Politikers Norbert Bl&uuml;m 2006, die Rainer Mausfeld zitiert: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wir haben es mit einer Wirtschaft zu tun, die sich anschickt, totalit&auml;r zu werden, weil sie alles unter den Befehl einer &ouml;konomischen Ratio zu zwingen sucht. Aus Marktwirtschaft, das ist ein Segment, soll Marktgesellschaft werden. Das ist der neue Imperialismus. Er erobert nicht mehr neue Gebiete, sondern macht sich auf, Hirn und Herz der Menschen einzunehmen. Sein Besatzungsregime verzichtet auf k&ouml;rperliche Gewalt und besetzt Zentralen der inneren Steuerung des Menschen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Ein sch&ouml;ner Schein wird entlarvt<\/strong><\/p><p>Wolins Analyse gilt einem System, &bdquo;das vorgibt, das Gegenteil von dem zu sein, was es in Wirklichkeit ist&ldquo;. Ein sch&ouml;ner Schein wird entlarvt, der freilich ein einigerma&szlig;en bequemes Leben erm&ouml;glicht, so lange er aufrecht erhalten wird. &bdquo;Totale Macht auszu&uuml;ben &ndash; ohne dabei den Anschein zu erwecken, dies zu tun &ndash; ohne Konzentrationslager einzurichten, ohne ideologische Einheitlichkeit zu erzwingen oder Andersdenkende gewaltsam zu unterdr&uuml;cken, solange sie wirkungslos bleiben&ldquo;, darin sieht Wolin gar eine &bdquo;Genialit&auml;t&ldquo; des Systems. <\/p><p>Da pr&auml;gt sich einem auch Noam Chomskys Diagnose ein, die ebenfalls in der Einleitung zitiert wird: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Der intelligente Weg, Menschen passiv und f&uuml;gsam zu halten, besteht darin, das Spektrum akzeptabler Meinungen strikt zu begrenzen, aber eine sehr lebhafte Debatte innerhalb dieses Spektrums zu erm&ouml;glichen &ndash; und sogar kritischere und sogar abweichende Ansichten zu f&ouml;rdern. Das gibt den Menschen das Gef&uuml;hl, dass freies Denken stattfindet, w&auml;hrend die Voraussetzungen des Systems immer wieder durch die Grenzen des zul&auml;ssigen Bereichs der Debatte verfestigt werden.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Systemstabilisierend nach innen und k&auml;mpferisch nach au&szlig;en, ist der Begriff &bdquo;Demokratie&ldquo; ein &bdquo;Markenname f&uuml;r ein Produkt, das zu Hause kontrollierbar und im Ausland vermarktbar ist&ldquo;, wie Wolin feststellt. Dabei kann es sogar sein, dass Joe Biden aus tiefstem Herzen selber glaubt, was er in seiner Politik zum Ausdruck bringt: dass die USA der Nabel der Welt sind, sozusagen eine g&ouml;ttlich gesandte Macht, legitimiert, &uuml;berall, wo auch immer, einzugreifen, wenn die eigenen Interessen zur Disposition stehen. Wobei anderen V&ouml;lkern und Staaten solche Interessen abgesprochen werden.<\/p><p><strong>US-Hegemonie als Priorit&auml;t<\/strong><\/p><p>Auf eine seltsam selbstverst&auml;ndliche Weise &ndash; sozusagen in Abwandlung des ber&uuml;hmt-ber&uuml;chtigten Zitats von Emanuel Geibel (1815-1884): &bdquo;Am deutschen Wesen soll die Welt genesen&ldquo; &ndash; wird hier ein Nationalismus zelebriert, der gerade vor dem Hintergrund deutscher Vergangenheit alarmieren muss. Wie sich missionarischer Anspruch mit milit&auml;rischen Ambitionen verband, m&uuml;sste uns eigentlich bekannt sein.<\/p><p>Mit der sogenannten Bush-Doktrin von 2002, die im Buch ausf&uuml;hrlich behandelt wird, war die Ausweitung der US-Hegemonie als oberste Priorit&auml;t festgeschrieben, eingeschlossen das Recht, Pr&auml;ventivkriege zu f&uuml;hren und Gewalt gegen Staaten anzuwenden, die sich der Vorherrschaft zu widersetzen suchen. Vor allem Russland und China sollten &bdquo;einged&auml;mmt&ldquo; werden. Dass aufstrebende, ehrgeizige M&auml;chte nun ebenso auf ihren Interessen bestehen und sich dem Hegemon nicht unterzuordnen gedenken, dieses Entstehen einer multipolaren Weltordnung, wird &uuml;ber den Ukraine-Konflikt hinaus f&uuml;r Turbulenzen sorgen, in denen Europa an einen gef&auml;hrlichen Scheideweg kommt. <\/p><p>Das dicke Buch von Sheldon S. Wolin ist so inhaltsschwer, dass hier nicht alles im Einzelnen referiert werden kann. Wichtigster Gewinn der Lekt&uuml;re: Aus dem Gew&ouml;lbe ideologisch gepr&auml;gter Vorstellungen herauszutreten und einen Au&szlig;enstandpunkt einzunehmen, sich also angesichts verbreiteter Affektkommunikation in rationaler Distanz zu &uuml;ben. Analytisches Herangehen im aufkl&auml;rerischen Sinne als Mittel gegen die Ohnmacht, vor einer verwirrenden Realit&auml;t wie bl&ouml;d dazustehen.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><em>Sheldon S. Wolin <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/buecher\/politik\/theorie\/umgekehrter-totalitarismus.html\">Umgekehrter Totalitarismus. Faktische Machtverh&auml;ltnisse und ihre zerst&ouml;rerischen Auswirkungen auf unsere Demokratie. Mit einer Einf&uuml;hrung von Rainer Mausfeld.<\/a> Westend Verlag, 462 S., geb., 36 &euro;. <\/em><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>Titelbild: Sergey Tinyakov \/ Shutterstock<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Welchen Inszenierungen wir ausgesetzt sind und wie wir sie durchschauen k&ouml;nnen: Der US-amerikanische Politikwissenschaftler Sheldon S. Wolin bietet in seinem Band &bdquo;Umgekehrter Totalitarismus&ldquo; eine scharfsinnige Analyse neoliberaler Herrschaft. 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