{"id":8292,"date":"2011-02-12T10:03:49","date_gmt":"2011-02-12T09:03:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=8292"},"modified":"2014-07-28T15:30:41","modified_gmt":"2014-07-28T13:30:41","slug":"demokratie-von-oben-oder-wie-die-folgen-der-politik-den-buerger-zum-aufbegehren-brachte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=8292","title":{"rendered":"Demokratie von OBEN oder wie die Folgen der Politik den B\u00fcrger zum Aufbegehren brachte."},"content":{"rendered":"<p>Vortrag von Wolfgang Lieb&nbsp; auf dem <a href=\"http:\/\/www.derkongressbloggt.de\/\">1. K&ouml;lner Blogger-Kongress<\/a>, am 12. Februar 2011 im K&ouml;lner Kunsthaus Rhenania.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Demokratie von OBEN oder wie die Folgen der Politik&nbsp;den B&uuml;rger zum Aufbegehren brachte<\/strong><\/p><p>Der britische Politikwissenschaftler Colin Crouch  hat den Begriff &bdquo;Postdemokratie&ldquo; gepr&auml;gt. Er beschreibt damit zwar die formale Fortexistenz demokratischer Institutionen, hinter deren Fassade aber eine <a href=\"http:\/\/www.linksnet.de\/de\/artikel\/25970\">weitreichende Selbstaufgabe der Politik<\/a> stattgefunden hat. <\/p><p>In einer Gesellschaft gibt es aber kein Vakuum der Macht. In dem Ma&szlig;e, in dem die Politik ihre Macht selbst abgegeben hat, hat es eine Verlagerung der Macht- und Entscheidungszentren auf die &ouml;konomischen und publizistischen Eliten gegeben. M&auml;chtige Oligopole haben sich mit ihrer einzelbetrieblichen Unternehmenslogik gegen gesamtwirtschaftliches Denken oder &ndash; allgemeiner ausgedr&uuml;ckt &ndash; gegen das Wohl und die Interessen der Allgemeinheit durchgesetzt. <\/p><p>Die Eindimensionalit&auml;t der &ouml;konomischen Denkwelt der sprichw&ouml;rtlichen &bdquo;schw&auml;bischen Hausfrau&ldquo;, wie sie sich etwa beim sog. &bdquo;Sparpaket&ldquo; oder bei der &bdquo;Schuldenbremse&ldquo; durchgesetzt hat, ist zum herrschenden &bdquo;Weltbild&ldquo; der Eliten geworden. Die kleine Minderheit &bdquo;der da Oben&ldquo; hat es mit Hilfe der allein herrschenden Lehre der &Ouml;konomen, mit Unterst&uuml;tzung unkritischer Medien und mit politischer Korruption geschafft, das neoliberale Leitbild zur Staatsr&auml;son zu machen und eine &bdquo;Verbetriebswirtschaftlichung des Gemeinwesens&ldquo; (Heribert Prantl) durchgesetzt.<br>\nDie Klientelpolitik der derzeitigen Bundesregierung zugunsten der Banken, der Versicherungswirtschaft, der Energiekonzerne, der Pharmaindustrie oder der exportorientierten multinationalen Konzerne ist nur ein Abbild dieser neuen Staatr&auml;son. <\/p><p>Ich m&ouml;chte im Folgenden ein paar Einblicke geben, wie diese &bdquo;Demokratie von OBEN&ldquo; funktioniert.<\/p><p>Es sind beispielhafte Einblicke und kein Gesamtbild, aber diese Einblicke lie&szlig;en sich mit vielen weiteren, die Sie aus Ihrem eigenen Erfahrungshintergrund kennen, leicht zu einem Gesamtbild erg&auml;nzen.<\/p><p><strong>Die Banken- oder Finanzkrise<\/strong><\/p><p>Ich beginne mit der Banken- oder Finanzkrise, weil sich dabei die Krise des Systems am umfassendsten darstellen l&auml;sst:<\/p><p>Durch die Finanzkrise sind weit  gr&ouml;&szlig;ere und schwerer zu behebende Sch&auml;den verursacht worden als durch alle anderen &bdquo;Kapitalverbrechen&ldquo; zusammen. Im Vergleich zu den weltweiten verheerenden Auswirkungen der Bankenkrise erscheinen die schon schlimmen Sch&auml;den, die durch organisierte Kriminalit&auml;t oder die Mafia verursacht werden, nur noch wie Mundraub. Die Banker haben mehr Menschen auf dem Gewissen als mancher afrikanische Warlord, sagt der UN-Berater Jean Ziegler. Es sind nicht nur Verm&ouml;genssch&auml;den in unvorstellbarer Billionenh&ouml;he entstanden, die Existenz von Millionen von Menschen wurde bedroht, ihre Arbeitspl&auml;tze und ihre soziale Sicherheit aufs Spiel gesetzt, Familien zerst&ouml;rt und die k&ouml;rperliche und seelische Gesundheit zahlloser Kinder und Erwachsener verletzt. <\/p><p>Noch ist nicht abzusehen wie hoch &ndash; &uuml;ber die schon geleisteten Milliardenzusch&uuml;sse und unfassbar hohen Kreditgarantien f&uuml;r die Rettung der Banken hinaus &ndash; die &ouml;ffentlichen Haushalte in den n&auml;chsten Jahren belastet werden. Doch schon jetzt ist ziemlich klar, dass die Schuldenlast von denjenigen abgetragen werden muss, die mit der Finanzwirtschaft allenfalls dadurch in Ber&uuml;hrung kamen, dass sie einen Kredit aufnehmen mussten. Noch viele Generationen werden nicht nur die Zinslasten zu tragen haben.<\/p><p>Kaum einer der Verursacher und nur ganz Wenige der Verantwortlichen sind bisher zur Rechenschaft gezogen worden. Im Gegenteil, die Banken, die l&auml;ngst pleite w&auml;ren, wurden mit Steuermitteln in bisher unvorstellbarer Milliardenh&ouml;he gerettet. Und die Banker sind noch immer auf ihren Posten, ja, mehr noch, sie machen weiter, als w&auml;re nichts gewesen, und wenn es ganz schlimm kommt, werden sie mit Millionenabfindungen entsorgt. <\/p><p>Das Tarnwort, hinter dem sich all dieses geradezu kriminelle Verhalten verbergen kann, lautet &bdquo;systemrelevant&ldquo;. <\/p><p>Ja, die Rettung der Banken ist relevant f&uuml;r die Rettung des ganzen f&uuml;r die Krise verantwortlichen Systems. Hinter dem Tarnwort &bdquo;systemrelevant&ldquo; wird das systemische Versagen nicht nur des Finanzkapitals, sondern auch von Politik, Medien, Wissenschaft und der Justiz vertuscht. <\/p><p>Mit der Behauptung, alle Banken seien systemrelevant, haben die verb&uuml;ndeten Paten aus Bankenwelt und Politik auch die wenigen potentiellen Kritiker in den Medien und der sich gebildet w&auml;hnenden &Ouml;ffentlichkeit stillgestellt und sie haben damit zugleich den Weg geebnet f&uuml;r eine unglaubliche und politisch korrupte Verschleierung der Rettungsaktionen.<\/p><p><strong>I. Das &bdquo;Kapital&ldquo;-Verbrechen der Banken<\/strong><\/p><p>Die Banker haben im landl&auml;ufigen Sinne belogen und betrogen und sie haben es geschafft ihre Gewinne zu privatisieren und ihre Verluste zu sozialisieren. <\/p><p>Viele Finanzberater wussten oder ahnten von den Risiken der Zertifikate, die sie als Vertrauenspersonen f&uuml;r ihre Kunden aber dennoch anboten, denn sie lebten von den Verkaufsprovisionen, die umso h&ouml;her waren, je h&ouml;her das Risiko war, das sie den Anlegern unterjubeln konnten. Sie nutzten ihre Autorit&auml;t als Fachleute und spiegelten falsche Sicherheit vor oder verschwiegen Risiken und lie&szlig;en ihre Kunden im falschen Glauben an die Werbeversprechen und verschafften sich und anderen Vorteile. Das erf&uuml;llt den Tatbestand des Betrugs. Von jedem Handwerker oder jedem Kfz-H&auml;ndler werden mehr Sorgfaltspflichten abverlangt und sie unterliegen einer strengeren Haftung.<br>\nWir wissen inzwischen, dass viele Berater von &bdquo;Finanzoptimierern&ldquo; wie etwa Maschmeyers AWD  geradezu als &bdquo;Dr&uuml;ckerkolonnen&ldquo; eingesetzt wurden und oft gar nicht anders konnten, um ihr Einkommen zu sichern.  <\/p><p>Die Banken haben nicht mehr durchschaubare, giftige Kreditderivate zusammen gepackt und als rentierliche, hochinnovative Finanzprodukte weiterverkauft. Und wieder andere haben diese geb&uuml;ndelten faulen Forderungen, von denen sie eigentlich wissen mussten, dass sie ihren Preis nicht wert waren, weiterverkauft. In der Umgangssprache nennt man das Hehlerei.<\/p><p>Dass die Banker genau wussten, was sie taten, zeigte sich sp&auml;testens als die von ihnen ausgebrachten Kettenbriefe aufgeflogen sind. Pl&ouml;tzlich haben sie sich selbst nicht mehr &uuml;ber den Weg getraut und haben sich nicht einmal mehr untereinander Geld geliehen. Der sog. Interbankenverkehr brach zusammen.<\/p><p>Nach Betrug und Hehlerei folgte die Erpressung.<br>\nWie etwa im <a href=\"upload\/pdf\/090708_protokoll_hre.pdf\">Protokoll [PDF &ndash; 2 MB]<\/a> der zum Drama hochgespielten Nachtsitzung zur Rettung der Hypo Real Estate vom 28. September 2008  nachzulesen, drohte der Deutsche Bank-Chef Ackermann mit dem &bdquo;Tod des deutschen Bankensystems&ldquo; als er und die versammelten Top-Banker von der Kanzlerin und dem Finanzminister die erste Rate von 8,5 Milliarden Staatsgelder abpresste. Dass dies nur die erste Abschlagszahlung des Fiskus auf die inzwischen auf 142 Milliarden angewachsene Summe allein f&uuml;r die HRE war, f&uuml;r die die Steuerzahler gerade stehen m&uuml;ssen, das wussten oder ahnten die versammelten Banker mit ziemlicher Sicherheit schon an diesem Abend.<br>\nSich durch Androhung eines empfindlichen &Uuml;bels zu Lasten eines anderen zu bereichern, das erf&uuml;llt den Tatbestand der Erpressung.<\/p><p>Den weiteren Verlauf kennen wir alle: Im Hau-Ruck-Verfahren unter ma&szlig;geblicher Anleitung der Banker wurde ein sog. Bankenrettungsschirm aufgeklappt mit 400 &uuml;ber Milliarden als Refinanzierungsgarantie, mit 80 Milliarden direkten Kapitalhilfen und einem sog. &bdquo;Stabilisierungsfonds&ldquo; von bis zu 100 Milliarden.<\/p><p>Das Parlament hat sich bei diesen Entscheidungen im Hau-Ruck-Verfahren selbst entmachtet und bis heute ist der Sonderfonds Finanzmarktstabilisierung &ndash; SoFFin &ndash; einer echten Kontrolle entzogen. &Uuml;ber eine halbe Billion Steuergelder &ndash; das ist mehr als das Anderthalbfache des Bundeshaushalts und mehr als ein F&uuml;nftel der Jahresleistung unserer gesamten Volkswirtschaft &ndash; wird quasi ohne &ouml;ffentliche Kontrolle von einem Netz von Insidern und Verursachern der Krise verf&uuml;gt.  <\/p><p>Nach Ausbruch der Krise backten backten die Banker eine kurze Weile kleine Br&ouml;tchen. Man r&auml;umte &bdquo;Fehleinsch&auml;tzungen&ldquo; und &bdquo;Irrt&uuml;mer&ldquo; ein, von individueller Schuld oder gar kriminellen Handlungen war allerdings nie die Rede. <\/p><p>Nach dem ersten Schock wurde das havarierte System bald wieder verteidigt zumal die deutschen Banker es schafften, den &ouml;ffentlichen Eindruck zu erwecken, dass sie selbst mit dem Entstehen der Finanzkrise nicht das Geringste zu tun h&auml;tten.<br>\nDa sie dank Steuerzahlers Hilfe ihre Sch&auml;fchen ins Trockene bringen konnten und die Politik bisher nichts oder kaum etwas dagegen unternommen hat, ihre miesen Gesch&auml;fte zu kontrollieren, machen sie weiter wie bisher.<br>\nAckermann protzt schon wieder mit zweistelligen Renditezielen und kassierte 9,4 Millionen Euro im Krisenjahr.<\/p><p>Wahrheitswidrig aber systematisch hat der Deutsche Bank-Chef Ackermann verbreiten lassen, seine Bank sei ohne &ouml;ffentliche Gelder ausgekommen. Das ist eine Finte. Allein durch die &ouml;ffentliche Rettung der HRE hat die Deutsche Bank &uuml;ber 2 Milliarden gerettet, die sie der Pleitebank ohne Sicherheiten geliehen hatte und die sich in Luft aufgel&ouml;st h&auml;tten, w&auml;ren wir Steuerzahler nicht eingesprungen. 12 Milliarden US-Dollar erhielt die Deutsche Bank von den amerikanischen Steuerzahlern durch die Rettung des Versicherungskonzerns AIG. Aber die Irref&uuml;hrung der &Ouml;ffentlichkeit verschwindet hinter einem bezaubernden L&auml;cheln und dem einschmeichelnden Schweizer Akzent des Deutsche-Bank-Chefs. <\/p><p>Einige wenige verantwortlichen Vorst&auml;nde traten zur&uuml;ck oder wurden zur&uuml;ckgetreten, aber mit dem Hinweis sie tr&uuml;gen keinerlei pers&ouml;nliche Schuld kassieren sie schamlos ihre &bdquo;Erfolgstantiemen&ldquo; und ihre millionenschwere Abfindungen &ndash; und das teilweise sogar finanziert aus den staatlichen Hilfsgeldern. <\/p><p>Der <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/unternehmen\/0,1518,686934,00.html\">SPIEGEL berichtete<\/a>, dass ein einzelner Hedge-Fonds-Manager namens David Tepper im Jahre 2009 4 Milliarden Dollar kassierte, nur weil er darauf wettete, dass die US-Regierung nach Lehman Brothers nicht noch weitere Banken Pleite gehen lassen w&uuml;rde. Eine zynische Wette auf die Dummheit und den Langmut der Steuerzahlerinnen und Steuerzahler.<\/p><p>Die Banker haben Sch&auml;den in Milliardenh&ouml;he hinterlassen aber f&uuml;r den Schaden von einer Pfandflasche oder von ein paar aus dem Abfall geholten Maultauschen werden andere per Gerichtsbeschluss ihrer beruflichen Existenz beraubt. Ganze Gef&auml;ngnisse sind voller U-Bahn-Schwarzfahrer, die ihre Strafgeb&uuml;hren nicht bezahlen k&ouml;nnen. <\/p><p>Die Oben l&auml;sst man laufen, die unten werden geh&auml;ngt. Wir sind wieder im Feudalismus angekommen. <\/p><p><strong>II. Das systemische Versagen der Justiz<\/strong><\/p><p>Wer nun erwartet h&auml;tte, die Justiz w&uuml;rde sich mit diesen kriminellen Handlungen der Banker befassen, sieht sich ge- und entt&auml;uscht.<br>\nDie Justiz w&auml;scht ihre H&auml;nde in Unschuld und zieht sich auf den Standpunkt zur&uuml;ck, das Strafrecht k&ouml;nne nicht sanktionieren, was das Aktien-, Handels- Bilanz- oder Kapitalmarktrecht erlaube. <\/p><p>Die origin&auml;re Aufgabe des Strafrechts ist der Schutz des friedlichen Zusammenlebens der Menschen. Kaum etwas anderes aber hat in j&uuml;ngerer Zeit den inneren Frieden der Gesellschaft so zerr&uuml;ttet wie die Finanzkatastrophe.<br>\nDie Wiedergutmachung eines Schadens geh&ouml;rt zu den grundlegenden Rechtsprinzipien.<br>\nDie Straftatbest&auml;nde der Untreue, des Betrugs, der Hehlerei und der Erpressung sind erf&uuml;llt, doch der &bdquo;h&ouml;lzerne Handschuh&ldquo; des Strafrechts (Heribert Prantl) packt nicht zu. Die wenigen bisherigen Strafverfahren gegen Verantwortliche lassen nicht erwarten, dass je ein Bankvorstand oder je ein Politiker f&uuml;r eingetretene Verluste ernsthaft zur Verantwortung gezogen w&uuml;rde oder gar haften m&uuml;sste.<\/p><p>Das Strafrecht ist auf derartige Herausforderungen gar nicht vorbereitet. Der fr&uuml;here Vorstandsvorsitzende der Mittelstandsbank IKB wurde angeklagt. Aber nicht wegen der vielen Milliarden Euro, die w&auml;hrend seiner Amtszeit in heute nicht mehr handelbare Derivative versenkt wurden. Ihm wird u.a. als Untreue vorgeworfen, auf Bankkosten eine &uuml;berteuerte Hifi-Anlage gekauft zu haben.<\/p><p>Die Mittel und M&ouml;glichkeiten des Strafrechts nehmen offenbar in dem Ma&szlig; ab, je mehr Nullen an einer Schadenssumme h&auml;ngen. Dem &bdquo;Too big to fail&ldquo; folgt das &bdquo;too big for justice&ldquo;.<\/p><p>Polizei, Staatsanwaltschaften, Richter sind ma&szlig;los &uuml;berfordert, um Rechtswidrigkeit und Schuld von einzelnen Verantwortlichen nachzuweisen. Sie verirren sich in einem undurchdringlichen Gestr&uuml;pp von Rechtsvorschriften und sie versinken in einem Meer von Beweismaterial und Datenmengen im zwei- bis dreistelligen Terabyte-Bereich. <\/p><p>Zwischen Strafjustiz und den Bankern besteht ohnehin keine Waffengleichheit. Die Banker r&uuml;cken mit ganzen Kolonnen h&ouml;chstbezahlter Anw&auml;lte an, dagegen sind die Staatsanw&auml;lte meist hilflos unterlegen. Und wenn sie wie im Fall Zumwinkel hart zugreifen, dann laufen sie Gefahr von Oben versetzt oder wie einige hartn&auml;ckige Steuerpr&uuml;fer in Hessen von Oben mit psychiatrischen Gutachten dienstunf&auml;hig erkl&auml;rt zu werden<\/p><p>Da sagt man doch lieber gleich, es liegt ein Marktversagen vor. Gegen Systemkriminalit&auml;t gibt es kein Sanktionsrepertoire.<\/p><p>Und sollte es tats&auml;chlich einmal zu einer Verurteilung kommen, so verweisen die Angeklagten sp&auml;testens in der Revisionsinstanz auf die Gutachten von Wirtschaftspr&uuml;fern oder die Bewertung von Ratingagenturen, auf die sie sich verlassen konnten, und die Richter greifen dann wie im Fall Vodafone bei Ackermann auf die Rechtsfigur des &bdquo;unvermeidbaren Verbotsirrtums&ldquo;. Die verantwortlichen in den Gro&szlig;banken werden geradezu &bdquo;systemisch&ldquo; von strafrechtlicher Verantwortung freigesprochen.<\/p><p>Die Finanzkrise offenbart eine <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/wirtschaft\/258\/449981\/text\/\">systemische Krise des Strafrechts<\/a>, es gibt kein Sanktionsrepertoire gegen Systemkriminalit&auml;t von oben. <\/p><p><strong>III. Das systemische Versagen der Politik<\/strong><\/p><p>Hinter dem &bdquo;systemischen&ldquo; Risiko verbirgt sich ein systemisches Versagen der Politik.<\/p><p>Die verantwortlichen Politiker tun so, als h&auml;tten sie mit den Ursachen des Bankenkollapses nichts zu tun, ja &ndash; mehr noch &ndash;  sie lassen sich inzwischen sogar als &bdquo;Retter&ldquo; feiern. Sie tun so, als habe uns die Finanzkatastrophe wie ein Tsunami  &ndash; ausgel&ouml;st durch ein fernes Erdbeben &ndash; &uuml;berrollt. <\/p><p>Dabei hatte die Politik auf vielf&auml;ltige Weise die Roulettemaschine des Casinos erst richtig in Schwung gebracht. 2005 r&uuml;hmte sich etwa der damalige Bundesfinanzminister auf seiner regierungsoffiziellen Website: Die Bundesregierung habe in den vergangenen Jahren wichtige Stufen erklommen auf dem Weg zu einem erfolgreichen Finanzplatz Deutschland in Europa und der Welt. Oder: die gewaltigen Potenziale des deutschen Finanzmarktes m&uuml;ssten als Motor f&uuml;r Wachstum und Besch&auml;ftigung vollst&auml;ndig <a href=\"http:\/\/www.bundesfinanzministerium.de\/nn_1928\/DE\/Wirtschaft__und__Verwaltung\/Geld__und__Kredit\/Aufgaben__und__Ziele\/Das__Ziel__fest__im__Blick.html\">ausgesch&ouml;pft werden<\/a>.<\/p><p>Von 2001 bis Oktober 2008 wurden insgesamt 35 Gesetze und Ma&szlig;nahmen auf dem Finanzsektor auf den Weg gebracht und durch das Parlament geschleust: 2002 bedurfte die Forderungsverwaltung durch ausgelagerte Zweckgesellschaften keiner Erlaubnis mehr, 2003 wurden Verbriefungen gef&ouml;rdert und erleichtert, der Ankauf von Kreditforderungen eines Kreditinstituts durch eine unkontrollierte Zweckgesellschaft wurde von der Gewerbesteuer und unter bestimmten Umst&auml;nden von der Umsatzsteuer ausgenommen, 2004 wurden Hedgefonds zugelassen oder es wurden die Gewinne beim Verkauf von Unternehmen und Unternehmensteilen steuerfrei gestellt und so das Auspl&uuml;ndern gesunder Betriebe geschmiert und  Tausende Arbeitspl&auml;tze vernichtet. <\/p><p>Finanzminister Steinbr&uuml;ck nannte das Kapitel &bdquo;Finanzmarktpolitik&ldquo; einen Eckpfeiler im Koalitionsvertrag der Gro&szlig;en Koalition. J&ouml;rg Assmussen, Hans Eichel, Peer Steinbr&uuml;ck haben das hohe Lied vom Finanzplatz Deutschland gesungen. Mit gl&auml;nzenden Augen schauten sie auf die Londoner City und auf die New Yorker Wall Street, treuherzig und unterw&uuml;rfig bewunderten sie die Investmentbanker mit ihren Milliarden Boni und Verg&uuml;tungen. <\/p><p>Bei der Gesetzgebung f&uuml;hrte die Finanzwirtschaft die Feder. Mitarbeiter von Finanzinstituten wurden in die Ministerien abgeordnet. Die Gesetzentw&uuml;rfe schrieben oft die Gleichen, die die Banken berieten. So entwarf etwa die Kanzlei Freshfields die Gesetzesvorlage zur Verstaatlichung der Hypo Real Estate. Im Standesrecht von normalen Anw&auml;lten nennt man das &bdquo;Parteiverrat&ldquo;.<\/p><p>Die Politik hat sich auf blo&szlig;e Hand- und Spanndienste f&uuml;r hochqualifizierte Verschw&ouml;rer reduziert. Ja mehr noch, viele Politiker sa&szlig;en w&auml;hrend und nach ihrer Amtszeit mit im Boot der Banker. Der ehemalige Superminister Wolfgang Clement bei der Citigroup, der ehemalige wirtschaftspolitische Sprecher der CDU Friedrich Merz beim Hedgefonds TCI, der ehemalige Bundeskanzler Schr&ouml;der verdingte sich als Festredner des Hedgefonds-Anbieters Superfund. Mit dem fr&uuml;heren Chefvolkswirt der Europ&auml;ischen Zentralbank Otmar Issing &ndash; er war danach Berater der Pleitebank Lehmann Brothers und von Goldman Sachs &ndash; machte die Kanzlerin den Bock zum G&auml;rtner und berief ihn zum Vorsitzenden der Kommission zur Reform der internationalen Finanzm&auml;rkte. Die Liste der Namen, die die Seite wechselten, lie&szlig;e sich beliebig verl&auml;ngern. Die Dreht&uuml;r zwischen Politik und Finanzwirtschaft dreht sich schneller als ein Ventilator.<\/p><p>Um von ihrem vorausgegangenen Tun abzulenken, haben uns Politiker den B&auml;ren aufgebunden, die Finanzkrise komme aus den USA, sie habe uns &uuml;berfallen wie ein &bdquo;Springinsfeldteufel&ldquo; &ndash; so redete etwa Steinbr&uuml;ck. Sie haben uns eingeredet, die Finanzkrise habe mit der Insolvenz von Lehman Brothers begonnen. Alle diese Ausfl&uuml;chte waren glatt gelogen: Schon im Februar 2003 berichtete das Handelsblatt, dass Steinbr&uuml;cks Amtsvorg&auml;nger, Hans Eichel zusammen mit Schr&ouml;der und Clement mit den Spitzen von Banken und Versicherungen zusammentreffen wollten, um &uuml;ber die Gr&uuml;ndung einer Bad Bank zur Auslagerung fauler Kredite zu beraten. Schon damals sch&auml;tzten Fachleute den Bestand der deutschen Banken an &bdquo;notleidenden Krediten&ldquo; auf 150 bis 160 Milliarden Euro.<\/p><p>Nach Angaben von Wolfgang Hetzer vom European Anti-Fraud Office (OLAF) hatte die Bundesanstalt f&uuml;r Finanzdienstleistungen (BaFin) schon im Jahre 2007 &ndash; also lange bevor uns angeblich der Teufel aus den USA ansprang &ndash;  ca. 750 Analysen zu m&ouml;glichen F&auml;llen von Insiderhandel und Marktmanipulation angefertigt, 103 neue Untersuchungen eingeleitet und in 42 F&auml;llen gegen 113 Personen Strafanzeige erstattet. Durchgedrungen ist die Aufsicht damit offenbar nicht.<\/p><p>Niemand h&auml;lt nach, dass dem systemischen Risiko eine systemische politische Korruption vorausging.<\/p><p><strong>IV. Das systemische Versagen der Wirtschaftswissenschaften<\/strong><\/p><p>Die Finanzkrise ist ein Beleg f&uuml;r das systematische Versagen der herrschenden &ouml;konomischen Lehre.<\/p><p>Es waren nur ganz wenige Wirtschaftswissenschaftler, die vor einer Krise gewarnt haben, die allermeisten wurden von der Krise v&ouml;llig &uuml;berrascht oder noch mehr: sie wollten von Krisengefahren nichts wissen. Sie haben die Finanzkrise zuerst nicht kommen sehen &ndash; und danach nicht geglaubt, dass sie sich zur Wirtschaftskrise auswachsen w&uuml;rde.<\/p><p>Noch am 10. Oktober 2008, also nachdem Ackermann schon den &bdquo;Tod des Bankensystems&ldquo; an die Wand malte, meinte laut Bild-Zeitung Deutschlands &bdquo;bester &Ouml;konom&ldquo;  Hans-Werner Sinn, das Geld bei deutschen Banken sei sicher.<\/p><p>Die radikalsten Marktliberalen &ndash; wie etwa Prof. Juergen B. Donges, emeritierter Wirtschaftswissenschaftler der Uni K&ouml;ln und Botschafter der INSM &ndash; blicken bis heute nicht &uuml;ber ihre ideologischen Scheuklappen und erkl&auml;ren die Finanzmarktkrise schlicht als Staatsversagen. Niedrige Zinsen und Geldvermehrung der amerikanischen Zentralbank seien die eigentliche Ursache, behauptet er. <\/p><p>Wie in kaum einem anderen Land galt unter Deutschlands Wirtschafswissenschaftlern die absolut herrschende Meinung, dass die &bdquo;M&auml;rkte&ldquo; zu einer angemessenen Preisbildung f&uuml;hren, dass sich der Staat sich aus den M&auml;rkten m&ouml;glichst herauszuhalten hat und der unregulierte, freie Wettbewerb zu &bdquo;effizienten&ldquo; Ergebnissen f&uuml;hre. Seit Jahrzehnten haben die Wirtschaftweisen des Sachverst&auml;ndigenrates, die Konjunkturforschungsinstitute und die allermeisten wirtschaftswissenschaftlichen Lehrst&uuml;hle nichts Wichtigeres zu tun, als dieses Dogma zu verteidigen und der Politik anzudienen. <\/p><p>Der Monetarismus oder angebotsorientierte, der Unternehmerlogik folgende Lehren verdr&auml;ngten nachfrageorientierte oder makro&ouml;konomische Ans&auml;tze nahezu vollst&auml;ndig. Wirtschaftsempirische Forschung &uuml;ber Marktversagen fand in Deutschland praktisch nicht statt. Konjunkturst&uuml;tzende Ma&szlig;nahmen des Staates etwa galten als &bdquo;Strohfeuer&ldquo;. Der Lohn als Nachfragefaktor spielte in den Modellen keine Rolle.<\/p><p>Es gab geradezu einen Herdentrieb. Lohndumping, Unternehmenssteuersenkungen, Deregulierung, Flexibilisierung, Privatisierung und  schwacher Sozialstaat galten als die Erfolgsrezepte im Standortwettbewerb. Diese Rezepte galten als &bdquo;alternativlos&ldquo;, Bundeskanzler Schr&ouml;der nannte sie &bdquo;objektiv notwendig&ldquo;. Bei jedem Scheitern, wurde immer nur eine Erh&ouml;hung der Dosis der gleichen Rezeptur empfohlen.<br>\nIn ihrem Dogmatismus haben sie nicht nur gegen die Prinzipien der Wissenschaftlichkeit versto&szlig;en, viele sog. Experten, wie etwa Raffelh&uuml;schen, van Suntum, R&uuml;rup, Miegel, B&ouml;rsch-Supan, Zimmermann, H&uuml;ther usw. &ndash; Sie kennen sie alle aus den Medien &ndash;   waren ganz unmittelbar mit der Wirtschaft oder ihren PR-Agenturen verbunden.<\/p><p>Als Denkfabriken getarnte Propaganda-Agenturen wie etwa Mont-P&egrave;lerin-Gesellschaft, die Hayek Stiftung, das Institut der deutschen Wirtschaft (IW), der Kronberger Kreis, die Stiftung Marktwirtschaft, die Heinz Nixdorf Stiftung, die Ludwig-Erhard-Stiftung oder die Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft vor allem die Bertelsmann Stiftung und die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft unterzogen die gesamte &Ouml;ffentlichkeit einer Gehirnw&auml;sche.<\/p><p>Wissenschaftler und gesellschaftlichen Kr&auml;fte, die Alternativen zum neoliberalen Dogma vorschlugen, konnten dem bestehenden Propagandaapparat nichts mehr entgegen setzen. Die Gleichschaltung wurde bestenfalls noch durch sporadische Kritik aus dem Ausland gest&ouml;rt:<br>\nNobelpreistr&auml;ger Paul Krugmann etwa nannte Steinbr&uuml;ck einen &bdquo;Dummkopf&ldquo;, der Chefvolkswirt der US-Investmentbank Goldman Sachs Jim O&rsquo;Neill oder Nobelpreistr&auml;ger Robert Solow hielten ihren deutschen Kollegen &bdquo;absurde Vorstellungen&ldquo; vor. Auch der Pr&auml;sident der franz&ouml;sischen Konjunkturforschung warnte die Kollegen seiner Zunft im Nachbarland.<br>\nRobert Skidelsky zog in seinem Buch &ldquo;Keynes f&uuml;r das 21. Jahrhundert&rdquo; ein gnadenloses Fazit: Die Krise ist &ldquo;das Resultat des intellektuellen Versagens der wirtschaftswissenschaftlichen Profession&rdquo; und sie erwies &ldquo;die ungl&uuml;ckselige Nutzlosigkeit des gr&ouml;&szlig;ten Teils der derzeit tonangebenden akademischen monet&auml;ren &Ouml;konomie.&rdquo;<\/p><p>Wer von &bdquo;systemischer&ldquo; Krise spricht, wei&szlig; offenbar gar nicht, was er damit sagt: Es ist die Krise des Systems, das die &Ouml;konomen wissenschaftlich untermauert haben.<br>\nDie Finanz- und Wirtschaftskrise m&uuml;sste die herrschende &Ouml;konomie in eine Sinnkrise gest&uuml;rzt haben. Doch eine grundlegende Debatte &uuml;ber eine wirtschaftspolitische Wende oder gar einen Neubeginn findet nicht statt.<br>\nEs gilt nach wie vor das Prinzip: Umso schlimmer f&uuml;r die Praxis, wenn sie unserer Theorie nicht folgt.<\/p><p><strong>V. Das systemische Versagen der Medien<\/strong><\/p><p>&bdquo;Der tagesaktuelle deutsche Wirtschaftsjournalismus stand dem globalen Finanzmarkt gegen&uuml;ber wie ein ergrauter Stadtarchivar dem ersten Computer mit einer Mischung aus Ignoranz und Bewunderung, ohne Wissen, wie er funktioniert, ohne Ahnung von den folgenreichen Zusammenh&auml;ngen, die sich aufbauen; im Zweifel schloss man sich der vorherrschenden Meinung an. Die weltweite Krise des Finanzmarktes, die globale Krise der Gro&szlig;en Spekulation, l&ouml;ste auch eine Krise des Wirtschaftsjournalismus aus&ldquo;, so fassen <a href=\"http:\/\/www.otto-brenner-shop.de\/publikationen\/obs-arbeitshefte\/shop\/wirtschaftsjournalismus-in-der-krise-ah63.html\">Hans-J&uuml;rgen Arlt und Wolfgang Storz in einer umf&auml;nglichen empirischen Studie<\/a> zusammen.<\/p><p>Es will schon etwas hei&szlig;en, wenn eine Publizist und ein ehemaliger Chefredakteur das &bdquo;eigene Nest&ldquo; derart beschmutzen. Aber sie k&ouml;nnen sich auf sicherem Terrain bewegen. Sie haben die wirtschaftsjournalistische Arbeit der wichtigsten Leitmedien, n&auml;mlich von ARD-Aktuell, der Deutschen Presseagentur und von f&uuml;nf &uuml;berregionalen Tageszeitung von 1999 &ndash; also dem R&uuml;cktritt von Oskar Lafontaine als Finanzminister &ndash; bis zur offenen Krise 2009 gr&uuml;ndlich ausgewertet.<\/p><p>Das Ergebnis ist niederschmetternd:<\/p><ul>\n<li>Die untersuchten Qualit&auml;tsmedien h&auml;tten bis 2005 die Mindesterwartungen an journalistische Arbeit nicht erf&uuml;llt.<\/li>\n<li>Erst die globale Krise habe den Wirtschaftsjournalismus zur Besch&auml;ftigung mit der Finanzentwicklung gezwungen.<\/li>\n<li>Die wichtigste Nachrichtenagentur habe sich in der Finanzpolitik nur als offizielles Sprachrohr verstanden.<\/li>\n<li>Das journalistische Verhalten von ARD-Aktuell gegen&uuml;ber der regierenden Politik k&ouml;nne nur als devot bezeichnet werden. Es g&auml;be dort viel B&ouml;rse, aber so gut wie keine Volkswirtschaft.<\/li>\n<\/ul><p>Wohlgemerkt, die Rede ist von den sog. Qualit&auml;tsmedien und nicht vom Kampagnenjournalismus der Bild-Zeitung oder von kleinen Zeitungen mit ausged&uuml;nnten Redaktionen bei denen sich die Grenzen zwischen Journalismus und der &Uuml;bernahme von Public-Relations-Beitr&auml;gen ohnehin zunehmend vermischen.<\/p><p>Zu einem vergleichbar vernichtenden Ergebnis kommt ein Monitoring der Schweizer Medienwissenschaftler Kurt Imhof und Mario Schranz. <a href=\"http:\/\/www.woz.ch\/artikel\/print_19127.html\">&bdquo;Lemminge statt Wachhunde&ldquo;<\/a> titelt die Schweizer Wochenzeitung. Die Spezies der WirtschaftsjournalistInnen sei gro&szlig;mehrheitlich konditioniert im Paradigma der unfehlbaren Selektions- und Entdeckungsfunktion des Marktes.<br>\nDer Wirtschafts- und Finanzmarktjournalismus habe die Distanz zu den Subjekten und Objekten seiner Berichterstattung verloren. <\/p><p>&Uuml;ber diese Befunde hinaus ist festzustellen, dass sich in der zur&uuml;ckliegenden Dekade Verlage und die von ihnen eingesetzten Chefredakteure mit den wirtschaftlich und politisch M&auml;chtigen geradezu verb&uuml;ndet haben.<br>\nStatt Vorsicht und Abstand erleben wir bei vielen Journalisten N&auml;he und Kooperation mit Wirtschaft und Politik, wir beobachten Kampagnen &ndash; statt kritischen Journalismus, Nachplappern statt Analyse. Vor allem aber gibt es eine Verneigung vor den M&auml;chtigen und nur wenig Empathie f&uuml;r die Schw&auml;cheren in dieser Gesellschaft.<\/p><p>Zu einer umfassenden Analyse der Befindlichkeiten des Journalismus m&uuml;sste dar&uuml;ber hinaus noch der Einfluss des krebsartig wuchernden Lobbyismus und die Wirkung der wirtschaftsnahen Think-Tanks und ihrer Propagandaagenturen auf die ver&ouml;ffentlichte Meinung geh&ouml;ren.<br>\nIn kaum einer Talkshow fehlt ein &bdquo;Botschafter&ldquo; der INSM. Hans-Olaf Henkel, Arnulf Baring, Oswald Metzger und wie die &bdquo;Botschafter&ldquo; dieser arbeitgeberfinanzierten PR-Organisation auch hei&szlig;en m&ouml;gen, werden h&ouml;chst selten als wirtschaftsliberale Polit-Lobbyisten, sondern meist als &bdquo;Experten&ldquo; eingef&uuml;hrt. Wenn man nur auf die Mainstream-Medien schaute, k&ouml;nnte man den Eindruck gewinnen, dass es in Deutschland nur ein paar Dutzend &Ouml;konomen mit Reputation g&auml;be. Es werden immer dieselben gefragt und zitiert, also die Sinns, die Straubhaars, die Franzens, die Zimmermanns, die H&uuml;thers, die Miegels und h&ouml;chst selten und oft nur als Alibi noch Bofinger oder Horn mit abweichender Meinung.<\/p><p>Man fragt nicht nach dem Interessensbezug etwa von Herrn Raffelh&uuml;schen zur Versicherungswirtschaft,<\/p><ul>\n<li>es interessiert offenbar nicht, wer die angeblich unabh&auml;ngigen Forschungsinstitute finanziert, woher die Hauptauftraggeber kommen oder wer mit welcher wirtschaftspolitischen Ausrichtung in deren Beir&auml;ten sitzt.<\/li>\n<li>Niemand macht transparent, dass etwa das &bdquo;Institut zur Zukunft der Arbeit&ldquo; weitgehend von der Deutschen Post AG ausgehalten wird, dass dessen Chef Klaus Zimmermann gerne in Anzeigen f&uuml;r die INSM posiert, dass sich etwa der geschasste Bundesagentur-Chef und jetzige Pr&auml;sident des selbst ernannten Arbeitgeberverbandes Neue Brief- und Zustellerdienste Florian Gerster oder Thilo Sarrazin &bdquo;Policy Fellows&ldquo; dieses angeblich unabh&auml;ngigen Wirtschaftsforschungsinstituts sind oder waren.<\/li>\n<li>Es lohnte sich fast immer einmal die Aufsichts- und Beir&auml;te z.B. des Instituts f&uuml;r Weltwirtschaft in Kiel, des &bdquo;Zentrums f&uuml;r Europ&auml;ische Wirtschaftsforschung&ldquo; in Mannheim oder wie die neoliberalen Think-Tanks alle hei&szlig;en m&ouml;gen.<\/li>\n<li>Dass das fr&uuml;here Hamburgische Welt-Wirtschafts-Archiv (HWWA) aus der &ouml;ffentlichen F&ouml;rderung durch die Leibniz-Gemeinschaft herausgefallen ist, weil seine wissenschaftlichen Erg&uuml;sse zu d&uuml;nn waren, hat dem publizistischen Renommee von Thomas Straubhaar und dessen nunmehr komplett privat gesponserten Institut unter dem neuen Namen HWWI offenbar nicht geschadet.<\/li>\n<\/ul><p>Wirtschaftsjournalistinnen und &ndash;journalisten haben offenbar vergessen oder haben nie dar&uuml;ber nachgedacht, dass die Wirtschaftswissenschaft keine &bdquo;harte&ldquo; sondern eine Gesellschaftswissenschaft ist, mit zahllosen Schulen und kontroversen Lehrmeinungen.<br>\nDass &ouml;konomische Studien einem Erkenntnis leitenden Interesse, ja sogar einem unmittelbaren Interessensbezug auf einen Auftraggeber unterliegen k&ouml;nnen, scheint in Vergessenheit geraten zu sein. Ideologiekritik oder Ideologieverdacht wird sogar als Verschw&ouml;rungstheorie beiseite geschoben. <\/p><p>&bdquo;Konform, uniform, chloroform&ldquo; so lautet die &Uuml;berschrift eines Kapitels in Heribert Prantls B&uuml;chlein &bdquo;Kein sch&ouml;ner Land&ldquo; in dem er die &bdquo;Verbetriebswirtschaftlichung des Gemeinwesens&ldquo; nachzeichnet und beschreibt wie die neoklassische &Ouml;konomie in Deutschland nicht nur zur vorherrschenden sondern zur allein herrschenden Lehre geworden ist.<br>\nEs gilt der Satz: Umso schlimmer f&uuml;r die Praxis, wenn sie nicht mit unserer Theorie &uuml;bereinstimmt. <\/p><p>Da der Wirtschaftsjournalismus kaum ein Wort &uuml;ber seine Defizite in der Vergangenheit &uuml;brig hat, ist innere Einkehr und Besserung nicht zu erwarten.<\/p><p><strong>VI. Die Finanzkrise wird zur Krise der Staatsverschuldung<\/strong><\/p><p>Die Finanzkrise ist aus der &ouml;ffentlichen Debatte nahezu verschwunden, die dadurch verursachte Wirtschaftskrise wird systematisch sch&ouml;n geredet. Alle reden vom Aufschwung XXL und dass Deutschland &bdquo;gest&auml;rkt&ldquo; aus der Krise hervorgegangen sei. Dabei hat selbst der neoliberal ausgerichtete Sachverst&auml;ndigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung der Regierung ins Stammbuch geschrieben, dass von einem &bdquo;neuen Wirtschaftswunder&ldquo; keine Rede sein k&ouml;nne und dass das Bruttoinlandsprodukt 2010 immer noch unter dem Niveau  von 2006 liege. Und sobald es um Lohnverhandlungen geht erkl&auml;rt dann Gesamtmetall-Chef Kannegiesser, dass wir bei der Produktion sind erst 70 Prozent und beim Auftragseingang 80 Prozent des Einbruchs <a href=\"http:\/\/www.manager-magazin.de\/politik\/deutschland\/0,2828,742567,00.html\">wettgemacht h&auml;tten<\/a>.<\/p><p>Es ist geradezu in einer Art Gehirnw&auml;sche gelungen, die Ursachen und die Auswirkungen der Finanzkrise aus dem &ouml;ffentlichen Bewusstsein zu verdr&auml;ngen. Die Rede ist inzwischen nur noch von staatlichen Schuldenkrisenkrisen. Dabei hat Finanzminister Sch&auml;uble sozusagen regierungsoffiziell einger&auml;umt, dass die derzeitige Schuldenkrise eine unmittelbare Folge der Finanzkrise ist. In einem <a href=\"http:\/\/www.ftd.de\/politik\/international\/:top-oekonomen-schaeuble-der-schuldenberg-europas-muss-zum-huegel-werden\/50209773.html\">Beitrag f&uuml;r die FTD<\/a> r&auml;umte er ein, dass die krisenbedingten Nettokosten f&uuml;r die Unterst&uuml;tzung des Finanzsektors durch die G20-L&auml;nder vom Internationalen W&auml;hrungsfonds auf 905 Milliarden Doller gesch&auml;tzt werden.<br>\nZusammen mit den durch die Finanzkrise erforderlichen Konjunkturimpulsen erh&ouml;hte sich dadurch die Staatsverschuldung der Eurozone in nur einem Jahr um fast 10 Prozentpunkte (auf 78,7 Prozent vom BIP 2009, gegen&uuml;ber 69,3 Prozent in 2008).<\/p><p>Aber statt nur die geringsten Anstalten zu machen, das Geld wieder von denjenigen zur&uuml;ckzuholen, die mit der Zockerei einen Riesenreibach machten, hei&szlig;t es nun, dass die Verschuldung damit zu erkl&auml;ren sei, dass Deutschland und viele L&auml;nder Europas &bdquo;&uuml;ber ihre Verh&auml;ltnisse gelebt&ldquo; h&auml;tten. <\/p><p>Wer hat eigentlich in Deutschland &uuml;ber seine Verh&auml;ltnisse gelebt?<br>\nDie Arbeitnehmer deren Reall&ouml;hne seit nunmehr &uuml;ber 20 Jahren nahezu stagnierten, sicherlich nicht. Die 6 Millionen Arbeitslosen und Hartz IV-Bezieher, bei denen jetzt mit dem sog. Sparpaket noch weiter gek&uuml;rzt wird , die Zeit- und Leiharbeiter oder die Rentner, deren gesetzliche Rente durch die endlosen Rentenreformen &uuml;ber die &bdquo;Riestertreppe&ldquo; oder Nachhaltigkeitsfaktoren seit der Jahrtausendwende <a href=\"http:\/\/www.ak-sozialpolitik.de\/dukumente\/2010\/2010-12-02%20Perspektiven%20Rente.pdf\">um ein f&uuml;nftel gesenkt wurde [PDF &ndash; 230 KB]<\/a> haben mit Sicherheit auch nicht &bdquo;&uuml;ber ihre Verh&auml;ltnisse&ldquo; gelebt. <\/p><p>Im Gegenteil: Deutschland hat seit Jahren &bdquo;unter&ldquo; seinen Verh&auml;ltnissen gelebt, weil es durch Lohndumping und Unternehmenssteuersenkungswahn einen riesigen Leistungsbilanz&uuml;berschuss erzielt hat. &bdquo;Seit dem Jahr 2000 haben in Deutschland Einkommensungleichheit und Armut st&auml;rker zugenommen als in jedem anderen OECD-Land&ldquo;, hei&szlig;t es in einem OECD-Bericht aus dem Jahr 2008. So entwickelten sich die Unternehmens- und Verm&ouml;genseinkommen, die zwischen 2000 und 2010 um nominal 45 Prozent zulegten, fast dreimal so stark wie die Arbeitnehmerentgelte. Diese wuchsen &uuml;ber das letzte Jahrzehnt nominal lediglich um 16 Prozent. Real &ndash; also nach Abzug der Inflation &ndash; sind die durchschnittlichen Bruttoverdienste pro Besch&auml;ftigtem im vergangenen Jahrzehnt sogar gesunken: 2010 lagen sie nach Abzug der Inflationsrate um <a href=\"http:\/\/www.boeckler.de\/547_112500.html\">vier Prozent niedriger als im Jahr 2000<\/a>.<\/p><p>Die Lohnquote, also der Anteil der L&ouml;hne am Volkseinkommen, die in den 70er Jahren noch bei &uuml;ber 70 Prozent lag, ist um fast 10 Prozent auf etwas um die 60 Prozent gesunken, w&auml;hrend im Gegenzug der Anteil der Kapital- und Verm&ouml;genseinkommen entsprechend zunahm. Nach einer DIW Studie aus diesem Jahr stiegen die privaten Nettoverm&ouml;gen allein von 1991 bis 2009 um 99 Prozentpunkte auf unvorstellbare 7.370 Milliarden Euro. <\/p><p>Wer in Deutschland &bdquo;&uuml;ber seinen Verh&auml;ltnissen&ldquo; gelebt hat, zeigt sich vor allem in der Verteilung dieses immens gewachsenen Verm&ouml;gens: Die obersten 20% der Verm&ouml;gensverteilung besitzen rund 80% des Nettogeldverm&ouml;gens (Bruttogeldverm&ouml;gen minus Konsumentenkredite), w&auml;hrend alleine die obersten 10% zwei Drittel besitzen. Die untersten 25% besitzen nicht nur kein Nettogeldverm&ouml;gen, sondern sie verf&uuml;gen sogar &uuml;ber ein negatives Nettogeldverm&ouml;gen &ndash; sprich, sie haben mehr Schulden als Guthaben. Zwei Drittel der Deutschen verf&uuml;gen <a href=\"http:\/\/www.fr-online.de\/wirtschaft\/immer-mehr-auf-der-hohen-kante\/-\/1472780\/5078646\/-\/index.html\">laut DIW<\/a> &uuml;ber gar kein oder nur ein sehr geringes Nettogeldverm&ouml;gen.<\/p><p>Trotz des privaten Reichtums und der &ouml;ffentlichen Armut wird t&auml;glich aus allen Ecken erz&auml;hlt, dass die Staatsschulden das gr&ouml;&szlig;te Problem w&auml;ren, dass unsere beklagenswerten Enkel die Zinsen bezahlen m&uuml;ssten, dass unsere Generation &uuml;ber unsere Verh&auml;ltnisse lebte.<\/p><p>Werden wirklich die k&uuml;nftigen Generationen belastet?<br>\nDie Wahrheit ist: Die Schulden der einen, sind zu jedem Zeitpunkt, also jetzt und in alle Zukunft, die Verm&ouml;gen der anderen.<br>\n&bdquo;Generationengerechtigkeit&ldquo; ist zu einem politischen Kampfbegriff geworden, der von der sozialen Ungleichheit und von der Ungleichheit der Verm&ouml;gensverteilung innerhalb der heutigen und der k&uuml;nftigen Generationen ablenken soll.<br>\nWir haben es mit einer intragenerativen Belastung (also der zwischen den derzeit Armen und Reichen) und nicht um eine intergenerativen Belastung (also nicht zwischen alt und jung) durch die Staatsverschuldung zu tun.<\/p><p>Sie alle haben gewiss im Fernsehen schon mal die sog. Schuldenuhr gesehen, auf mit schwindelerregender Geschwindigkeit die Zahlen rasen mit denen die Staatsschulden ansteigen. Man m&uuml;sste neben diese Schuldenuhr einfach eine Uhr stellen, die den Verm&ouml;genszuwachs in jeder Sekunde misst. <\/p><p>Dann w&uuml;rden die staunenden Fernsehzuschauer oder die staunenden Touristen vor dem B&uuml;ro des Steuerzahlerbundes in Berlin aber sehen, dass die Verm&ouml;gensuhr viel schneller l&auml;uft als die Schuldenuhr und w&uuml;rden sich vielleicht fragen, wieso das bei ihnen pers&ouml;nlich eigentlich nicht der Fall ist. Dann w&uuml;rden die Leute vielleicht auch fragen, was denn mit den Verm&ouml;gen geschieht und warum die ber&uuml;hmten &bdquo;Leistungstr&auml;ger&ldquo;, die den Staat &uuml;ber Jahre gedr&auml;ngt haben, Steuern f&uuml;r sie zu senken, damit sie mehr leisten k&ouml;nnen, nun dem Staat das Geld in Form von Staatsanleihen borgen k&ouml;nnen und dabei noch zus&auml;tzliche Zinsgewinne erzielen. Viele von denjenigen, die vom Staat in den vergangenen Jahren so gro&szlig;z&uuml;gig bedacht wurden, haben offenbar gar nicht gewusst, was sie mit dem Geld machen sollen, das da so unverhofft in ihre Taschen gesp&uuml;lt wurde.<br>\nSie haben es im Ausland als Staatsanleihen von Griechenland oder Portugal angelegt. Oder sie haben damit im Finanz-Casino gespielt.<\/p><p>Hier schlie&szlig;t sich der Kreis zum Beginn meines Referates. Und wenn nicht bald etwas geschieht, dann werden wir schon in absehbarer Zeit in die n&auml;chste Finanzkrise geraten. Nur eines ist dann sicher, die Spekulanten k&ouml;nnten nicht noch einmal die Verluste auf die Allgemeinheit sozialisieren. So viel Geld k&ouml;nnten die verschuldeten Staaten nicht noch ein weiteres Mal aufbringen, ohne dass sie selbst pleite gehen w&uuml;rden.<br>\nWas diese Staatspleite f&uuml;r die B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger bedeuten w&uuml;rde, m&ouml;chte man sich gar nicht erst ausdenken. <\/p><p>Es w&auml;re Ihnen und mir sicherlich unschwer m&ouml;glich zahlreiche weitere Einblicke zu geben, wie diese Demokratie von OBEN auf den zentralen Feldern der Politik funktioniert. <\/p><p><strong>Verbarrikatierte Demokratie<\/strong><\/p><p>Man k&ouml;nnte noch eine Vielzahl von politischen Festschreibungen und Gesetze anf&uuml;hren, mit denen sich die Politik dauerhaft gebunden hat und sich dann der argumentativen und damit der politischen Auseinandersetzung mit dem Hinweis auf nicht mehr ver&auml;nderbare Zw&auml;nge entzieht. <\/p><p>Ein konkretes Beispiel f&uuml;r eine derart &bdquo;verbarrikadierte Demokratie&ldquo; oder f&uuml;r eine Demokratie von OBEN ist das Projekt Stuttgart 21.<br>\nIch will hier nicht den Streit um einen oberirdischen Kopf- nachzeichnen, daf&uuml;r haben selbst viele Verhandlungstage im Rahmen einer sog. &bdquo;Schlichtung&ldquo; nicht ausgereicht.<br>\nNein, mir geht es hier nur um die Behauptung, dass das Projekt  S 21 in einem legalen und legitimen demokratischen Verfahren beschlossen und deshalb gegen alle &bdquo;Wut&ldquo; der B&uuml;rger durchgesetzt werden muss.<br>\nDen Gegnern von S 21 wird vorgehalten, man brauche keine Volksabstimmung, denn das Vorhaben sei nach demokratischen Prinzipien und Verfahren entschieden worden und die &bdquo;Wutb&uuml;rger&ldquo; h&auml;tten ausreichend Gelegenheit zum Mitreden gehabt.<br>\nDiese Behauptung ist schlicht falsch.<br>\nEine direkte Beteiligung der B&uuml;rger gab es in den 16 Jahren des Planungsprozesses f&uuml;r dieses Projekt praktisch nie. &Uuml;ber das Projekt wurde faktisch Anfang 1994 entschieden. Es stimmt, dass S 21 mit Mehrheiten in den entsprechenden Gremien beschlossen wurde. Es stimmt aber auch, dass diesen Gremien die wahre Dimension dieses Projekts, seiner technischen und Schwierigkeiten, wenn nicht gar Unm&ouml;glichkeit, vor allem aber die wirklichen Kosten bewusst verschwiegen wurde. Geschweige denn, dass die B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger, die jetzt auf die Stra&szlig;e gingen, dar&uuml;ber etwas erfahren h&auml;tten.<\/p><p>Bei demokratischen Abstimmungen, also etwa den Kommunalwahlen im Juni 1994 spielte der &bdquo;gro&szlig;e Wurf Stuttgart 21&ldquo; jedoch kaum eine Rolle. F&uuml;r die Wahlb&uuml;rgerinnen und Wahlb&uuml;rger war das damals noch eine Zukunftsvision die mit den konkreten Problemen der Menschen nichts zu tun hatte. Erst nach dieser Wahl wurde eine erste Machbarkeitsstudie ver&ouml;ffentlicht. <\/p><p>Die Landtagswahlen 1992 lagen weit vor der Entscheidung und bei den Wahlen 1996 war die Entscheidung schon gefallen.<\/p><p>Und die Bahn in ihrem gigantomanen Denken weigerte sich von Anfang an &uuml;ber alternative Pl&auml;ne f&uuml;r die Einbindung Stuttgarts in eine schnelle Verkehrsmagistrale Paris &ndash; Budapest <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/umstrittenes-bahnprojekt-stuttgart-und-der-unheilbare-mangel-1.1013415\">auch nur nachzudenken<\/a>.<\/p><p>Von den S 21 Bef&uuml;rwortern wird weiter behauptet, die B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger h&auml;tten ja die Gelegenheit gehabt, in dem vorausgegangenen rechtlichen Planfeststellungsverfahren ihre Einw&auml;nde durch Eingaben einzubringen. Immerhin seien mehr als 10.000 Einw&auml;nde auch gerichtlich &uuml;berpr&uuml;ft worden. Was dabei unterschlagen wird, dass solche Eingaben nur Aussicht auf Ber&uuml;cksichtigung hatten, wenn sie Korrekturen am vorgegebnen Plan oder Detailbeschwerden zum Inhalt hatten. <\/p><p>Eine Ablehnung des Projektes oder Antr&auml;ge auf die Pr&uuml;fung von Alternativen waren gar nicht m&ouml;glich. Der Verwaltungsgerichtshof Baden-W&uuml;rttemberg hat auch nicht etwa das Pro und das Contra f&uuml;r S 21 &uuml;berpr&uuml;ft, sondern ausschlie&szlig;lich dar&uuml;ber entschieden, ob mit dem Planfeststellungsbeschluss das planerische Ermessen &uuml;berschritten wurde, <a href=\"http:\/\/www.parkschuetzer.de\/statements\/35706\">ob also rechtsfehlerfrei geplant worden ist<\/a>.<\/p><p>Schon gar nicht haben die Gerichte dar&uuml;ber entschieden, ob der einmal gefasst Plan auch tats&auml;chlich durchgef&uuml;hrt werden muss. <\/p><p>Die Gerichte hatten entgegen der Behauptung der Bef&uuml;rworter von S 21 nicht etwa ein  B&uuml;rgerbegehren untersagt, sondern das Verwaltungsgericht Stuttgart hat 2009 nur entschieden, dass das schon eingeleitete B&uuml;rgerbegehren mit dem Ziel eines Ausstiegs aus dem Vorhaben rechtlich nicht mehr zul&auml;ssig sei, weil die Stadt Stuttgart sich schon l&auml;ngst vertraglich zu einer finanziellen Beteiligung verpflichtet hatte.<br>\nNiemand h&auml;tte aber den Rat der Stadt z.B. daran hindern k&ouml;nnen, statt eines f&ouml;rmlichen B&uuml;rgerbegehrens <a href=\"http:\/\/www.parkschuetzer.de\/statements\/35706\">wenigstens eine B&uuml;rgerbefragung durchzuf&uuml;hren<\/a>.<\/p><p>Das politische System hat sich hinter den selbst aufgebauten Barrikaden verschanzt. Das sp&uuml;ren die Menschen, wenn laut Umfragen die H&auml;lfte der Deutschen mit der Art und Weise, wie die Demokratie in Deutschland funktioniert, unzufrieden sind. Dass es immer weniger zur entscheiden gibt, f&uuml;hrt dazu, dass immer weniger Menschen von ihrem demokratischen Stimmrecht Gebrauch machen. Dass sich die Politik selbst eingemauert hat, f&uuml;hrt zu allgemeiner Politik- und Politikerverdrossenheit und baut eine Stimmungslage in der Bev&ouml;lkerung auf, in der die Gefahr besteht, dass sich immer mehr nach einer starken F&uuml;hrerfigur sehnen, die diese Mauern einfach umwirft. Die Demokratie w&auml;re damit endg&uuml;ltig am Ende.<\/p><p><strong>Fazit:<\/strong><\/p><p>Bertolt Brecht hat die entscheidende Frage gestellt: &bdquo;Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus, aber wo geht sie hin?&ldquo; <\/p><p>Sie selbst k&ouml;nnten noch endlos viele Beispiele aneinanderreihen die das Gesamtbild ergeben, dass die Demokratie nicht mehr vom &bdquo;Demos&ldquo;, also dem Volk, sondern von OBEN ausgeht. Dabei w&uuml;rde sich auch zeigen, dass mit OBEN nicht einmal mehr nur die Regierungen oder die Parlamente gemeint sind, sondern dass sich die Politik insgesamt zum Handlanger m&auml;chtiger &ouml;konomischer Interessen gemacht hat, sei es weil die Parteien ohnehin auf deren Seite stehen oder sich der Logik dieser Interessen unterworfen haben, sei es dass die f&uuml;hrenden Personen politisch korrumpiert wurden, durch finanzielles Zubrot, durch Posten oder einfach nur durch Anpassung an den Medien-Mainstream.<\/p><p>Mehrere Umfragen der letzten Jahre (ARD-Deutschlandtrend von infratest dimap Ende 2006; eine von der Friedrich-Ebert-Stiftung in Auftrag gegebenen Studie des M&uuml;nchner Instituts Polis\/Sinus 2008; der Eurobarometer der EU 2007) kommen &uuml;bereinstimmend zu dem Befund, dass ungef&auml;hr die H&auml;lfte der Deutschen mit der Art und Weise, wie die Demokratie in Deutschland funktioniert weniger oder gar nicht zufrieden ist.<\/p><p>&Auml;rmere Menschen beurteilen das Funktionieren der Demokratie noch weitaus schlechter:<br>\n73% der Arbeitslosen, 63% der Hartz-IV-Haushalte, 61% der Ostdeutschen, 60% der Haushalte mit einem Nettoeinkommen von unter 700 Euro beurteilen die demokratische Praxis in Deutschland kritisch (siehe Polis\/Sinus Studie).<\/p><p>Das sind h&ouml;chst gef&auml;hrliche Alarmzeichen.<\/p><p>Nun darf man aber nicht den Fehler machen, Verdruss und Unzufriedenheit mit dem Funktionieren unserer Demokratie gleichzusetzen mit der Ablehnung von Demokratie:<br>\nDenn mehrere Umfragen kommen n&auml;mlich auch zum Ergebnis, dass die ganz &uuml;berwiegende Mehrheit unserer Bev&ouml;lkerung eine demokratisches Staatswesen, das Grundgesetz und den Sozialstaat f&uuml;r verteidigenswert halten.<br>\nSo hat etwa das Institut f&uuml;r Demoskopie Allensbach festgestellt, dass &uuml;ber 80 % unser Grundgesetz f&uuml;r gut halten.<br>\nAuch die Polis\/Sinus-Studie der FES kommt zu dem Befund, und dass die gro&szlig;e Mehrheit der Bundesb&uuml;rger (78 %) unsere Gesellschaftsordnung f&uuml;r verteidigenswert h&auml;lt.<\/p><p>Die kritische Haltung der Bev&ouml;lkerung ist also eher (noch) eine Politik-, Politiker- und Parteienverdrossenheit als Demokratieverdrossenheit.<br>\nNach einer gerade dieser Tage <a href=\"http:\/\/idw-online.de\/pages\/de\/news407664\">ver&ouml;ffentlichten Umfrage der Universit&auml;t Hohenheim<\/a> glauben 54 Prozent der Befragten nicht, dass die Politik die Finanzkrise in den Griff bekommen wird. Fast zwei Drittel (64 %) sind der Meinung, der Politik fehle es an fachlicher Kompetenz, um die Strategien der Finanzunternehmen zu durchschauen. Nur jeder Vierte traut der Politik zu, dauerhaft gr&ouml;&szlig;eren Einfluss auf die Wirtschaft und die Banken zu gewinnen. Und fast drei Viertel der Bev&ouml;lkerung (72 %) gehen davon aus, dass die Banken und Versicherungen nichts aus der Krise gelernt haben. Und drei Viertel der Befragten (74 %) gehen davon aus, dass die Politik die Interessen des Finanzsektors mehr ber&uuml;cksichtigt als die der Steuerzahler. <\/p><p>Die Unzufriedenheit mit dem Funktionieren mit der Demokratie, mit der Politik, mit den Politikern ist eigentlich nicht weiter verwunderlich, wenn man bedenkt, dass die Politik in zentralen Fragen dauerhaft gegen den Mehrheitswillen regiert. Das ist bei Hartz IV so, bei der Rente mit 67 so, bei der Gesundheitsreform, beim Kriegseinsatz in Afghanistan, bei der Atompolitik, bei gigantomanen Gro&szlig;projekten wie Stuttgart 21. Man k&ouml;nnte noch eine ganze Reihe wichtiger Politikfelder aufz&auml;hlen, bei denen die B&uuml;rger das Gef&uuml;hl gewonnen haben, dass ihre Meinung von der Politik, von den Parteien und von den Regierungen nicht mehr gefragt ist.<\/p><p>Ja es ist noch schlimmer, ihre Meinung kommt in der &ouml;ffentlichen Debatte gar nicht mehr vor.<br>\nWir erleben geradezu eine Barriere der Medien gegen&uuml;ber den Meinungen und Befindlichkeiten der gro&szlig;en Mehrheit in zentralen Fragen der Gestaltung der Politik und des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Wer &uuml;ber die ver&ouml;ffentlichte Meinung verf&uuml;gt, verf&uuml;gt auch &uuml;ber die &Ouml;ffentliche Meinung und die &ouml;ffentliche Meinung bestimmt wiederum wesentlich auch die Politik. Wir erleben das nicht nur in Deutschland, sondern &ndash; vielleicht noch offensichtlicher &ndash; in Italien oder in Frankreich.<br>\nOhne dass diese Medienbarriere nicht zum Thema wird oder dass sie durchbrochen wird, wird es keinen Richtungswechsel in der herrschenden Politik geben und wird es keinen Durchbruch der Wut der B&uuml;rger geben. <\/p><p>Demonstrationen sind sicherlich ein Mittel mit dem viele Menschen ihren Protest und ihren Widerstand &auml;u&szlig;ern k&ouml;nnen. Demonstrationen k&ouml;nnen einen &ouml;ffentlichen Diskurs ansto&szlig;en, sie k&ouml;nnen ihn aber nicht argumentativ f&uuml;hren. Und &ndash; was vielleicht noch entscheidender ist &ndash; Demonstrationen unterliegen wiederum der Interpretationsmacht der Leitmedien. Viele unter Ihnen werden das schon erlebt haben, wenn sie an einer Demo teilgenommen haben und anschlie&szlig;end dar&uuml;ber in der Zeitung lasen. Man hat in der Regel das Gef&uuml;hl, dass man auf einer ganz anderen Veranstaltung war. H&auml;ufig wird noch nicht einmal das Ziel des Protestes genannt, sondern die Schlagzeilen werden von einigen &Uuml;bergriffen einzelner &ndash; oft sogar eingeschleuster &ndash; Demonstrationsteilnehmer beherrscht.<br>\nWir brauchen deshalb eine Gegen&ouml;ffentlichkeit zur derzeitigen &bdquo;Vermachtung der &Ouml;ffentlichkeit&ldquo; durch wirtschaftlich m&auml;chtige Akteursgruppen, durch Staat, Parteien und Verb&auml;nde und vor allem auch durch die wenigen monopolartigen Medienunternehmen. <\/p><p>Ob die Blogger dieses Meinungskartell durchbrechen und wieder eine lebendigere Demokratie herstellen k&ouml;nnen, dar&uuml;ber wollen wir heute Abend ab 18.00 Uhr diskutieren. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vortrag von Wolfgang Lieb&nbsp; auf dem <a href=\"http:\/\/www.derkongressbloggt.de\/\">1. K&ouml;lner Blogger-Kongress<\/a>, am 12. 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