{"id":8301,"date":"2011-02-14T10:01:35","date_gmt":"2011-02-14T09:01:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=8301"},"modified":"2024-09-29T05:23:00","modified_gmt":"2024-09-29T03:23:00","slug":"konstantin-wecker-die-kultur-die-wir-brauchen-ist-eine-die-auch-dazwischen-geht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=8301","title":{"rendered":"Konstantin Wecker: Die Kultur, die wir brauchen, ist eine, die auch dazwischengeht."},"content":{"rendered":"<p>Rechtsextreme Parteien und Gruppen haben zum 66. Jahrestag der alliierten Luftangriffe auf Dresden wieder einen Aufmarsch angek&uuml;ndigt. Dagegen hat sich auch in diesem Jahr ein breites, l&auml;nder&uuml;bergreifendes B&uuml;ndnis aus verschiedenen Gruppen organisiert. Der Liedermacher und erkl&auml;rte Gegner des Rechtsextremismus, Konstantin Wecker, wird am 19. Februar in Dresden sein und die Anti-Nazi-Blockaden gegen den gr&ouml;&szlig;ten Nazi-Aufmarsch in Europa unterst&uuml;tzen. <strong>Christine Wicht<\/strong> sprach mit <strong>Konstantin Wecker<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>NDS:<\/strong> Herr Wecker, welche Leute gehen zu den Massenblockaden in Dresden?<\/p><p><strong>Konstantin Wecker:<\/strong> Gute Leute. Gute Leute sehr unterschiedlicher Art, wie ich letztes Jahr sehen konnte. Das waren Menschen aus allen Generationen und durchaus unterschiedlichen politischen Spektren, die aber alle etwas gemeinsam hatten: sie geh&ouml;ren zu denen, die nicht nur reden, sondern handeln. Es sind die Aktiven und Rebellen, Leute, die eingreifen, die den eigenen Kopf hinhalten, die sich nicht einfach dem Schicksal des vermeintlichen Unvermeidlichen ergeben. Wir machen Geschichte &ndash; gerade auch dann, wenn wir nichts machen und alles nur &uuml;ber uns ergehen lassen. Die Leute, die in Dresden blockieren, machen selbstbestimmt Geschichte. <\/p><p><strong>NDS:<\/strong> In einem Konzert haben Sie einmal gesagt, dass Sie vor vierzig Jahren angetreten sind um die Welt mit Ihren Liedern zu ver&auml;ndern, die sei zwar ver&auml;ndert worden, aber eindeutig nicht von Ihnen. F&uuml;hlen Sie sich nicht wie Sisyphos, der seinen Stein immer wieder den Berg hinaufrollt?<\/p><p><strong>Konstantin Wecker:<\/strong> Diese Geschichte unterschl&auml;gt immer die M&ouml;glichkeit, dass es viele Sisyphose gibt, die bei ihren immer wieder scheiternden Versuchen die Welt nicht unver&auml;ndert lassen und vielleicht auch einiges an Muskeln bekommen, durch das ewige Steine w&auml;lzen. Ich bin nicht so naiv zu glauben, dass man die Welt alleine mit Musik und Poesie ver&auml;ndern kann. Aber ich wei&szlig; eines ganz sicher: ohne Musik und Poesie kann man keine bessere Welt erreichen.<\/p><p><strong>NDS:<\/strong> Es haben sich Gruppen aus verschiedenen L&auml;ndern angek&uuml;ndigt. Gibt es eine grenz&uuml;bergreifende Bewegung gegen Rechtsextremismus?<\/p><p><strong>Konstantin Wecker:<\/strong> Der Kampf gegen Faschismus ist logischerweise keiner, der sich bei den letztlich willk&uuml;rlichen Grenzziehungen irgendwelcher Nationalstaaten aufhalten kann. Und im Grunde sehe ich die Verbindung zwischen diversen Bewegungen gegen Unterdr&uuml;ckung in einem noch viel umfassenderen Sinne als gegeben an: in einem spirituellen Sinne n&auml;mlich. Am Ende gibt es eine formlose, alles durchdringende Energiefrequenz, auf der zum Beispiel die Revolution in &Auml;gypten und die Blockaden in Dresden laufen, ohne dass es da vielleicht bewusste oder direkte Verbindungslinien g&auml;be. Und Sie werden es nicht glauben, aber diese Energie, die das alles verbindet, nenne ich die Liebe. Und die h&auml;lt sich klarerweise an keine Grenzen.<\/p><p><strong>NDS:<\/strong> Der schwedische Journalist Stieg Larsson ist durch seine Romane  &bdquo;Verblendung&ldquo;, &bdquo;Verdammnis&ldquo; und &bdquo;Vergebung&ldquo;  bekannt geworden, die gerade im Deutschen Fernsehen gezeigt werden. Larsson war aber auch einer der weltweit f&uuml;hrenden Experten f&uuml;r Rechtsextremismus und Neonazismus. Er hat Antifaschismus als internationalistisch begriffen. W&uuml;rden Sie ihm beipflichten?<\/p><p><strong>Konstantin Wecker:<\/strong> Ich w&uuml;rde sogar noch weitergehen. F&uuml;r mich macht ein Antifaschismus, der nicht auch die Wurzeln dieser wiederkehrenden Seuche erkennt &ndash; den Kapitalismus n&auml;mlich! &ndash; eine ziemlich reduzierte Angelegenheit. Ich bin sehr daf&uuml;r, dass auch das B&uuml;rgertum erkennt, dass es demokratische Freiheiten selber zu verteidigen und deshalb Nazis zu blockieren hat. Aber am Ende sind es die wirtschaftlichen Krisen und die unendliche Gier einer mit allen Machtmitteln ausger&uuml;steten Kapitalistenklasse, die auch immer wieder dem Faschismus Nahrung geben. Und wir haben in den vergangenen Monaten ja gesehen, wie beispielsweise eine gnadenlose rassistische S&uuml;ndenbockhetze von ganz oben kommt, ja, direkt inszeniert wird. F&uuml;r mich ist Antikapitalismus die logische Fortf&uuml;hrung des Antifaschismus. <\/p><p><strong>NDS:<\/strong> Larsson sah das politische Engagement, der B&uuml;rger als einziges Instrument um antidemokratischen Tendenzen entgegenzuwirken, dabei war es seiner Meinung nach nicht entscheidend, in welcher Partei sich B&uuml;rger engagieren. Sie haben sich bereits 1993 mit Ihrem Lied &bdquo;Misch dich ein&ldquo; die Zivilgesellschaft aufgefordert hinzusehen und nicht wegzusehen. Hat sich eine Kultur des Hinsehens entwickelt?<\/p><p><strong>Konstantin Wecker:<\/strong> Das werden wir sehen. Ich stelle schon fest, dass sehr viel Unzufriedenheit artikuliert wird, auch in massiver Form und mit einer mitunter sehr radikalen Sprache &ndash; und das zunehmend von ganz normalen, den sogenannten &ldquo;braven&rdquo; B&uuml;rgern. Der Schritt zum wirklichen Eingreifen ist aber noch weit. Und da reicht mir Stuttgart 21 noch nicht aus, um bereits eine klare Tendenz abzuleiten. Also: ja, es hat sich eine Kultur entwickelt, die hinschaut. Aber die Kultur, die wir brauchen, ist eine, die auch dazwischen geht.<\/p><p><strong>NDS:<\/strong> In Europa ist ein politischer Rechtsruck zu beobachten, der inzwischen nicht mehr als Randgruppenph&auml;nomen abgetan werden kann. Die rechtskonservative ungarische Regierungspartei hat ein Mediengesetz verabschiedet, dass Beh&ouml;rden eine Pressezensur erlaubt. Sie d&uuml;rfen Sender, Zeitungen und Online-Portale kontrollieren und bestrafen. Das ist ein fundamentaler Angriff auf die Pressefreiheit. Geht Ihrer Meinung nach von Ungarn die Gefahr einer Initialisierung aus, die in europ&auml;ischen rechtskonservativen Regierungen Nachahmer finden k&ouml;nnte?<\/p><p><strong>Konstantin Wecker:<\/strong> Was in Ungarn passiert, kann ich nicht gut beurteilen. Aber es scheint mir auf einer Linie zu liegen, mit autorit&auml;ren Tendenzen herrschender Klassen weltweit. Nur, wenn wir einseitig darauf fixiert bleiben, was die da oben tun und planen und machen und wollen, kommen wir nie aus der Position des Kaninchens vor der Schlange heraus.<br>\nMan muss in die Gesamtsituation also die Jugendaufst&auml;nde in Frankreich und Griechenland, die Massenbewegungen in Iran und Thailand und jetzt die Revolutionen in Tunesien und &Auml;gypten mit hineindenken. Da sind alles sehr unterschiedliche Bewegungen, &uuml;ber die ich im Einzelnen auch gar nicht sehr viel wei&szlig;. Aber mir scheint, dass es doch eine gegenseitige Inspiration gibt &ndash; und als gemeinsame Grundlage dieser Bewegungen die Tatsache, dass der krisengesch&uuml;ttelte Kapitalismus immer weniger anbieten kann, um die V&ouml;lker ruhigzustellen.<br>\nInsofern besch&auml;ftigt mich die Frage, ob die Tunesier und &Auml;gypter Nachahmer finden.<\/p><p><strong>NDS:<\/strong> Politik ist f&uuml;r viele Menschen mittlerweile zu kompliziert und undurchsichtig geworden. Mit platten Parolen attackiert die NPD nicht nur die Politik der Europ&auml;ischen Union, die Ausw&uuml;chse der Globalisierung und die internationale Hochfinanz sondern auch HartzIV-Gesetze und die Klientelpolitik der Bundesregierung. Im Jahr 2011 stehen in sechs Bundesl&auml;ndern Landtagswahlen an. Laut aktueller Umfragen hat die NPD gute Chancen in Mecklenburg-Vorpommern wieder in den Landtag zu kommen. Werden Sie nicht zum einsamen Rufer in der W&uuml;ste?<\/p><p><strong>Konstantin Wecker:<\/strong> Mitnichten. Zurzeit rufen einige mit und es sind eine ganze Reihe von Oasen entstanden, um in Ihrem Bild zu bleiben. Richtig einsam war&rsquo;s so um Mitte der 90er Jahre und danach. Als Rot-Gr&uuml;n den Kosovo-Krieg durchgesetzt hat und ich das in meinen Konzerten scharf angegriffen habe, hatte ich die unsch&ouml;ne Erfahrung, in meinem eigenen Publikum keine Mehrheit mehr zu haben. Das hat sich nach und nach wieder ge&auml;ndert. Zum Gl&uuml;ck.<br>\nAber zurzeit sieht es ganz anders aus. Es gibt Aufbr&uuml;che und spannende Experimente, es gibt spontane Dynamik und eine echte Lust an der Provokation und am auch offensiven Widerstand. Das habe ich so lange nicht mehr erlebt. Und Dresden war 2010 und ist sicherlich auch 2011 ein fabelhaftes Beispiel daf&uuml;r.<\/p><p><strong>NDS:<\/strong> In den 1930er Jahren haben die Nationalsozialisten mit Werbeplakaten geworben, auf welchen ein h&uuml;nenhafter halbnackter Arbeiter zu sehen war, der die &bdquo;internationale Hochfinanz&ldquo; vernichten will. Ist die Finanzkrise ein Thema, dass B&uuml;rger aus der so genannten Mitte und des traditionellen Arbeitermilieu den rechten Parteien zutreibt?<\/p><p><strong>Konstantin Wecker:<\/strong> Das kann sein. Die Sarrazin-Kampagne, an der nichts zuf&auml;llig gewesen ist, hat genau diese Dynamik zu stimulieren versucht und das ist sicherlich auch ein St&uuml;ckweit gelungen. Aber dann kommen Bilder aus Kairo, wie dort Frauen mit oder ohne Kopftuch heldenhaft gegen die Schergen eines Diktators k&auml;mpfen &ndash; und pl&ouml;tzlich f&uuml;hlen sich Meier und Schulze spontan solidarisch mit &hellip; Arabern!<br>\nAlso auch hier: es kann hierhin gehen und andersherum, am Ende h&auml;ngt es wirklich von uns ab, von jedem Einzelnen. Gerade in diesen bewegten Zeiten machen die Aktivit&auml;ten, die jeder von uns entwickelt oder eben nicht, unter Umst&auml;nden eine ganze Welt aus. <\/p><p><strong>NDS:<\/strong> Rechtsextremismus ist prinzipiell antidemokratisch, er geht einher mit einer Abwertung der Menschen- und B&uuml;rgerrechte. Was bewegt die Menschen trotzdem rechtskonservativ zu w&auml;hlen?<\/p><p><strong>Konstantin Wecker:<\/strong> Das hat mit der Krise des Parteiensystems schon auch zu tun. Und diese Krise besteht darin, dass Rot-Gr&uuml;n unter Schr&ouml;der eine Entwicklung eingeleitet haben, die ein ganzes Segment unserer Gesellschaft ins Aus dr&uuml;ckt. Und f&uuml;r diese Leute gibt es nur die LINKE als Alternative, aber wer die w&auml;hlt, wird verteufelt. Also gehen viele gar nicht w&auml;hlen. Im sogenannten Mittelstand grassiert derweil die Angst vor dem eigenen Abstieg und das ist immer brandgef&auml;hrlich, wenn diese &Auml;ngste nach unten kanalisiert werden.<br>\nAber die Demokratie wird nicht bei Wahlen gewonnen oder verloren. Die spiegeln das im besten Falle. Wir sagen jetzt den &Auml;gyptern: &ldquo;Ihr braucht unbedingt Parteien! Ohne Parteien kann es keine Demokratie geben!&rdquo; Mal ehrlich: f&uuml;r mich ist Demokratie das, was wochenlang auf dem Tahrir-Platz in Kairo passiert ist und danach in ganz &Auml;gypten. Wir sollten von den &Auml;gyptern lernen.<\/p><p><strong>NDS:<\/strong> Die Jungsozialistinnen und Jungsozialisten in der SPD Mecklenburg-Vorpommern haben das Projekt <a href=\"http:\/\/www.endstation-rechts.de\/\">&bdquo;Endstation Rechts&ldquo;<\/a> ins Leben gerufen. Letzte Woche stellte die BayernSPD das Informationsportal <a href=\"http:\/\/www.endstation-rechts-bayern.de\">www.endstation-rechts-bayern.de<\/a> den Medien vor. Die Internetseite will &uuml;ber Ereignisse und Brennpunkte der Neonazi-Szene informieren und aufkl&auml;ren. Wie sehen Sie den Informationsbedarf &uuml;ber Rechtsextremismus in der Bev&ouml;lkerung?<\/p><p>Konstantin Wecker:<strong> Der reine Reflex &ldquo;Da sind Nazis &ndash; die sind b&ouml;se&rdquo; wird nicht ewig ausreichen, um Leute f&uuml;r antifaschistische Aktionen zu mobilisieren. Ich habe aber immer gewisse Probleme mit <\/strong>Informationsmaterial, in dem mit gro&szlig;em kriminalistischem Aufwand die Nazi-Szene quasi vorgestellt wird. Das ist sicherlich auch wichtig, aber mich pers&ouml;nlich interessieren diese Heinis eigentlich nicht so im Detail. Ich finde Faschisten gef&auml;hrlich und f&uuml;hle mich von ihnen nicht zuletzt in meinem Bed&uuml;rfnis nach Gem&uuml;tlichkeit empfindlich gest&ouml;rt. Aber abgesehen davon, dass ich dieses Ph&auml;nomen bek&auml;mpfe, sind mir die eigentlich wurscht.<\/p><p><strong>NDS:<\/strong> Herr Wecker, Sie haben neue Texte geschrieben. Sind es wieder politische Texte und werden auf der Demo in Dresden neue Lieder von Ihnen zu h&ouml;ren sein?<\/p><p><strong>Konstantin Wecker:<\/strong> Ja, es sind auch sehr politische Lieder dabei. Ich will zwei verraten. Das eine hei&szlig;t &ldquo;Das L&auml;cheln meiner Kanzlerin&rdquo; und ich bin wirklich sehr gl&uuml;cklich, dass es so hinterfotzig und b&ouml;se geworden ist. Das andere hei&szlig;t &ldquo;Emp&ouml;rt Euch&rdquo; und ist sozusagen die offensive Version von &ldquo;Sage Nein&rdquo;. Das ist ja in einer sehr schlimmen Lage entstanden, als die Nazis &uuml;berall im Vorw&auml;rtsgang waren. Momentan sehe ich uns eher in der Lage, dass wir wirklich was erreichen k&ouml;nnen &ndash; wenn wir uns emp&ouml;ren, wenn wir aufstehen und mutig sind!<\/p><p><strong>Anmerkung der Redaktion:<\/strong> Das ungarische Mediengesetz wird auf Druck der EU-Kommission ge&auml;ndert. Ungarn sollte bis zum 10.02. Vorschl&auml;ge zur &Auml;nderung des umstrittenen Mediengesetzes an die EU-Kommission &uuml;bermitteln. Die eingereichten Vorschl&auml;ge werden nun von der EU-Kommission gepr&uuml;ft.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rechtsextreme Parteien und Gruppen haben zum 66. Jahrestag der alliierten Luftangriffe auf Dresden wieder einen Aufmarsch angek&uuml;ndigt. Dagegen hat sich auch in diesem Jahr ein breites, l&auml;nder&uuml;bergreifendes B&uuml;ndnis aus verschiedenen Gruppen organisiert. Der Liedermacher und erkl&auml;rte Gegner des Rechtsextremismus, Konstantin Wecker, wird am 19. 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