{"id":83106,"date":"2022-04-22T10:55:46","date_gmt":"2022-04-22T08:55:46","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=83106"},"modified":"2022-04-22T11:06:45","modified_gmt":"2022-04-22T09:06:45","slug":"mexiko-traditionsreiches-refugium-des-weltweiten-exils","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=83106","title":{"rendered":"Mexiko, traditionsreiches Refugium des weltweiten Exils"},"content":{"rendered":"<p>In Chill&aacute;n, tiefes chilenisches Hinterland, beherbergt die Grundschule &bdquo;Escuela Mexico&ldquo; eine spektakul&auml;re Wandmalerei-Anlage aus den 1940er Jahren. Ihr Sch&ouml;pfer hatte im fernen Mexiko einen Mordanschlag auf einen weltber&uuml;hmten Asylanten ver&uuml;bt. Dass er sich mit dem Monumentalwerk sein Schuldgef&uuml;hl ausschwitzte, war eine k&uuml;hne, weil vergebliche Hoffnung seiner Helfer, darunter vor allem des chilenischen Dichters Pablo Neruda. Zwei Jahre lang in Chile versteckt, mutierte er selbst zum heimlichen Asylanten. Von <strong>Frederico F&uuml;llgraf<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDas mexikanische Exil hat mehr als einhundert Jahre Tradition. Anl&auml;sslich des 80. Jahrestages des spanisch-republikanischen Massenasyls in Mexiko bekr&auml;ftigte Staatspr&auml;sident Andr&eacute;s Manuel L&oacute;pez Obrador dieses Verm&auml;chtnis mit einer engagierten Zusicherung seiner Fortsetzung: &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=3cKevNhVSDg\">Mexiko garantiert das Recht auf Asyl<\/a>&ldquo;.<\/p><p>Weniger als zwei Jahre sp&auml;ter, im April 2021, hatte L&oacute;pez Obradors Regierung bereits <a href=\"https:\/\/elpais.com\/mexico\/2021-04-06\/mexico-recibe-mas-de-22000-solicitudes-de-asilo-en-lo-que-va-del-ano-el-mayor-registro-en-la-historia.html\">22.000 Asylantr&auml;ge auf dem Tisch<\/a>, erwartete jedoch zum Jahresende bis zu 80.000 AntragstellerInnen. Ein &bdquo;explosionsartiger Menschen-Andrang&ldquo;, so die mexikanische Einwanderungs-Beh&ouml;rde, und ein einmaliger Rekord in der Geschichte des Landes, das seit Ende des 19. Jahrhunderts als gastfreundlichster Hort des weltweiten politischen Exils gilt und 2019, in einem Anflug ungew&ouml;hnlicher Anerkennung, selbst <a href=\"https:\/\/mexiko.diplo.de\/mx-es\/temas\/kultur\/pol-exil-seite\/877316\">vom deutschen Ausw&auml;rtigen Amt daf&uuml;r ger&uuml;hmt<\/a> wurde.<\/p><p>Mit wenigen Ausnahmen beg&uuml;nstigte diese fremdenfreundliche Politik vor allem lateinamerikanische Freiheitsk&auml;mpferInnen und den Widerstand gegen den europ&auml;ischen Faschismus. Zur Tradition geh&ouml;rt indes die Hauptauflage, sich der politischen Einmischung in mexikanische Angelegenheiten zu enthalten.<\/p><p><strong>Von den spanischen Republikanern und dem deutschen Widerstand, &uuml;ber Fidel Castro zu Manuel Zelaya<\/strong><\/p><p>Einer der Ersten, die hier Zuflucht erhielten, war der Kubaner Jos&eacute; Mart&iacute; an der Spitze zahlreicher seiner Landsleute, die im 19. Jahrhundert f&uuml;r die Unabh&auml;ngigkeit Kubas von Spanien, aber auch von den USA k&auml;mpften. In den darauffolgenden Jahrzehnten geh&ouml;rte zu den renommiertesten Asylsuchenden der peruanische Denker und Politiker Victor Ra&uacute;l Haya de la Torre. Nach seiner Inhaftierung w&auml;hrend des autorit&auml;ren Augusto-Legu&iacute;a-Regimes lie&szlig; sich de la Torre im Jahr 1923 in Mexiko auf Einladung des Schriftstellers und Bildungsministers Jos&eacute; Vasconcelos nieder.<\/p><p>Der wohl beeindruckendste Asylfall Mexikos war die Aufnahme von ann&auml;hernd 25.000 vom Feldzug Francisco Francos geschlagenen und ab 1938 in verschiedene demokratische L&auml;nder str&ouml;menden spanischen Republikanern, darunter zahlreichen Kommunisten. Als einer der letzten Widerstandsk&auml;mpfer gegen Franco ging der legend&auml;re Filmregisseur Luis Bu&ntilde;uel in Mexiko an Land. Zun&auml;chst nach Frankreich gefl&uuml;chtet, wo die spanischen Republikaner in Konzentrationslagern bewacht wurden, versuchte der Meister des surrealistischen Kinos seinen Widerstand in den USA fortzusetzen, was ihm allerdings nicht erlaubt wurde und den Ausschlag f&uuml;r seine &Uuml;bersiedlung nach Mexiko gab, dessen Staatsangeh&ouml;rigkeit er wenige Jahre sp&auml;ter annahm.<\/p><p>Auch Gruppen des deutschen Hitler-Widerstandes fanden Zuflucht in Mexiko. Nach ungenauen Sch&auml;tzungen suchten zwischen 1942 und 1943 etwa 100 deutsche KommunistInnen mehrheitlich j&uuml;discher Herkunft in Mexiko Zuflucht, nachdem sie ihren ersten, vor&uuml;bergehenden Schutz in Frankreich gefunden hatten. Es handelte sich in der Mehrheit um Intellektuelle und SchriftstellerInnen wie Anna Seghers, Bodo Uhse oder Ludwig Renn, die in Mexiko die Bewegung und die von 1941 bis 1946 in Mexiko-Stadt erschienene gleichnamige Exil-Zeitschrift &bdquo;Freies Deutschland&ldquo; (&bdquo;Alemania Libre&ldquo;) gr&uuml;ndeten.<\/p><p>Inhaftierung, politische Verfolgung, Flucht, Widerstandsbegehren &ndash; die Gr&uuml;nde f&uuml;r das Asylersuchen wiederholten sich endlos. So der Fall Fidel Castro. Nachdem er wegen Widerstands gegen das Regime Fulgencio Batista knapp zwei Jahre in Haft sa&szlig; und sich zun&auml;chst in die USA absetzte, wurde der 28-J&auml;hrige im Jahr 1955 als politisch Verfolgter und Asylberechtigter anerkannt. Die Zuflucht in Mexiko diente Castro zur Vorbereitung seines revolution&auml;ren Feldzugs auf Kuba. Nach achtzehnmonatigem Aufenthalt schiffte Castro sich insgeheim mit einer Gruppe Guerilleros mit Kurs auf die kubanische K&uuml;ste ein und st&uuml;rzte zwei Jahre sp&auml;ter das Batista-Regime. Mit im Boot: Ernesto Che Guevara.<\/p><p>Nach dem Milit&auml;rputsch vom 31. M&auml;rz 1964 in Brasilien flohen einzelne Oppositionspolitiker und Intellektuelle ebenfalls nach Mexiko, allen voran Francisco Juli&atilde;o. Sein &bdquo;Vergehen&ldquo;: In den 1950er Jahren hatte er als Anwalt der mutigen nordostbrasilianischen &bdquo;Ligas Camponesas&ldquo; (&bdquo;Bauernb&uuml;nde&ldquo;) gearbeitet, die damals bereits f&uuml;r eine Agrarreform k&auml;mpften und als Vorreiter-Organisation der in den 1980er Jahren entstandenen Bewegung der Landlosen (MST) verstanden werden k&ouml;nnen. Juli&atilde;o kehrte nach seiner Amnestierung in den 1980er Jahren nach Brasilien zur&uuml;ck, verstarb jedoch 1999 in Mexiko, das er dankend als Land zur Niederschrift seiner Memoiren auserw&auml;hlt hatte.<\/p><p><strong>S&uuml;damerikanisches Massenexil in den 70er Jahren<\/strong><\/p><p>Eine neue massive Welle von Asylsuchenden &uuml;berraschte Mexiko in den 1970er Jahren als Folge der Diktatur Augusto Pinochet in Chile, aber auch der Diktatur, die von 1976 bis 1983 im benachbarten Argentinien 30.000 Widerstandsk&auml;mpfer ermordete. Als Erste wurde Salvador Allendes Witwe Hortensia Bussi samt Familie von einer nach Chile entsandten Sondermaschine des mexikanischen Pr&auml;sidenten Luis Echeverr&iacute;a vier Tage nach dem Putsch vom 11. September 1973 ausgeflogen. Dem nahezu heldenhaft wirkenden mexikanischen Botschafter in Chile, Gonzalo Mart&iacute;nez Corbal&aacute;, war es sogar gelungen, insgesamt 756 Menschen <a href=\"https:\/\/elpais.com\/internacional\/2017\/10\/16\/america\/1508123806_317107.html\">in die mexikanische Botschaft hin&uuml;berzuretten<\/a>, die allesamt unter unbeschreiblichen Schikanen und Gewaltandrohungen der Diktatur ausgeflogen werden mussten. Auch der in eine Klinik noteingelieferte Literatur-Nobelpreistr&auml;ger Pablo Neruda geh&ouml;rte dazu. Nur der z&auml;hen &Uuml;berredungsarbeit Pr&auml;sident Echeverr&iacute;as und Corbal&aacute;s gelang es, Neruda zur Einsicht des lebensrettenden Exils in Mexiko zu bewegen. Der Dichter bestand jedoch darauf, seine Memoiren f&uuml;r deren anstehenden Druck endzuredigieren, verz&ouml;gerte Tag f&uuml;r Tag den Abflug und verstarb unerwartet zwei Wochen nach dem Putsch in einer Klinik in Santiago.<\/p><p>Den Allende-Anh&auml;ngern folgte in den sp&auml;ten 1970er Jahren der ehemalige argentinische &Uuml;bergangspr&auml;sident und sp&auml;tere Botschafter in Mexiko, H&eacute;ctor C&aacute;mpora, und in den 1990er Jahren die indigene, guatemaltekische Menschenrechts-Aktivistin und Friedensnobelpreistr&auml;gerin (1992) Rigoberta Mench&uacute;. Als letzter lateinamerikanischer Renommier-Exilant verbrachte der durch einen Putsch gest&uuml;rzte Pr&auml;sident von Honduras, Manuel Zelaya, samt Familie zwei Jahre im mexikanischen Exil.<\/p><p>Eine seltsame, wenngleich wenig ehrenvolle Episode der mexikanischen Exilgeschichte war zwischen 1979 und 1980 der einj&auml;hrige Aufenthalt des gest&uuml;rzten iranischen Shahs Mohammad Reza Pahlavi in einem Luxus-Domizil der Stadt Cuernavaca, circa 50 Kilometer von Mexiko-Stadt entfernt. Die offizielle Darstellung der Exilgenehmigung sprach von einer &bdquo;Einladung&ldquo; des damaligen mexikanischen Pr&auml;sidenten Jos&eacute; L&oacute;pez Portillo. Allerdings gelang der Washington Post der Nachweis einer <a href=\"https:\/\/www.washingtonpost.com\/archive\/politics\/1979\/06\/11\/shah-entourage-in-mexico-with-aid-of-kissinger\/73690372-9c9e-4a2e-880e-16eb7ef31627\/\">Intervention der US-Regierung<\/a>. Der damalige US-Au&szlig;enminister Henry Kissinger &uuml;bte n&auml;mlich massiven Druck auf Portillo zur Erteilung einer Aufenthaltsgenehmigung f&uuml;r den Shah, seine Familie und eine 70-k&ouml;pfige Entourage von Sicherheitsbeamten aus.<\/p><p>Der aufsehenerregendste Exilfall in Mexiko ereignete sich jedoch im Jahr 1937. Er gipfelte im Mai 1940 in einem erfolglosen Attentat auf den Exilierten und drei Monate sp&auml;ter in seinem brutalen Mord auf Befehl Josef Stalins. Der Fall wirft auch 80 Jahre sp&auml;ter noch Schatten bis in die tiefste chilenische Provinz, 7.000 Kilometer vom Tatort entfernt.<\/p><p><strong>Im chilenischen Hinterland, der Schatten von Leo Trotzkis Ermordung<\/strong><\/p><p>Wenn man zum ersten Mal von der <a href=\"https:\/\/www.touristicroutes.com\/ajax\/verMiniVist.php?id=4392\">&bdquo;Escuela Mexico&ldquo;<\/a> h&ouml;rt, wird man durch oberfl&auml;chliche Recherchen dar&uuml;ber belehrt, dass die Grundschule von der mexikanischen Regierung der Stadt Chill&aacute;n gestiftet wurde. Chill&aacute;n hatte im Januar 1939 das verheerendste aller Erdbeben mit 30.000 Toten unter seinen 48.000 Einwohnern erlitten und musste aus den Ruinen wieder aufgebaut werden. Da schaltete sich das solidarische Mexiko mit der Schulstiftung ein. Die Verbundenheitsgeste beschr&auml;nkte sich jedoch nicht auf den Schulbau, sondern wurde mit der Entsendung der mexikanischen Kunstmaler David Alfaro Siqueiros und Xavier Guerrero erg&auml;nzt. Zwischen 1940 und 1942 dekorierte hier Guerrero die Eingangshalle der Schule mit Decken-Fresken und Siqueiros vollbrachte im ersten Stockwerk die monumentale Wandmalerei mit dem k&auml;mpferischen Titel &bdquo;Muerte al Invasor&ldquo; (&bdquo;Tod dem Eindringling&ldquo;).<\/p><p>Monumental deshalb, weil Siqueiros&lsquo; Werk sich nicht auf eine einzige Wand begrenzt, sondern zwei, mindestens 25 Meter voneinander entfernte Wandbilder &ndash; zum einen die Befreiungsgeschichte Mexikos, zum anderen die Chiles &ndash; mit einer Deckenmalerei verbindet und einen ganzen, rund 200 Quadratmeter gro&szlig;en Saal in ein dreidimensionales Kunstwerk verwandelt, das den Zuschauer zu unge&uuml;bter Hals- und Augenbewegung herausfordert. Die &bdquo;tektonischen D&auml;monen&ldquo; tobten aber weiter in Chile, denn im Jahr 2010 wurde mindestens ein Drittel des Werkes von einem neuen Erdbeben besch&auml;digt und musste akribisch restauriert werden; daher der dem Publikum verwehrte und ausnahmsweise nur einem offiziell akkreditierten Auslandskorrespondenten genehmigte Zugang. So durfte ich vor wenigen Jahren an einem sommerlichen Nachmittag Siqueiros&lsquo; Werk bestaunen und fotografisch dokumentieren.<\/p><p>Erst nachdem ich die &bdquo;Escuela Mexico&ldquo; verlassen hatte und auf dem Gehsteig eine Zigarettenpause einlegte, erschloss sich mir, dass das Erdbeben nur eine Art Nebenhandlung f&uuml;r Siqueiros&lsquo; Anwesenheit in Chile gewesen war. Der eigentliche Grund f&uuml;r sein &uuml;berraschendes Eintreffen lag im fernen Moskau verborgen. Ich war verbl&uuml;fft dar&uuml;ber, wie ein Juwel der Malerei-Kunst sich pl&ouml;tzlich als schillernde Br&uuml;cke zum Handlungsort samt Protagonisten eines weltweit betrauerten Verbrechens anbietet. N&auml;mlich des Mordanschlags auf den prominentesten Asylanten Mexikos aller Zeiten: dem in der Ukraine geborenen Lev Davidovich Bronstein, genannt Trotzki.<\/p><p>Verk&uuml;rzt angedeutet: Neben Wladimir I. Lenin war Trotzki einer der F&uuml;hrer der Russischen Revolution von 1917, Kriegskommissar, Gr&uuml;nder der Roten Armee und Mitbegr&uuml;nder des Sowjetstaates. Der Intellektuelle Trotzki wurde nach Lenins Tod vom aufsteigenden Sowjetkader der &bdquo;harten Linie&ldquo;, Joseph Stalin, schrittweise entmachtet, zum Hauptrivalen und &bdquo;Verr&auml;ter&ldquo; erkl&auml;rt, aus der KPdSU ausgeschlossen und nach seiner Verbannung nach Kasachstan des Landes verwiesen.<\/p><p>Nach qu&auml;lenden, weil unsicheren Zwischenstationen in der T&uuml;rkei, Frankreich und Norwegen, stets mit Agenten des stalinistischen GPU-Geheimdienstes &ndash; Vorl&auml;ufer des sp&auml;teren NKWD und KGB &ndash; auf den Fersen, gingen Trotzki und Ehefrau Natalia Sedowa auf Einladung der Regierung L&aacute;zaro C&aacute;rdenas 1937 <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=BC-EUd6nbkw\">im mexikanischen Hafen Tampico an Land<\/a>. Empfangen wurden sie neben anderen Pers&ouml;nlichkeiten von der Kunstmalerin Frida Kahlo, die mit dem Kunstmaler Diego Rivera das &bdquo;Blaue Haus&ldquo; in Mexiko-Stadts Bezirk Coyoac&aacute;n besa&szlig;, das den Trotzkis als erste Unterkunft diente, das sie jedoch nach einer kurzfristigen Liebesaff&auml;re Leos mit Frida verlie&szlig;en und innerhalb Coyoac&aacute;ns umzogen.<\/p><p><strong>Unternehmen &bdquo;Gnom&ldquo;<\/strong><\/p><p>Pavel Sudoplatov, einer der f&uuml;hrenden GPU-Agenten, behauptete indes in <a href=\"https:\/\/www.amazon.com\/Special-Tasks-Anatoli-Sudoplatov\/dp\/0316821152\">seinen Memoiren<\/a>, Stalin habe den Befehl zur Beseitigung seines gef&uuml;rchteten Rivalen mit den Worten ausgegeben: &bdquo;Au&szlig;er Trotzki gibt es keine andere wichtige Figur in der trotzkistischen Bewegung. Wenn wir Trotzki eliminieren, wird jede Gefahr verschwinden&ldquo;. Der Entschluss zur Eliminierung Trotzkis wurde noch vor der Beendigung des B&uuml;rgerkriegs in Spanien gefasst. Unter dem Befehl Lavrenti Berias, Chef der sowjetischen Staatssicherheit, und der operativen Leitung Sudoplatovs agierte zwischen GPU und den Republikanern die gro&szlig;b&uuml;rgerliche, zum Moskau-Kommunismus konvertierte Spanierin Caridad Mercader als Anwerberin. Unter Androhung von Repressalien setzte die krankhaft anmutende Dame ihren eigenen Sohn unter Druck. Dem jungen kommunistischen Republikaner Ram&oacute;n Mercader blieb keine Wahl &ndash; er &bdquo;musste&ldquo; Trotzki umbringen, so der Befehl. In Barcelona kooptiert, in der tiefen UdSSR und Frankreich mit einer belgischen Neu-Identit&auml;t ausgebildet, landete Mercader Ende 1939 in Mexiko und machte sich auf die Suche nach Silvia Ageloff, eine junge US-amerikanische Linke und zuk&uuml;nftige Sekret&auml;rin Trotzkis, auf die Ram&oacute;n in Paris angesetzt worden war.<\/p><p>Das von der GPU in Moskau titulierte Unternehmen &bdquo;Gnom&ldquo; kam in Fahrt. Strategie-Experte Sudoplatov stellte drei Killer-Banden auf, die sich untereinander nicht kannten, von denen zwei unter dem Kommando der GPU-Agenten Nahum Eitingon (Alias: &bdquo;General Kotov&ldquo;) und Iosif Grigulevich standen. Beide waren im spanischen B&uuml;rgerkrieg ge&uuml;bte Agenten zur Jagd auf und &bdquo;Neutralisierung&ldquo; von Anarchisten und Trotzkisten. Eitingon reichte eine lange Liste von Interessenten ein, angef&uuml;hrt von David Alfaro Siqueiros, der in sehr jungen Jahren an der mexikanischen Revolution teilgenommen sowie als mexikanisches KP-Mitglied und Freiwilliger in den Reihen der spanischen Republikaner gek&auml;mpft hatte.<\/p><p>Das zweite &bdquo;Team&ldquo; stand unter der Aufsicht von Caridad Mercader, die einen Sohn im B&uuml;rgerkrieg verloren hatte und ihre Karten auf den verbleibenden Sohn Ram&oacute;n setzte. Auf Berias Wunsch stand die dritte Gruppe unter dem Kommando Iosif Grigulevichs.<\/p><p>Im Morgengrauen des 24. Mai 1940 fuhr Siqueiros mit einem Kommando von ann&auml;hernd 25 als Polizisten verkleideten und schwerbewaffneten Killern vor dem Haus Trotzkis vor. Der Gruppe gelang die Vertreibung der realen Polizei, die das Haus bewachte, w&auml;hrend Grigulevich Robert Sheldon Harte, den zum Komplizen gewonnenen Privatw&auml;chter Trotzkis, anrief, der die Pforte bewachte. So brach eine Gruppe durch die Pforte ein, die Hauptkolonne feuerte jedoch von der Stra&szlig;e rund 200 MG-Sch&uuml;sse auf das Haus. Das aus tiefem Schlaf gerissene und zu Tode ver&auml;ngstigte Ehepaar Trotzki suchte Zuflucht unter dem Bett und rettete sich vor mindestens 70 Kugeln, die &uuml;ber ihren K&ouml;pfen in den W&auml;nden einschlugen. Den nebenan schlafenden Trotzki-Enkel Sieva Volkov erwischte es leicht an einem Fu&szlig;. Mittlerweile rollte eine reale Polizeibrigade an, der Angriff war gescheitert. Siqueiros floh, versuchte sich in Michoac&aacute;n zu verstecken, wurde jedoch verhaftet und landete hinter Gittern, ebenso wie die Mehrheit der Attent&auml;ter.<\/p><p>Die Eliminierung Trotzkis war indes nicht nur ein Anliegen Stalins und seiner GPU. Sie hatte sich als ein &bdquo;Muss&ldquo; auf s&auml;mtliche von der KPdSU beeinflussten und von ihr &uuml;ber die Komintern ideologisch gelenkten KPs ausgewachsen. Auch die chilenische KP betete die stalinistischen Mantras nach. Eines ihrer F&uuml;hrungsmitglieder, der Dichter Pablo Neruda, scheute sich nicht, eine <a href=\"https:\/\/lyricstranslate.com\/en\/oda-stalin-ode-stalin.html\">&bdquo;Ode an Stalin&ldquo;<\/a> zu dichten. Nach mehreren Jahren als chilenischer Konsul in Spanien t&auml;tig &ndash; von wo er rund 2.000 verfolgten Republikanern das Exil in Chile sicherte &ndash; war Neruda nach einem kurzen Interregnum nach Mexiko versetzt worden. Ihm fiel nach dem gescheiterten Anschlag auf Trotzki die Komintern-Mission zu, Siqueiros aus der Haft zu befreien. Mit einem &bdquo;annehmbaren&ldquo; Angebot an die unter massivem politischen Druck stehende mexikanische Justiz. Was tat Neruda? Er holte Siqueiros aus dem Knast und setzte ihn in einer Nacht-und-Nebel-Aktion im vom Erdbeben zerst&ouml;rten chilenischen Chill&aacute;n an Land.<\/p><p><a href=\"https:\/\/www.marxists.org\/archive\/trotsky\/1940\/05\/stalin.htm\">&bdquo;Stalin will meinen Tod!&ldquo;<\/a>, alarmierte w&auml;hrenddessen Attentat-&Uuml;berlebender Trotzki in einer von den Medien weitverbreiteten Rede. Der sowjetische Revolution&auml;r &uuml;bertrieb nicht. Drei Monate sp&auml;ter, am 21. August 1940, jagte ihm GPU-Agent Ram&oacute;n Mercader (Alias: &bdquo;Jacques Mornard&ldquo;) einen Eispickel in den Sch&auml;del.<\/p><p>Siqueiros bereute niemals den Mordanschlag auf Trotzki. Im Gegenteil, vor Gericht verteidigte er das Attentat als &bdquo;Verpflichtung zum Schutz der Nationalen Unabh&auml;ngigkeit Mexikos und der mexikanischen Revolution&ldquo;. Nach seiner R&uuml;ckkehr aus Chile lebte er den Rest seines Lebens unbestraft und starb 1974 in Mexiko.<\/p><p>Ram&oacute;n Mercader verbrachte hingegen 20 Jahre in mexikanischer Haft und &uuml;bersiedelte Anfang der 1960er Jahre nach Russland, wo er als &bdquo;Held der Sowjetunion&ldquo; ausgezeichnet und mit einer privilegierten Agenten-Rente beschenkt wurde. Von ihm soll der Satz stammen, &bdquo;f&uuml;r den Rest meines Lebens wurde ich von Trotzkis entsetzlichem Schmerzens-Schrei verfolgt&ldquo;. Knapp weitere 20 Jahre pendelte Mercader zwischen seinen Wohnungen in Russland und auf Kuba, wo er 1978 verstarb. Von den &uuml;ber seine Geschichte verfassten Dokumentationen, B&uuml;chern und Spielfilmen sind der Roman des Kubaners Leonardo Padura <a href=\"http:\/\/www.unionsverlag.com\/info\/title.asp?title_id=2692\">&bdquo;Der Mann, der Hunde liebte&ldquo;<\/a>, Joseph Loseys Drama <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=AeKHthb-YMM\">&bdquo;The Assassination of Trotsky&ldquo; (1972)<\/a> sowie <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=8TC5J0yG5ac\">&bdquo;El Elegido&ldquo;<\/a> des spanischen Regisseurs Antonio Chavarr&iacute;as, zu empfehlen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Chill&aacute;n, tiefes chilenisches Hinterland, beherbergt die Grundschule &bdquo;Escuela Mexico&ldquo; eine spektakul&auml;re Wandmalerei-Anlage aus den 1940er Jahren. Ihr Sch&ouml;pfer hatte im fernen Mexiko einen Mordanschlag auf einen weltber&uuml;hmten Asylanten ver&uuml;bt. Dass er sich mit dem Monumentalwerk sein Schuldgef&uuml;hl ausschwitzte, war eine k&uuml;hne, weil vergebliche Hoffnung seiner Helfer, darunter vor allem des chilenischen Dichters Pablo Neruda.<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=83106\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[198,20],"tags":[1171,1276,2004,1055,1570,2192,1963,3222],"class_list":["post-83106","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-einzelne-politiker-personen-der-zeitgeschichte","category-landerberichte","tag-asyl","tag-attentat","tag-castro-fidel","tag-fluechtlinge","tag-mexiko","tag-neruda-pablo","tag-pinochet-augusto","tag-trotzki-leo"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/83106","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=83106"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/83106\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":83110,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/83106\/revisions\/83110"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=83106"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=83106"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=83106"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}