{"id":8324,"date":"2011-02-15T14:29:34","date_gmt":"2011-02-15T13:29:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=8324"},"modified":"2014-07-28T15:41:30","modified_gmt":"2014-07-28T13:41:30","slug":"retten-die-blogger-die-demokratie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=8324","title":{"rendered":"Retten die Blogger die Demokratie?"},"content":{"rendered":"<p>&ldquo;Retten die Blogger die Demokratie?&rdquo;  &ndash; unter diesem bewusst zugespitzten Motto diskutierten am Wochenende auf dem <a href=\"http:\/\/www.derkongressbloggt.de\/\">1. K&ouml;lner Bloggerkongress<\/a> Vertreter der politischen Blogosph&auml;re untereinander und mit dem Publikum. Um es vorwegzunehmen: Eine selbstst&auml;ndige Kraft, die es vermag, gro&szlig;e &Auml;nderungen zu bewirken, sind die deutschen Politblogs noch lange nicht; als Korrektiv und meinungsbildendes Instrument spielen sie jedoch bereits heute eine relevante Rolle. Um diese Relevanz signifikant zu steigern, w&auml;ren jedoch Entwicklungen n&ouml;tig, die aus heutiger Sicht nicht unbedingt realistisch erscheinen. Jens Berger.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Bestandsaufnahme<\/strong><\/p><p>Es existiert keine wissenschaftlich evidente Kartierung der deutschen Bloglandschaft. Laut einer Allensbacher Computer- und Technikanalyse sollen zwar 8,4% der deutschen Internetnutzer ein eigenes Blog f&uuml;hren, wie viele davon &uuml;berhaupt aktiv gef&uuml;hrt werden und wie viele als &ldquo;politisch&rdquo; betrachtet werden k&ouml;nnen, l&auml;sst sich jedoch ohne zuverl&auml;ssiges Zahlenmaterial nicht sagen. Empirisch k&ouml;nnte man die Zahl der politischen Weblogs in Deutschland, die sich auch mit politischen Themen abseits der Netzpolitik besch&auml;ftigen, vielleicht auf wenige Tausend sch&auml;tzen. Selbstverst&auml;ndlich ist diese politische Blogosph&auml;re jedoch sehr heterogen. Neben einer Phalanx von Blogs, die man anhand der klassischen Ges&auml;&szlig;geographie als &ldquo;links der Mitte&rdquo; einordnen k&ouml;nnte, gibt es auch zahlreiche Blogs aus dem nationalkonservativen bis rechtsextremen und dem libert&auml;ren Spektrum. Sehr gro&szlig;er Beliebtheit erfreuen sich auch Blogs, die man am ehesten als &ldquo;verschw&ouml;rungstheoretisch&rdquo; bezeichnen k&ouml;nnte und deren politische Linie oft erstaunlich indifferent ist. Einzig im engeren Umfeld der Volksparteien gibt es erstaunlicherweise fast gar keine Blogs, die nicht von den Vorfeldorganisationen der Parteien selbst betrieben werden.<\/p><p>Wenn man unterstellt, dass Blogger vor allem die L&uuml;cken, die der mediale Mainstream entstehen l&auml;sst, f&uuml;llen wollen, kann diese Verteilung nicht &uuml;berraschen. W&uuml;rden die klassischen Medien ihre Aufgabe ordentlich erf&uuml;llen, g&auml;be es auch weniger Gr&uuml;nde, die NachDenkSeiten zu lesen. Da die klassischen Medien in ihrer Rolle als &ldquo;vierte Gewalt&rdquo; jedoch eklatant versagen, sind Blogs die wahrscheinlich einzige M&ouml;glichkeit, sich ohne eine gro&szlig;e Kapitaldecke oder Organisationsstruktur publizistisch gegen die Allmacht der Parteien, Verb&auml;nde, Think-Tanks und der monopolartigen Medienunternehmen zu richten. Genau diese Begr&uuml;ndung wird jedoch auch von politischen Extremisten und &ldquo;bunten V&ouml;geln&rdquo; angef&uuml;hrt, weshalb man die Blogosph&auml;re auch nicht als monolithischen Block gegen den Mainstream verstehen darf. Nicht alle Blogger wollen die Demokratie retten, und die Blogger, die die Demokratie retten wollen, sind oft in Detailfragen grundverschiedener Meinung. <\/p><p><strong>Was Blogs k&ouml;nnen &hellip;<\/strong><\/p><p>In Deutschland verstehen sich daher die meisten politischen Blogger eher als Aufkl&auml;rer in eigener Sache, als Korrektiv zur <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gatekeeper_%28Nachrichtenforschung%29\">Gatekeeper-Funktion<\/a> der klassischen Medien. Diese Aufgabe k&ouml;nnen Blogger ohne weiteres qualitativ erf&uuml;llen und wegen dieser Aufgabe werden sie auch von immer mehr Lesern gelesen. Die 6,3 Millionen Seitenaufrufe pro Monat, die die NachDenkSeiten verzeichnen k&ouml;nnen, sind da bereits ein Ausrufezeichen, auch wenn diese Zahl nat&uuml;rlich nur einem Bruchteil der Leserreichweite der Mainstreammedien entspricht. Dieses krasse Missverh&auml;ltnis ist jedoch f&uuml;r Blogger kein Grund, den Kopf h&auml;ngen zu lassen, sondern im Gegenteil eher ein Ansporn. Das gr&ouml;&szlig;te Wachstumspotential der Blogs besteht dabei freilich im kontinuierlichen Versagen der Massenmedien. Sollten sie das Ruder nicht herumrei&szlig;en, wird die quantitative und wohl auch qualitative Bedeutung der Blogs unweigerlich weiter zunehmen, zumal die Blogs im &ldquo;linksliberalen&rdquo; Spektrum in vielen politischen Punkten mit der Mehrheitsmeinung gr&ouml;&szlig;ere Schnittmengen haben als die neoliberal und parteiennah gepr&auml;gte Berichterstattung der Massenmedien. <\/p><p><strong>&hellip; und was Blogs nicht k&ouml;nnen<\/strong><\/p><p>Auf  jeden klugen Artikel in den Blogs kommen mindestens 100 weniger kluge Artikel in den Massenmedien und die meinungsbildende Propaganda auf den St&uuml;hlen von Anne Will oder Maybrit Illner hat eine ungleich h&ouml;here Wirkm&auml;chtigkeit als jede noch so &uuml;berzeugende Widerlegung dieser Propaganda in den Blogs. Es ist eher die Rolle des Davids gegen Goliath oder die Arbeit eines Sisyphus, der den Felsbrocken jeden Tag aufs Neue den steilen Berg hinaufrollen muss. Auch wenn das Potential zweifelsohne vorhanden ist, wird es den politischen Blogs in der momentanen Struktur sehr schwer fallen, dieses signifikant auszuweiten. Die Heterogenit&auml;t der Blogosph&auml;re steht dabei einer w&uuml;nschenswerten st&auml;rkeren Vernetzung oder gar einer Kampagnenf&auml;higkeit im Wege. Heute k&ouml;nnen Blogs vorhandene Protestbewegungen begleiten, fokussieren und bestenfalls verst&auml;rken &ndash; um selbst ein aktives <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Agenda_Setting\">Agenda-Setting<\/a> zu betreiben oder gar Protestbewegungen anzusto&szlig;en, fehlt den deutschen Blogs jedoch (noch) die n&ouml;tige Reichweite und Professionalit&auml;t.<\/p><p>Gerne werden deutsche Politblogs von ihren Gegnern wie ihren Bef&uuml;rwortern mit ihren amerikanischen Pendants verglichen. Die Gegner verweisen auf Erfolg und Professionalit&auml;t amerikanischer Blogs und attestieren den deutschen Blogs eine vergleichsweise chaotische und amateurhafte Struktur. Die Bef&uuml;rworter verweisen stattdessen lieber auf das Potential und die Kampagnenf&auml;higkeit jenseits des Atlantiks. Beide Argumentationen laufen jedoch ins Leere, da sich der Vergleich schon alleine aus Gr&uuml;nden der unterschiedlichen medialen und politischen Systeme verbietet. Oder k&ouml;nnte sich hierzulande irgendwer ernsthaft vorstellen, dass die sozialen Netzwerke eine aktive Kampagne f&uuml;r den vermeintlichen Kanzlerkandidaten Sigmar Gabriel ansto&szlig;en? Ein Vergleich verbietet sich auch aus dem Grund, dass amerikanische Blogs hierzulande nicht unter dem Label &ldquo;Blog&rdquo;, sondern als &ldquo;Online-Magazin&rdquo; gef&uuml;hrt w&uuml;rden &ndash; Unternehmen, wie die j&uuml;ngst f&uuml;r 315 Millionen US$ verkaufte Huffington Post, verf&uuml;gen &uuml;ber ein Budget von mehreren Millionen Dollar und besch&auml;ftigen mehr hochqualifizierte Vollzeitmitarbeiter als viele deutsche Verlagsh&auml;user. Ein Vergleich mit deutschen Blogs, die sich meist ausschlie&szlig;lich &uuml;ber Spenden finanzieren und ehrenamtlich oder im Nebenerwerb betrieben werden, verbietet sich daher. H&auml;tte die deutsche Blogosph&auml;re vergleichbare finanzielle und personelle M&ouml;glichkeiten, s&auml;he die Welt auch hierzulande anders aus. Dem ist aber bekanntlich nicht so.<\/p><p><strong>Prognose<\/strong><\/p><p>Es w&auml;re gegen&uuml;ber den Lesern auch vermessen, den Einfluss von Blogs rein quantitativ messen zu wollen. Wenn es um die Aufkl&auml;rungsarbeit geht, z&auml;hlt ein durchschnittlicher Blogleser ungleich mehr, als ein passiver Konsument einer Polittalkshow. Blogleser sind oft selbst <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Multiplikator_%28Werbung%29\">Multiplikatoren<\/a>, die die Arbeit der Blogger in der Offline-Welt fortsetzen. Wie aus dem Feedback vieler Leser klar wird, nutzen sie die gewonnen Informationen nicht nur zur eigenen Meinungsbildung, sondern auch im privaten oder beruflichen Umfeld zur Argumentation gegen vorhandene Mainstreammeinungen. Blogs sind in diesem Kontext ein wahrhaft interaktives Medium. Die Autoren greifen auf Hinweise und Erfahrungen ihrer Leser zur&uuml;ck, w&auml;hrend die Leser ihrerseits oft die Hinweise und Analysen der Autoren rezipieren. Die Bindung zwischen Leser und Autor ist wohl in keinem Medium so gro&szlig; wie bei den Blogs. Wenn Blogs ihre Wirkm&auml;chtigkeit ausbauen wollen, so ist dies daher nur zusammen mit den Lesern m&ouml;glich. <\/p><p>Ob die deutschen Politblogger ihre Relevanz mittelfristig erh&ouml;hen k&ouml;nnen, ist jedoch ungewiss und an verschiedene Faktoren gekoppelt: <\/p><ul>\n<li>Kann ein st&auml;rke Vernetzung innerhalb der Blogosph&auml;re m&ouml;glich und zielf&uuml;hrend sein?<\/li>\n<li>Ist es m&ouml;glich, die personellen und finanziellen Ressourcen zu verbessern?<\/li>\n<li>Gelingt es den Blogs, sich vor Abmahnungen und politischer wie wirtschaftlicher Einflussnahme zu sch&uuml;tzen?<\/li>\n<li>Reicht die Verbreitung &uuml;ber soziale Netzwerke (online wie offline) aus, um die Leserschaft signifikant zu erweitern?<\/li>\n<\/ul><p>Wenn sich all diese Fragen bejahen lassen, steht den Medien wom&ouml;glich ein Strukturwechsel bevor, bei dem die Blogs das Monopol der Medienkonzerne aufbrechen k&ouml;nnten. Bis dahin ist es jedoch noch ein weiter Weg. Aber sogar der l&auml;ngste Marsch beginnt mit dem ersten Schritt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&ldquo;Retten die Blogger die Demokratie?&rdquo; &ndash; unter diesem bewusst zugespitzten Motto diskutierten am Wochenende auf dem <a href=\"http:\/\/www.derkongressbloggt.de\/\">1. K&ouml;lner Bloggerkongress<\/a> Vertreter der politischen Blogosph&auml;re untereinander und mit dem Publikum. 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