{"id":83299,"date":"2022-04-27T12:00:51","date_gmt":"2022-04-27T10:00:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=83299"},"modified":"2022-04-27T15:55:02","modified_gmt":"2022-04-27T13:55:02","slug":"der-grosse-sprung-zurueck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=83299","title":{"rendered":"Der gro\u00dfe Sprung zur\u00fcck"},"content":{"rendered":"<p>W&auml;hrend Corona in den meisten L&auml;ndern der Welt nur noch eine Randnotiz ist, versinkt die vermeintlich modernste Metropole Chinas mehr und mehr in einer Dystopie, wie man sie vor wenigen Jahren f&uuml;r nicht m&ouml;glich gehalten h&auml;tte. Chinas Zentralregierung hat sich durch seine ideologisch untermauerte und propagandistisch instrumentalisierte Zero-Covid-Strategie in eine Sackgasse man&ouml;vriert und scheint kein Konzept zu haben, ohne Gesichtsverlust da wieder herauszukommen. Doch vielleicht will man das auch gar nicht. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_4975\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-83299-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220427_Der_grosse_Sprung_zurueck_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220427_Der_grosse_Sprung_zurueck_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220427_Der_grosse_Sprung_zurueck_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220427_Der_grosse_Sprung_zurueck_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=83299-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220427_Der_grosse_Sprung_zurueck_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"220427_Der_grosse_Sprung_zurueck_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>W&auml;hrend sich europ&auml;ische Urlauber im ersten Corona-Sommer 2020 &uuml;ber die Maskenpflicht und geschlossene Party-Locations &auml;rgerten oder aus Angst vor dem Virus lieber gleich <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=63006\">zuhause blieben<\/a>, zeigte China dem Rest der Welt einen multimedialen Stinkefinger &ndash; in einem Schwimmbad im ehemaligen Corona-Epizentrum Wuhan <a href=\"https:\/\/www.stern.de\/politik\/news-im-video--wuhan---tausende-feiern-ausgelassene-pool-party-9379966.html\">feierten<\/a> tausende junge Chinesen ohne Maske und ohne Mindestabstand ausgelassen einen Rave. Die Botschaft war eindeutig: Der Rest der Welt hat bei der Eind&auml;mmung von Corona versagt, w&auml;hrend die harte chinesische Zero-Covid-Strategie erfolgreich war, bei der die gesamte Region mit ihren mehr als zw&ouml;lf Millionen Einwohnern &uuml;ber Monate abgeriegelt wurde. Oder um es ideologisch zu &uuml;berh&ouml;hen: Chinas System ist dem Rest der Welt meilenweit voraus. Die Zukunft ist chinesisch. Die Probleme der Zukunft kann man nicht mit Individualismus, sondern nur mit Kollektivismus beantworten.<\/p><p>Im Fr&uuml;hjahr 2022 klingen diese Phrasen hohl. W&auml;hrend der Rest der Welt nach Phasen mal mehr, mal weniger harter Lockdowns und durchaus umstrittener Impfkampagnen die Coronama&szlig;nahmen aufgegeben hat und nun dabei ist, zu lernen, mit dem Virus zu leben, hat sich das Blatt um 180 Grad gedreht. L&auml;nder mit vergleichsweise liberaler Corona-Politik wie Schweden oder D&auml;nemark sind &ndash; wie es so sch&ouml;n hei&szlig;t &ndash; weitestgehend &bdquo;durchseucht&ldquo;, dank weitreichender Immunit&auml;t auf breiter Basis sind die Inzidenzen im Keller. Die ehemaligen Vorbilder deutscher Zero-Covid-Anh&auml;nger Australien und Neuseeland lassen das Virus jetzt durchlaufen und haben zurzeit weltweit die h&ouml;chsten Inzidenzen. Einzig und allein China klammert sich immer noch mit autorit&auml;ren Methoden an die Zero-Covid-Ideologie &hellip; und haben in Omikron einen &uuml;berm&auml;chtigen Endgegner gefunden. <\/p><p><strong>Lockdown in Shanghai<\/strong><\/p><p>Mit Shanghai befindet sich seit Monatsanfang eine Metropole, die so gro&szlig; wie Bayern, Baden-W&uuml;rttemberg und Berlin zusammen ist, in einem harten Lockdown. Die Menschen d&uuml;rfen ihre Wohnungen nicht mehr verlassen, Roboter-Hunde <a href=\"https:\/\/www.ft.com\/content\/5c437146-2d18-466b-84af-24a47b32de59\">patrouillieren<\/a> durch die leeren Stra&szlig;en und Drohnen <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=YYmAnDggmpE\">weisen<\/a> Menschen, die auf ihren Balkons Protestlieder singen, darauf hin, &bdquo;ihre Sehnsucht nach Freiheit zu z&uuml;geln und den Gesang einzustellen&ldquo;. Versorgt werden die Menschen mehr schlecht als recht durch staatliche Essenspakete, die von Helfern in Ganzk&ouml;rperschutzanz&uuml;gen geliefert werden. In den chinesischen sozialen Netzwerken ist von Hunger und Verzweiflung die Rede. Doch diese Posts fallen in Windeseile der staatlichen Zensur zum Opfer. Vielen Menschen fehlen wichtige Medikamente. Die einzige Gelegenheit, die meist sehr kleinen Wohnungen zu verlassen, bieten die regelm&auml;&szlig;ig angeordneten Massentests. Wer positiv ist, wird dann &ndash; <a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/ausland\/corona-in-china-in-shanghai-zerren-sie-die-alten-aus-den-wohnungen-17970858.html\">zur Not mit Gewalt<\/a> &ndash; in ein Quarant&auml;necamp verfrachtet. Dort liegt er dann &ndash; auch wenn er v&ouml;llig symptomfrei ist &ndash; neben r&ouml;chelnden Hochbetagten in Hallen mit tausenden Betten. Auch nachts <a href=\"https:\/\/www.derstandard.at\/story\/2000135001954\/chinas-gefaehrliche-lockdown-politik-in-schanghai\">brennt<\/a> das glei&szlig;ende Licht, Sanit&auml;reinrichtungen sind Mangelware, die hygienische Situation auf den offenen Toiletten <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/ausland\/china-omikron-in-shanghai-was-es-fuer-xi-jingping-und-die-weltwirtschaft-bedeutet-a-37ec80ba-1d58-4d10-9dc9-f3c7cb4b4f99\">katastrophal<\/a>. Menschen sterben in ihren Wohnungen an einem Herzinfarkt, weil sie ohne negativen PCR-Test nicht ins Krankenhaus gelassen werden. Andere m&uuml;ssen auf ihre Dialyse oder Chemotherapie <a href=\"https:\/\/www.derstandard.at\/story\/2000135001954\/chinas-gefaehrliche-lockdown-politik-in-schanghai\">verzichten<\/a> &ndash; Lockdown hei&szlig;t Lockdown und der halbe medizinische Sektor ist ohnehin mit den Massentests besch&auml;ftigt. Shanghai 2022 &ndash; keine Szene aus einem dystopischen Film, sondern bittere Realit&auml;t. <\/p><p>Shanghai ist kein Einzelfall. Derzeit sind rund <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/ausland\/china-omikron-in-shanghai-was-es-fuer-xi-jingping-und-die-weltwirtschaft-bedeutet-a-37ec80ba-1d58-4d10-9dc9-f3c7cb4b4f99\">370 Millionen Chinesen<\/a> einem teilweisen oder kompletten Lockdown unterworfen. 87 der 100 gr&ouml;&szlig;ten chinesischen St&auml;dte <a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/finanzen\/finanzmarkt\/china-auslaendische-anleger-ziehen-im-corona-lockdown-kapital-ab-17977318.html?premium\">sind davon betroffen<\/a>. Als n&auml;chstes d&uuml;rfte die Hauptstadt Peking Opfer eines totalen Lockdowns werden. Dort gab es in den letzten Tagen <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/ausland\/corona-in-china-omikron-ausbruch-in-peking-eine-21-millionen-stadt-im-schwebezustand-a-53314351-037a-474a-b17f-5a6f44db6fc2\">vereinzelte positive Tests<\/a>. <\/p><p><strong>Warum ist China in seiner Zero-Covid-Strategie gefangen?<\/strong><\/p><p>Die Zero-Covid-Strategie ist in China Staatsr&auml;son. Doch gerade in Zeiten der leicht &uuml;bertragbaren und vergleichsweise ungef&auml;hrlichen Omikron-Varianten wirkt der chinesische Weg mehr denn je wie ein Kampf gegen Windm&uuml;hlen. Corona ist endemisch und wird nie verschwinden. Will China den Ausnahmezustand zur Normalit&auml;t werden lassen? Noch vor wenigen Jahren galt China als Land, das im Zweifel kreativ, undogmatisch und vor allem flexibel auf Probleme reagiert. Beim Thema Corona wirkt die Zentralregierung jedoch so kreativ, undogmatisch und flexibel wie das ZK der SED im Sp&auml;therbst 1989. Zero-Covid in seinem Lauf h&auml;lt weder Ochs noch Esel auf. F&uuml;r diesen Dogmatismus gibt es Gr&uuml;nde. <\/p><p>Die Zentralregierung ist Gefangene ihrer eigenen Propaganda. Als Covid 19 zum Jahreswechsel 2019\/2020 in Wuhan pandemisch wurde, hatte die Regierung anfangs eine sehr schlechte Figur gemacht. Man stritt alles ab und lie&szlig; Whistleblower verhaften. Als es nichts mehr zu vertuschen gab, geriet die Regierung zum ersten Mal seit sehr, sehr langer Zeit bei der Bev&ouml;lkerung massiv in die Kritik. Nun &auml;nderte man seinen Kurs um 180 Grad und verh&auml;ngte die massivsten Lockdown-Ma&szlig;nahmen, die die Welt bis heute gesehen hat. Und die Zahlen gaben dieser brachialen Strategie zun&auml;chst recht. Die ersten nicht mehr beherrschbaren Gro&szlig;ausbr&uuml;che fanden nicht in China, sondern im fernen Europa und sp&auml;ter auf dem amerikanischen Kontinent statt. China stand pl&ouml;tzlich genau bei dem Thema, bei dem die Regierung noch vor wenigen Wochen hart kritisiert wurde, pl&ouml;tzlich als globaler Mustersch&uuml;ler da. Und dies nutzte man bis vor kurzem massiv zu propagandistischen Zwecken. Der Rave im Schwimmbad von Wuhan war nur ein Beispiel. Das kollektivistische China ist vor allem dem Westen mit seinem verrottenden Individualismus &uuml;berlegen, so die Botschaft, die regelm&auml;&szlig;ig in den Medien mit Bildern von Intensivstationen in New York, London und Berlin und Gr&auml;bern auf der ganzen Welt untermauert wurde.<\/p><p>Dann kam die Impfkampagne. China war hier sogar noch schneller als der Westen und pr&auml;sentierte als erstes Land der Welt eigene Impfstoffe, die auch im gro&szlig;en Stil eingesetzt wurden. Doch dann verlor die Kampagne pl&ouml;tzlich an Fahrt. Man mag es ja kaum glauben, aber selbst im autorit&auml;ren China gibt es bis heute keine Impfpflicht und gerade in der Risikogruppe der Hochbetagten ist die Impfung offenbar nicht sehr beliebt. Nat&uuml;rliche Immunit&auml;ten sind au&szlig;erhalb von Wuhan gar nicht vorhanden und nur ein F&uuml;nftel der &uuml;ber 80-J&auml;hrigen ist <a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/ausland\/warum-china-an-der-null-covid-strategie-festhaelt-17942586.html\">geboostert<\/a> &ndash; und dies mit Impfstoffen, die gegen die Omikron-Variante ohnehin kaum wirksam sind. Wahrscheinlich ist diese schlechte Performance vor allem eine Folge der Zero-Covid-Ideologie. Warum soll man die Menschen &ndash; wom&ouml;glich gegen ihren Willen &ndash; impfen, wenn man jeden noch so kleinen Ausbruch durch brachiale Lockdowns ohnehin in den Griff bekommt? <\/p><p><strong>An Shanghai wird ein Exempel statuiert<\/strong><\/p><p>Und last but not least ist die Zero-Covid-Politik zudem f&uuml;r die Zentralregierung ideologisch bedeutsam und ein Werkzeug im internen Machtkampf mit den f&ouml;deralen Strukturen. China ist ein Land mit totalit&auml;ren Z&uuml;gen. Die Massen&uuml;berwachung ist dort Praxis, der Kollektivismus oberste Leitlinie &ndash; man k&ouml;nnte China auch einen Orwell-Staat nennen. Jahrzehntelang war der Deal: Wir sorgen daf&uuml;r, dass ihr materiellen Wohlstand erlangt, daf&uuml;r verzichtet ihr auf individuelle Freiheiten. Und dieser Deal hat bis heute auch gehalten. Vor allem in den gro&szlig;en St&auml;dten an der Ostk&uuml;ste ist China ein geradezu atemberaubend modernes Land, in dem in Rekordgeschwindigkeit eine breite Mittelschicht und eine kreative Oberschicht entstanden sind. Die Mischung aus Zuckerbrot und Peitsche hat gestimmt. Erst kommt das Fressen, dann die Moral.<\/p><p>Doch jedem sollte klar sein, dass das atemberaubende Tempo abnehmen muss und dass die nat&uuml;rlichen Grenzen des Wachstums auch vor China keinen Halt machen. Und es ist vollkommen klar, dass der chinesische Deal Risse bekommen muss, wenn das Zuckerbrot weniger wird. Die autorit&auml;re Zero-Covid-Politik ist somit auch &ndash; und vielleicht vor allem &ndash; ein Mittel, um liberale und individualistische Str&ouml;mungen dem Kollektivismus zu unterwerfen, bevor sie ein kritisches Ma&szlig; erreichen. In Shanghai gilt der rigide Lockdown f&uuml;r alle &ndash; die Tech-Milliard&auml;rin wird genauso von den &bdquo;Big White&ldquo; genannten Helfern in Outbreak-Montur mit Kohl und Kartoffeln versorgt wie der Hilfsarbeiter. Peking zeigt, wer die Macht im Staate hat. Peitsche statt Zuckerbrot. Das kann disziplinierend sein. Nun wurde in Shanghai in einigen Vierteln der Lockdown wieder &bdquo;gelockert&ldquo;. Die Bewohner d&uuml;rfen sich hier so lange frei in ihrem Wohnblock bewegen, bis es wieder einen einzigen positiven Fall gibt. Man kann sich vorstellen, wie gro&szlig; der kollektive Druck auf die Individuen ist, sich blo&szlig; nicht anzustecken und daf&uuml;r verantwortlich zu sein, dass das gesamte Viertel wieder auf unbestimmte Zeit in die Wohnungen eingesperrt wird. So mancher kreative Individualist wird so zum systemtreuen Blockwart. So ist der Mensch nun einmal &ndash; nicht nur in China.<\/p><p>Es ist auch kein Zufall, dass es ausgerechnet Shanghai getroffen hat. W&auml;hrend Peking das politische Machtzentrum des Landes ist, ist Shanghai das unumstrittene &ouml;konomische Zentrum des Landes. Hier leben die meisten Milliard&auml;re und Million&auml;re, hier ist alles etwas liberaler und individualistischer. Auch viele Parteifunktion&auml;re, die mit ihren &ouml;konomischen Nebent&auml;tigkeiten der Zentralregierung ohnehin ein Dorn im Auge sind, haben Shanghai als Wohnort gew&auml;hlt. Die dortige Parteif&uuml;hrung war daher <a href=\"https:\/\/www.project-syndicate.org\/commentary\/what-shanghai-lockdown-tells-us-about-china-future-by-nancy-qian-1-2022-04?barrier=accesspaylog\">auch nicht gerade begeistert<\/a> von der aus Peking gepredigten Zero-Covid-Politik. Man wollte lieber einzelne Wohnblocks als ganze Viertel abriegeln und &ndash; &auml;hnlich der westlichen Strategie &ndash; Omikron durch freiwillige, in gro&szlig;em Stil ausgegebene Antigentests unter Kontrolle bringen und nicht ganze Stadtviertel bei Massentests Schlange stehen lassen. Diese Strategie ist jedoch gescheitert und damit ist auch ein smarterer Ansatz gescheitert, der mehr auf Freiwilligkeit denn auf rigiden Zwang durch das Kollektiv setzt. Shanghai ist gescheitert, die Zentralregierung in Peking hat sich durchgesetzt. Und so ist der Lockdown in Shanghai vor allem eins &ndash; ein Exempel, das an der Metropole statuiert wurde, deren liberale Tendenzen der Zentralregierung ohnehin ein Dorn im Auge waren. Wenn sich nun in Peking die positiven Testergebnisse h&auml;ufen, wird es kein Lokalpolitiker wagen, nicht sofort und mit &auml;u&szlig;erster H&auml;rte ganze Viertel abzuriegeln.<\/p><p><strong>In der Sackgasse<\/strong><\/p><p>Diese Machtdemonstrationen m&ouml;gen &ndash; zumindest aus der Sicht der Zentralregierung &ndash; auch ihren Zweck erf&uuml;llen. Doch sie haben einen gro&szlig;en immanenten Widerspruch: W&auml;hrend der ersten Lockdowns in Wuhan gab es zumindest theoretisch noch die M&ouml;glichkeit, das Virus zu besiegen, es auszurotten. Dies ist die Grundlage f&uuml;r jede Zero-Covid-Strategie. Nun &ndash; zwei Jahre sp&auml;ter &ndash; ist das Corona-Virus aber endemisch und das global. Das &Uuml;bel ist aus der B&uuml;chse der Pandora entwichen und l&auml;sst sich auch mit brachialster Gewalt nicht mehr in die B&uuml;chse zur&uuml;ckzw&auml;ngen. Will sich China nicht komplett vom Rest der Welt abschotten, wird es immer wieder lokale Ausbr&uuml;che geben, auf die dann immer wieder mit der Abriegelung ganzer St&auml;dte reagiert werden m&uuml;sste. Zero-Covid wird dann zum Dauerzustand. <\/p><p>Shanghai hat gezeigt, dass selbst das zweifelsohne am besten organisierte Land der Welt es nicht schafft, seine modernste und reichste Metropole unter &auml;u&szlig;ersten Lockdown-Bedingungen zu ern&auml;hren. Menschen verhungern, sie krepieren, weil sie keine &auml;rztliche Hilfe bekommen, sie begehen aus Verzweiflung Selbstmord. Begr&uuml;ndet wird Zero Covid mit dem Schutz von Menschenleben. Wenn die Lockdowns in Zeiten der milden Omikron-Variante aber mehr Menschen t&ouml;ten als sie Todesf&auml;lle verhindern, sind sie ein Verbrechen. Fraglich ist nur, wie lange die Chinesen sich dies gefallen lassen. Nun hat sich alles umgekehrt. Im Rest der Welt werden Raves ohne Masken gefeiert und man selbst sitzt mit einer Kartoffel in seiner Wohnung und leidet und was wohl am schlimmsten ist &ndash; es gibt kein &uuml;berzeugendes Exit-Szenario. <\/p><p>1958 blies Mao Zedong zum <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gro%C3%9Fer_Sprung_nach_vorn\">&bdquo;gro&szlig;en Sprung nach vorn&ldquo;<\/a>. In einer Mischung aus Kollektivierung, zentraler Planwirtschaft und rigider Unterwerfung der Bev&ouml;lkerung unter die Macht der Partei wollte er das r&uuml;ckst&auml;ndige Land in die Moderne katapultieren. Dies gipfelte dann darin, dass die Bauern ihre Hacken und Spaten einschmelzen mussten, um die Zielvorgaben zur Stahlproduktion zu erm&ouml;glichen. Es folgten Missernten. Daf&uuml;r machte die Partei die Spatzen verantwortlich. Diese &bdquo;Volksfeinde&ldquo; h&auml;tten die Saat auf den &Auml;ckern geklaut. In ganz China wurden daraufhin Milliarden Spatzen get&ouml;tet. Nun hatten die Insekten keine nat&uuml;rlichen Feinde mehr und die kommenden Ernten fielen noch schlechter aus. Je nach Sch&auml;tzung starben zwischen 14 und 55 Millionen Menschen an der folgenden Hungersnot. Der &bdquo;gro&szlig;e Sprung nach vorn&ldquo; war gescheitert. Ein Politiker, der daraus gelernt hatte, war <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Xi_Zhongxun\">Xi Zhongxun<\/a>, der sp&auml;ter als Gouverneur der Provinz Guangdong die ersten Sonderwirtschaftszonen einf&uuml;hrte, die als Initialz&uuml;ndung das Land in den kommenden Jahrzehnten tats&auml;chlich in die Moderne katapultierten. Xi Zhongxun war der Vater von Xi Jinping, der heute die Geschicke der Volksrepublik China lenkt und f&uuml;r die Zero-Covid-Politik ma&szlig;geblich verantwortlich zeichnet. Man kann nur hoffen, dass seine Politik nicht als &bdquo;gro&szlig;er Sprung zur&uuml;ck&ldquo; in die chinesische Geschichte eingehen wird. <\/p><p>Titelbild: Graeme Kennedy\/shutterstock.com<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg09.met.vgwort.de\/na\/28f246c37e9a4948b23f3fd26cdeed1e\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W&auml;hrend Corona in den meisten L&auml;ndern der Welt nur noch eine Randnotiz ist, versinkt die vermeintlich modernste Metropole Chinas mehr und mehr in einer Dystopie, wie man sie vor wenigen Jahren f&uuml;r nicht m&ouml;glich gehalten h&auml;tte. 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