{"id":83373,"date":"2022-04-30T11:45:19","date_gmt":"2022-04-30T09:45:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=83373"},"modified":"2022-04-30T12:50:04","modified_gmt":"2022-04-30T10:50:04","slug":"krieg-und-ohnmacht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=83373","title":{"rendered":"Krieg und Ohnmacht"},"content":{"rendered":"<p>Dieser Beitrag ehrt nicht nur Rosa Luxemburgs Analyse und Weitsicht. Damit sei auch daran erinnert, dass die &bdquo;Kriegswirren&ldquo; heute nicht den Bedingungen des 2. Weltkrieges, sondern denen des 1. Weltkrieges nahekommen. In diesem ging es nicht darum, sich auf die Seite einer der beiden Kriegsparteien zu stellen, sondern den Krieg gegen die Kriegsherren (im eigenen Land) zu wenden. Dabei m&uuml;ssen wir auch &uuml;ber unsere eigene Ohnmacht reden. Von <strong>Wolf Wetzel.<\/strong><br>\n<!--more--><br>\nDie Ostermarschbewegung steht in diesem Jahr vor einem kaum l&ouml;sbaren Problem, das aber auch nicht ganz neu ist. Angesichts des russischen Einmarsches in die Ukraine scheint man gezwungen zu sein, sich f&uuml;r eine Seite zu entscheiden: F&uuml;r Russland oder auf der Seite der Ukraine. In der Mehrheit (der Aufrufe) &uuml;berwiegt die &bdquo;Solidarit&auml;t mit der Ukraine&ldquo;, womit hoffentlich nicht die Regierung Selenskyj gemeint ist, sondern die Bev&ouml;lkerung, die diesem Krieg ausgeliefert ist.<\/p><p>Daf&uuml;r sprechen zwei zentrale Umst&auml;nde: Die russische Armee hat einen Angriffskrieg begonnen, was sie automatisch ins Unrecht setzt. Zum anderen ist die Bildregie eindeutig, mit der wir jeden Tag mit den ukrainischen Opfern versorgt werden.<\/p><p>Vieles spricht daf&uuml;r, sich auf die Seite der &bdquo;Ukraine&ldquo; zu stellen. Hinzu kommt, dass man sich scheinbar auf die gute Seite gestellt hat: Da ist ein eigentlich lustiger und komischer Selenskyj, der total nett ist und einfach nur die Freiheit und sein Volk verteidigen will. Auf der anderen Seite ist Putin, ein kaltherziger Mensch, dem es nur um Macht geht und der alles unterdr&uuml;ckt, was ihm nicht gehorcht. Zudem ist er ein Macho, ein Schwulenfeind, ein Mann, der nicht mehr up to date ist, was seine Performance angeht.<\/p><p>Wenn man will, geht es um den heroischen Kampf zwischen Freiheit und Despotismus, zwischen Fortschritt und Reaktion, zwischen Recht und Unrecht. Dass dies wenig mit den Wirklichkeiten in der Ukraine und Russland zu tun hat, spielt keine gro&szlig;e Rolle. Es kommt auf die Erz&auml;hlung an und in der muss es ein Gut und ein B&ouml;se geben.<\/p><p>Wie schwierig w&auml;re es hingegen, wenn man sich die Verh&auml;ltnisse genau anschaut, die zu dem Krieg gef&uuml;hrt haben? Dann st&uuml;nden sich eben nicht Gut\/B&ouml;se, Fortschritt\/Reaktion, Freiheit\/Despotie gegen&uuml;ber, sondern zwei Herrschaftsformen, die sich sehr &auml;hnlich, geradezu erschreckend &auml;hnlich sind. Beide haben ein oligarchisches System hervorgebracht, das den unermesslichen Reichtum ganz Weniger auf Kosten einer immer gr&ouml;&szlig;er werdenden Armut ihrer Bev&ouml;lkerung &bdquo;bezahlt&ldquo;.<\/p><p>In beiden Systemen z&auml;hlt die Freiheit wenig, das Anschmiegen und Anschmeicheln an das jeweils Vorherrschende alles. Und beide Regierungen teilen sich ein knallhartes kapitalistisches System, in dem sie an unterschiedlichen Pl&auml;tzen um Ab- und Aufstieg k&auml;mpfen. Beide bek&auml;mpfen nicht eine Minute diese m&ouml;rderische und zerst&ouml;rerische Ungleichheit, sondern k&auml;mpfen um einen besseren Platz darin &ndash; f&uuml;r ganz Wenige.<\/p><p>Die ukrainische Regierung m&ouml;chte in diesem System als Bauer anerkannt werden (Nato-EU-Mitgliedschaft am Ende der Hierarchie) und die russische Regierung m&ouml;chte nicht l&auml;nger Bauer sein, sondern als Dame\/K&ouml;nig behandelt werden. Es geht, wenn man die Bedingungen dieses Krieges nicht wegl&auml;sst und ausl&ouml;scht, eben nicht um Freiheit versus Despotie, sondern um Positionsk&auml;mpfe innerhalb dieser imperialen Weltordnung, in der beide Bev&ouml;lkerungen nicht viel Wert haben. Und all das geschieht unter dem nicht unwahrscheinlichen Szenario, dass dieser Krieg in einem Dritten Weltkrieg m&uuml;nden k&ouml;nnte.<\/p><p>Was also tun? Auf welcher Seite steht man richtig? Sehr oft wird diese Situation mit den Bedingungen verglichen, die den Zweiten Weltkrieg geschaffen haben. Aber das stimmt in einem ganz zentralen Punkt nicht: Damals ging es neben imperialen Gr&uuml;nden auch um einen Krieg der Systeme, die unvers&ouml;hnlich gegen&uuml;berstanden: Auf der einen Seite die kapitalistischen Staaten, auf der anderen die sozialistische Sowjetunion.<\/p><p>In diesem Systemantagonismus befinden wir uns 2022 nicht. Es geht um die imperialen Anspr&uuml;che <em>innerhalb<\/em> kapitalistischer L&auml;nder, um einen m&ouml;rderischen Wettstreit <em>innerhalb<\/em> der &bdquo;kannibalischen Weltordnung&ldquo; (Jean Ziegler).<\/p><p>Und genau diese Konstellation gab es schon einmal, Anfang des 20. Jahrhunderts, als sich der Erste Weltkrieg anbahnte. Auf der einen Seite stand die &bdquo;Entente&ldquo; (England\/Frankreich\/Russland), auf der anderen Seite die &bdquo;Mittelm&auml;chte&ldquo; Deutschland und &Ouml;sterreich-Ungarn. F&uuml;r die Menschen, die Lohnabh&auml;ngigen, die Unterworfenen gab es auf keiner Seite etwas zu gewinnen. Sie waren &uuml;berall &bdquo;Kanonenfutter&ldquo;.<\/p><p>Mit dieser sehr vern&uuml;nftigen Ansicht trat auch die 2. Internationale auf, in der sich sozialdemokratische Parteien weltweit zusammengeschlossen hatten. Sie lehnten es ab, sich auf eine Seite zu stellen. In diesem Krieg konnte sie nur verlieren, egal wer am Ende gewinnen sollte. Dementsprechend klar und eindeutig war die Parole: &bdquo;<em>Krieg dem (imperialistischen) Krieg<\/em>&ldquo;. Und genau so klar waren die politischen Konsequenzen, die man daraus zog. Man m&uuml;sse die Kriegsherren im eigenen Land bek&auml;mpfen, den Krieg um Vorherrschaft in einen Krieg f&uuml;r den Sozialismus transformieren. Hunderttausende gingen auf die Stra&szlig;e. Doch dann kippte die &bdquo;Stimmung&ldquo; um. Sebastian Haffner beschreibt dies im R&uuml;ckblick auf eine besondere Weise:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Nein, mein Vater &ndash; und ebenso meine &uuml;brigen Angeh&ouml;rigen &ndash; waren unschuldig daran, dass ich binnen weniger Tage zum fanatischen Chauvinisten und &sbquo;Heimkrieger&lsquo; wurde. Schuld war &ndash; die Luft: die anonyme, tausendf&auml;ltig sp&uuml;rbare Stimmung ringsum: Der Sog und Zug der massenhaften Einigkeit &hellip;&ldquo;<\/em> (S.19)\n<\/p><\/blockquote><p>Ob die Sozialdemokratie (nur) der &bdquo;Stimmung&ldquo; nachgab oder auch den Schmeicheleien und Privilegien, die damit verbunden waren, nun als Verb&uuml;ndeter anerkannt zu werden, soll hier nicht gekl&auml;rt werden. Auf jeden Fall waren sie aktiv dabei, den nun doch bef&uuml;rworteten Krieg in einen &bdquo;Verteidigungskrieg&ldquo; umzudeuten und dar&uuml;ber hinaus dem Krieg (als ein Krieg gegen ein reaktion&auml;res Zaren-Regime) eine fortschrittliche Note hinzuzuf&uuml;gen:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Jetzt stehen wir vor der ehernen Tatsache des Krieges. Uns drohen die Schrecknisse feindlicher Invasionen (&hellip;) F&uuml;r unser Volk und seine freiheitliche Zukunft steht bei einem Sieg des russischen Despotismus (&hellip;) viel, wenn nicht alles auf dem Spiel. Es gilt, diese Gefahr abzuwehren, die Kultur und die Unabh&auml;ngigkeit unseres eigenen Landes sicherzustellen<\/em>.&ldquo; (Hugo Haase, im Namen der SPD-Fraktion vor dem versammelten Reichstag am 4. August 1914)\n<\/p><\/blockquote><p>Der Kapitulation 1918 ging also eine Kapitulation der Sozialdemokratie 1914 voraus, die in der Zustimmung zu den ersten Kriegskrediten gipfelte und den eigentlich geplanten Generalstreik in einen &bdquo;Burgfrieden&ldquo; umm&uuml;nzte.<\/p><p>Rosa Luxemburg war mit ganz wenigen zusammen gegen diesen Kotau. Selbst Karl Liebknecht stimmte den Kriegskrediten zu. W&auml;hrend andere Sozialdemokraten ein gutes Leben im Dunstkreis des Kaisers genossen, sa&szlig; Rosa Luxemburg im Gef&auml;ngnis. Dort schrieb sie die &bdquo;Junius-Brosch&uuml;re&ldquo; (1915). Auf die Frage, auf welcher Seite die Arbeiterklasse k&auml;mpfen solle, antwortete sie:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Sieg oder Niederlage kommt unter diesen Umst&auml;nden f&uuml;r die europ&auml;ische Arbeiterklasse in politischer genau wie in &ouml;konomischer Beziehung auf die hoffnungslose Wahl zwischen zwei Trachten Pr&uuml;gel hinaus. Es ist deshalb nichts als ein verh&auml;ngnisvoller Wahn, wenn die franz&ouml;sischen Sozialisten vermeinen, durch milit&auml;rische Niederwerfung Deutschlands dem Militarismus oder gar dem Imperialismus aufs Haupt zu schlagen und der friedlichen Demokratie die Bahn in der Welt zu brechen. Der Imperialismus und in seinem Dienste der Militarismus kommen vielmehr bei jedem Siege und bei jeder Niederlage in diesem Kriege vollauf auf ihre Rechnung, ausgenommen den einzigen Fall: wenn das internationale Proletariat durch seine revolution&auml;re Intervention einen dicken Strich durch jene Rechnung macht.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Gegen Ende ihrer Schrift kommt sie zu dem Schluss:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Der Imperialismus mit all seiner brutalen Gewaltpolitik und Kette unaufh&ouml;rlicher sozialer Katastrophen, die er provoziert, ist freilich f&uuml;r die herrschenden Klassen der heutigen kapitalistischen Welt eine historische Notwendigkeit. Nichts w&auml;re verh&auml;ngnisvoller, als wenn sich das Proletariat selbst aus dem jetzigen Weltkriege die geringste Illusion und Hoffnung auf die M&ouml;glichkeit einer idyllischen und friedlichen Weiterentwicklung des Kapitalismus retten w&uuml;rde. Aber der Schlu&szlig;, der aus der geschichtlichen Notwendigkeit des Imperialismus f&uuml;r die proletarische Politik folgt, ist nicht, da&szlig; sie vor dem Imperialismus kapitulieren mu&szlig;, um sich fortab in seinem Schatten vom Gnadenknochen seiner Siege zu n&auml;hren. (&hellip;) Der Wahnwitz wird erst aufh&ouml;ren und der blutige Spuk der H&ouml;lle wird verschwinden, wenn die Arbeiter in Deutschland und Frankreich, in England und Ru&szlig;land endlich aus ihrem Rausch erwachen, einander br&uuml;derlich die Hand reichen und den bestialischen Chorus der imperialistischen Kriegshetzer wie den heiseren Schrei der kapitalistischen Hy&auml;nen durch den alten m&auml;chtigen Schlachtruf der Arbeit &uuml;berdonnern: Proletarier aller L&auml;nder, vereinigt euch!&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Dazu ist es bekanntlich nicht gekommen. Man kapitulierte nicht vor dem vereinten Proletariat, sondern vor dem Feind.<\/p><p><strong>Mit der Waffe in der Hand &hellip;<\/strong><\/p><p>Ich wollte in den 1970er Jahren den Kriegsdienst verweigern. Daf&uuml;r musste man eine &bdquo;Gewissenspr&uuml;fung&ldquo; &uuml;ber sich ergehen lassen. Im Gro&szlig;en und Ganzen wusste ich nur, dass man Gewalt ganz grunds&auml;tzlich ablehnen musste und dies am besten aus religi&ouml;sen und\/oder ethischen Gr&uuml;nden. Ich suchte f&uuml;r die Details Hilfe und landete schlie&szlig;lich in einer Beratungsstelle der Kirche. Der Pfarrer fackelte nicht lange:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Das Beste ist, wir &uuml;ben die Situation vor dem Ausschuss. Ich stelle dir ein paar Fragen und du antwortest nach bestem Wissen und Gewissen. Danach gehen wir deine Antworten durch.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Ich war einverstanden und ganz Ohr.<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Stellen Sie sich vor, sie st&auml;nden vor einem KZ. Alle W&auml;rter sind geflohen. Nur noch ein Wachmann ist zu sehen.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Ich schaute den Pfarrer mit gro&szlig;en Augen an und zuckte schon einmal leicht mit den Schultern.<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Und Sie haben eine Waffe in der Hand. Mit einem Schuss k&ouml;nnten Sie also alle KZ-H&auml;ftlinge befreien.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Er machte eine kurze Pause und ich sp&uuml;rte das Unbehagen in mir hochkommen.<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Was w&uuml;rden Sie machen?&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Mir wurde es ganz hei&szlig; und ich sp&uuml;rte recht schnell, dass jede Antwort die falsche ist. Ich stotterte etwas von unrealistisch und schaute ihn ratsuchend an.<\/p><p>Er sah meine verstockte und hilflose Haltung, was meine einmalige Chance anbelangt, KZ-H&auml;ftlinge mit &bdquo;einem Schuss&ldquo; zu befreien. Der Pfarrer lie&szlig; mich noch eine Weile zappeln, bevor er loslegte.<\/p><blockquote><p>&bdquo;Du hast es bemerkt. Du kannst in diesem Beispiel nur verlieren. Wenn Du die Waffe benutzt, dann hast du vor diesem Ausschuss verloren. Und wenn Du die KZ-H&auml;ftlinge nicht befreist, machst du dir ewig Vorw&uuml;rfe.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Ich nickte.<\/p><blockquote><p>&bdquo;Aber was du nicht bemerkst, ist die Tatsache, dass du damit stillschweigend Bedingungen akzeptierst und als gegeben hinnimmst, die jede freie Entscheidung von Dir unm&ouml;glich machen.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Ich kann ihm nur halbwegs folgen, was dem Geistlichen durchaus auff&auml;llt. <\/p><blockquote><p>&bdquo;Na ja, eine Antwort vor diesem Ausschuss k&ouml;nnte sein: Genau deshalb m&ouml;chte ich den Kriegsdienst verweigern. Ich m&ouml;chte alles tun, damit es zu dieser Situation erst gar nicht kommt. Wie konnte es in Deutschland dazu kommen, dass man KZs errichtete? Wie konnte es in Deutschland dazu kommen, dass Juden erst diskriminiert, dann entrechtet und schlie&szlig;lich ermordet wurden? Ich will also alles daf&uuml;r tun, damit es erst gar nicht zu dieser Situation kommt, in die Sie mich hier bringen.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Diese eindrucksvolle Situation und Lehrstunde half mir, das Dilemma heute auszuhalten und eben kein &bdquo;Heimkrieger&ldquo; zu werden. Denn es geh&ouml;rt zu den Grundbedingungen einer Linken (in Europa), dass sie keinen Krieg stoppen, dass sie keine Massaker verhindern kann, dass sie im imperialen Machtgef&uuml;ge nicht einmal den Hofnarren spielen kann und darf. Aber genau dieses Wissen machte nicht ohnm&auml;chtig oder gar teilnahmslos, sondern steckt\/e den Rahmen ab, in dem wir handeln k&ouml;nnen.<\/p><p>Denn wenn wir beide Kriegsparteien ablehnen, dann haben wir &uuml;berhaupt erst die Chance, genau das zu benennen, was die beiden Kriegsseiten verbindet: Sie wollen ihre Herrschaft sichern oder ausdehnen, mit deutlich ungleichen Ambitionen: <\/p><p><em><strong>Die ukrainische Regierung m&ouml;chte so gerne &bdquo;Bauer&ldquo; auf dem Schachbrett der Granden sein und die russische Regierung m&ouml;chte nicht l&auml;nger &bdquo;Bauer&ldquo; sein, sondern als &bdquo;Dame&ldquo; behandelt werden.<\/strong><\/em><\/p><p>Eine Linke, die sich auf diesem Schachbrett einen Platz sucht, dort eine gute Figur abgeben m&ouml;chte, hat verloren &ndash; vor dem ersten Zug. Erst unsere Ablehnung gegen&uuml;ber beiden Kriegsparteien er&ouml;ffnet den Blick auf das, worum es jenseits dieses Schachbrettes gehen muss: Gerade weil nicht einmal die beiden Kapitalismen (Russland\/Ukraine) ohne Krieg leben und auskommen k&ouml;nnen, muss sich eine Linke f&uuml;r all das stark machen, was jenseits dieser (selbst-)m&ouml;rderischen Weltordnung liegt.<\/p><p>Das gilt als naiv und weltfremd. Aber es gibt heute mehr denn je keinen Grund, realistisch und pragmatisch zu sein. Diese &bdquo;Weltfremdheit&ldquo; w&uuml;rde keine Linke in Europa aufs Schlachtfeld bringen, stattdessen aber eine Vorstellung wachsen lassen und sichtbar machen, die sich diesem Wahnsinn widersetzt.<\/p><p>Und genau deshalb ist es keine &bdquo;Neutralit&auml;t&ldquo;, wenn man auf keine der beiden Kriegsparteien steht, sondern eine sehr parteiische Entscheidung, hier, in Deutschland, alles zu tun, um den schwarz-rot-gelb-gr&uuml;nen Kriegskurs zu bek&auml;mpfen, wof&uuml;r man nicht in die Ukraine gehen muss. Wer meint, dass eine solche politische Haltung luxuri&ouml;s sei, dem verspreche ich ein helles Erwachen &ndash; wenn wir uns tats&auml;chlich zusammen au&szlig;erhalb dieser imperialistischen Anordnung stellen. <\/p><p>Und noch etwas zur Ehrlichkeit: Wer sich jetzt &ndash; mit diesem Wissen &ndash; auf die Seite der &bdquo;Ukraine&ldquo; stellt, der ist nicht ganz nahe bei den Opfern in der Ukraine, sondern nahe einer f&uuml;r ihn\/sie komfortablen und aussichtsreichen Variante, nahe an &bdquo;Dame&ldquo; und K&ouml;nig&ldquo; dieser Weltordnung. Die wirkliche Sorge gilt nicht den Opfern dieses Krieges, sondern einem m&ouml;glichst sicheren Platz darin.<\/p><p>Das setzt aber recht erbarmungslos voraus, dass man all die Millionen von Menschen, die vor, parallel und nach dem Ukraine-Krieg ihr Leben und ihre Lebensgrundlage verlieren &ndash; der Blutpreis f&uuml;r diesen sicheren Ort hier &ndash; unsichtbar macht.<\/p><p><strong>Quellen und Hinweise:<\/strong><\/p><p><em><a href=\"https:\/\/www.marxists.org\/deutsch\/archiv\/luxemburg\/1916\/junius\/teil1.htm\">Rosa Luxemburg, Die Krise der Sozialdemokratie<\/a><\/em>, Junius-Brosch&uuml;re 1915<\/p><p><em>Sebastian Haffner, Geschichte eines Deutschen. Die Erinnerungen 1914-1933<\/em>, Pantheon 2014<\/p><p><em><a href=\"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/2022\/03\/14\/wenn-die-friedenstaube-am-long-covid-symptomen-leidet\/\">Wenn die Friedenstaube an Long Covid Symptomen leidet<\/a><\/em>, Wolf Wetzel<\/p><p>Titelbild: Heiko Kueverling\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Beitrag ehrt nicht nur Rosa Luxemburgs Analyse und Weitsicht. Damit sei auch daran erinnert, dass die &bdquo;Kriegswirren&ldquo; heute nicht den Bedingungen des 2. Weltkrieges, sondern denen des 1. Weltkrieges nahekommen. 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