{"id":83473,"date":"2022-05-03T08:51:22","date_gmt":"2022-05-03T06:51:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=83473"},"modified":"2022-05-04T07:57:22","modified_gmt":"2022-05-04T05:57:22","slug":"der-27-februar-2022-oder-ich-kenne-keine-parteien-mehr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=83473","title":{"rendered":"Der 27. Februar 2022, oder: Ich kenne keine Parteien mehr"},"content":{"rendered":"<p>Bis vor ein paar Tagen dachte ich, dass diese Gedanken: &bdquo;Der 27. Februar 2022, oder: Ich kenne keine Parteien mehr&ldquo;, die ich direkt nach der historischen Sonntags-Bundestagssondersitzung zum Ukrainekrieg hatte, zu pessimistisch, zu d&uuml;ster, zu schwarz seien. Gegen alle D&uuml;sternis hoffte ich dennoch, dass alle &ndash; in Ost und West &ndash; bald zur Vernunft kommen w&uuml;rden und das furchtbare Leid bald vorbei sei. Es kam anders. Ein Essay von <strong>Arno Luik<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_3729\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-83473-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220503_Der_27_Februar_2022_oder_Ich_kenne_keine_Parteien_mehr_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220503_Der_27_Februar_2022_oder_Ich_kenne_keine_Parteien_mehr_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220503_Der_27_Februar_2022_oder_Ich_kenne_keine_Parteien_mehr_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220503_Der_27_Februar_2022_oder_Ich_kenne_keine_Parteien_mehr_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=83473-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220503_Der_27_Februar_2022_oder_Ich_kenne_keine_Parteien_mehr_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"220503_Der_27_Februar_2022_oder_Ich_kenne_keine_Parteien_mehr_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em><strong>Wenn Deutschland bis an die Z&auml;hne ger&uuml;stet ist, \/ Wird ihm ein gro&szlig;es Unrecht geschehen \/ Und der Trommler wird seinen Krieg f&uuml;hren&ldquo;<\/strong><\/em> &ndash; Bertolt Brecht\n<\/p><\/blockquote><p>Der 24. Februar 2022, als Russland die Ukraine angriff, war ein schwarzer Tag. Der 27. Februar aber war der Tag, an dem der 3. Weltkrieg begonnen wurde.<\/p><p>Am 27. Februar, einem sonnigen Sonntagmorgen, verk&uuml;ndet der SPD-Kanzler eine Hochr&uuml;stung ohnegleichen, verk&uuml;ndet er apodiktisch die &Uuml;bererf&uuml;llung des 2-Prozent-Kriegsetats. Erkl&auml;rt er, um &bdquo;jeden Fu&szlig;breit Europas&ldquo; zu k&auml;mpfen. Parlament? Debatte? Demokratie?<\/p><p>1914 bewilligt die SPD Kriegskredite. Vier Jahre sp&auml;ter sind &uuml;ber 20 Millionen Menschen dahingeschlachtet, verhungert, erfroren.<\/p><p>1928 bewilligt die SPD Gelder f&uuml;r Kriegsschiffe. Das freut Hitler sehr.<\/p><p>1998 ziehen SPD und Gr&uuml;ne in den v&ouml;lkerrechtswidrigen Kosovokrieg. Und bomben in diesem Angriffskrieg mit der US-Nato Kosovo aus dem jugoslawischen Staatenbund.<\/p><p>2001 ziehen SPD und Gr&uuml;ne &bdquo;bedingungslos&ldquo; an der Seite der Taliban-Sch&ouml;pfer USA in den Afghanistankrieg gegen die von den USA kreierten Taliban-Monster.<\/p><p>2003 zerschlagen SPD und Gr&uuml;ne mit der Agenda 2010 den Sozialstaat. Verk&uuml;ndet damals von Schr&ouml;der mit &auml;hnlich kalt-brutal-d&uuml;sterer Stimme wie heute nun Scholz die &Uuml;ber-R&uuml;stung befohlen hat.<\/p><p>2008 finanzieren SPD und CDU in der Finanzkrise mit Hunderten von Millionen Euro die Verursacher der Finanz&ldquo;krise&ldquo; &ndash; und die Bev&ouml;lkerung bezahlt und zahlt noch heute.<\/p><p>2022 Scholz&lsquo; Hochr&uuml;stungsbeschluss, der aus Deutschland Sparta macht, einen milit&auml;rischen Hegemon in Zentraleuropa schafft, der sich in Sachen Milit&auml;r und damit zwangsl&auml;ufig Krieg der &bdquo;historischen Zur&uuml;ckhaltung&ldquo; entsorgt hat und daf&uuml;r sorgen wird, dass &bdquo;Blut, sehr viel Blut flie&szlig;en wird&ldquo; (Eric Hobsbawm).<\/p><p>2022 an diesem kalten 27. Februartag beklatschen die meisten Parlamentarier stehend ihre Entm&uuml;ndigung, wie sie 19 Jahre zuvor begeistert und auch stehend das Ende des Sozialstaats beklatscht haben, wie viele Jahre zuvor ebenfalls Deutsche an einem kalten Februartag frenetisch klatschten in einem Spo&hellip; ich lass es.<\/p><p><em>So dachte ich am 27. Februar 2022. <\/em><\/p><p>Heute bin ich viel pessimistischer &ndash; wahrscheinlich aber leider auch viel realistischer.<\/p><p>Heute halte ich wie der Historiker Eric Hobsbawm &bdquo;alles f&uuml;r m&ouml;glich&ldquo;, also auch das bisher Undenkbare: das atomare Inferno. Ich war noch nie so perplex und so bedr&uuml;ckt wie in diesen Tagen. Wir erleben einen Epochenbruch, allerdings anders als Scholz und Co ihn mein(t)en; es ist ein viel schlimmerer, n&auml;mlich: Der Austritt aus uns selbst, den halbwegs gel&auml;uterten T&auml;tern.<\/p><p>Nun gibt es keinen Blick mehr zur&uuml;ck, nur noch das scheinbar alternativlose martialische Nach-vorne-Schreiten. Es folgt, f&uuml;rchte ich, dem Drehbuch von 1914 ff: stete, schlie&szlig;lich grenzenlose Eskalation, bis der Gro&szlig;e Krieg unvermeidlich, ja, als Befreiung erscheint. Also: Das brutale Dahinschlachten von Mensch &amp; Zivilisation.<\/p><p>Die Jungen werden k&auml;mpfen, vergewaltigen, morden, sterben, verrecken und viele, viele Zivilisten werden verzweifeln, verst&uuml;mmelt, verhungern und irgendwann &ndash; wenn es noch m&ouml;glich ist, und es <em>uns <\/em>noch gibt &ndash; werden die Alten (wie fast immer) einen sch&auml;bigen Friedensvertrag aushandeln, der den Keim von weiterer Verbitterung in sich tr&auml;gt, aber die &bdquo;Masters of War&ldquo; (Bob Dylan) gl&auml;nzend ern&auml;hrt. Wie immer.<\/p><p>Ich wei&szlig;, dass in einer Zeit, in der das Schreien nach noch mehr Waffen als Wirklich&ndash;Frieden&ndash;Schaffen gilt, als oberste B&uuml;rgerpflicht sozusagen; der Ruf nach Zur&uuml;ckhaltung, Abr&uuml;stung, Diplomatie, Verhandlungstisch und Vernunft die Durchschlagskraft einer fallenden Daunenfeder hat. Denn kollektiv ist die Entsorgung der Nachdenklichkeit und gro&szlig; ist diese neue Lust auf schweres Milit&auml;rger&auml;t und die Begeisterung f&uuml;r Pulverdampf und Stahlgewitter &ndash; beispielhaft daf&uuml;r steht der Nato-olivgr&uuml;ne Anton Hofreiter, ein v&ouml;llig enthemmter Kriegsfundi.<\/p><p>Und so blicke ich heute auf die Welt, wie vor einigen Jahren der alte und weise Historiker Eric Hobsbawm im Gespr&auml;ch mit mir sie ausmalte:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Alles ist m&ouml;glich. Inflation, Deflation, Hyperinflation. Wie reagieren die Menschen, wenn alle Sicherheiten verschwinden, sie aus ihrem Leben hinausgeworfen, ihre Lebensentw&uuml;rfe brutal zerst&ouml;rt werden? Meine geschichtliche Erfahrung sagt mir, dass wir uns &ndash; ich kann das nicht ausschlie&szlig;en &ndash; auf eine Trag&ouml;die zubewegen. Es wird Blut flie&szlig;en, mehr als das, viel Blut, das Leid der Menschen wird zunehmen, auch die Zahl der Fl&uuml;chtlinge. Und noch etwas m&ouml;chte ich nicht ausschlie&szlig;en: einen Krieg, der dann zum Weltkrieg werden w&uuml;rde.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Diese Gedanken &ndash; zu pessimistisch, zu d&uuml;ster, zu schwarz? Wie Schlafwandler, schrieb der Historiker Christopher Clark, taumelten 1914 die Politiker in die Katastrophe.<\/p><p>108 Jahre sp&auml;ter schlafwandeln sie nicht, es ist verheerender: Heute bereiten sie hellwach die totale Katastrophe vor. Und f&uuml;hlen sich dabei moralisch jenen unangreifbar &uuml;berlegen, die zu milit&auml;rischer M&auml;&szlig;igung mahnen. Das macht diese Kriegstreiber, Entschuldigung, Kriegstreiber*Innen so gef&auml;hrlich.<\/p><p>Das 20. Jahrhundert war das &bdquo;Zeitalter der Extreme&ldquo; (Hobsbawm), das 21. Jahrhundert wird wom&ouml;glich &bdquo;das Zeitalter des Endes&ldquo;.<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em><strong>Das gro&szlig;e Karthago f&uuml;hrte drei Kriege. Nach dem ersten war es noch m&auml;chtig. Nach dem zweiten war es noch bewohnbar. Nach dem dritten war es nicht mehr aufzufinden.&ldquo;<\/strong><\/em> &ndash; Bertolt Brecht\n<\/p><\/blockquote><p>Titelbild: Juraj Kamenicky\/shutterstock.com<\/p><p><em>Im &bdquo;stern&ldquo; vom 23.10.2014 kritisierte Arno Luik die deutsche Aufr&uuml;stungspolitik: <\/em><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/pdf\/141024_Essay-Bundeswehr.pdf\"><em>&bdquo;Lizenz zum T&ouml;ten&ldquo;.<\/em><\/a><em> Ein paar Monate sp&auml;ter analysierte er in seinem Essay &bdquo;Die Schlafwandler r&uuml;cken aus&ldquo; die zunehmende Bereitschaft der Regierenden, in Kriege zu ziehen.<\/em><\/p><p><em>Arno Luik, geboren 1955, war Reporter f&uuml;r Geo und den Berliner Tagesspiegel, Chefredakteur der taz, Vizechef der M&uuml;nchner Abendzeitung und langj&auml;hriger Autor der Zeitschrift Stern. F&uuml;r seine Enth&uuml;llungen in Sachen Stuttgart 21 erhielt er den &bdquo;Leuchtturm f&uuml;r besondere publizistische Leistungen&ldquo; des Netzwerks Recherche. 2019 erschien von ihm bei Westend der Bestseller &bdquo;Schaden in der Oberleitung &ndash; Das geplante Desaster der Deutschen Bahn&ldquo;. <\/em><\/p><p><em>Gespr&auml;che von &bdquo;Deutschlands f&uuml;hrendem Interviewer&ldquo; (taz, Peter Unfried) sind in mehr als 25 Sprachen &uuml;bersetzt worden; f&uuml;r sein Gespr&auml;ch mit Inge und Walter Jens wurde Luik 2008 als &bdquo;Kulturjournalist des Jahres&ldquo; ausgezeichnet. Nun hat er &uuml;ber zwanzig seiner besten Interviews in dem Buch <\/em><a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/index.php?cl=details&amp;libriid=A42787338&amp;listtype=search&amp;searchparam=arno%20luik%20Als%20die%20Mauer%20fiel%20war%20ich%20in%20der%20Sauna%20\"><em><strong>&bdquo;Als die Mauer fiel, war ich in der Sauna&ldquo;: Gespr&auml;che &uuml;ber den Wahnsinn unserer Zeit<\/strong><\/em><\/a><em> zusammengestellt. Das Buch enth&auml;lt Interviews mit Angela Merkel, Yanis Varoufakis, Christine Prayon, Jean Ziegler, Markus Lanz, Nathalie Todenh&ouml;fer, Ferdinand von Schirach, Thomas Buergenthal, Ina M&uuml;ller, Inge und Walter Jens, Roland Kaiser, Gisela Getty und Jutta Winkelmann, Oswalt Kolle, Sahra Wagenknecht, G&uuml;nter Thews, Eric Hobsbawm, Gore Vidal, Angelika Schrobsdorff, Harry Mulisch, Barbara Sch&ouml;neberger und Hans-Ulrich Wehler.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bis vor ein paar Tagen dachte ich, dass diese Gedanken: &bdquo;Der 27. Februar 2022, oder: Ich kenne keine Parteien mehr&ldquo;, die ich direkt nach der historischen Sonntags-Bundestagssondersitzung zum Ukrainekrieg hatte, zu pessimistisch, zu d&uuml;ster, zu schwarz seien. Gegen alle D&uuml;sternis hoffte ich dennoch, dass alle &ndash; in Ost und West &ndash; bald zur Vernunft kommen<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=83473\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":83474,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,172,171,161],"tags":[3214,1367,966],"class_list":["post-83473","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-aufruestung","category-militaereinsaetzekriege","category-wertedebatte","tag-hobsbawn-eric","tag-ruestungsausgaben","tag-weltkrieg"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/shutterstock_1367419667.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/83473","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=83473"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/83473\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":83498,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/83473\/revisions\/83498"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/83474"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=83473"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=83473"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=83473"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}