{"id":83525,"date":"2022-05-04T11:00:17","date_gmt":"2022-05-04T09:00:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=83525"},"modified":"2022-05-05T08:12:51","modified_gmt":"2022-05-05T06:12:51","slug":"deutschland-wo-sind-deine-dichter-und-denker","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=83525","title":{"rendered":"Deutschland, wo sind Deine Dichter und Denker?"},"content":{"rendered":"<p>Die Welt marschiert von Tag zu Tag mehr in Richtung eines Dritten Weltkriegs mit apokalyptischen Folgen und Deutschlands Dichter und Denker schweigen. Und wenn doch einmal ein paar Hoffnungsschimmer aufglimmen, werden sie von einer selbstgerechten, moralinsauren Twittermeute niedergetrampelt. Sp&auml;testens seit Corona gilt jeder Abweichler als Spinner und ist vogelfrei. Es herrscht der Diskurstotalitarismus. Man kann nur an den Mut derjenigen appellieren, die ihren Verstand noch nicht weggezwitschert haben. Emp&ouml;rt Euch! Es geht um viel! Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_7853\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-83525-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220504_Deutschland_wo_sind_Deine_Dichter_und_Denker_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220504_Deutschland_wo_sind_Deine_Dichter_und_Denker_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220504_Deutschland_wo_sind_Deine_Dichter_und_Denker_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220504_Deutschland_wo_sind_Deine_Dichter_und_Denker_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=83525-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220504_Deutschland_wo_sind_Deine_Dichter_und_Denker_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"220504_Deutschland_wo_sind_Deine_Dichter_und_Denker_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Man kann den <a href=\"https:\/\/www.emma.de\/artikel\/offener-brief-bundeskanzler-scholz-339463\">Prominenten rund um Alice Schwarzer<\/a> nur dankbar sein, dass sie den Mut hatten, sich &ouml;ffentlich gegen die weitere Eskalation des Krieges in der Ukraine und insbesondere gegen die Lieferungen schwerer Waffen durch Deutschland in das Kriegsgebiet auszusprechen. Was vor wenigen Jahren unter K&uuml;nstlern und Intellektuellen &ndash; vor allem aus dem sozialdemokratischen und linken Umfeld &ndash; noch eine Selbstverst&auml;ndlichkeit war, ist heute leider eine Ausnahme. Mehr noch: Galt es seit den F&uuml;nfzigern unter Dichtern und Denkern als Konsens, dass es nie wieder Krieg geben darf und ein Krieg zwischen zwei Atomm&auml;chten auf europ&auml;ischem Boden das Ende Europas und wahrscheinlich sogar das Ende der Welt w&auml;re, ist dieser Konsens heute leider Geschichte. Das Denken in milit&auml;rischen Kategorien erlebt ein Revival. Clausewitz ist wieder da.<\/p><p>Die bedingungslose Ablehnung einer atomaren Eskalationsspirale ist heute einer selbstgerechten Moral gewichen. Sicher, die Bilder aus der Ukraine sind nur schwer auszuhalten und es ist ein Versagen der Diplomatie, dass mitten in Europa Panzer rollen und Menschen sterben. Aber ist das nicht gerade ein Grund daf&uuml;r, alles in seiner Macht Stehende zu tun, dem Morden ein Ende zu setzen? Waffenlieferungen erreichen das genaue Gegenteil. Die Diplomatie hat nur deshalb versagt, weil man ihr keine Chance gab und sie den geostrategischen Interessen der USA untergeordnet ist. Doch bereits diese simple Wahrheit scheint im gesellschaftlichen Diskurs nicht mehr Konsens zu sein. <\/p><p>Man denkt nicht mehr in gr&ouml;&szlig;eren Zusammenh&auml;ngen, sondern in so simplen Kategorien wie Gut und B&ouml;se und zimmert sich die komplexen geopolitischen Entwicklungen so zusammen, dass sie in dieses simple Schema passen. Der Russe ist b&ouml;se, der Ukrainer ist gut. Und wenn der B&ouml;se den Guten &uuml;berf&auml;llt, m&uuml;ssen wir dem Guten helfen. Ist doch logisch? Oder nicht? <\/p><p>Nein, ist es nicht. Gut und B&ouml;se sind nun einmal sehr subjektive Bewertungen. Die Welt ist kein Hollywood-Blockbuster. Es gibt wohl keinen Aggressor, der in der Geschichte ein anderes Land &uuml;berfallen hat, weil er selbst sich als der B&ouml;se sah und niedere Motive anf&uuml;hrte. Jeder Krieg wurde begonnen, weil die Parteien sich subjektiv im Recht sahen und den Krieg &agrave; la Clausewitz als Fortf&uuml;hrung ihrer subjektiv richtigen Politik sahen. Selbst moralisch sehen sich alle Kriegsparteien meist im Recht. Was f&uuml;r den Westen die Opfer von Butcha, sind f&uuml;r Russland die Opfer von Donezk und Lugansk. Der Krieg begann schlie&szlig;lich nicht erst in diesem Jahr. Ist es so schwer, das zu verstehen? Gute Diplomatie ist das Hineinversetzen in sein Gegen&uuml;ber, das Verstehen und nicht das Beharren darauf, dass man selbst der Gute und sein Gegen&uuml;ber der B&ouml;se ist. <\/p><p>Das Beharren auf subjektiv &bdquo;richtigen&ldquo; Standpunkten verhinderte in der Geschichte keinen einzigen Krieg und beendete auch keinen einzigen Krieg. Im Gegenteil: Wenn beide Seiten von ihrer moralischen &Uuml;berlegenheit &uuml;berzeugt sind und sich im Recht sehen, ist dies die perfekte Melange f&uuml;r die Eskalation von Kriegen. Warum sollte das heute anders sein? <\/p><p>Wie kam es dazu, dass die meisten Deutschen 1914 den Kriegsbeginn bejubelten? Wie kam es dazu, dass selbst im Zweiten Weltkrieg die meisten Deutschen bis zur Kriegserkl&auml;rung gegen die Sowjetunion die Feldz&uuml;ge gegen Polen und Frankreich durchaus unterst&uuml;tzten und sich dabei sogar moralisch im Recht w&auml;hnten? Dazu hat meine Generation unz&auml;hligen Geschichtsstunden gelauscht, B&uuml;cher gelesen, Filme gesehen. Genutzt hat es nichts. Das ist zumindest der Eindruck, den man bekommen kann, wenn man die selbstgerechten &bdquo;Debatten&ldquo; in den sozialen Netzwerken verfolgt und auch die Leitartikler hatten ja sicher keine gro&szlig;artig andere Sozialisierung durchlaufen. Geschichte wiederholt sich nicht? Was f&uuml;r ein dummer Satz. Die Twitter-Gemeinde von heute unterscheidet sich nicht von den Penn&auml;lern des Kaiserreichs, die Erich Maria Remarque in seinem Roman &bdquo;Im Westen nichts Neues&ldquo; so kunstvoll portraitiert. <\/p><p>Doch heute geht es um mehr. Es ist gerade so, als w&auml;re die M&ouml;glichkeit eines Atomkriegs komplett verdr&auml;ngt worden. Wie Hasardeure tragen die Meinungsf&uuml;hrer ihre Moral vor sich her und marschieren Schritt f&uuml;r Schritt in die Apokalypse. Wer Angst vor einem Atomkrieg hat, gilt in unserem gesellschaftlichen Klima als <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/netzwelt\/netzpolitik\/ukraine-krieg-der-deutsche-lumpen-pazifismus-kolumne-a-77ea2788-e80f-4a51-838f-591843da8356\">&bdquo;Lumpenpazifist&ldquo;<\/a> &ndash; dieses Zitat stammt &uuml;brigens von Sascha Lobo und nicht von Joseph Goebbels. Wo bleibt der Widerspruch? Vielleicht w&auml;re es ja sinnvoll, die t&auml;glichen Talkshows einzustellen und stattdessen den Film <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/The_Day_After_%E2%80%93_Der_Tag_danach\">&bdquo;The Day After&ldquo;<\/a> mal wieder in der Primetime zu zeigen? <\/p><p>Wir sind doch (noch) keine Gesellschaft, die sich kollektiv auf die intellektuelle Schlichtheit der Lobos und B&ouml;hmermanns samt ihrer infantilen Blasen herabgelassen hat, die ebenso infantilen Redakteuren als Gradmesser der &ouml;ffentlichen Stimmung gelten. Wo sind die echten Intellektuellen, die der Abstraktion und Analyse f&auml;hig sind, &uuml;ber Re-Tweets, Likes und Shitstorms hinausdenken und verstanden haben, um was es geht? <\/p><p>Intellektuelle, die gegen den Krieg sind, hatten es noch nie leicht. Das war 1914 so, das war 1939 so und das ist auch 2022 so. Auf welcher Seite der Geschichte man steht, zeigt sich jedoch erst im Nachhinein. Heute gelten nicht die Kriegsbef&uuml;rworter von 1914 und 1939 als weitsichtig, sondern diejenigen, die sich gegen den Trend gestellt haben. Das ist heute zumindest in einem Punkt anders. Wenn die Kriegsbef&uuml;rworter sich jetzt durchsetzen, wird es keine Geschichte mehr geben, die &uuml;ber sie urteilen kann. Um so wichtiger ist es, jetzt Widerstand zu leisten und die Stimme zu erheben. Die Gefahr ist real.<\/p><p>Titelbild: Regina Erofeeva\/shutterstock.com<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg09.met.vgwort.de\/na\/2b9457a4e24b493eb5e6df8a41ff3846\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Welt marschiert von Tag zu Tag mehr in Richtung eines Dritten Weltkriegs mit apokalyptischen Folgen und Deutschlands Dichter und Denker schweigen. Und wenn doch einmal ein paar Hoffnungsschimmer aufglimmen, werden sie von einer selbstgerechten, moralinsauren Twittermeute niedergetrampelt. 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