{"id":83570,"date":"2022-05-05T15:34:23","date_gmt":"2022-05-05T13:34:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=83570"},"modified":"2022-05-05T16:24:38","modified_gmt":"2022-05-05T14:24:38","slug":"kabarett-im-fadenkreuz-der-cancel-culture","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=83570","title":{"rendered":"Kabarett im Fadenkreuz der Cancel Culture"},"content":{"rendered":"<p>Kabarett ist eine Kunstform, die Satire und Polemik miteinander verbindet, um auf gesellschaftliche Missst&auml;nde hinzuweisen. Sie teilt gerne aus, vor allem gegen die M&auml;chtigen aus Politik, Wirtschaft und Medien. Es geh&ouml;rt zu ihrer DNA, sozialkritisch zu sein, wenn auch in komisch-unterhaltendem Modus, was bedingt, dass man nicht jede Aussage auf die Goldwaage legen sollte. Doch genau das wird zunehmend gemacht, sobald Kabarettisten vom Mainstream abweichen. Solange sie sich innerhalb des Sagbaren bewegen, k&ouml;nnen sie die Fakten verbiegen, bis sie bersten. Wehe aber, der Gag richtet sich gegen die &ouml;ffentliche Meinung und transportiert eine Meinung, die gro&szlig;e Teile der Politik, Medien und Wirtschaft als unzul&auml;ssig erkl&auml;ren. Dann droht nicht nur das Ende der k&uuml;nstlerischen Karriere, sondern auch die soziale Vernichtung. Von <strong>Eugen Zentner<\/strong><br>\n<!--more--><br>\nDie Cancel Culture treibt kontinuierlich ihre Bl&uuml;ten und macht vor dem Kabarett nicht Halt, so sehr es zum Handwerk geh&ouml;ren mag, ein brisantes Thema zuzuspitzen. Wie die Mechanismen funktionieren, konnte man im Fall Lisa Fitz gut beobachten. Die Kabarettistin trat jahrelang in der SWR-Sendung &laquo;Sp&auml;tschicht&raquo; auf und wurde dort so lange gefeiert, bis sie vermehrt Kritik an den Corona-Ma&szlig;nahmen und an der Impf-Agenda &auml;u&szlig;erte. Bei einem Auftritt lie&szlig; sie sich &uuml;ber die Folgen des &bdquo;Piekses&ldquo; aus und sprach davon, dass an dem Vakzin von Pfizer zu dem Zeitpunkt 5.000 Menschen gestorben seien. Dabei machte sie bei der Wortwahl jedoch einen Fehler, weil es sich nicht um Todes-, sondern Verdachtsf&auml;lle handelte. H&auml;tte es sich um einen wissenschaftlichen Vortrag gehandelt oder um einen journalistischen Beitrag, w&auml;re der &ouml;ffentliche Aufschrei, der auf den Auftritt folgte, durchaus verst&auml;ndlich. Aber es war Kabarett. Ein bisschen Unsch&auml;rfe sei ihm erlaubt, schlie&szlig;lich bildet Polemik das Fundament dieses Kunstgenres. <\/p><p>W&auml;hrend Fitz&rsquo; Kollegen vor und nach ihrem Auftritt weiterhin &uuml;ber &bdquo;Coronaleugner&ldquo; und &bdquo;Impfgegner&ldquo; herziehen und die Tatsachen verzerren d&uuml;rfen, wuchs der Druck auf die Kabarettistin t&auml;glich, selbst dann, als sie ihre Aussagen relativierte. In den sozialen Medien bildete sich ein gewaltiger Shitstorm. Die Leitmedien wirkten daran mit, indem sie die Diskussion mit einer &uuml;berwiegend negativen Berichterstattung befeuerten. 3sat hat die &laquo;Sp&auml;tschicht&raquo;-Folge mit Fitz erst gar nicht gezeigt. Der SWR tat es zwar, bereute es aber sp&auml;ter und entfernte sie aus der Mediathek. Kurz darauf schmiss die Kabarettistin das Handtuch und teilte dem Sender mit, dass sie sich aus der Satire-Sendung zur&uuml;ckziehe. Heute pr&auml;sentiert Lisa Fitz ihre kabarettistischen Perlen <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?gastautor=lisa-fitz\">bei den NachDenkSeiten<\/a>, in denen kritische Stimmen noch zu Wort kommen. <\/p><p>Allerdings ist mittlerweile eine polemisch zugespitzte Unsch&auml;rfe nicht unbedingt notwendig, um ins Kreuzfeuer der selbsternannten Wahrheitsw&auml;chter zu geraten. Er reicht schon die &bdquo;falsche&ldquo; Meinung oder Haltung, wobei jene selber definieren, was richtig und falsch ist. Argumentiert wird dann mit der Kontaktschuld &ndash; so wie im Fall Ludger K. Der Kabarettist nimmt sich in seinem laufenden Programm &laquo;Orwell war ein Optimist!&raquo; ebenfalls die Corona-Ma&szlig;nahmen und die Impf-Agenda vor. Einige Videos kursieren bereits auf YouTube. Auf seiner Homepage spricht er sich gegen G-Regeln aus und kritisiert die Corona-Politik, weil sie auf Zwang setzt. Das wurde ihm zum Verh&auml;ngnis, als er Anfang dieses Jahres mit einem familiengef&uuml;hrten Ruhrgebietstheater vereinbarte, vier Monate als Moderator eines Variet&eacute;s zu fungieren. Die Betreiber haben zum Thema Corona-Ma&szlig;nahmen und Impfung eine andere Meinung als Ludger K., sehen darin aber kein Hindernis f&uuml;r eine Zusammenarbeit, zumal es bei der geplanten Veranstaltungsreihe eher um Spa&szlig; und Unterhaltung gehen sollte. Keine schweren Themen also. <\/p><p>Nach zwei Jahren eingeschr&auml;nkter Berufsm&ouml;glichkeiten freute sich der Kabarettist riesig auf den Auftrag und bereitete sich intensiv vor. Doch dann gr&auml;tschte die Regionalzeitung WAZ Bochum hinein &ndash; bzw. deren Chefredakteur. Was genau passierte, erl&auml;utert Ludger K. in einem humoristisch aufbereiteten Video, das er auf YouTube ver&ouml;ffentlicht hat, um den Fall aufzuarbeiten und seine Sicht der Dinge zu pr&auml;sentieren. Der besagte Chefredakteur soll bei dem Ruhrgebietstheater angerufen und sie nicht nur auf die Beitr&auml;ge des Kabarettisten hingewiesen haben, sondern auch auf bestimmte Kommentare unter den Clips, in denen dar&uuml;ber unterrichtet wird, dass Ludger K. Werbung f&uuml;r einen Aktienfonds mache. Diesen biete eine Firma mit mehreren Gesellschaftern an, zu denen auch der &Ouml;konom und CDU-Politiker Max Otte geh&ouml;re. Er wiederum wurde von der AfD als Kandidat f&uuml;r das Amt des Bundespr&auml;sidenten vorgeschlagen.<\/p><p>In anderen Worten: Es wurde Druck ausge&uuml;bt, mit Verweis auf die Kontaktschuld des vermeintlichen Delinquenten. Die Intervention zeigte Wirkung, sodass das Ruhrgebietstheater Ludger K. durch einen anderen Moderator ersetzte. Kurz darauf erschien in der WAZ Bochum ein Schm&auml;hartikel, in dem der Chefredakteur den Wechsel als &bdquo;alternativlos&ldquo; bezeichnete und unter anderem mit einer &bdquo;gef&auml;hrlichen N&auml;he zu Querdenkern und sonstigen Corona-Leugnern&ldquo; argumentierte. Von &bdquo;Anti-Impf-Polemiken&ldquo; war die Rede, weshalb der Kabarettist genauso Schuld auf sich geladen haben soll wie durch ein &bdquo;Interview mit der Rechtsau&szlig;en-Postille &laquo;Junge Freiheit&raquo;&ldquo;. Dass die im Mainstream gehypte Dunja Hayali das einst ebenfalls getan hatte, spielte in dem Artikel keine Rolle. Sie geh&ouml;rt schlie&szlig;lich zu den &bdquo;Guten&ldquo;. <\/p><p>&bdquo;Nat&uuml;rlich bin ich nicht nur Opfer&ldquo;, sagt Ludger K. ironisch in seinem <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=4rS1XdGO_nk\">Aufarbeitungsvideo<\/a>. &bdquo;Ich habe ausgeteilt &ndash; auf der B&uuml;hne, auf YouTube. Aber ist das nicht mein Job als Kabarettist?&ldquo;, fragt er rhetorisch und erinnert die Moralisten und selbsternannten Wahrheitsw&auml;chter daran, dass Satire ihrem Grundverst&auml;ndnis nach anecken und den Finger in die Wunde legen muss. &bdquo;Was habe ich also verbrochen?&ldquo; Diese Frage stellt sich tats&auml;chlich, erst recht, wenn man die Argumente h&ouml;rt, mit denen Ludger K. seine Haltung begr&uuml;ndet: &bdquo;Ich kritisiere generell die sogenannten Ma&szlig;nahmen, weil ich sie f&uuml;r unangemessen, unmenschlich und vor allem f&uuml;r nicht effektiv halte. Ich spiele nicht unter 2G. Ich mach&rsquo; da nicht mit. Auch wenn&rsquo;s meine Karriere kostet, ich mache nicht mit. Ich bin nicht gegen Impfen per se. Mein Heftchen ist gut gef&uuml;llt. Ich bin gegen Pflicht und Zwang und bringe das gern mit scharfz&uuml;ngigen Worten zum Ausdruck.&ldquo;<\/p><p>Was im Kabarett selbstverst&auml;ndlich zu sein scheint, schmilzt im Zeitalter der Cancel Culture so schnell wie das Eis in der Sonne. Das gilt auch f&uuml;r die Eink&uuml;nfte der Betroffenen. F&uuml;r Ludger K. w&auml;re der viermonatige Auftrag als Moderator die Haupteinnahmequelle in diesem Jahr gewesen. Mit der Intervention des WAZ-Chefredakteurs l&ouml;ste sie sich in Luft auf. Darin zeigt sich die perfide Wirkungsweise der Cancel Culture: Die vermeintlichen Abweichler werden wirtschaftlich ruiniert, eingesch&uuml;chtert und gleichsam erzogen &ndash; selbst wenn sie noch nicht ins Fadenkreuz geraten sind. F&auml;lle wie die von Lisa Fitz und Ludger K. sollen demonstrieren, was mit Kabarettisten passiert, die nicht nach der Pfeife tanzen. Bestrafe einen, erziehe Hunderte, wie der chinesische Staatspr&auml;sident Mao Zedong schon wusste. <\/p><p>Die Methode erf&uuml;llt ihren Zweck. Manche Kollegen zeigen sich beeindruckt. &bdquo;Auf mich wirkt das abschreckend&ldquo;, sagt zum Beispiel <a href=\"https:\/\/www.barbara-weinzierl.de\/\">Barbara Weinzierl<\/a>, eine Kabarettistin aus M&uuml;nchen. Sie geh&ouml;rt ebenfalls zu der Fraktion der K&uuml;nstler, die die Corona-Politik kritisch sehen. Die Ma&szlig;nahmen kamen f&uuml;r sie einem Berufsverbot gleich. War sie fr&uuml;her viele Jahre lang im ganzen deutschsprachigen Raum auf Tour, absolviert sie seit M&auml;rz 2020 kaum noch Auftritte. Die Auftragslage ist wegen der bisherigen und k&uuml;nftig wieder m&ouml;glichen Einschr&auml;nkungen recht &uuml;berschaubar geworden. Die letzten zwei Jahre seien eine Leidenszeit gewesen, sagt die Kabarettistin. Das liege nicht nur an den Einnahmeverlusten, sondern eben auch an dem schleichenden Verlust der Meinungsfreiheit. Weinzierl bekam wegen ihrer Haltung ebenfalls zu sp&uuml;ren, wie weit die Cancel Culture in Deutschland vorangeschritten ist. <\/p><p>Gegenwind bekam sie vor allem von Kollegen, die den Regierungskurs st&uuml;tzen. Diese reagierten aufgebracht auf Weinzierls Posts in den sozialen Medien und bezeichneten sie als &bdquo;Schwurblerin&ldquo;, &bdquo;Aluhuttr&auml;gerin&ldquo; oder &bdquo;Verschw&ouml;rungstheoretikerin&ldquo;. Der Kabarettistin wurde schnell klar, dass sie ihre Meinung nicht sagen durfte, wenn sie in der Branche weiterarbeiten wollte. Viele Kollegen best&auml;tigten diese Strategie, als sie sich sofort von ihren Aussagen distanzierten, sobald der &ouml;ffentliche Druck stieg. Um ihre Erfahrungen zu verarbeiten, hat die M&uuml;nchnerin in den letzten zwei Jahren kritische Gedichte und Texte zu Themen wie Lockdown, Ausgangssperre oder gesellschaftliche Spaltung geschrieben. Auch ihr Kabarett-Programm will sie eigentlich so gestalten, dass darin das zur Sprache kommt, was sie w&auml;hrend der Corona-Krise als Fehlentwicklung wahrgenommen hat. Auf den herk&ouml;mmlichen B&uuml;hnen, wo sie zuvor aufgetreten war, sei das aber nicht m&ouml;glich, vermutet die Kabarettistin. Auf den Veranstaltern laste der gleiche Druck wie auf den K&uuml;nstlern. Und der Fall Ludger K. gibt ihr Recht. <\/p><p>Gleichwohl bem&uuml;ht sich Weinzierl darum, neue M&ouml;glichkeiten zu finden, sich von der Angst zu l&ouml;sen. Sie m&ouml;chte zumindest ein wenig von dem mitteilen, was die Corona-Zeit mit ihr gemacht habe &ndash; auch auf der B&uuml;hne. Es ist zu w&uuml;nschen, dass die von Cancel Culture betroffenen Kabarettisten nicht den Mut verlieren und standhaft bleiben. Ansonsten besteht die Gefahr, dass die Kunst eint&ouml;nig, konform und fade wird, ja sich sogar anbiedert. &bdquo;Wenn K&uuml;nstler nur noch Kunst in Sinne der herrschenden Meinung machen k&ouml;nnen, dann ist das deren Tod&ldquo;, sagt Weinzierl. &bdquo;In meinen d&uuml;stersten Visionen sehe ich uns in der Plastikwelt von Castingshows, Faktenchecks und gepr&uuml;ften Filmen oder Theaterauff&uuml;hrungen.&ldquo; In einer dystopischen Welt, auf die wir zusteuern, w&auml;re das die einzige M&ouml;glichkeit, kulturell t&auml;tig zu werden. Es sei denn, die Cancel Culture nimmt endlich ein Ende. <\/p><p>Titelbild: Lightspring\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kabarett ist eine Kunstform, die Satire und Polemik miteinander verbindet, um auf gesellschaftliche Missst&auml;nde hinzuweisen. Sie teilt gerne aus, vor allem gegen die M&auml;chtigen aus Politik, Wirtschaft und Medien. 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