{"id":83582,"date":"2022-05-06T08:50:44","date_gmt":"2022-05-06T06:50:44","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=83582"},"modified":"2022-05-09T11:30:02","modified_gmt":"2022-05-09T09:30:02","slug":"offener-brief-an-anton-hofreiter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=83582","title":{"rendered":"Offener Brief an Anton Hofreiter"},"content":{"rendered":"<p>Eine der lautst&auml;rksten Stimmen f&uuml;r die Lieferung schwerer Waffen an die Ukraine ist der gr&uuml;ne Bundestagsabgeordnete Anton Hofreiter. &bdquo;Ausgerechnet der Toni&ldquo;, sagen nun viele; galt Hofreiter doch bisweilen sogar als ein &ndash; wenn auch kleiner &ndash; Hoffnungsschimmer auf R&uuml;ckbesinnung der Gr&uuml;nen auf ihre friedlicheren Wurzeln. Auch <strong>Michael Fitz<\/strong> hat kein Verst&auml;ndnis f&uuml;r Tonis neue Liebe f&uuml;r den Krieg und hat dem Gr&uuml;nen-Politiker einen Offenen Brief geschrieben.<br>\n<!--more--><br>\nSehr geehrter Herr Hofreiter,<\/p><p>Bereits in Ihrer T&auml;tigkeit als Landtagsabgeordneter der Gr&uuml;nen und als kompetenter Sachwalter des Natur- und Artenschutzes habe ich Sie immer  sehr gesch&auml;tzt und f&uuml;r einen der eigenst&auml;ndigsten K&ouml;pfe in Ihrer Partei und generell in der politischen Landschaft Bayerns und Deutschlands gehalten. Nat&uuml;rlich h&auml;tten Sie Landwirtschaftsminister werden m&uuml;ssen und nicht Ihr fachfremder Kollege &Ouml;zdemir.<\/p><p>Ich bin, wie viele andere auch, immer davon ausgegangen, dass die Gr&uuml;nen nicht nur eine Umwelt-Partei, sondern auch eine Partei der Friedenssicherung sowie der &Auml;chtung von Waffen und kriegerischen Auseinandersetzungen war. Nicht zuletzt, weil Ihre Partei ja zu guten Teilen aus der Friedensbewegung der 90er erwachsen ist. Das wissen Sie selbst, ich brauche Ihnen &uuml;ber die Gr&uuml;ndungsgeschichte der Gr&uuml;nen sicher keinen Vortrag halten.<\/p><p>Zu den, wie ich dachte, unumst&ouml;&szlig;lichen Prinzipien nicht nur Ihrer Partei geh&ouml;rte es bis in die nahe Vergangenheit, aus Deutschland keine Waffen in Krisengebiete zu exportieren und Lieferungen deutscher R&uuml;stungskonzerne dorthin einzud&auml;mmen und, falls m&ouml;glich, vollst&auml;ndig zu unterbinden.<\/p><p>Offenbar scheint sich das Blatt in Ihrer Partei und auch bei Ihnen nun vollst&auml;ndig gewendet zu haben. Anders vermag ich Ihre &ouml;ffentlichen &Auml;u&szlig;erungen zum Thema, j&uuml;ngst auch im &bdquo;Spiegel-Interview&ldquo;, nicht zu deuten.<\/p><p>Glauben Sie und Ihre Parteifreunde denn allen Ernstes, dass der Krieg in der Ukraine mit Waffenlieferungen aus ganz Europa zu gewinnen ist? Glauben Sie ernsthaft, dass Sie damit die Idee einer wirklich europ&auml;ischen Friedensl&ouml;sung, die ohne eine friedliche Nachbarschaft und Koexistenz mit der russischen F&ouml;deration niemals m&ouml;glich sein wird, f&ouml;rdern oder voranbringen? <\/p><p>Offenbar haben Sie sich dem &uuml;berlauten medialen Chor der Putin-Hasser und Russenverteufler nun angeschlossen und glauben, mit einer harten Linie die Eskalation des Konfliktes sch&uuml;ren zu m&uuml;ssen. <\/p><p>Selbstverst&auml;ndlich ist ein v&ouml;lkerrechtswidriger Krieg wie dieser immer ein verbrecherischer Akt im Sinne der UN-Charta. Es ist aber ganz sicher nicht der erste dieser Art, auch nicht in Europa.<\/p><p>Die USA und die Nato sind hier mit Serbien, Afghanistan, Irak, Libyen und Syrien bereits betr&auml;chtlich in Vorleistung gegangen. All diese Kriege sind mit aller H&auml;rte, besonders f&uuml;r die betroffene Zivilbev&ouml;lkerung, gef&uuml;hrt worden und die ausl&ouml;senden Gr&uuml;nde waren in den meisten F&auml;llen konstruiert und sind propagandistisch und manipulativ verarbeitet, dem deutschen Otto-Normal-Verbraucher scheibchenweise nahegebracht worden.<\/p><p>Inzwischen liegen alle tats&auml;chlichen und wahren Gr&uuml;nde f&uuml;r diese Kriege auf dem Tisch. Leider werden Sie nicht breit publiziert und flie&szlig;en dementsprechend auch nicht in die aktuellen historischen Interpretationen ein.<\/p><p>Es gibt geopolitische Interessen und Ziele der USA und auch der NATO, die bereits lang bekannt sind, die zu diesen Kriegen gef&uuml;hrt haben, und genauso verh&auml;lt es sich mit der derzeitigen, nunmehr milit&auml;rischen Auseinandersetzung in der Ukraine.<\/p><p>Putin hat zum Beginn seiner Amtszeit bzw. Herrschaft Anfang der 2000er Jahre die Hand nach Europa, speziell nach Deutschland, ausgestreckt und f&uuml;r eine europ&auml;ische Friedens-Ordnung, in die sich Russland integrieren wollte, geworben.<\/p><p>Diese Werbung ist vor allem von Seiten der USA und somit auch der Nato, leider auch von der damaligen Polit-Elite in Deutschland ignoriert bzw. nicht ernst genommen worden. Man begn&uuml;gte sich damit, Rohstoffe aus Russland zu erwerben und im Gegenzug deutsche Industrie-G&uuml;ter in dieses riesige Land zu exportieren und eintr&auml;gliche Gesch&auml;fte zu machen. Derweil hat man die Nato erweitert, bis an die russischen Grenzen, nicht zuletzt durch die geschichtlich begr&uuml;ndete Angst der baltischen, nunmehr EU-Mitgliedsstaaten Litauen und Lettland, aber auch Polens und Tschechiens vor Einverleibung durch das traditionell &uuml;berm&auml;chtige Russland. Putin sah sich einer geopolitisch durchaus gewollten, allm&auml;hlichen Einkreisung durch die Nato-Osterweiterung ausgesetzt. <\/p><p>Der vorl&auml;ufige H&ouml;hepunkt dessen war der mit erheblichen US-Mitteln und direkter Hilfe westlicher Dienste und Geldgeber 2014 herbeigef&uuml;hrte Maidan-Putsch, der nationalistische bis faschistische Kr&auml;fte in der Ukraine an die Macht brachte. Auf der Krim fand ein Memorandum statt, in dem sich die Bev&ouml;lkerung f&uuml;r eine Zugeh&ouml;rigkeit zur russischen F&ouml;deration entschied.  <\/p><p>Nach US-Lesart wird dies als v&ouml;lkerrechtswidrige russische Annexion bezeichnet. Offenbar haben auch Sie und gro&szlig;e Teile Ihrer Partei diese tats&auml;chlich geschichtsverbiegende Lesart &uuml;bernommen.<\/p><p>Die Teilrepubliken Donetzk und Lugansk wurden und werden bewohnt von einer mehrheitlich russisch-sprachigen bzw. -st&auml;mmigen Bev&ouml;lkerung, die sich durch die Macht&uuml;bernahme von ukrainischen Nationalisten und Faschisten in ihrer kulturellen und wirtschaftlichen Freiheit durch Kiew und die dortigen neuen Machthaber bedroht sah und sich abspalten wollte.<\/p><p>Die Regierung in Kiew f&uuml;hrt seit 2014 einen schmutzigen Krieg gegen die beiden Teilrepubliken, inklusive Dauer-Artillerie und Raketen-Beschuss auf Wohngebiete, ethnischer S&auml;uberungen, Entf&uuml;hrungen und Folter, teilweise ausgef&uuml;hrt von faschistischen paramilit&auml;rischen Brigaden. <\/p><p>Dass man auf dem Gebiet der Ukraine, grenznah zu Russland, dann auch noch aufw&auml;ndige Nato-Man&ouml;ver abhielt, war nicht gerade ein Mittel zur Entspannung der Lage. Wenn man einen Gegner lang genug in die Ecke treibt, dann muss er reagieren. Das tat Putin nun auch und wird seitdem als &bdquo;Kriegsverbrecher&ldquo; und &bdquo;M&ouml;rder&ldquo; in der westlichen Welt&ouml;ffentlichkeit vorgef&uuml;hrt. Die deutsche Presse und das &ouml;ffentlich-rechtliche Fernsehen tun alles, um dem B&uuml;rger und W&auml;hler genau dieses Bild zu vermitteln.<\/p><p>Offensichtlich auch Ihnen, denn nur so kann man Ihre &Auml;u&szlig;erungen in letzter Zeit wohl werten.<\/p><p>Dieser Krieg muss, auch und besonders im Hinblick auf die geschundene Zivilbev&ouml;lkerung in der Ukraine, so schnell wie m&ouml;glich beendet werden!<\/p><p>Das wird mit Waffen und noch mehr Waffenlieferungen nicht funktionieren, sondern nur auf dem Verhandlungsweg. Sonst wird der Konflikt eskalieren und es m&ouml;glicherweise zum Konflikt Russland gegen NATO werden und es wird zum Einsatz von Atomwaffen in Europa kommen, mit entsprechenden Folgen f&uuml;r Zentral-Europa und m&ouml;glicherweise die ganze Welt.<\/p><p>Die USA und weite Teile des europ&auml;ischen Polit- und Wirtschaftsestablishments m&ouml;chten in Russland einen Regime Change und eine &Ouml;ffnung der russischen M&auml;rkte erwirken. Das ist das eigentliche Interesse hinter der seit 2014 und bereits vorher angesto&szlig;enen Entwicklung.<\/p><p>Verst&auml;ndlich, denn Russland verf&uuml;gt &uuml;ber ein riesiges Staatsgebiet, eine gro&szlig;e Bev&ouml;lkerung und viele Rohstoffe. Ich glaube nicht, dass Russland unter Putin, weder wirtschaftlich noch milit&auml;risch, in die Knie zu zwingen ist, wenn, dann nur durch Atomschl&auml;ge und entsprechende Antworten, die in ganz Europa viele Menschenleben kosten werden und gerade Deutschland, aber auch andere europ&auml;ische L&auml;nder f&uuml;r Jahrzehnte in weiten Gebieten unbewohnbar machen w&uuml;rden. Die deutsche Wirtschaft wird auch ohne Krieg bald am Boden zerst&ouml;rt sein, als Folge der Subventionspolitik und aufgrund von Rohstoffmangel &ndash; und Kosten. Dass ausgerechnet Ihr gr&uuml;ner Kollege Habeck jetzt Fracking-Gas als Alternative zum russischen Erdgas ernsthaft in Erw&auml;gung zieht und damit gr&uuml;ne Grunds&auml;tze vollst&auml;ndig &uuml;ber Bord wirft, zeigt nur, wie sehr sich Ihre Partei, insbesondere auch Frau Baerbock, als Handlanger transatlantischer Wirtschaftsinteressen von Ihren eigenen Prinzipien verabschiedet hat.<\/p><p>Erinnern Sie sich bitte an die Grundprinzipien Ihrer Partei, sofern die &uuml;berhaupt noch gelten, und tun Sie alles, was in Ihrer Macht steht, in diesem Konflikt so schnell wie m&ouml;glich f&uuml;r eine Waffenruhe und eine Verhandlungsl&ouml;sung zu sorgen. Auch wenn eine solche Verhandlungsl&ouml;sung offenbar ganz und gar nicht in die Interessenlage des transatlantischen Partners USA passt. Wenn Sie das Ganze mal in aller Ruhe zu Ende denken, m&uuml;sste Ihnen doch eigentlich angst und bange werden.<\/p><p>Der Ex-Kanzler Gerhard Schr&ouml;der mag f&uuml;r Sie derzeit eine Persona non grata sein, f&uuml;r das Herbeif&uuml;hren eines bilateralen Dialoges und die Aufnahme von Verhandlungen, auf welcher Ebene auch immer, w&auml;re er geeignet. Ich gehe zwar davon aus, dass Sie meinen sehr ausf&uuml;hrlich geratenen Brief nicht beantworten werden, aber w&uuml;rde mich trotzdem zumindest &uuml;ber ein kurzes Feedback Ihrerseits freuen.<\/p><p>Mit besten Gr&uuml;&szlig;en<br>\nMichael Fitz<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine der lautst&auml;rksten Stimmen f&uuml;r die Lieferung schwerer Waffen an die Ukraine ist der gr&uuml;ne Bundestagsabgeordnete Anton Hofreiter. &bdquo;Ausgerechnet der Toni&ldquo;, sagen nun viele; galt Hofreiter doch bisweilen sogar als ein &ndash; wenn auch kleiner &ndash; Hoffnungsschimmer auf R&uuml;ckbesinnung der Gr&uuml;nen auf ihre friedlicheren Wurzeln. 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