{"id":83590,"date":"2022-05-06T11:42:00","date_gmt":"2022-05-06T09:42:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=83590"},"modified":"2022-05-09T12:45:05","modified_gmt":"2022-05-09T10:45:05","slug":"oel-embargo-eine-oekonomische-und-oekologische-schnapsidee","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=83590","title":{"rendered":"\u00d6l-Embargo &#8211; eine \u00f6konomische und \u00f6kologische Schnapsidee"},"content":{"rendered":"<p>Innerhalb von sechs Monaten sollen die meisten EU-L&auml;nder den Import russischen Roh&ouml;ls stoppen. Das ist eine der <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/politik\/ausland\/2022-05\/eu-kommission-schlaegt-oelembargo-gegen-russland-vor\">Kernforderungen<\/a> der EU-Kommission f&uuml;r die kommende Sanktionsrunde. Diese Forderung ist gleich in mehrfacher Hinsicht eine Schnapsidee. Letztlich w&uuml;rde sie nur dazu f&uuml;hren, dass die Welthandelsstr&ouml;me f&uuml;r &Ouml;l sich verlagern und der kostbare Rohstoff nicht mehr preiswert und &ouml;kologisch vertretbar durch Pipelines, sondern rund um die Welt mit Tankern transportiert wird. Dies wird auch den Preis in die H&ouml;he katapultieren und dies langfristig. Russland w&uuml;rde als einer der gr&ouml;&szlig;te &Ouml;lexporteure am Ende des Tages also sogar profitieren, w&auml;hrend die B&uuml;rger und die Industrie der EU die gr&ouml;&szlig;ten Verlierer w&auml;ren. Von <strong>Jens Berger<\/strong><\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_6573\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-83590-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220506_Oel_Embargo_eine_oekonomische_und_oekologische_Schnapsidee_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220506_Oel_Embargo_eine_oekonomische_und_oekologische_Schnapsidee_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220506_Oel_Embargo_eine_oekonomische_und_oekologische_Schnapsidee_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220506_Oel_Embargo_eine_oekonomische_und_oekologische_Schnapsidee_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=83590-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220506_Oel_Embargo_eine_oekonomische_und_oekologische_Schnapsidee_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"220506_Oel_Embargo_eine_oekonomische_und_oekologische_Schnapsidee_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Unsere Welt h&auml;ngt am &Ouml;l. Und daran l&auml;sst sich auch mittelfristig nichts &auml;ndern. W&auml;hrend der Westen durch die Energiewende und technologische Weiterentwicklungen seinen Verbrauch zwar tendenziell in den letzten Jahren zur&uuml;ckfahren konnte, macht der &ouml;konomische Aufschwung der Schwellen- und Entwicklungsl&auml;nder diesen Nachfrager&uuml;ckgang mehr als wett. Allein der Mehrverbrauch Indiens <a href=\"https:\/\/www.bp.com\/content\/dam\/bp\/business-sites\/en\/global\/corporate\/pdfs\/energy-economics\/statistical-review\/bp-stats-review-2021-full-report.pdf\">ist gr&ouml;&szlig;er<\/a> als alle Einsparungen der EU zusammengenommen. &Ouml;l ist nach dem weltweiten Wirtschaftseinbruch durch die Covid-19-Ma&szlig;nahmen heute gefragter denn je und &Ouml;l ist &ndash; anders als Erdgas &ndash; auch relativ problemlos international handelbar. Den Barrel, den die EU den Russen nicht mehr abkauft, nehmen L&auml;nder wie China, Indien, Indonesien, Vietnam, Singapur oder Thailand gerne. Die genannten L&auml;nder haben &uuml;brigens zusammen heute schon fast den doppelten &Ouml;lverbrauch wie die EU &ndash; Tendenz stark steigend.<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/220506_oel-01.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/220506_oel-01.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p>Welthandelsstr&ouml;me f&uuml;r Erd&ouml;l und raffinierte Erd&ouml;lprodukte<br>\nQuelle: BP Statistical Review of World Energy 2021 | 70th edition<\/p><p>Mittel- bis langfristig w&uuml;rde ein &Ouml;lembargo der EU gegen Russland also nur zu Verschiebungen im Welthandel f&uuml;hren. Nehmen wir das Beispiel Indien, um dies zu verdeutlichen. Heute spielen die &Ouml;lexporte Russlands beim indischen Importmix keine nennenswerte Rolle. Das Land bezieht sein &Ouml;l vor allem aus dem Irak, aus Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten, was aufgrund der geographischen N&auml;he ja auch naheliegt. Wenn die EU nun kein russisches &Ouml;l mehr importiert, muss sie zwangsl&auml;ufig ihr &Ouml;l aus anderen Regionen beziehen &ndash; zum Beispiel von den gro&szlig;en &Ouml;lexporteuren am Persischen Golf. Dann bringt halt der Tanker, der zuvor das &Ouml;l aus Ras Tanura, Saudi-Arabien, nach Indien transportiert hat, k&uuml;nftig die kostbare Ware nach Rotterdam, w&auml;hrend Indien von einem russischen Tanker aus Noworossijsk beliefert wird. Noworossijsk ist &uuml;brigens &uuml;ber eine Nebenpipeline an das westsibirische Pipelinesystem angeschlossen, das zurzeit &uuml;ber die Pipelines des Druschba-Verbundsystems ma&szlig;geblich zur europ&auml;ischen &Ouml;lversorgung genutzt wird. Am Ende steigt durch die Verlagerung des Transports von Pipelines und kurzen Transportrouten auf See auf lange Transportrouten auf See nur der Preis. Und die n&ouml;tigen Investitionen in Tanker- und Terminalkapazit&auml;ten werden sich selbstverst&auml;ndlich auch noch auf den Preis niederschlagen. <\/p><p>Kurzfristig wird es durch das Embargo jedoch wahrscheinlich zu Verwerfungen f&uuml;hren. Denn es dauert seine Zeit, bis die notwendigen Transportkapazit&auml;ten aufgebaut worden sind. In dieser &Uuml;bergangsperiode werden die EU und andere &Ouml;limporteure um die knappen Transportkapazit&auml;ten streiten. &Ouml;konomisch hei&szlig;t dies, dass der Wettbewerb um freie Kapazit&auml;ten &uuml;ber den Preis ausgefochten wird &ndash; zum Nachteil der Verbraucher und Importeure. Die gro&szlig;en Gewinner werden die Volkswirtschaften sein, die heute schon &uuml;ber gro&szlig;e Exportvolumina samt den dazugeh&ouml;rigen Transportkapazit&auml;ten verf&uuml;gen &ndash; das sind allen voran Saudi-Arabien, der Irak, Kanada und auch westafrikanische Staaten wie Angola und Nigeria, die auf dem Seeweg doppelt so viel Roh&ouml;l exportieren wie der weltgr&ouml;&szlig;te &Ouml;lf&ouml;rderer, die USA.<\/p><p>Der gro&szlig;e Verlierer sind die Staaten der EU. In Europa werden sich die h&ouml;heren Kosten f&uuml;r Roh&ouml;l und raffinierte &Ouml;lprodukte sowie die h&ouml;heren Transportkosten voll durchschlagen. Und die EU ist es auch, die einen Gro&szlig;teil der Investitionen in Transport- und vor allem Terminalkapazit&auml;ten zu tragen hat. Einem Land wie Indien ist es relativ egal, ob der Tanker nun aus Saudi-Arabien oder aus Russland kommt. Die EU, die ihr &Ouml;l bislang vor allem &uuml;ber Pipelines aus Russland bezieht, muss jedoch erst einmal die Hafen-, Terminal-, Raffinerie- und inl&auml;ndischen Transportkapazit&auml;ten aufbauen, um ihr &Ouml;l &uuml;berhaupt mit einem &ouml;konomisch vertretbaren Mehraufwand aus anderen Regionen der Welt zu beziehen. Hinzu kommt, dass &Ouml;l nicht gleich &Ouml;l ist und vor allem die technisch hochgez&uuml;chteten Produktionslinien der Petrochemie in Deutschland hohe Investitionskosten haben werden. Das &Ouml;lembargo der EU gegen Russland tr&auml;fe also vor allem die EU selbst.<\/p><p>Und wie sieht es mit Russland aus? W&uuml;rde das Embargo denn zumindest den Zweck verfolgen, den die EU-Kommission sich von ihm verspricht? Kurzfristig schon, da Russland selbst zurzeit auch nicht &uuml;ber die Transportkapazit&auml;ten verf&uuml;gt, um das westsibirische &Ouml;l an neue Kunden zu liefern. Daf&uuml;r profitiert Russland jedoch ma&szlig;geblich vom gestiegenen Erd&ouml;lpreis, der die bestehenden Exporte in L&auml;nder, die Russland nicht sanktionieren, verteuert. Mittel- bis langfristig z&auml;hlt Russland jedoch nicht zu den Verlierern, sondern ganz im Gegenteil zu den Gewinnern des Embargos. Die Zeiten billigen &Ouml;ls sind wohl f&uuml;r immer vorbei und wenn Russland es schafft, auch nur ann&auml;hernd die Menge nach Asien zu exportieren, die es jetzt nach Europa exportiert, wird es dank der gestiegenen Preise in Summe deutlich mehr Geld einnehmen als vor dem Krieg. <\/p><p>Wollten die Sanktionen der EU Erfolg haben, m&uuml;ssten sie nicht nur von der EU, sondern von allen nennenswerten &Ouml;limporteuren getragen werden. L&auml;nder wie China, Indien, Indonesien, Vietnam oder Thailand denken jedoch im Traum nicht daran, sich volkswirtschaftlich zu ruinieren, weil der Westen sich mal wieder moralisch im Recht sieht. Dies sieht auch der indische <a href=\"https:\/\/timesofindia.indiatimes.com\/india\/no-winner-in-ukraine-all-will-suffer-says-pm-modi-in-berlin\/articleshow\/91270884.cms\">Premier Modi so<\/a>, der Olaf Scholz am Wochenende erst einmal einen Vortrag dar&uuml;ber hielt, wie sinnlos die Sanktionen sind, das Indien sich ihnen nicht anschlie&szlig;en wird und auch deshalb ein Pfeiler des globalen Aufschwungs nach dem Krieg sein wird. Offenbar k&ouml;nnte Deutschland in diesem Punkt einiges von Indien lernen. <\/p><p>Aber es gibt ja noch mehr als die Wirtschaft. Last but not least gibt es einen weiteren gro&szlig;en Verlierer &ndash; das Klima. Es ist nicht nur &ouml;konomisch, sondern auch &ouml;kologisch der helle Wahnsinn, &Ouml;llieferungen aus Pipelines und kurze Lieferwege &uuml;ber See durch lange Lieferwege &uuml;ber See zu ersetzen. Wenn Deutschland k&uuml;nftig sein &Ouml;l nicht mehr aus russischen Pipelines, sondern mit Tankern aus dem Persischen Golf, Westafrika und Nord- und S&uuml;damerika bekommt, konterkariert dies die Klimaschutzpolitik auf groteske Weise. Dass es gerade die Gr&uuml;nen sind, die sich in besonderer Weise f&uuml;r ein &Ouml;lembargo stark machen, ist dabei nur eine weitere Randnote des vollst&auml;ndigen moralischen und intellektuellen Bankrotts dieser Partei.<\/p><p>Titelbild: Avigator Fortuner\/shutterstock.com<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg09.met.vgwort.de\/na\/0a5c335e0583451187948fbab921be8a\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Innerhalb von sechs Monaten sollen die meisten EU-L&auml;nder den Import russischen Roh&ouml;ls stoppen. 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