{"id":83596,"date":"2022-05-08T11:45:39","date_gmt":"2022-05-08T09:45:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=83596"},"modified":"2022-05-09T14:07:11","modified_gmt":"2022-05-09T12:07:11","slug":"ueber-solidaritaet-und-scheinsolidaritaet-ein-statement-zum-muttertag-aus-feministischer-perspektive","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=83596","title":{"rendered":"\u00dcber Solidarit\u00e4t und Scheinsolidarit\u00e4t &#8211; Ein Statement zum Muttertag aus feministischer Perspektive"},"content":{"rendered":"<p>Wir brauchen einen Paradigmenwechsel bei der finanziellen und gesellschaftlichen Anerkennung von Sorge- und Pflegearbeit. Und eine bessere Beteiligung derer an den Entscheidungsprozessen, die diese Aufgaben im Alltag &ndash; beruflich oder privat &ndash; konkret stemmen. Von <strong>Sandra Reuse<\/strong> und <strong>Patricia Roncoroni.<\/strong><br>\n<!--more--><br>\nViel wurde in den zur&uuml;ckliegenden Jahren &uuml;ber Parit&auml;t, also die gleichberechtigte Vertretung gesellschaftlicher Gruppen in politischen Entscheidungsgremien, geredet und geschrieben. Doch es ging fast immer nur um Quoten und &bdquo;Gender&ldquo; und eigentlich nie um die Frage der konkreten Beteiligung jener an den Entscheidungsprozessen, die wesentliche Verantwortung tragen f&uuml;r das Funktionieren unserer Gesellschaft: Menschen, die Kinder betreuen und gro&szlig;ziehen. Pflegende Angeh&ouml;rige. Erzieher und Erzieherinnen. Besch&auml;ftigte in den Sorge- und Pflegeberufen bzw. im Gesundheitssektor. Das alles sind ganz &uuml;berwiegend Frauen.<\/p><p>Zum vorl&auml;ufigen Ende von Corona m&ouml;chten wir daher ein Statement zum Thema Solidarit&auml;t aus feministischer Perspektive abgeben. Wir wollen fragen, was <em>ist<\/em> Solidarit&auml;t und was nicht und uns dabei abgrenzen von paternalistischen Steuerungsans&auml;tzen, die den B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rgern ein m&uuml;ndiges Gesundheits- und Sozialverhalten tendenziell absprechen. Wir wollen uns abgrenzen von einer Scheinsolidarit&auml;t, die ausschlie&szlig;lich den eigenen Erfahrungshorizont als Bewertungsma&szlig;stab zul&auml;sst. Die Menschen mit anderen Bed&uuml;rfnissen und Sichtweisen abkanzelt und nicht einmal den Anspruch erhebt, in ein respektvolles Gespr&auml;ch miteinander zu kommen.<\/p><p>Dies geschieht aus der Beobachtung heraus, dass wesentliche gesellschaftspolitische Fragen, die auch und insbesondere Frauen betreffen, seit vielen Jahren schon vernachl&auml;ssigt wurden. Es geht um ein aus unserer Sicht fehlendes gesellschaftliches Verst&auml;ndnis davon (bzw. den dauerhaft ausbleibenden Versuch einer Verst&auml;ndigung dar&uuml;ber), wie wir Kinder gro&szlig;ziehen wollen, wie wir Kranke und &Auml;ltere pflegen sollten, wie wir Menschen mit Beeintr&auml;chtigungen unterst&uuml;tzen k&ouml;nnen und wie wir als Gesellschaft mit denjenigen umgehen, die all diese wichtigen Aufgaben stemmen. <\/p><p>Das sind h&auml;ufig, aber nat&uuml;rlich keinesfalls ausschlie&szlig;lich Frauen. Wir formulieren unsere Kritik daher auch nicht aus einer uns einseitig erscheinenden Geschlechterperspektive heraus, sondern wollen f&uuml;r all diejenigen Menschen sprechen, die sich um Schutz- und Pflegebed&uuml;rftige k&uuml;mmern und f&uuml;r sie sorgen, entweder als Angeh&ouml;rige, als freundschaftlich oder ehrenamtlich Engagierte oder als Berufst&auml;tige in den Sozial-, Pflege- und Careberufen.<\/p><p>Wir positionieren uns aber ausdr&uuml;cklich in Reaktion auf eine Genderdebatte, die aus unserer Sicht schon viel zu lange und zu einseitig auf (aktuell) Fragen der sexuellen Identit&auml;t und (immer noch aktuell) der beruflichen Selbstverwirklichung fixiert ist. Beides sind zweifelsohne wichtige und berechtigte gleichstellungspolitische Anliegen. Im Kern sind sie jedoch &ndash; wie so vieles, was in den Schlagzeilen verhandelt wird &ndash; hedonistischer Natur. Das hei&szlig;t, ohne weitergehenden gesellschaftlichen Bezug (so ging es in der 2010er Jahren um die Forderung, wie mehr Frauen in F&uuml;hrungspositionen, am besten in die DAX-Vorst&auml;nde, gelangen k&ouml;nnen, mittlerweile geht es um die Frage, wie m&ouml;glichst jede und jeder sich dem Geschlecht zuordnen kann, das gerade als passend empfunden wird).<\/p><p>Letztlich handelt es sich aber um die Anliegen und Interessen einer Minderheit. Es wird niemals die breite Masse der Frauen in F&uuml;hrungspositionen landen und es wird auch niemals die Mehrheit der Frauen ihr Geschlecht umwandeln wollen oder k&ouml;nnen (da es z.B. auch nicht finanzierbar w&auml;re). Nat&uuml;rlich ist es wichtig, dass Minderheiten sich organisieren, sich Geh&ouml;r verschaffen und ihre Forderungen bekannt machen. Doch im politischen Raum darf dar&uuml;ber nicht vergessen werden, dass die gro&szlig;e Mehrheit der Frauen in ihren allt&auml;glichen Lebenszusammenh&auml;ngen mit ganz anderen Sorgen und Herausforderungen konfrontiert ist. Vieles davon wurde in der Corona-Zeit schwieriger und &bdquo;gr&ouml;&szlig;er&ldquo;.<\/p><p><strong>&Uuml;ber Rollen und gesellschaftliche Arbeitsteilung<\/strong><\/p><p>Denn das Frau-Sein hat ja auch eine Rollenkomponente, die f&uuml;r viele Frauen zumindest in Phasen ihres Lebens bedeutender sein d&uuml;rfte als die Frage, ob sie Karriere machen, ob sie M&auml;nner lieben oder Frauen, ob sie ihren K&ouml;rper m&ouml;gen oder sich in ihm &ndash; vielleicht auch nur vor&uuml;bergehend &ndash; fremd f&uuml;hlen. Es geht darum, dass viele Frauen im Laufe ihres Lebens Kinder bekommen und auch deswegen, so einfach und banal es ist, deutlich h&auml;ufiger Sorgeaufgaben &uuml;bernehmen als M&auml;nner. So sind beispielsweise in Deutschland 9 von 10 Alleinerziehenden weiblich.<\/p><p>Frauen k&uuml;mmern sich aber auch sehr viel h&auml;ufiger um &Auml;ltere und Pflegebed&uuml;rftige &ndash; und zwar <em>sowohl<\/em> im Bereich der bezahlten als auch der unbezahlten Arbeit. 75 % der Besch&auml;ftigten im Gesundheitswesen sind weiblich; mit 5,7 Mio. Besch&auml;ftigten handelt es sich sogar um eine der besch&auml;ftigungsst&auml;rksten Branchen Deutschlands<strong>.<\/strong>[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>]<\/p><p>Aber auch im Bereich der unbezahlten Pflege &uuml;berwiegt der Frauenanteil: Laut einer PKV-Analyse von Oktober 2020 sind zwei Drittel der informell Pflegenden weiblich, zumeist handelt es sich um weibliche Verwandte der (&uuml;berwiegend m&auml;nnlichen) Pflegebed&uuml;rftigen.[<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>] Frauen k&uuml;mmern sich um Kinder, Frauen k&uuml;mmern sich um Kranke, Frauen k&uuml;mmern sich um pflegebed&uuml;rftige M&auml;nner, und dies alles sehr viel h&auml;ufiger als M&auml;nner. Dieses Rollenverhalten ist ein Fakt, mit dem wir arbeiten m&uuml;ssen, wenn wir mehr Gleichberechtigung herstellen wollen. Wir brauchen mehr Rechte, mehr Schutz und mehr Unterst&uuml;tzung f&uuml;r diejenigen, die sich k&uuml;mmern, und zwar jetzt und nicht im Jahr 2230.[<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>]<\/p><p>Denn ohne Frage profitiert unsere Gesellschaft stark von dieser weiblichen Bereitschaft, sich um das Wohl und Wehe Schutzbed&uuml;rftiger zu k&uuml;mmern, noch dazu zu Niedrigl&ouml;hnen oder g&auml;nzlich unentgeltlich. Doch es ist ja nicht nur die Bereitschaft, sondern auch die offensichtlich gr&ouml;&szlig;ere gesundheitliche Fitness von Frauen, die sie in die Lage versetzt, &uuml;ber weite Phasen ihres Lebens f&uuml;r andere Sorgeverantwortung zu &uuml;bernehmen. Bekommen aber Frauen daf&uuml;r angemessenen Dank oder m&ouml;glicherweise gar eine materielle Anerkennung?<\/p><p><strong>Fehlende Anerkennung unbezahlter Sorgearbeit<\/strong><\/p><p>Eher nein&hellip;. Eines der Hauptstrukturdefizite unseres Sozialstaates &ndash; jedenfalls aus feministischer Perspektive &ndash; liegt darin, dass hierzulande tendenziell vor allem &bdquo;m&auml;nnliche&ldquo; Erwerbsbiografien gut abgesichert werden &ndash; mit existenzsicherndem Krankengeld, Arbeitslosengeld und einer ausk&ouml;mmlichen Rente. M&auml;nnlich gepr&auml;gte Erwerbsbiografien, das sind Erwerbsverl&auml;ufe von Menschen, die Vollzeit arbeiten, oft sicherlich flei&szlig;ig und hart, die sich aber nicht nebenher und zwischendurch um Kinder, K&uuml;che, Haushalt und \/ oder pflegebed&uuml;rftige Angeh&ouml;rige k&uuml;mmern. Es sind die (unbefristeten) Vollzeitjobs, in denen die h&ouml;chsten Bruttol&ouml;hne erzielt werden. Es sind die Vollzeitjobs, mit vielen &Uuml;berstunden und manchmal jahrelangem Urlaubsverzicht, in denen die steilen Karrieren gemacht werden. Und es sind ebendiese Vollzeitjobs, mit denen im Falle eines Falles das h&ouml;chste Arbeitslosengeld und am Ende des Erwerbslebens eine ausk&ouml;mmliche Rente erzielt werden kann. In diesen Vollzeitjobs arbeiten aber &uuml;berwiegend M&auml;nner, oder Frauen ohne weitergehende Sorgeverpflichtungen. Wahr ist, dass auch bei M&auml;nnern unstete und daher schlecht abgesicherte Erwerbsbiografien zunehmen. Aber: Frauen sind aufgrund der von ihnen &uuml;bernommenen Sorgeverantwortung, um die sie ihr Erwerbsleben herum organisieren m&uuml;ssen, weitaus h&auml;ufiger davon betroffen.<\/p><p><strong>Mit Teilzeit ist in aller Regel keine ausreichende soziale Absicherung m&ouml;glich &ndash; und eine Familie kann man so auch kaum ern&auml;hren<\/strong><\/p><p>So arbeiten M&uuml;tter und pflegende Angeh&ouml;rige oft &bdquo;nur&ldquo; Teilzeit, weil sie sonst ihr Gesamtpensum nicht schaffen. Und da bei j&uuml;ngeren Frauen aus Arbeitgebersicht das &bdquo;Risiko&ldquo; besteht, dass sie schwanger werden und anschlie&szlig;end ausfallen, oder der Kinder wegen auf ihr gesetzlich verb&uuml;rgtes Teilzeitrecht bestehen, bekommen sie h&auml;ufiger als M&auml;nner befristete Vertr&auml;ge. Teilzeit und Befristung &ndash; beides ist nicht karrieref&ouml;rderlich und korreliert mit niedrigeren Bruttoverdiensten. Das ist seit vielen Jahren aus allen relevanten Einkommens- und Arbeitsmarktstatistiken ablesbar. <\/p><p>Das aber w&auml;re alles gar nicht so schlimm bzw. ungerecht, wenn unsere Gesellschaft sich dazu durchringen w&uuml;rde, von der wohlfahrtsstaatlich nicht zuende gedachten, einseitigen Fixierung auf die Absicherung bezahlter Erwerbsarbeit abzur&uuml;cken. Als ob uns allen kein gesellschaftlicher Nutzen aus der unbezahlten Sorge-Arbeit erwachsen w&uuml;rde! So aber tragen Frauen im Rahmen dieses doch recht angestaubten Sicherungsmodells (es stammt von aus der Bismarck-Zeit und sollte einst sozialistischen Tendenzen entgegenwirken) den weitaus gr&ouml;&szlig;eren Teil der Vereinbarkeitsrisiken &ndash; sie verdienen nicht nur weniger, gelangen seltener in F&uuml;hrungspositionen, erleben h&auml;ufiger Prekarit&auml;t im Lebensverlauf und haben im Schnitt ein deutlich niedrigeres Alterseinkommen als M&auml;nner. Dies gilt umso mehr, je unsicherer der Arbeitsmarkt wird. <\/p><p>Die mangelnde Gleichstellung von Frauen bei der sozialen Absicherung resultiert also ganz &uuml;berwiegend <u>nicht<\/u> aus ihrem Geschlecht, sondern aus den Sorgeaufgaben, die Frauen insgesamt h&auml;ufiger &uuml;bernehmen.<\/p><p><strong>Ein Weg aus dem Dilemma unbezahlter Sorge- und Pflegearbeit<\/strong><\/p><p>Notwendig f&uuml;r einen gesellschaftlichen &bdquo;Fortschritt&ldquo; hin zu mehr Gleichstellung und Gerechtigkeit w&auml;re daher eine Transformation der bisweilen stark auf Minderheitenthemen fokussierten Genderdebatte in einen gesamtgesellschaftlichen Diskurs, in dem es nicht nur um Identit&auml;tsthemen, sondern um die &bdquo;gro&szlig;en&ldquo; Fragen f&uuml;r alle geht: Wie wollen wir (zusammen) leben, wie Kinder gro&szlig;ziehen, wie alt werden, wie sterben? Wer k&uuml;mmert sich um die, die Hilfe brauchen, und wie teilen wir uns die Arbeit und die Kosten?<\/p><p>Eine solche gesellschaftliche Debatte &uuml;ber eine angemessene Anerkennung der Leistung, die (sehr viele) Frauen und (deutlich weniger) M&auml;nner in Sorgeverantwortung &uuml;bernehmen, ist &uuml;berf&auml;llig. Und zwar seit fast eineinhalb Jahrhunderten, wenn man den Beginn unseres Sozialversicherungssystems, wie es von der Struktur her angelegt ist, als Referenzpunkt nimmt: Die einen verdienen das Geld und werden sozial abgesichert, die anderen k&uuml;mmern sich um Kinder, Alte und Schutzbed&uuml;rftige. Tun sie das als Angeh&ouml;rige, werden sie, wenn es gut l&auml;uft, durchgef&uuml;ttert und manchmal sogar zu Erben (bei vollen Steuerabz&uuml;gen). Tun sie es als Berufst&auml;tige, verdienen sie oft zu wenig, um sich eine eigenst&auml;ndige soziale Absicherung aufbauen zu k&ouml;nnen &ndash; mit anderen Worten: Sie landen schnell in Hartz IV. <\/p><p><strong>Wird Corona zum gleichstellungspolitischen Mega-R&uuml;ckschritt?<\/strong><\/p><p>Bislang wurde die Debatte &uuml;ber die Kritiker der Corona-Ma&szlig;nahmen leider stark polarisierend gef&uuml;hrt. Die meisten Medien zeichneten ein Bild egoistischer, im Zweifelsfall mental minderbemittelter, mittelalter und tendenziell m&auml;nnlicher Zeitgenossen (&bdquo;Schwurbler, Aluhuttr&auml;ger, Nazis&ldquo;). Feindbild Nr. 2 waren j&uuml;ngere, m&auml;nnliche wie weibliche (aber nicht queere) Partyg&auml;nger, die sich ohne R&uuml;cksicht auf Verluste ihren hedonistischen Gewohnheiten hingaben (&bdquo;Egoisten, Feierw&uuml;tige&ldquo;). Die Bezeichnung dieser Personenkreise war auch nicht &bdquo;Ma&szlig;nahmenkritiker&ldquo;, sondern &bdquo;Corona-Leugner&ldquo;, so als handele es sich beim Umgang mit den Pandemie-Risiken um eine Glaubensangelegenheit und nicht um eine individuelle, vielleicht ja sogar sorgf&auml;ltig abgewogene Verhaltensentscheidung.<\/p><p>Dass auch und gerade Frauen mit &ndash; einzelnen oder vielen &ndash; Ma&szlig;nahmen nicht einverstanden waren, passte nicht in dieses Negativ-Schema.<\/p><p>Frauen sind jedoch die Gr&uuml;nderinnen diverser, teilweise schon seit dem Fr&uuml;hjahr 2020 existierender Initiativen f&uuml;r Kinder und Familien, die sich f&uuml;r eine fr&uuml;hzeitige R&uuml;ckkehr zum Pr&auml;senzunterricht und eine Abmilderung der Kontaktbeschr&auml;nkungen f&uuml;r Kinder einsetzten. Eine Frau brachte im Sp&auml;tsommer 2020 die bis dato gr&ouml;&szlig;te Petition gegen die Maskenpflicht bei Schulkindern in NRW auf den Weg. Eine Frau verfasste einen Brief wegen der Ma&szlig;nahmen f&uuml;r Kinder an den (ehemaligen) &ouml;sterreichischen Bundeskanzler Sebastian Kurz, den Tausende unterschrieben. Frauen sind die Gr&uuml;nderinnen von &bdquo;#friedlich zusammen&ldquo;. Eine &Auml;rztin bringt in Hamburg regelm&auml;&szlig;ige Demos gegen die Ma&szlig;nahmen f&uuml;r Kinder und Gesundheitspersonal auf die Stra&szlig;e. Eine &Auml;rztin aus Hessen brachte &uuml;ber 1200 &Auml;rztinnen und &Auml;rzte dazu, einen Brief gegen Impfpflicht im Gesundheitswesen zu unterzeichnen, die f&uuml;r viele ein faktisches Berufsverbot bedeutet. <\/p><p>Die Stimmen dieser Frauen, &uuml;brigens allesamt M&uuml;tter und oder in beruflicher Sorge- und Pflegeverantwortung, wurden fast zwei Jahre nicht geh&ouml;rt. Erst seit Ende 2021 \/ Anfang 2022 gibt es den einen oder anderen Medienbericht, der zugesteht, dass sich unter Montagsspazierg&auml;ngern und Wochenenddemonstranten nicht nur nazistisch veranlagte Dumpfbacken, sondern auch M&uuml;tter, Gro&szlig;m&uuml;tter, Krankenschwestern, Erzieherinnen oder Pflegekr&auml;fte befanden, in gesellschaftsrelevanten, oder, wie es mittlerweile so sch&ouml;n hei&szlig;t, systemrelevanten Jobs.<\/p><p><strong>Extreme Einschr&auml;nkungen und hohe emotionale Kosten f&uuml;r Sorgende<\/strong><\/p><p>Woran das liegt? Nahezu s&auml;mtliche Ma&szlig;nahmen schr&auml;nk(t)en gerade Aus&uuml;bende von Sorge-, Erziehungs- und \/oder Pfleget&auml;tigkeiten in ihren Handlungs- und Entscheidungsspielr&auml;umen teilweise massiv ein, erschwerten und vermehrten die ohnehin schon unter- oder unbezahlte Arbeit und belasteten die Beziehungen zu anderen nicht selten schwer.<\/p><p>Zu erh&ouml;htem Zeit- und Kraftaufwand durch einzelne Ma&szlig;nahmen kamen also auch noch emotionale Kosten. Dies war vielfach auch der mangelnden Praxisn&auml;he bzw. Praxisausrichtung vieler Regeln geschuldet. Doch bei der Ausgestaltung eben dieser Ma&szlig;nahmen, die doch so tief in den Arbeits-, Familien- und Pflegealltag und bis in die intimsten Lebensbereiche hineinreichten, gab es f&uuml;r Menschen in Sorge- und Pflegeverantwortung im Prinzip keine Mitsprache- und Mitgestaltungsm&ouml;glichkeiten. Weder f&uuml;r die breite Bev&ouml;lkerung, noch f&uuml;r diejenigen mit besonderer Berufs- und Facherfahrung (&bdquo;Systemrelevante&ldquo;).<\/p><p><strong>Partizipation in der Coronazeit &ndash; keine gute Blaupause f&uuml;r die Zukunft<\/strong><\/p><p>Frauen und M&auml;nner, die aufgrund ihrer Sorgeverantwortung f&uuml;r Kinder oder Pflegebed&uuml;rftige Bedenken oder Kritik &auml;u&szlig;ern wollten, fanden daf&uuml;r kein Ventil und kein Forum. Versuchten sie es trotzdem, wurden sie nicht selten gemobbt oder ausgegrenzt. Ihre Anliegen, die sie zu gro&szlig;en Teilen auch als F&uuml;rsprecher der ihnen anvertrauten Sch&uuml;tzlinge vorbringen wollten, fanden kein Geh&ouml;r &ndash; auch nicht in den Medien. Das ging &uuml;brigens so weit, dass Leserkommentare, die mit dem geringeren Erkrankungsrisiko von Kindern argumentierten und Lockerungen wie beispielsweise ein Ende der anlasslosen Tests und oder der Maskenpflicht an Schulen forderten, bis zu Beginn des Jahres 2022 von den Chatbots und Forumsredakteuren h&auml;ufig aussortiert wurden.<\/p><p>Das Leid der Kinder, denen ihr Schulalltag, ihre Freunde und die Abwechslung fehlten, kam &uuml;ber weite Strecken im &ouml;ffentlichen Diskurs nicht vor. Weder im ersten, noch im zweiten Lockdown und auch nicht danach. M&uuml;tter und V&auml;ter, die mit ansehen mussten, wie ihre Kinder immer trauriger, rastloser oder aggressiver wurden, abglitten in Mediensucht oder Essst&ouml;rungen, die teilweise Selbstmordgedanken &auml;u&szlig;erten, fanden keine Anlaufstelle f&uuml;r ihre Sorgen. An wen sollten sie sich auch wenden? Die Jugend&auml;mter waren geschlossen, psychotherapeutische Praxen &uuml;berlaufen, die Schulen &uuml;berfordert. Verantwortliche &bdquo;F&uuml;hrungskr&auml;fte&ldquo; in Institutionen und Beh&ouml;rden aller Art verwiesen auf die Politik. &bdquo;<em>Die<\/em> Politik&ldquo;, wie sie in unserer repr&auml;sentativen Demokratie angedacht ist, gab es ja aber gar nicht mehr: Die Parlamente, also die Volksvertretungen, die eigentliche Anlaufstelle f&uuml;r den &bdquo;einfachen&ldquo; B&uuml;rger, hatten die Entscheidungsgewalt delegiert und gleichzeitig das Gespr&auml;ch mit dem B&uuml;rger aufgegeben. Nie gab es so wenige politische Veranstaltungen und Treffen.<\/p><p>Wer noch was zu sagen hatte, verwies auf &bdquo;die&ldquo; Experten. Als Experten galten ausschlie&szlig;lich Virologen, und von diesen auch nur die Fraktion der &Uuml;bervorsichtigen (&bdquo;Zero-Covid&ldquo;). Die Deutsche Gesellschaft f&uuml;r Krankenhaushygiene beispielsweise, die fr&uuml;h gemeinsam mit dem Bundesverband der Kinder- und Jugend&auml;rzte eine R&uuml;ckkehr zum Pr&auml;senzunterricht forderte, wurde im Fr&uuml;hjahr 2020 von den tonangebenden &bdquo;Experten&ldquo; ignoriert (und wird es bis heute). Dabei sollte doch eigentlich einer Fachorganisation, die die Hygieneregeln f&uuml;r den Umgang mit h&ouml;chst vulnerablen Personengruppen im Krankenhausbereich formuliert, zugetraut werden k&ouml;nnen, dies auch f&uuml;r die gesundheitlich deutlich fitteren Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;ler beurteilen zu k&ouml;nnen.[<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>]<\/p><p>W&auml;hrend der gesamten bisherigen Coronazeit waren Kinder und Jugendliche <em>die<\/em> Bev&ouml;lkerungsgruppe, die den sch&auml;rfsten Hygieneregeln, den h&auml;ufigsten anlasslosen Tests und dem gr&ouml;&szlig;ten Quarant&auml;nerisiko unterlagen. Dabei erfolgte weder mit Blick auf ihr Erkrankungsrisiko noch auf die m&ouml;glichen Sch&auml;den durch die Ma&szlig;nahmen eine systematische, evidenzbasierte Abw&auml;gung. Frei nach dem Motto &bdquo;viel hilft viel&ldquo;, wurden der am wenigsten durch das Virus gef&auml;hrdeten Bev&ouml;lkerungsgruppe die strengsten Kontaktbeschr&auml;nkungen, die penibelsten Hygienema&szlig;nahmen (Testen UND Maske UND Fenster auf UND st&auml;ndiges Ermahnen UND nicht mehr drinnen Mittag essen UND Quarant&auml;ne auf Verdacht UND kein Freitesten&hellip;) und die l&auml;ngsten Lockdowns (R&uuml;ckkehr ins Fu&szlig;ballstadion f&uuml;r Erwachsene, Kinder immer noch zu Hause) beschert. Nicht selten erhielten Eltern sogar Briefe vom Gesundheitsamt, die rieten, infizierte (oder vielleicht sogar nur ggf. infizierte) Minderj&auml;hrige zu Hause zu isolieren.<\/p><p>Wissenschaftlich entbehrte diese Vorgehensweise jeder Grundlage, da schon im Februar 2020 Erhebungen aus Wuhan zeigten, dass Kinder auch bei Kontakt mit nachweislich Infizierten das geringste Erkrankungs- und Sterberisiko hatten. Die Studie von Hendrik Streeck zum Karnevalsgeschehen in Heinsberg (April \/ Mai 2020) best&auml;tigte das, wurde jedoch ignoriert. Aber auch die m&ouml;glicherweise negativen Folgen, die durch das permanente und oft auch nicht sachgerechte Maskentragen durch Kinder verursacht werden k&ouml;nnen, wurden nicht rechtzeitig wissenschaftlich evaluiert, genauso wenig wie die psychischen und k&ouml;rperlichen Langzeitfolgen der Schulschlie&szlig;ungen und Quarant&auml;nema&szlig;nahmen.<\/p><p>Hinzu kommt, dass Kindern durch diese Art von Hygienema&szlig;nahmen beigebracht wurde (und wird), dass ihr zutiefst menschliches Bed&uuml;rfnis nach N&auml;he und Gemeinschaft &bdquo;falsch&ldquo; sei, ja geradezu schuldhaft aufgeladen. Welche Art von Gesellschaft erwartet uns, wenn aus Kindern mit solchen Erfahrungen Erwachsene werden?<\/p><p>Doch &uuml;ber die p&auml;dagogischen, sozialen und gesellschaftspolitischen Folgewirkungen dieser Vorgehensweisen entspannte sich unter den Bedingungen von Lockdown, Kontaktbeschr&auml;nkungen und Abstandsgeboten kein qualifizierter Diskurs. Insbesondere blieben die Erfahrungen und Anliegen, Sorgen und Belastungen von M&uuml;ttern, pflegenden Angeh&ouml;rigen und Berufst&auml;tigen in den Pflege- und Careberufen weitestgehend unbeachtet. Die Bedingungen menschlichen Miteinanders und sozialer Kontakte wurden diktiert von Laborwissenschaftlern ohne Erfahrung und Expertise bez&uuml;glich der Herausforderungen, die ein Alltag mit Kindern, Kranken oder Pflegebed&uuml;rftigen mit sich bringt.<\/p><p><strong>Mein K&ouml;rper geh&ouml;rt mir &ndash; Selbstbestimmung unter Pandemiebedingungen<\/strong><\/p><p>Fr&uuml;here Feministinnen haben sich dezidiert gegen bevormundende und paternalistische Anwandlungen von Politik und Gesellschaft gewandt. Das Selbstbestimmungsrecht &uuml;ber den eigenen K&ouml;rper geh&ouml;rte zu den wichtigsten Errungenschaften der modernen Zivilisation, insbesondere aber feministischer Politikans&auml;tze.<\/p><p>Es ging darum, nicht gezwungen werden zu d&uuml;rfen &ndash; zum Beischlaf, zur Ehe, zum Austragen einer ungewollten Schwangerschaft, aber auch nicht zu medizinischen Eingriffen, einer Einschr&auml;nkung der Bewegungsfreiheit oder anderen Zwangsma&szlig;nahmen.<\/p><p>Hier&uuml;ber besteht seit Jahrzehnten ein breiter Konsens, und wer anderer Meinung ist, w&uuml;rde es zumindest &ouml;ffentlich kaum wagen, diesen fundamentalen Grunds&auml;tzen zu widersprechen.<\/p><p>Unter Pandemiebedingungen hingegen schien dies nicht mehr so richtig zu gelten. Das Selbstbestimmungsrecht &uuml;ber den eigenen K&ouml;rper endete gef&uuml;hlt oder auch ganz konkret da, wo die Ma&szlig;nahmen begannen. Und die Ma&szlig;nahmen differenzierten nicht zwischen st&auml;rker oder schw&auml;cher durch das Virus Bedrohten. Sie unterschieden auch nicht zwischen lediglich &bdquo;Positiven&ldquo; und tats&auml;chlich an Corona Erkrankten, obwohl es keine &uuml;berzeugenden empirischen Beweise daf&uuml;r gibt, dass von Personen mit lediglich asymptomatischen &bdquo;Verlauf&ldquo; tats&auml;chlich eine relevante Ansteckungsgefahr ausgeht.[<a href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>] Schlie&szlig;lich und endlich unterschieden die Ma&szlig;nahmen auch nicht zwischen jenen, die zum Vergn&uuml;gen unterwegs waren, und jenen, die f&uuml;r andere sorgten; beide Gruppen wurden gleicherma&szlig;en in ihrer Bewegungsfreiheit und ihren Kontaktm&ouml;glichkeiten eingeschr&auml;nkt. Unterschieden wurde auch nicht zwischen denjenigen, die gut alleine zurecht kamen, und und denen, die Beistand oder Betreuung brauchten. Die Ma&szlig;nahmen warfen alle in einen Topf.<\/p><p>Dabei gab es &ndash; leider genau so unbeachtet wie bei Kindern &ndash; von Anfang an als seri&ouml;s einzustufende Daten aus China und anderen L&auml;ndern, die zeigten, dass Frauen deutlich seltener schwer erkrankten und verstarben als M&auml;nner.[<a href=\"#foot_6\" name=\"note_6\">6<\/a>]<\/p><p>Theoretisch w&auml;re sowohl f&uuml;r Frauen als auch f&uuml;r Kinder mit einem normal starken Immunsystem eine ganz andere Risikokalkulation m&ouml;glich gewesen als f&uuml;r M&auml;nner (und hier wiederum: einer realistisch definierten Gruppe von gesundheitlich Schw&auml;cheren) &ndash; und damit auch wesentlich mehr Handlungsspielraum bei der Betreuung von Kindern sowie bei der Pflege von Angeh&ouml;rigen. Dieses &bdquo;Mehr&ldquo; an Freiheit w&auml;re kein &bdquo;Weniger&ldquo; an Solidarit&auml;t gewesen, vielmehr w&auml;re es der gesamten Gesellschaft zu Gute gekommen. Vor allem aber den so genannten &bdquo;Vulnerablen&ldquo;.<\/p><p>Da aber hinsichtlich der Verbreitung des Virus alle dem gleichen &bdquo;Schutz&ldquo; unterworfen wurden, ergab sich f&uuml;r (viele) Frauen die paradoxe Situation, dass sie, als Folge der von ihnen h&auml;ufiger wahrgenommenen Sorgeverantwortung, sehr viel st&auml;rker von den Ma&szlig;nahmen eingeschr&auml;nkt wurden als die meisten M&auml;nner.<\/p><p>Hierzu gibt es Zahlen. M&uuml;tter waren insgesamt mehr zu Hause, weil die Schulen geschlossen waren, sp&auml;ter dann, weil ihre Kinder in Quarant&auml;ne sa&szlig;en. Viele verloren ihren Job oder verringerten &bdquo;von sich aus&ldquo; ihre Arbeitszeiten und damit auch ihr Einkommen, weil sie den Anforderungen zu Hause nicht mehr gewachsen waren. Wer <em>vor<\/em> der Pandemie genug verdiente, um zu delegieren, stellte fest, dass Reinigungskr&auml;fte, Babysitterinnen und andere haushaltsnahe Dienstleister reihenweise ausfielen (teilweise aufgrund von Covid-19, teilweise auch nur aus Angst davor, viele aufgrund von Quarant&auml;ne, sp&auml;ter dann auch aufgrund von Folgen der Impfung, von Impfdurchbr&uuml;chen etc. etc.). Also blieb nur: Die eigene Erwerbsarbeit reduzieren, und wieder alles selbst machen. Wie hoch nach zwei Jahren die Dunkelziffer an Burnouts und Privatinsolvenzen in Haushalten mit zuvor beruflich gut etablierten Frauen ist, wird sich erst noch zeigen.<\/p><p><strong>Am &auml;rmsten dran: M&uuml;tter, die in Careberufen arbeiteten<\/strong><\/p><p>Zum Beispiel landeten Kitaerzieher und -erzieherinnen weit h&auml;ufiger in Quarant&auml;ne, als die Vertreter vieler anderer Berufe, waren also &uuml;ber Wochen zu Hause eingesperrt, durften nicht zum Einkaufen, zum Sport oder mit ihren eigenen Kindern etwas unternehmen, auch wenn sie v&ouml;llig gesund waren.<\/p><p>Auch Krankenschwestern bzw. -pfleger waren von einem h&ouml;heren Quarant&auml;nerisiko betroffen, allerdings wurde ihnen teilweise wegen Personalknappheit genehmigt, zur Arbeit zu gehen (trotz Infektion). In ihrer Freizeit sollten sie dann aber zu Hause bleiben. Nicht wenige d&uuml;rften das als bitteren Widerspruch empfunden haben. Im Gesundheitssektor und im Erziehungsbereich wurde bekannterma&szlig;en schon <em>vor <\/em>Corona ein eklatanter Fachkr&auml;ftemangel beklagt. Durch <em>diese<\/em> Art von Ma&szlig;nahmen, die die letzten kleinen Spielr&auml;ume f&uuml;r Erholung und Lebensfreude, aber auch f&uuml;r eine angemessene Sorge f&uuml;r die eigenen Angeh&ouml;rigen beschnitten, wurde dieses Problem noch einmal deutlich versch&auml;rft.<\/p><p>Frauen zahlten also einen weitaus h&ouml;heren Preis f&uuml;r die von allen verlangte Solidarit&auml;t des Abstandhaltens und des Ausnahmezustands. Und sie zahlten diesen Preis zum Nachteil der Gesellschaft, vor allem der Vulnerablen, um die sie sich weniger gut k&uuml;mmern konnten, und ihrer eigenen Kinder.<\/p><p><strong>Fazit: Was ist Solidarit&auml;t? Und was nicht?<\/strong><\/p><p>Wir hatten es in den zur&uuml;ckliegenden zwei Jahren mit einer Solidarit&auml;t zu tun, die vor allem von PR-Firmen definiert und &uuml;ber Social-Media-Plattformen verbreitet wurde &ndash; mit offenbar sehr viel Geld von privater, meist unbekannter Seite, aber auch von uns Steuer- und Geb&uuml;hrenzahlern. An jeder Litfa&szlig;-S&auml;ule hingen &ouml;ffentlich finanzierte Plakate, genauso wie auf jedem Autobahnklo. Nahezu jedes Youtube-Video, das sich mit der Corona-Thematik befasste, war mit der Solidarit&auml;tsbotschaft scharfgeschaltet, u.v.m.<\/p><p>Solidarit&auml;t war und ist demzufolge, Dinge <em>nicht <\/em>zu tun: Andere <em>nicht <\/em>zu treffen, Feste <em>nicht <\/em>zu feiern, mit anderen <em>nicht<\/em> zu singen, sein L&auml;cheln <em>nicht <\/em>zu zeigen, keinen Spass zu haben. Solidarit&auml;t ist demzufolge, zu Hause auf dem Sofa zu liegen und auf den Lieferservice zu warten, zu zappen und zu zocken. Es ist eine Solidarit&auml;t, die &ndash; ausdiskutiert wurde es nie &ndash; im Zweifelsfall sogar auf die Mund-zu-Mund-Beatmung f&uuml;r einen fast Ertrunkenen verzichten w&uuml;rde, f&uuml;r einen abstrakten gesellschaftlichen Mehrwert.<\/p><p>Es ist eine negierende, isolierende, ja auf neudeutsch eine leugnende Solidarit&auml;t. Eine Solidarit&auml;t, die beispielsweise ignoriert, das Menschen v&ouml;llig unterschiedliche Bed&uuml;rfnisse nach N&auml;he und Abstand haben. Gerade wer ins Leben kommt und aus dem Leben geht, braucht k&ouml;rperliche N&auml;he, W&auml;rme, Da-Sein, in den Arm genommen werden. Gerade Kinder und &Auml;ltere wurden jedoch am intensivsten ein- und ausgesperrt. Dagegen hatten Menschen im mittleren Lebensalter, die arbeiten gingen, wesentlich mehr Gelegenheit zum Austausch als der Rest der Bev&ouml;lkerung, am Arbeitsplatz, aber auch digital. Sie haben die Einsamkeit und Eint&ouml;nigkeit im Zweifelsfall deutlich weniger gesp&uuml;rt. Doch gerade die 20-40j&auml;hrigen waren (und sind teilweise bis heute) die gro&szlig;en Einforderer des Abstandhaltens und der solidarischen Vereinzelung, ohne dabei zu ber&uuml;cksichtigen, dass sie die gesellschaftliche Gruppe mit der gr&ouml;&szlig;ten Bewegungsfreiheit waren &ndash; sowohl real als auch digital.<\/p><p>Es ist eine Solidarit&auml;t, die Gesunde zwingt, zu Hause zu bleiben, obwohl sie anderen helfen k&ouml;nnten, und die gesunde Erwerbsf&auml;hige aus den Gesundheitsberufen ausschlie&szlig;t, obwohl der Personalmangel schon vor der Pandemie zur Unterversorgung von Kranken und Pflegebed&uuml;rftigen beigetragen hat.<\/p><p>Es ist eine Solidarit&auml;t, die die &ndash; schon vor der Pandemie nur sehr begrenzt vorhandene &ndash; Vereinbarkeit von Familie und Beruf zwischenzeitlich komplett zum Erliegen brachte &ndash; vor allem f&uuml;r diejenigen, die zum Schutze der Bev&ouml;lkerung als systemrelevant galten. Oder deren Kinder besondere Hilfe und Unterst&uuml;tzung brauchen, sei es aufgrund von Beeintr&auml;chtigungen, psychischen Belastungen oder auch einfach von Lernschwierigkeiten.<\/p><p>Es ist eine Solidarit&auml;t, die Abw&auml;gungsprozesse ausschlie&szlig;t, weil andere Meinungen und Perspektiven von vornherein nicht als tolerabel gelten. &bdquo;<em>Ich bin &uuml;berrascht, dass Du so etwas sagst, das macht mich sprachlos<\/em>&ldquo; wird als Standardantwort vorgeschlagen, falls jemand zu &bdquo;schwurbeln&ldquo; beginnt.[<a href=\"#foot_7\" name=\"note_7\">7<\/a>] Andere Sichtweisen auf ein Thema werden als &bdquo;Verschw&ouml;rungstheorien&ldquo; abgetan und jeglicher Diskurs dar&uuml;ber schon im Ansatz erstickt. Demokratietheoretisch ist das sicherlich die bedenklichste Nebenwirkung der Corona-Krise.<\/p><p>Zu den &bdquo;Schwurblereien&ldquo; und &bdquo;Verschw&ouml;rungsmythen&ldquo; wurde auch diese Perspektive gez&auml;hlt: Es ist ein Virus, das &uuml;berwiegend &auml;ltere, gesundheitlich bereits angeschlagene Menschen bedroht &ndash; was st&auml;rker f&uuml;r M&auml;nner gilt, vor dem aber Menschen mit einem gesunden Immunystem keine &uuml;berm&auml;&szlig;ige Angst haben m&uuml;ssen &ndash; was st&auml;rker f&uuml;r Frauen gilt. Nat&uuml;rlich gibt es ein relevantes Restrisiko f&uuml;r jeden Menschen, aber muss nicht jede und jeder selbst abw&auml;gen d&uuml;rfen, ob andere Gefahren in der aktuellen Lebensphase ggf. st&auml;rker wiegen? Warum sollten also gesunde Menschen, die keine Angst vor Ansteckung haben, zu Hause bleiben? Reicht es nicht, wenn sich alle die Kosten teilen, die durch h&ouml;here Krankheitslasten, freiwilliges Fernbleiben von Arbeit und Konsum, Anschaffung von Testkits und Impfstoffen der Gesellschaft entstehen? Warum sollen junge Menschen ihr Leben nicht leben d&uuml;rfen? Warum sollen Menschen, die sich um andere sorgen, vielleicht weil sie psychisch gerade nicht stabil sind, diese nicht besuchen d&uuml;rfen?<\/p><p>M&uuml;ssen aber nicht auch &auml;ltere, gesundheitlich weniger fitte oder gar pflegebed&uuml;rftige Menschen selbst entscheiden d&uuml;rfen, ob sie ein Ansteckungsrisiko eingehen? Weil sie vielleicht nicht mehr viel Zeit haben oder dies zumindest bef&uuml;rchten, und weil sie diese Zeit nicht einsam und allein verbringen wollen?<\/p><p>Es kann durchaus sein, dass in einer Ausnahmesituation wie einer Pandemie auch &uuml;berzogene Entscheidungen getroffen werden. Schlie&szlig;lich ging es, vor allem aus der zun&auml;chst noch sehr unsicheren Anfangsperspektive, um den Schutz bzw. die Rettung Vieler. Beklemmend ist jedoch, dass es uns seit &uuml;ber zwei Jahren nicht gelingt, in einem ruhigen und sachlichen Ton &uuml;ber das F&uuml;r und Wider bestimmter Ma&szlig;nahmen zu streiten. Dass wir es nicht geschafft haben, Abw&auml;gungsprozesse herbeizuf&uuml;hren, die auch gesellschaftliche Gruppen ohne starke Lobby einbeziehen und nach alternativen Wegen f&uuml;r eine bessere Zukunft zu suchen. Dabei w&auml;re es h&ouml;chst notwendig, wieder in einen Dialog miteinander zu kommen, zwischen &Auml;ngstlichen und weniger Besorgten, zwischen Gesunden und Kranken, alt und jung, arm und reich, Ma&szlig;nahmenbef&uuml;rwortern, -skeptikern und -gegnern, und dabei insbesondere diejenigen partizipativ einzubeziehen, die in der Praxis stark betroffen waren. Dies gilt besonders f&uuml;r M&uuml;tter und Frauen (wie auch M&auml;nner) in Sorge- und Pflegeverantwortung.<\/p><p>Titelbild: FGC \/ Shutterstock<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] <em>Geschlechterverteilung Pflegekr&auml;fte laut Statistisches Bundesamt (Zahlen von 2019):<\/em><br>\n<em><a href=\"https:\/\/www.destatis.de\/DE\/Themen\/Gesellschaft-Umwelt\/Gesundheit\/Gesundheitspersonal\/_inhalt.html\">destatis.de\/DE\/Themen\/Gesellschaft-Umwelt\/Gesundheit\/Gesundheitspersonal\/_inhalt.html<\/a> <\/em><br>\n<em>laut Statistica waren 2020 sogar 83 % der sozialversicherungspflichtig Besch&auml;ftigten in der Altenpflege und 80 % in der Krankenpflege weiblich:<\/em><br>\n<a href=\"https:\/\/de.statista.com\/statistik\/daten\/studie\/1029877\/umfrage\/verteilung-von-pflegekraefte-in-deutschland-nach-pflegeart-und-geschlecht\/\"><em>de.statista.com\/statistik\/daten\/studie\/1029877\/umfrage\/verteilung-von-pflegekraefte-in-deutschland-nach-pflegeart-und-geschlecht\/<\/em><\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] <em>Laut dieser PKV-Analyse von Oktober 2020 sind auch die informell Pflegenden zu 2\/3 weiblich: <a href=\"https:\/\/www.pkv.de\/fileadmin\/user_upload\/PKV\/a_Positionen\/PDF\/2021_05_Pflegebarometer.pdf\">pkv.de\/fileadmin\/user_upload\/PKV\/a_Positionen\/PDF\/2021_05_Pflegebarometer.pdf<\/a><\/em><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] <em>Zitat: &bdquo;Wenn es in dem bisherigen Tempo weitergeht, werden wir im Jahr 2230 den Zustand der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau erreicht haben&ldquo;, so ein vielzitiertes Statement von Julia Dingwort-Nusseck, deutsche Wirtschaftsjournalistin, erste Pr&auml;sidentin der nieders&auml;chsischen Landeszentralbank und erste Frau im Pr&auml;sidium der Deutschen Bundesbank.<\/em><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] <em>Fr&uuml;he Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft f&uuml;r Krankenhaushygiene, die im Mai 2020 eine R&uuml;ckkehr zum Pr&auml;senzunterricht forderte:<\/em><br>\n<a href=\"https:\/\/www.krankenhaushygiene.de\/pdfdata\/2020_05_19_Stellungnahme_DGKH_Covid-19_Kinder.pdf\"><em>krankenhaushygiene.de\/pdfdata\/2020_05_19_Stellungnahme_DGKH_Covid-19_Kinder.pdf<\/em><\/a><br>\n<em>Aktuell zur selben Thematik:<\/em><br>\n<em><a href=\"https:\/\/www.krankenhaushygiene.de\/pdfdata\/2022_04_25_Stellungnahme-Heudorf.pdf\">krankenhaushygiene.de\/pdfdata\/2022_04_25_Stellungnahme-Heudorf.pdf<\/a><\/em><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a>] <em>In der wissenschaftlichen Literatur finden sich lediglich Berichte von (wenigen) &Uuml;bertragungen durch Pr&auml;symptomatische, jedoch nicht durch komplett &bdquo;Asymptomatische&ldquo;, d.h. Personen, die zwar positiv getestet wurden, jedoch nicht erkrankten. Vgl. zum Infektionsgeschehen auch <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=68188\">hier<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=79448\">hier<\/a>.<\/em><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_6\" name=\"foot_6\">&laquo;6<\/a>] <em>Zur unterschiedlichen Sterblichkeitt von Frauen und M&auml;nnern durch Covid-19:<\/em><br>\n<a href=\"https:\/\/www.proplanta.de\/statistik\/covid-19-todesf%C3%A4lle_nach_alter_und_geschlecht_in_deutschland-uebersicht_chart1639124244.html\"><em>proplanta.de\/statistik\/covid-19-todesf%C3%A4lle_nach_alter_und_geschlecht_in_deutschland-uebersicht_chart1639124244.html<\/em><\/a><br>\n<a href=\"https:\/\/de.statista.com\/statistik\/daten\/studie\/1104173\/umfrage\/todesfaelle-aufgrund-des-coronavirus-in-deutschland-nach-geschlecht\/\"><em>de.statista.com\/statistik\/daten\/studie\/1104173\/umfrage\/todesfaelle-aufgrund-des-coronavirus-in-deutschland-nach-geschlecht\/<\/em><\/a><br>\n<a href=\"https:\/\/www.focus.de\/gesundheit\/news\/hoehere-sterberate-warum-sind-maenner-dem-coronavirus-staerker-ausgeliefert-drei-erklaerungsansaetze_id_11848525.html\"><em>focus.de\/gesundheit\/news\/hoehere-sterberate-warum-sind-maenner-dem-coronavirus-staerker-ausgeliefert-drei-erklaerungsansaetze_id_11848525.html<\/em><\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_7\" name=\"foot_7\">&laquo;7<\/a>] <em>Zum Umgang mit Verschw&ouml;rungstheoretikern und &bdquo;Schwublern&ldquo; erschien im &bdquo;Chrismon&ldquo; 6\/21 folgende Titelgeschichte, mit dem oben zitierten Ratschlag, das Gespr&auml;ch einfach abzubrechen:<\/em><br>\n<a href=\"https:\/\/chrismon.evangelisch.de\/artikel\/2021\/51500\/verschwoerungstheoretiker-in-familie-und-freundeskreis\"><em>chrismon.evangelisch.de\/artikel\/2021\/51500\/verschwoerungstheoretiker-in-familie-und-freundeskreis<\/em><\/a><br>\n<em>Gleicher Text bei t-online:<\/em><br>\n<a href=\"https:\/\/www.t-online.de\/nachrichten\/deutschland\/gesellschaft\/id_90311718\/verschwoerungsglaeubige-und-schwurbler-was-sie-tun-koennen-wenn-der-freund-auf-abwegen-ist.html\"><em>t-online.de\/nachrichten\/deutschland\/gesellschaft\/id_90311718\/verschwoerungsglaeubige-und-schwurbler-was-sie-tun-koennen-wenn-der-freund-auf-abwegen-ist.html<\/em><\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir brauchen einen Paradigmenwechsel bei der finanziellen und gesellschaftlichen Anerkennung von Sorge- und Pflegearbeit. 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