{"id":83725,"date":"2022-05-10T12:29:36","date_gmt":"2022-05-10T10:29:36","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=83725"},"modified":"2022-05-18T07:22:28","modified_gmt":"2022-05-18T05:22:28","slug":"gleichschaltung-statt-offenen-diskurses","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=83725","title":{"rendered":"Gleichschaltung statt eines offenen Diskurses"},"content":{"rendered":"<p>Wieder einmal sind sich die Leitartikler der gro&szlig;en Medien erstaunlich einig. Von taz bis FAZ herrscht Konsens in der Ukraine-Frage. Putin ist der Alleinschuldige an der Eskalation und der Westen m&uuml;sse nun gemeinsame Werte vorw&auml;rtsverteidigen und schwere Waffen liefern. Viereinhalb von f&uuml;nf Talkshowexperten teilen diese Position. Da ist es fast schon erstaunlich, dass immerhin 45 Prozent der Bev&ouml;lkerung diametral <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/deutschlandtrend\/deutschlandtrend-2991.html\">anderer Meinung sind<\/a>. Weder die gro&szlig;en Zeitungen noch der &ouml;ffentlich-rechtliche Rundfunk sind heute repr&auml;sentativ f&uuml;r die gesellschaftliche Debatte. Anstatt den Diskurs abzubilden, wird die eigene Position propagiert. Die (Selbst-)Gleichschaltung der gro&szlig;en Medien hat ein erschreckendes Ma&szlig; angenommen. Wer von Demokratie spricht, sollte daher beim Thema undemokratische Medien nicht schweigen. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_7488\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-83725-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220517_Gleichschaltung_statt_eines_offenen_Diskurses_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220517_Gleichschaltung_statt_eines_offenen_Diskurses_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220517_Gleichschaltung_statt_eines_offenen_Diskurses_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220517_Gleichschaltung_statt_eines_offenen_Diskurses_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=83725-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220517_Gleichschaltung_statt_eines_offenen_Diskurses_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"220517_Gleichschaltung_statt_eines_offenen_Diskurses_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Wenn man den Medien Gleichschaltung vorwirft, kann man sich sicher sein, dass man damit bei den Empf&auml;ngern auf taube Ohren st&ouml;&szlig;t. Gleichschaltung? Das ist Nazi-Vokabular. Und es sei unanst&auml;ndig, solche Vergleiche aufzustellen, schlie&szlig;lich lebten wir ja in einer Demokratie und niemand schreibe den Journalisten vor, was sie zu denken und zu schreiben h&auml;tten. Zumindest Letzteres ist richtig, macht die Sache aber auch nicht besser. Die Diskurseinengung und die Gleichf&ouml;rmigkeit der Positionen der leitenden Redakteure in den Chefetagen der gro&szlig;en Medienh&auml;user hat dazu gef&uuml;hrt, dass &bdquo;Querdenker&ldquo; in den klassischen Medien keine Chance haben. Wer einen Job im Medienzirkus bekommt, teilt in der Regel auch bei den &bdquo;gro&szlig;en&ldquo; Themen die Position der Chefetage. Das war beim Thema Corona so und beim Thema &bdquo;Krieg in der Ukraine&ldquo; ist diese Gleichf&ouml;rmigkeit sogar noch st&auml;rker ausgepr&auml;gt.<\/p><p>Mittlerweile wird dieses Ph&auml;nomen sogar von der Branche selbst wahrgenommen. So <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/medien\/anne-will-krieg-in-der-ukraine-waffenlieferungen-1.5580344\">schrieb<\/a> die SZ-Redakteurin Nele Pollatschek in einer Art Kritik zur letzten Anne-Will-Sendung, es sei doch &bdquo;einmal etwas Positives&ldquo;, dass mit dem Soziologen Harald Welzer auch einmal ein Gast geladen war, der nicht mit dem Rest der Runde in fast allen Punkten einer Meinung war. Zuvor w&auml;ren bei &bdquo;Lanz, Illner, Maischberger oder Will f&uuml;nf bis sechs Menschen ziemlich einig und h&auml;tten nur &uuml;ber Detailfragen diskutiert&ldquo; und nun &bdquo;seien sich vier bis f&uuml;nf Menschen einig darin&ldquo;, dass sie &bdquo;den einen, der es anders sieht, ziemlich unm&ouml;glich finden&ldquo;. Ja, so kann man es sagen. Doch warum ist dies kein Anlass f&uuml;r eine weitergehende Kritik? Mag es vielleicht daran liegen, dass auch in der SZ diese gleichf&ouml;rmige Einheit beim Thema Ukraine vorliegt? Kann es ferner sein, dass die SZ sich darin nicht von anderen gro&szlig;en Zeitungen unterscheidet?<\/p><p>Wann kommen denn in der taz, dem SPIEGEL, der WELT oder der FAZ kritische Stimmen zum Krieg in der Ukraine zu Wort? Die Nachrichtenformate der &Ouml;ffentlich-Rechtlichen gleichen hier ebenfalls der &bdquo;Aktuellen Kamera&ldquo; und auch im Rundfunk gibt es keinen Diskurs, sondern nur eine Einheitsposition, bei der es nur noch um Detailfragen geht. Alle gro&szlig;en Medien wirken wie gleichgeschaltet. Und da ist er wieder, dieser &ldquo;b&ouml;se&rdquo; Begriff aus dem Dritten Reich. Doch bevor man seinen Pawlow&rsquo;schen Reflexen freien Lauf l&auml;sst, sollte man vielleicht erst einmal er&ouml;rtern, wie genau die Gleichschaltung damals aus Lesersicht empfunden wurde. Dazu hat der gro&szlig;e Publizist <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sebastian_Haffner\">Sebastian Haffner<\/a> in seinem empfehlenswerten Buch &ldquo;Von Bismarck zu Hitler&rdquo; einige bemerkenswerte S&auml;tze geschrieben.<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Goebbels verbot die b&uuml;rgerlichen Zeitungen nicht. Verboten waren alle fr&uuml;heren sozialdemokratischen und kommunistischen Zeitungen. Man kann nicht einmal sagen, dass er die b&uuml;rgerlichen Zeitungen so richtig nazifizierte. [&hellip;] Sie schrieben auch, wie sie immer geschrieben hatten und sie sollten auch so schreiben.  Es gab im Dritten Reich durchaus eine Art Pressevielfalt. Wer die Frankfurter Zeitung las, der bekam die Dinge in einem ganz anderen Ton und Stil dargestellt, als jemand, der den v&ouml;lkischen Beobachter las und auch der unterschied sich von den nationalsozialistischen Kampfbl&auml;ttern. Der Zeitungsleser hatte durchaus die Wahl, die Dinge so dargestellt zu sehen, wie er es sich w&uuml;nschte&ldquo;.<br>\naus Sebastian Haffner &ndash; Von Bismarck zu Hitler\n<\/p><\/blockquote><p>Gleichschaltung und Pressevielfalt waren also selbst im Dritten Reich kein Widerspruch. Und auch heute liest sich ein Kommentar in der FAZ ganz anders als ein Leitartikel in der taz. Beim Thema Ukraine kommen sie jedoch zum gleichen Ergebnis &ndash; nur halt in genau dem Ton und dem Stil, den die jeweilige Leserschaft von &bdquo;ihrer&ldquo; Zeitung erwartet, so wie es diese Zeitungen schon immer geschrieben haben. So wird ein Diskurs simuliert, den es faktisch aber nicht gibt. Pressevielfalt muss nicht gleich Meinungsvielfalt sein. Wenn alle Journalisten einer Meinung sind, kann es durchaus sein, dass dies nur einen Teil des gesellschaftlichen Diskurses abbildet. <\/p><p>Und genau dies ist beim Thema &bdquo;Krieg in der Ukraine&ldquo; der Fall. Es ist ja schon erstaunlich, dass trotz der massiven Meinungsmache in allen gro&szlig;en Medien immerhin 45% der Bev&ouml;lkerung gegen die Lieferung schwerer Waffen durch die Bundesregierung an die Ukraine sind. Bei den Meinungsmachern in den Medien sind 99% f&uuml;r diese Lieferungen. Die Position von jedem zweiten Leser, Zuschauer oder Zuh&ouml;rer wird also von den Medien im besten Fall ignoriert, im schlimmsten Fall gar bek&auml;mpft. Ist das demokratisch?<\/p><p>Wie soll ein demokratischer Willensbildungsprozess stattfinden, wenn man tagein, tagaus mit stets der gleichen Position indoktriniert wird? Nele Pollatschek hat ja in der SZ ganz richtig beobachtet, dass sich die meinungsmachende Mehrheit vor allem darin einig ist, dass sie denjenigen, der anderer Meinung ist, unm&ouml;glich findet. Welcher Politiker hat heute noch den Mut, sich einem Shitstorm auszusetzen? So wird nicht nur Meinung, sondern auch Politik gemacht. Dabei ist die Aufgabe der Medien doch eigentlich eher, die Politik zu kontrollieren und nicht, selbst Politik zu machen. Das ist aber heute der Fall. Nur wer kontrolliert die Medien? <\/p><p>Vielleicht sollte man dazu einmal Sebastian Haffner lesen. Wie es so weit kommen konnte, dass Teile des deutschen Volkes sich vor etwas mehr als 80 Jahren einen Krieg geradezu herbeigesehnt haben, beschreibt er in &bdquo;Von Bismarck zu Hitler&ldquo; sehr anschaulich. Wie viele andere Historiker schreibt auch Haffner dabei den Journalisten einen gro&szlig;en Teil der Verantwortung zu. <\/p><p>Titelbild: cunaplus\/shutterstock.com<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg09.met.vgwort.de\/na\/58e9e52e09454b17be659e8e13037844\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wieder einmal sind sich die Leitartikler der gro&szlig;en Medien erstaunlich einig. Von taz bis FAZ herrscht Konsens in der Ukraine-Frage. 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