{"id":8373,"date":"2011-02-18T09:38:21","date_gmt":"2011-02-18T08:38:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=8373"},"modified":"2014-07-28T15:47:52","modified_gmt":"2014-07-28T13:47:52","slug":"gewerkschaften-springen-auf-den-falschen-zug-auf-nach-der-wirtschaft-wollen-sich-nun-auch-die-gewerkschaften-in-die-schule-einmischen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=8373","title":{"rendered":"Gewerkschaften springen auf den falschen Zug auf: Nach der Wirtschaft wollen sich nun auch die Gewerkschaften in die Schule einmischen"},"content":{"rendered":"<p>Der DGB, und die Einzelgewerkschaften IG BCE, GEW, IG Metall und ver.di wollen mit verschiedenen Aktivit&auml;ten und Projekten Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;ler auf ihrem <a href=\"http:\/\/schule.dgb.de\/\">Weg ins Berufsleben unterst&uuml;tzen<\/a>. Eine l&ouml;bliche Idee, k&ouml;nnte man meinen.<br>\nDoch es ist der &bdquo;falsche Zug&ldquo; auf den die Gewerkschaften aufgesprungen sind. Die Arbeitgeberseite hat sich dort mit ihrem einseitigen ideologischen Weltbild schon l&auml;ngst breit gemacht hat. Die Gewerkschaften machen sich nur noch zum Trittbrettfahrer interessenbezogener Einflussnahme auf &ouml;ffentliche Schulen. Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><\/p><p>Seit Jahren kritisieren wir die massive Einflussnahme der Wirtschaft, von Wirtschaftsverb&auml;nden und wirtschaftsnahen Think-Tanks auf die &ouml;ffentlichen Schulen. <\/p><ul>\n<li>Da ist z.B. &bdquo;SEIS macht Schule&ldquo;, ein Selbstevaluations- und Steuerungsinstrument f&uuml;r Schulen, das die Bertelsmann Stiftung entwickelt hat, um die &bdquo;Qualit&auml;t&ldquo; unserer Schulen allerdings nach ihren Kriterien zu messen und zu steigern. Die Handreichung wurde von vielen Schulen in <a href=\"\/?p=1866\">allen Bundesl&auml;ndern aufgegriffen<\/a>, inzwischen sogar gegen Bezahlung. Da ist das bertelsmannsche Projekt &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.bertelsmann-stiftung.de\/cps\/rde\/xchg\/SID-9080B7A9-810B4745\/bst\/hs.xsl\/9035.htm\">Wirtschaft in die Schule<\/a>&ldquo;, oder die &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.toolbox-bildung.de\/\">Toolbox Bildung<\/a>&ldquo;. Diese Einflussnahme &bdquo;verkauft&ldquo; die Stiftung unter dem Tarnwort &bdquo;eigenverantwortliche Schule&ldquo;. Das ist das ideologische Einfallstor f&uuml;r Deregulierung und dem unkontrollierten Zugriff von <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/pdf\/090422_GEW_InfoBrief.pdf\">Partikularinteressen auf die Schule [PDF &ndash; 409 KB]<\/a> und &ndash; was f&uuml;r Sch&uuml;ler und Eltern vielleicht am schlimmsten ist &ndash; einer der Ausl&ouml;ser f&uuml;r den schulpolitischen Flickenteppich, der jeden Ortswechsel zum Problem werden l&auml;sst.<\/li>\n<li>&bdquo;<a href=\"http:\/\/www.wirtschaftundschule.de\/\">Wirtschaft und Schule<\/a>&ldquo; nennt sich das Projekt mit dem die arbeitgeberfinanzierte INSM ganze Unterrichtseinheiten &bdquo;nach modernen didaktisch-methodischen Gesichtspunkten&ldquo; zusammenstellt. Mit Themen wie &bdquo;Wie machen wir unsere Wirtschaft fit?&ldquo; oder &bdquo;Weshalb sind Reformen notwendig?&ldquo; oder &bdquo;Warum sind Unternehmer wichtig f&uuml;r unser Land?&ldquo;. Unter dem Vorwand, Sch&uuml;lern einen erfolgreichen Start ins Berufsleben zu erm&ouml;glichen, wird Hauptsch&uuml;lern, Realsch&uuml;lern, Gymnasiasten und Berufssch&uuml;lern <a href=\"http:\/\/www.insm.de\/insm\/ueber-die-insm.html\">das Weltbild dieser neoliberalen Propagandaagentur<\/a> vermittelt: Mehr &ldquo;Eigenverantwortung&rdquo;, Abbau sozialer Leistungen, R&uuml;ckzug des Staates, weniger Mitbestimmung &ndash; das alles nat&uuml;rlich unter dem nun auch von Bundeskanzlerin Merkel &uuml;bernommenen Slogan: &ldquo;Mehr Freiheit&rdquo;. Unterrichtsziel: Der Mensch ist nur noch f&uuml;r die Wirtschaft da.<\/li>\n<li>Mit &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.handelsblattmachtschule.de\/news\/index.php\">Handelsblatt macht Schule<\/a>&ldquo; steuert dieses Wirtschaftsblatt Unterrichtseinheiten etwa &uuml;ber die &bdquo;Wirtschaftsordnung&ldquo; bei. Dabei werden nat&uuml;rlich nahezu ausschlie&szlig;lich die Begr&uuml;nder und Anh&auml;nger der wirtschaftsliberalen &bdquo;Freiburger Schule&ldquo;, Walter Eucken und Alfred M&uuml;ller-Armack, vorgestellt. Das &bdquo;ordnungspolitische Leitbild&ldquo; lautet: &bdquo;Die Marktwirtschaft ist sozial&ldquo; oder &bdquo;<a href=\"\/?p=1349\">Freiheit auf dem Markt ist der Pr&uuml;fstein f&uuml;r sozialen Fortschritt<\/a>&ldquo;.<\/li>\n<li>Auch auf Landesebene gibt eine kaum noch &uuml;berschaubare Zahl von Initiativen, mit denen z.B. die hessische Landesarbeitsgemeinschaft <a href=\"http:\/\/www.schule-wirtschaft.de\/index.php?id=292\">SchuleWirtschaft<\/a> Wettbewerbe f&uuml;r die &bdquo;Politik-  und Wirtschaftskurse der hessischen Schulen mit gymnasialem Bildungsgang ausschreibt.<\/li>\n<li>Man k&ouml;nnte noch zahlreiche weitere Beispiele f&uuml;r Zugriffe der Wirtschaft auf die Schulen und Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;ler anf&uuml;hren. (Googeln Sie einfach einmal unter der Domaine www.nachdenkseiten.de die Suchworte Wirtschaft Schule) Es gibt inzwischen ein ganzes Netzwerk solcher Initiativen teilweise sogar getragen von <a href=\"\/?p=236\">quasi-neutralen universit&auml;ren An-Instituten<\/a>.<\/li>\n<\/ul><p>Angesichts eines solchen Generalangriffs der Arbeitgeberseite auf die K&ouml;pfe von Kindern und Jugendlichen in den &ouml;ffentlichen Bildungseinrichtungen ist es auf den ersten Blick vielleicht sogar verst&auml;ndlich, wenn nun auch Gewerkschaften mit ihrem Projekt &bdquo;Gewerkschaften in der Schule&ldquo; in diesen Kampf um die Lerninhalte eingreifen wollen und mit verschiedenen Aktivit&auml;ten Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;ler &bdquo;auf ihrem Weg ins Berufsleben&ldquo; <a href=\"http:\/\/schule.dgb.de\/\">unterst&uuml;tzen wollen<\/a>.<\/p><p>Das h&ouml;rt sich pluralistisch an, nach dem Motto was den Arbeitgebern recht ist muss den Arbeitnehmervertretern billig sein. <\/p><p><strong>Leider ist das nur auf den ersten Blick eine gute Idee.<\/strong><\/p><p>Damit geben die Gewerkschaften der Arbeitgeberseite erst eine Legitimation, so weiter zu machen wie bisher. K&uuml;nftig wird es hei&szlig;en: Was die Gewerkschaften d&uuml;rfen, k&ouml;nnen die Arbeitgeber schon lange.<\/p><p>Wenn die beteiligten Gewerkschaften die Hoffnung haben, damit ein Gegengewicht zur Arbeitgeberseite liefern zu k&ouml;nnen, dann t&auml;uschen sie sich selbst. Sie haben nicht im Ansatz die Ressourcen zur Verf&uuml;gung mit denen die Gegenseite arbeiten kann. Es wird deshalb bestenfalls ein kl&auml;glicher Versuch sein, Inhalte aus der Arbeitswelt den &ouml;konomischen Ideologien der Wirtschaftsverb&auml;nde und ihrer Lobbyorganisationen entgegenzustellen. <\/p><p>Die Wirtschaftsseite tritt dar&uuml;ber hinaus viel raffinierter auf: Nur die wenigsten Initiativen gehen von den Arbeitgeberverb&auml;nden oder einzelnen Unternehmen selbst aus. Sie bedienen sich &bdquo;gemeinn&uuml;tziger&ldquo; Stiftungen, wie der Bertelsmann Stiftung, oder sie verstecken sich hinter einer neutral anmutenden Wirtschaftszeitung, wie dem &bdquo;Handelsblatt&ldquo;, oder sie tarnen sich hinter angeblich am Gemeinwohl orientierten PR-Agenturen, wie etwa der INSM.<br>\nDiese pseudoneutrale Tarnung war der T&uuml;r&ouml;ffner in die Schulen hinein und bei nicht sensibilisierten Lehrerinnen und Lehrer. Auch die Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;ler werden dadurch get&auml;uscht und in die Irre gef&uuml;hrt.<\/p><p>Die meisten Schulleiterinnen und Schulleiter sperren sich gegen parteipolitische Aktivit&auml;ten in den Schulen &ndash; und das zu Recht. Viele von ihnen werden auch die Initiative der Gewerkschaften mit dem Hinweis auf die weltanschauliche Neutralit&auml;t ihrer Schule abwehren. &Uuml;brigens genauso, wie sie solche Versuche von Seiten des BDI, des BDA oder der IHK f&uuml;r das Image ihrer Schule eher kritisch betrachten w&uuml;rden, weil der Interessensbezug zu offensichtlich w&auml;re und sich vielleicht die Lehrerschaft und Eltern dagegen wenden w&uuml;rden. Die Arbeitgeberverb&auml;nde haben l&auml;ngst begriffen, dass sie sich das M&auml;ntelchen von quasi-neutralen Fach-&bdquo;Experten&ldquo; umh&auml;ngen m&uuml;ssen und gerade deshalb ihre &bdquo;Vorfeld&ldquo;-Organisationen aufgebaut. Meistens finanzieren sie diese auch nur diskret oder jedenfalls nur f&uuml;r Eingeweihte erkennbar.  <\/p><p>Und wenn die Schulen gewerkschaftliches Material zulassen sollten, dann d&uuml;rfte zur Wahrung der Pluralit&auml;t oder der &bdquo;Ausgewogenheit&ldquo; zumindest stets verlangt werden, dass dagegen immer auch gleichzeitig die Positionen der Arbeitgeberseite gestellt werden m&uuml;ssten. <\/p><p><strong>Zug in die falsche Richtung<\/strong><\/p><p>Doch selbst wenn es den Gewerkschaften gel&auml;nge auf das Trittbrett des &bdquo;fahrenden Zuges&ldquo; intereressengebundener Einflussnahme auf die &ouml;ffentlichen Schulen und auf Unterrichtsinhalte aufzuspringen, so w&auml;re das der Zug in die falsche Richtung.<\/p><p>Die staatlichen Schulen d&uuml;rfen nicht zum Spielball von gesellschaftlichen Einzelinteressen werden, das gilt f&uuml;r die Kirchen, wie f&uuml;r Sozialverb&auml;nde oder Banken genauso wie f&uuml;r die &bdquo;Tarifpartner&ldquo;. Die Schulen haben einen Bildungsauftrag der Allgemeinheit. Die Inhalte der Schulbildung sind im Rahmen eines transparenten und demokratischen Abstimmungsprozesses abzustecken. Die Curriculas und Lernziele sind von den fachlich ausgebildeten Lehrer\/innnen nach p&auml;dagogischen Prinzipien umzusetzen. <\/p><p>Die Gewerkschaften h&auml;tten besser daran getan, politisch darauf hinzuwirken, dass die einseitige Einflussnahme der Wirtschaft mit ihrer einzelwirtschaftlich bornierten Unternehmenslogik auf Schulen und Lerninhalte endlich wieder tabuisiert w&uuml;rde. Sie h&auml;tten die vorherrschende ideologisierte Irref&uuml;hrung skandalisieren m&uuml;ssen, statt nunmehr selbst an diesem Skandal mitzuwirken.<\/p><p>Die Gewerkschaften sto&szlig;en mit ihrer Initiative &bdquo;Schule und Arbeitswelt&ldquo; das ohnehin schon weit ge&ouml;ffnete Tor interessen- und klientelbezogener Einflussnahme auf die Schule noch weiter auf. <\/p><p>Es w&auml;re im Interesse von Pluralit&auml;t und Ausgewogenheit sinnvoller und effizienter gewesen, wenn Gewerkschaften verlangt h&auml;tten, dass die Gestaltung der Schulorganisation und die Lernziele in einem demokratischen Verfahren auch unter Beteiligung der Arbeitgeberseite, aber auch anderer gesellschaftlicher Interessengruppen transparent diskutiert und festgelegt w&uuml;rden. Auch mit Sitz und Stimme in Schulbuchkommissionen k&ouml;nnten die Gewerkschaften die Interessen und die Sichtweise von Arbeitnehmern zur Wirtschaft besser einbringen, als durch Aktivit&auml;ten wie sie etwa in dem &bdquo;Infoflyer Initiative Schule und Arbeitswelt&ldquo; (abrufbar <a href=\"http:\/\/schule.dgb.de\/\">hier<\/a>) beschrieben werden. Aktivit&auml;ten, die &ndash; weil schon keine Waffengleichheit bei den finanziellen Ressourcen  besteht &ndash;  im Sande verlaufen d&uuml;rften und f&uuml;r die Arbeitgeberseite ein Alibi liefern, sich noch intensiver auf die Schule zu st&uuml;rzen.  <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der DGB, und die Einzelgewerkschaften IG BCE, GEW, IG Metall und ver.di wollen mit verschiedenen Aktivit&auml;ten und Projekten Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;ler auf ihrem <a href=\"http:\/\/schule.dgb.de\/\">Weg ins Berufsleben unterst&uuml;tzen<\/a>. Eine l&ouml;bliche Idee, k&ouml;nnte man meinen.<br \/> Doch es ist der &bdquo;falsche Zug&ldquo; auf den die Gewerkschaften aufgesprungen sind. 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