{"id":83815,"date":"2022-05-12T15:43:06","date_gmt":"2022-05-12T13:43:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=83815"},"modified":"2022-05-16T07:45:28","modified_gmt":"2022-05-16T05:45:28","slug":"wo-sind-wir-was-erwartet-uns-in-europa-und-in-deutschland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=83815","title":{"rendered":"Wo sind wir, was erwartet uns in Europa und in Deutschland?"},"content":{"rendered":"<p>Viele Leser der NachDenkSeiten werden den Schriftsteller und Publizisten Wolfgang Bittner durch seine B&uuml;cher und seine <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?gastautor=wolfgang-bittner\">Gastartikel<\/a> auf den NachDenkSeiten kennen. Nun hat Bittner dem t&uuml;rkischsprachigen Portal Yeni Posta ein sehr interessantes <a href=\"https:\/\/www.yeniposta.net\/ukrayna-savasinin-almanyada-aciga-cikardigi-gercek-artik-bir-tartisma-kulturune-sahip-degiliz\/\">Interview<\/a> gegeben, das die NachDenkSeiten ihren Lesern gerne in deutscher Sprache pr&auml;sentieren. Es geht um den Krieg der Ukraine, die Rolle der USA in der Weltpolitik und einen offenen Konflikt in der Schriftstellervereinigung PEN, dem Bittner seit langer Zeit angeh&ouml;rt und dessen derzeitiger Pr&auml;sident, der WELT-Journalist Deniz Y&uuml;cel, mit strittigen &Auml;u&szlig;erungen zum Ukraine-Krieg und zu Bittner selbst von sich reden machte.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Ein Krieg und immer chaotischere Zust&auml;nde stehen nicht mehr vor der T&uuml;r, sondern sind bereits mitten in Europa. Wohin gehen Ihrer Meinung nach das chaotisierte und entdemokratisierte Europa und an erster Stelle Deutschland? Wo sind wir, was erwartet uns in Europa und in Deutschland?<\/strong><\/p><p>Es ist nicht &uuml;bertrieben zu sagen, dass es um Leben und Tod geht. In der Ukraine herrscht ein von den USA seit Jahren systematisch herbeigef&uuml;hrter Stellvertreterkrieg mit Russland, in dem das Land zerrieben wird. Sollte die NATO in diesen Krieg hineingezogen werden, wird nicht nur Europa ein atomar verseuchtes Tr&uuml;mmerfeld. Aber auch bei einer lokalen Begrenzung des Konflikts werden die Folgen enorm sein. Der Krieg kostet Unsummen. Hinzu kommen die Auswirkungen der Sanktionen, die sowohl die Russische F&ouml;deration als auch Westeuropa treffen, insbesondere Deutschland als Exportland. Es fehlt schon jetzt sowohl an Nahrungsmitteln als auch an Rohstoffen f&uuml;r die Industrie. Die armen Menschen werden noch &auml;rmer werden und auch der Mittelstand ist stark betroffen. Die Inflation wird steigen, die Regierungen werden die Digitalisierung, die &Uuml;berwachung und Registrierung der Bev&ouml;lkerung vorantreiben, es wird immer st&auml;rkere Eingriffe in die Pers&ouml;nlichkeits- und B&uuml;rgerrechte der Menschen geben. Was geschieht und sich weiter anbahnt, ist unverantwortlich.<\/p><p><strong>Der Krieg tobt eigentlich seit Jahren auf unserer B&uuml;hne, die wir Europa nennen. Wer will diesen &ldquo;pl&ouml;tzlich&rdquo; auftauchenden Krieg? Sie schreiben wirklich seit langem, dass die amerikanische Regierung und amerikanische Oligarchen an so einem Konflikt besonderes Interesse haben. Warum? Was ist ihr Ziel? Wo f&uuml;hrt es hin? <\/strong><\/p><p>Bereits 1999 fand in Europa ein Krieg statt, der die Zergliederung Jugoslawiens zur Folge hatte: eine typische Vorgehensweise der USA, die unter dem Motto &bdquo;teile und herrsche&ldquo; nach Kriegen zerst&uuml;ckelte L&auml;nder zur&uuml;cklassen. 2008 gab es dann in Georgien einen ebenfalls von den USA initiierten Krieg. Und dass es in der Ukraine zu diesem Stellvertreterkrieg zwischen den USA und Russland kommen w&uuml;rde, war seit dem Regime Change von 2014 vorherzusehen. Seinerzeit kamen nationalistische und zum Teil auch faschistische Kr&auml;fte an die Macht, die den russischsprachigen B&uuml;rgern ihre Sprache verbieten wollten und die Menschen auf der Krim und in der Ostukraine unterdr&uuml;ckten. Deswegen trennte sich die Krim nach einer Volksabstimmung von der Kiewer Ukraine, und die Menschen in Donezk und Lugansk verlangten nach mehr Autonomie innerhalb der Ukraine. Anstatt dem entgegenzukommen, schickte der damalige Machthaber Petro Poroschenko, eine Marionette der USA, Panzer in die Ostukraine. Damit wurde &ndash; im Einvernehmen mit den USA &ndash; ein Brandherd vor der T&uuml;r Russlands gelegt. Die Ukraine wurde mit modernsten Waffen aufger&uuml;stet, und als Russland vergeblich Sicherheitsgarantien forderte, eskalierte der Krieg. Das war gewollt. Joseph Biden sagte schon 2014, man wolle Russland ruinieren, wenn es sich nicht den westlichen Kapitalinteressen &ouml;ffne. Er kann sich jetzt die H&auml;nde reiben, denn sein Ziel und das seiner Hinterm&auml;nner ist, Russland zu unterwerfen und sich die reichen Ressourcen dieses gr&ouml;&szlig;ten Landes der Welt anzueignen. Ich habe immer noch die Hoffnung, dass mehr Menschen aufwachen und begreifen, was sich wirklich abspielt.<\/p><p><strong>Ist Deutschland als eine &ldquo;geo&ouml;konomische Macht&rdquo; (Hans Kundnani) nicht in der Lage, gegen so eine Kriegsfalle Widerstand zu leisten? Es ist klar, dass die Fallensteller aus der transatlantischen Welt stammen. Sind sie aber so stark, dass Berlin sich im Endeffekt beugen musste? (Olaf Scholz hat zwar zu Panzerlieferungen im Endeffekt Ja gesagt, aber&hellip;) <\/strong><\/p><p>Durch geschickte Intrigen und Ma&szlig;nahmen der USA, ihrer Geheimdienste und ihrer Netzwerke wurde die Europ&auml;ische Union, insbesondere aber Deutschland, in den Ukraine-Krieg einbezogen. Inzwischen wundern sich gar nicht so wenige Menschen &uuml;ber diese wahnsinnigen Aggressionen gegen Russland und fragen sich, warum die deutsche Regierung daran ma&szlig;geblich teilnimmt. Dazu muss man wissen, dass Deutschland seit 1945 und bis heute nicht nur ein Einflussgebiet, sondern ein besetztes Land ist &ndash; ein Land, das unter Vormundschaft der ehemaligen Alliierten, insbesondere der USA steht.<\/p><p>Nach der Teilung des bis 1945 bestehenden Deutschen Reiches und der Annexion der Ostgebiete durch Polen wurde und wird ein Friedensvertrag verweigert. Seit 1918 und 1945 hat Deutschland etwa ein Drittel seines Staatsgebietes verloren, Reparationen f&uuml;r den Ersten Weltkrieg mussten aufgrund des Versailler Vertrages noch bis 2010 gezahlt werden. Wir leben also im Status eines Waffenstillstands mit den USA, Gro&szlig;britannien und Frankreich, aber auch mit Russland, das 1990 eine Vereinigung der beiden deutschen Staaten erm&ouml;glicht hat und einen Friedensvertrag bef&uuml;rwortet hatte (seinerzeit noch die Sowjetunion). Offensichtlich ist das vielen der Politikerinnen und Politiker, die eifrig gegen Russland und dessen Pr&auml;sidenten Wladimir Putin in beispielloser Weise hetzen, nicht bekannt.<\/p><p>Ebenso unbekannt ist wohl auch, dass Deutschland nach Artikeln 53 und 107 der Charta der Vereinten Nationen de jure immer noch ein Feindstaat im Verh&auml;ltnis zu den Gegnern im Zweiten Weltkrieg ist. Angeblich hat das keine Bewandtnis mehr, aber wenn dem so w&auml;re, h&auml;tte dieser Passus schon lange gestrichen werden k&ouml;nnen. Die sogenannte Feindstaatenklausel besagt, dass Zwangsma&szlig;nahmen ohne besondere Erm&auml;chtigung durch den UN-Sicherheitsrat verh&auml;ngt werden k&ouml;nnten, falls Deutschland erneut eine aggressive Politik verfolgen w&uuml;rde, was gegebenenfalls milit&auml;rische Interventionen einschlie&szlig;t. Zwar wurde Deutschland durch den Vereinigungsvertrag von 1990 (2+4-Vertrag) &bdquo;volle Souver&auml;nit&auml;t&ldquo; zugesprochen, aber diese Vereinbarung wurde durch Zusatzvertr&auml;ge, zum Beispiel &uuml;ber Truppenstationierungen und milit&auml;rische Zusammenarbeit, wieder relativiert.<\/p><p>Wenn man diese Tatsachen hinsichtlich der geopolitischen Situation, in der wir uns befinden, in Rechnung stellt, wird vieles klarer: Washington hat erhebliche M&ouml;glichkeiten, Druck auszu&uuml;ben und auf Entscheidungen der deutschen Regierung einzuwirken, was st&auml;ndig zu beobachten ist. In ein anderes Licht ger&auml;t dann auch die von Deutschland mitgetragene Aggressionspolitik gegen China, Syrien, Venezuela, Iran und weitere L&auml;nder, die auf der Interventions- und Sanktionsliste der USA stehen. Allerdings erkl&auml;rt das nicht die B&ouml;sartigkeit von Politikerinnen und Politikern wie Annalena Baerbock, Christine Lambrecht, Norbert R&ouml;ttgen oder Ursula von der Leyen, die jede Gelegenheit zu hasserf&uuml;llten Tiraden gegen Russland nutzen. <\/p><p><strong>K&ouml;nnen wir heute mitten im Ukraine-Krieg von einer Gleichschaltung der Medien sprechen? Warum?<\/strong><\/p><p>F&uuml;r Deutschland l&auml;sst sich zweifellos feststellen, dass wir keine Debattenkultur mehr haben. Das hat sich sehr deutlich schon w&auml;hrend der Corona-Pandemie gezeigt und zeigt sich noch deutlicher hinsichtlich der Berichterstattung &uuml;ber den Krieg in der Ukraine. In Politik und Medien kommt ausschlie&szlig;lich noch eine Seite zu Wort: die der Ukraine, unterst&uuml;tzt von den Service-Agenturen der CIA, des Wei&szlig;en Hauses und der NATO. Die Medien, die eigentlich gegensteuern m&uuml;ssten, sind gleichgerichtet, so dass gegen den Einfluss der USA kaum noch anzukommen ist. Da die Medien &uuml;berwiegend in Privathand sind und Deutschland seit 1945 mit mehr als hundert US-gesteuerten Netzwerken &uuml;berzogen wurde, die auf alle gesellschaftlichen Bereiche und Institutionen einwirken, dominiert die eine, gew&uuml;nschte und gebilligte Meinung. Auch die &ouml;ffentlich-rechtlichen Medien bilden schon lange keine Ausnahme mehr. Zurzeit sind zur besten Sendezeit in der ARD-Tagesschau zehn von f&uuml;nfzehn Minuten v&ouml;llig einseitige Kriegsberichterstattung, mit der die Bev&ouml;lkerung indoktriniert &ndash; man kann schon sagen: verhetzt &ndash; und in einen Panik-Modus versetzt wird.<\/p><p><strong>Wie k&ouml;nnen wir diese Demokratie definieren, in der die freie und vom Mainstream abweichende Meinungs&auml;u&szlig;erung so d&auml;monisiert wird? Wie betrachten Sie die Entwicklung als ein Autor, der auch &uuml;ber die Abschaffung der Demokratie ein Buch geschrieben hat? <\/strong><\/p><p>Kritische Beobachter und Analysten der Politik leiden schon seit L&auml;ngerem darunter, dass in den Mainstream-Medien, die zu System-Medien geworden sind, kaum noch Publikationsm&ouml;glichkeiten vorhanden sind. Die Entwicklung, wie ich sie auch in meinen politischen B&uuml;chern beschrieben habe, ist eine schiefe Bahn in Richtung eines neuen Faschismus. Was sich abspielt, ist be&auml;ngstigend und hat mit Demokratie kaum noch zu tun. Vielfach herrscht in der Gesellschaft eine Blockwart-Mentalit&auml;t; Denunziation und Bevormundung bis hin zu Diffamierung und Sanktionierung von Andersdenkenden sind gang und g&auml;be. Selbsternannte Autorit&auml;ten spielen sich auf, angefangen bei f&uuml;hrenden Politikern bis hin zur Beamtenschaft in unteren Beh&ouml;rden und zur Polizei.<\/p><p>Die Frage ist, wie dem begegnet werden kann. Aber das d&uuml;rfte schwierig sein, wie sich schlaglichtartig in der Corona-Pandemie erwiesen hat. Nicht das Parlament hat anfangs die Aussetzung der Grundrechte beschlossen, sondern die Regierung, allen voran die Kanzlerin, haben auf dem Verordnungswege, das hei&szlig;t rechtswidrig, essenzielle, unver&auml;u&szlig;erliche B&uuml;rgerrechte au&szlig;er Kraft gesetzt. Die Ordnungsbeh&ouml;rden und die Polizei verfolgen bis heute Abweichler, die sich auf die Grundrechte berufen, die weisungsgebundenen Staatsanw&auml;lte ermitteln nicht wegen der Rechtsbeugung der Regierung, und die Gerichte, die angeblich unabh&auml;ngig sind, urteilen entsprechend den Vorgaben der Regierung. Da also nicht nur die Legislative und die Exekutive, sondern auch die Judikative versagen, leben wir mittlerweile in Deutschland in einem rechtsfreien Raum. Das ist die Situation, in der bewusste Menschen immer mehr in die Enge getrieben werden.<\/p><p><strong>Was bedeuten das Chaos und die Entdemokratisierung im entwickelten Westen? Wer braucht sowas?<\/strong><\/p><p>Kultur, Wissenschaft, soziale Belange, die Erhaltung der Infrastruktur und selbst die Wirtschaft geraten mehr und mehr ins Hintertreffen. Einzelne Wirtschaftszweige stehen bereits vor dem Ruin. Wenn die dreisten Aufforderungen der Ukraine, Polens und der baltischen Staaten, Deutschland solle auf Gas und &Ouml;l aus Russland verzichten, von deutschen Politikerinnen und Politikern beflissen &uuml;bernommen werden, zeugt das von absoluter Missachtung der Interessen der eigenen Bev&ouml;lkerung. Es ist ein Bruch des Amtseides, den diese &bdquo;Volksvertreter&ldquo; geleistet haben, der lautet, dem Wohle der Bev&ouml;lkerung zu dienen und Schaden von ihr abzuwenden.<\/p><p>Offensichtlich liegt diese Chaotisierung Europas, insbesondere Deutschlands, im Interesse der USA, die aufgrund ihres unipolaren Anspruchs die ganze Welt chaotisieren. &bdquo;America first!&ldquo; ist ja nicht erst zu einem Wahlkampfslogan von Donald Trump geworden. Vielmehr ist das ein Prinzip, das mit einer Langzeitstrategie fast schon seit Bestehen der Vereinigten Staaten von Amerika weltweit durchgesetzt wird.<\/p><p><strong>Sie schreiben seit Jahren, dass, wenn es weiter so geht, ein Krieg mit Russland immer n&auml;her und unvermeidlich ist. Jetzt, wo er in unserem Haus tobt, fragen wir: Wer ist schuld daran und was kann man dagegen tun? <\/strong><\/p><p>Die USA wollen zu ihrem Vorteil Weltmacht Nr. 1 bleiben, und daf&uuml;r gehen sie im wahrsten Sinne des Wortes &uuml;ber Leichen. Der ehemalige Direktor des einflussreichen US-Thinktanks <i>Stratfor<\/i>, George Friedmann, hat das auf den Punkt gebracht. In einem Vortrag, den er 2015 in Chicago gehalten hat, nannte er als die Hauptsorge der Vereinigten Staaten, dass sich deutsches Kapital und deutsche Technologie mit russischen Rohstoff-Ressourcen und russischer Arbeitskraft verb&auml;nden. Das w&auml;re wirtschaftlich wie milit&auml;risch eine Konkurrenz, die die USA seit einem Jahrhundert zu verhindern suchten. Deswegen h&auml;tten sie eine Grenzlinie zwischen dem Baltikum und dem Schwarzen Meer gezogen und einen &bdquo;Sicherheitsg&uuml;rtel&ldquo;, einen &bdquo;Corodon Sanitaire&ldquo;, um Russland herum aufgebaut. Das entlarvt das aggressive Vorgehen und die Absichten der USA auf dem eurasischen Kontinent.<\/p><p>Russland und China stellen sich dem F&uuml;hrungsanspruch der USA entgegen. Sie sind dabei, ein eigenes Banken- und Zahlungssystem aufzubauen, wodurch der Dollar als Weltleitw&auml;hrung ersetzt werden k&ouml;nnte. Das erscheint mir wesentlich, denn damit w&uuml;rde den USA ein Unterdr&uuml;ckungs- und Direktions-Instrument genommen werden. Dazu kommt die Belt-and-Road-Initiative, auch Neue Seidenstra&szlig;e genannt, womit neue Wege des Welthandels beschritten werden. Wirtschafts- und Finanzanalysen halten das f&uuml;r das gr&ouml;&szlig;te Infrastruktur-Programm der neueren Geschichte. Dazu geh&ouml;rt die verkehrsm&auml;&szlig;ige und wirtschaftliche Erschlie&szlig;ung bisher peripherer Regionen mit ihren Ressourcen von Wladiwostok &uuml;ber China und Sibirien bis an den Atlantik. Einbezogen sind auch Teile von Vorderasien und Afrika.<\/p><p>Gelingt dies, w&uuml;rde unabh&auml;ngig von den Flugzeugtr&auml;gern der USA auf dem Pazifik und Atlantik ein riesiger Binnenmarkt auf der gr&ouml;&szlig;ten zusammenh&auml;ngenden Landfl&auml;che der Welt entstehen mit der Folge, dass die Vereinigten Staaten nur noch eine &uuml;berm&auml;&szlig;ig hochger&uuml;stete Regionalmacht auf ihrem Kontinent zwischen den Weltmeeren w&auml;ren. Die USA versuchen dieses Projekt mit allen Mitteln zu hintertreiben, unter anderem durch die allein dem eignen Vorteil dienende Abspaltung der EU von Russland sowie durch Entziehung von Wirtschaftskraft. Das scheint vielen der heute agierenden europ&auml;ischen Politikerinnen und Politikern &uuml;berhaupt nicht klar zu sein &ndash; zum Schaden ihrer Nationen. Auch Europa m&uuml;sste sich dringend so bald wie m&ouml;glich aus der Vormundschaft der USA befreien, denn falls es weiterhin den Planungen und Direktiven aus Washington folgt, wird es als geo&ouml;konomische Macht in der Bedeutungslosigkeit enden.<\/p><p><strong>Wie verh&auml;lt sich die deutsche Intelligenzia gegen&uuml;ber dem chaotisierenden und entdemokratisierenden Angriff auf Deutschland und die westeurop&auml;ischen Staaten?<\/strong><\/p><p>Es gibt Appelle deutscher Intellektueller, Schriftsteller, K&uuml;nstler und Wissenschaftler, die in der Hauptsache zur Beendigung des Krieges in der Ukraine aufrufen und vor einem Atomkrieg warnen. Mir scheint, dass vielen der Unterzeichner &ndash; und es sind weit &uuml;ber Hunderttausend &ndash; die Kenntnis der Ursachen und Hintergr&uuml;nde des aktuellen Geschehens fehlt. Insofern verlaufen diese Proteste und Petitionen im Sande. Die Regierenden machen im Einvernehmen mit den Hardlinern der USA, die auch unsere Politik bestimmen, was sie wollen. Wie wenig Reflexionsverm&ouml;gen unter deutschen Intellektuellen vorhanden ist, zeigt sich in den kulturellen Organisationen, die &uuml;berwiegend der massiven Indoktrination erlegen sind und russlandfeindlich agieren. Zurzeit erlebe ich das in einem Konflikt mit dem Pr&auml;sidium des urspr&uuml;nglich einmal renommierten PEN-Clubs.<\/p><p><strong>M&ouml;gen Sie darauf vielleicht etwas n&auml;her eingehen?<\/strong><\/p><p>Ja, gern, zumal es mich seit einigen Wochen in meiner publizistischen und schriftstellerischen Arbeit behindert. Das Pr&auml;sidium des PEN-Zentrums Deutschland hat sich wegen meiner politischen Ver&ouml;ffentlichungen Anfang April &ldquo;in aller Form&rdquo; von mir in einer Pressemitteilung distanziert. In der Erkl&auml;rung, die &uuml;ber Facebook ver&ouml;ffentlicht wurde, hei&szlig;t es unter anderem, ich w&uuml;rde &ldquo;Putins gnadenlosen Angriffskrieg&rdquo; verteidigen und h&auml;tte einen &ldquo;irren Propagandafeldzug gegen Russland&rdquo; vermutet. Das sei nicht vereinbar mit der PEN-Charta, wonach sich die PEN-Mitglieder verpflichtet haben, sich &ldquo;mit &auml;u&szlig;erster Kraft f&uuml;r die Bek&auml;mpfung jedweder Form von Hass&rdquo; einzusetzen.<\/p><p>Was da &uuml;ber mich verbreitet wird, ist nichts als &uuml;ble Nachrede. Ich setze mich seit Jahrzehnten mit &auml;u&szlig;erster Kraft f&uuml;r die Bek&auml;mpfung jedweder Form von Hass und f&uuml;r Frieden ein. Den Krieg in der Ukraine habe ich nicht verteidigt, wie mir unterstellt wird, vielmehr bin ich den Ursachen und den realen Verh&auml;ltnissen in der Ukraine, deren Entwicklung ich seit acht Jahren intensiv verfolge, auf den Grund gegangen. In der Sache kann man anderer Meinung sein, wie sich in den Medien und bei vielen Politikern zeigt, aber meine Haltung kann kein Grund f&uuml;r eine &ouml;ffentliche rufsch&auml;digende Erkl&auml;rung des derzeitigen PEN-Pr&auml;sidiums sein. Ich bin weder russophil noch antiamerikanisch. Aber ich sehe, was geopolitisch passiert und was da auf uns zukommt, habe dar&uuml;ber drei B&uuml;cher geschrieben.<\/p><p>PEN-Pr&auml;sident ist zurzeit nicht unangefochten der bei der Zeitung <i>Die Welt<\/i> t&auml;tige Journalist Deniz Y&uuml;cel, der durch seine Inhaftierung in der T&uuml;rkei bekannt geworden ist. Vor einigen Jahren schrieb er, das Verschwinden Deutschlands von der Landkarte w&auml;re &bdquo;V&ouml;lkersterben von seiner sch&ouml;nsten Seite&ldquo;. Y&uuml;cel ist f&uuml;r eine Flugverbotszone in der Ukraine, was den Kriegseintritt der NATO und damit einen dritten Weltkrieg bedeuten w&uuml;rde. Er hat in dieser Weise auch als PEN-Pr&auml;sident Stellung genommen, wozu er nicht befugt ist. An einer f&uuml;r Mitte Mai vorgesehenen Podiumsveranstaltung nehmen er und ein Diskutant teil, der v&ouml;llig unangefochten von &bdquo;Lumpen-Pazifisten&ldquo; spricht und Mahatma Gandhi als &bdquo;sagenhafte Knallt&uuml;te&ldquo; bezeichnet. Y&uuml;cel ist ein typisches Beispiel daf&uuml;r, dass sich jemand als Sittenrichter aufspielt und andere Menschen diskreditiert. Was da mit dieser &bdquo;Distanzierung&ldquo; geschieht, ist meines Erachtens keine Kleinigkeit. Es kennzeichnet klar und deutlich die politisch-gesellschaftliche Situation, in der wir uns in Deutschland befinden.<\/p><p><strong>Wie sehen Sie die weitere Entwicklung?<\/strong><\/p><p>Es sieht nicht gut aus, es ist be&auml;ngstigend. Das, was zurzeit in und mit Europa geschieht, ist existenzgef&auml;hrdend. Es tr&auml;gt eine Endzeitstimmung in sich, die l&auml;hmend ist und sich wie Mehltau &uuml;ber die Gesellschaft legt. Alles ballt sich zusammen, t&uuml;rmt sich auf und erstickt das politische und gesellschaftliche Leben in Deutschland. Ich besch&auml;ftige mich nun seit mehreren Jahren mit dieser verbrecherischen Politik, und ich muss gestehen, dass es mich zunehmend belastet. Unsere Politiker sind &ndash; mehr oder weniger bewusst &ndash; an fast allen Gemeinheiten und Menschheitsverbrechen, die passieren, beteiligt. Sie werfen anderen Staaten, denen sie ihre &bdquo;Demokratie&ldquo; &ndash; gern auch mit Waffengewalt &ndash; bringen wollen, heuchlerisch vor, sie verletzten Menschenrechte oder das Prinzip der Gewaltenteilung. Alles wird verdreht, es wird gelogen, gehetzt und Chaos verursacht. Wie ist das, wenn man Durchblick hat, auf die Dauer auszuhalten? Wie ich schon mehrmals sagte und schrieb, umgibt uns der reale Irrsinn. Anders, als manche Mitleidende, resigniere ich zwar nicht, aber ich bin etwas m&uuml;de geworden, sehr ern&uuml;chtert und desillusioniert. Ja, wie geht es weiter? Es sieht nach noch sch&auml;rferer Zensur aus, nach noch mehr Militarisierung, Chaos und Krieg, und nach einer rasant zunehmenden Faschisierung der Gesellschaft. Die Perspektive verschlechtert sich von Tag zu Tag, aber ein gro&szlig;er Teil der Bev&ouml;lkerung nimmt lediglich die steigende Inflation und die zunehmende Armut wahr. Die Menschen sind eingesch&uuml;chtert und indoktriniert, es regt sich kein nennenswerter Widerstand. Zu hoffen ist, dass sich das durch wachsenden Leidensdruck &auml;ndert. Sonst sind wir mit unserer Zivilisation wirklich am Ende.<\/p><p><em>Das Interview mit Wolfgang Bittner f&uuml;hrte Osman &Ccedil;utsay<\/em><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>Der Schriftsteller und Publizist Dr. jur. Wolfgang Bittner lebt in G&ouml;ttingen. Er schreibt f&uuml;r Erwachsene, Jugendliche und Kinder, war freier Mitarbeiter bei Zeitungen, Zeitschriften, H&ouml;rfunk und Fernsehen und ver&ouml;ffentlichte bisher etwa 80 B&uuml;cher, darunter:<\/p><p><em>&bdquo;Die Eroberung Europas durch die USA&ldquo;, Westend Verlag, Frankfurt am Main 2015<\/em><\/p><p><em>&bdquo;Der neue West-Ost-Konflikt&ldquo;, Verlag zeitgeist, H&ouml;hr-Grenzhausen 2019<\/em><\/p><p><em>&bdquo;Deutschland &ndash; verraten und verkauft. Hintergr&uuml;nde und Analysen&ldquo;, Verlag zeitgeist 2021<\/em><\/p><p>Webseite: <a href=\"https:\/\/www.wolfgangbittner.de\">wolfgangbittner.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Viele Leser der NachDenkSeiten werden den Schriftsteller und Publizisten Wolfgang Bittner durch seine B&uuml;cher und seine <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?gastautor=wolfgang-bittner\">Gastartikel<\/a> auf den NachDenkSeiten kennen. 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