{"id":83851,"date":"2022-05-14T11:45:34","date_gmt":"2022-05-14T09:45:34","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=83851"},"modified":"2022-05-14T14:09:31","modified_gmt":"2022-05-14T12:09:31","slug":"gelingt-gerade-ein-sozialpolitischer-ein-gesellschaftlicher-wandel-in-frankreich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=83851","title":{"rendered":"Gelingt gerade ein sozialpolitischer, ein gesellschaftlicher Wandel in Frankreich?"},"content":{"rendered":"<p>W&auml;hrend in der Bundesrepublik der Neoliberalismus einen h&ouml;heren Gang eingelegt hat und auch weitere L&auml;nder Europas dank des jeweiligen F&uuml;hrungspersonals nationalistischer, autokratischer, intoleranter und b&uuml;rgerferner ausgerichtet werden, hellt sich bei unseren Nachbarn in Frankreich die gesellschaftliche Lage m&ouml;glicherweise auf. Zwar hat ein ebenso stramm neoliberal handelnder Pr&auml;sident Emmanuel Macron erneut die Wahl gewonnen, doch steht ihm demn&auml;chst ein breites B&uuml;ndnis sozialer, sozialdemokratischer, linker Kr&auml;fte gegen&uuml;ber &ndash; zur Parlamentswahl im Juni. Von <strong>Frank Blenz<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDie Pr&auml;sidentschaftswahl in Frankreich ist zu Ende, schon ist die n&auml;chste wichtige Entscheidung im Kalender vorgemerkt: die Parlamentswahl. Bei der Pr&auml;sidentschaftswahl im April konnte sich der das Land &uuml;beraus spaltende Emmanuel Macron zum zweiten Mal durchsetzen. Bei der nun folgenden Wahl k&ouml;nnte einer drohenden Macron&rsquo;schen &bdquo;Allmacht bis ins Parlament&ldquo; in Kombination mit seinem jetzigen Amt durch ein breites B&uuml;ndnis Einhalt geboten werden. Macrons Kr&auml;fte als f&uuml;hrende Kraft im Parlament und einen m&ouml;glichen Gefolgsmann Macrons als Premier im Duett zu verhindern, das treibt viele Gegner des Pr&auml;sidenten an. Es tut sich etwas bei den Franzosen. Erstmals herrscht seit vielen Jahren Einigkeit bei den vielf&auml;ltigen politischen Akteuren. Die Reihen schlie&szlig;en sich, man sp&uuml;rt, gemeinsam ist man stark. So wurde die NUPES (Nouvelle Union Populaire &Eacute;cologique et Sociale) ins Leben gerufen &ndash; ein Wahlb&uuml;ndnis, das sich in den vergangenen Monaten formiert hat und Parteien und Gruppierungen vereint, die bisher allein agierten und somit bisher keine starke Einheit bildeten. Nun aber, siehe da, aktuelle Umfragen sehen das B&uuml;ndnis NUPES deutlich vor den &bdquo;Macroniten&ldquo; und weiteren Bewerbern. Die rechte Politikerin Marine Le Pen, gerade noch Zweitplatzierte im Duell um den Einzug in den &Eacute;lys&eacute;e-Palast, hat Medienberichten zufolge den Kampf um das Parlament und im Konkreten um den Posten des Premiers aufgegeben.<\/p><p>Der Frankreichexperte und Politologe Sebastian Chwala beobachtet, dass in unserem Nachbarland zunehmend berechtigte Hoffnung bei den Gegnern Macrons aufkeimt, die Chancen f&uuml;r den Sieg steigen, ein Ministerpr&auml;sident Jean-Luc M&eacute;lenchon &ndash; das ist keine Utopie. M&eacute;lenchon ist enorme Energie zuzugestehen und gro&szlig;er Respekt, trotz der knappen Niederlage im ersten Wahlgang der Pr&auml;sidentschaftswahl weiterzumachen und nun die neue Wahl anzugehen. Sieger Emmanuel Macron hatte dagegen nicht viel Zeit zum Feiern und neue Feierlaune k&ouml;nnte im Juni ausbleiben. Es kam zudem keine richtige Partystimmung im Land auf. Was Wunder, keimten gegen Macron sofort Proteste auf vielen Stra&szlig;en des Landes auf. Bei seinen Anh&auml;ngern, den Profiteuren seines nationalen Kurses und auch international wurde gejubelt. Macron wurde gefeiert als der Vision&auml;r, als der Richtige f&uuml;r Europa und f&uuml;r Frankreich sowieso. Die Legende von der stabilen Mitte findet sich in dem Aufatmen der B&uuml;rgerlichen in &bdquo;Zum Gl&uuml;ck setzten sich keine Extremisten durch, zum Gl&uuml;ck wurde es wieder der gem&auml;&szlig;igte smarte Emmanuel&ldquo;. Dass Macron, ein Mann der &bdquo;Mitte&ldquo;, so extremistisch ist, wie man als Pr&auml;sident f&uuml;r ein vielschichtiges Land nur sein kann, landauf, landab fand und findet man kaum eine Zeile in den f&uuml;hrenden Medien. Der aussichtsreichste Gegenkandidat, der die Teilnahme an der Stichwahl verdient gehabt h&auml;tte, M&eacute;lenchon, wurde von den Hauptmedien in Frankreich und gerade auch in Deutschland trotz dessen Erfolg geradezu ignoriert. <\/p><p>Nun befindet sich Frankreich weiter im Protest- und Aufbruchmodus. Zahlreiche B&uuml;rger schrien ihre Entt&auml;uschung heraus, dass man Macron nicht verhindert hat, dass lediglich die einzige Verhinderung gelang, indem die rechte Marine Le Pen nicht siegte. Kurios war bei dem Duell, der Stichwahl Macron vs. Le Pen, dass viele, die im ersten Wahlgang Macron nicht w&auml;hlten, nun ihre Stimme taktischerweise dem an sich verhassten, bislang amtierenden Pr&auml;sidenten gaben. Das Dilemma daraufhin scheint jetzt gerade Tempo aufzunehmen: der Sozialstaat wird weiter geschliffen, die Reichen werden bevorteilt, die Demokratie verachtet, die Polizei zu einer repressiven Eingreiftruppe umgebildet. Doch Macron das Feld &uuml;berlassen, wollen viele nicht (mehr). Eine linke Regierung neben Macron w&uuml;rde dem Pr&auml;sidenten ein Durchregieren unm&ouml;glich machen. <\/p><p>Sebastian Chwala sieht dazu Schw&auml;chen bei den f&uuml;hrenden Kr&auml;ften im Umfeld des Pr&auml;sidenten, Uneinigkeit und eine politische Zielsetzung der Macroniten, die nachdenklich stimmen muss&hellip;:<\/p><blockquote><p>\nWas machen eigentlich gerade die &ldquo;Macroniten&rdquo; in Frankreich? Die Antwort lautet, sie geben gerade auf einer Pressekonferenz die ersten 200 Kandidat*innen f&uuml;r die kommenden Parlamentswahlen bekannt. <\/p>\n<p>Diese scheibchenweise Verk&uuml;ndung liegt an den inneren Konflikten der &ldquo;Macroniten&rdquo;, da sich insbesondere Ex-Premier Philippe innerhalb des Blocks eine eigene Machtbasis f&uuml;r die Pr&auml;sidentschaftswahl 2027 schaffen m&ouml;chte (Macron kann nach zwei Amtszeiten erst einmal nicht mehr kandidieren und m&uuml;sste bis 2032 pausieren) und eine eigene Fraktion einfordert. Hier gibt es noch Kl&auml;rungsbedarf. <\/p>\n<p>W&auml;hrend des Pressetermins gab es noch andere Neuigkeiten: Die &ldquo;Marschierer&rdquo; benennen sich um. Aus der Partei LREM wird &ldquo;Renaissance&rdquo;. Was wiedergeboren werden soll, bleibt freilich noch offen.\n<\/p><\/blockquote><p>Sebastian Chwala hat eine b&ouml;se Vorahnung: <\/p><blockquote><p>\nWahrscheinlich die grenzenlos liberale Dienstbotengesellschaft des 19. Jahrhunderts.\n<\/p><\/blockquote><p>Politologe Chwala beobachtet, dass die potentielle St&auml;rke des neuen Linksb&uuml;ndnisses NUPES erkannt wird und die Medien zunehmend Position beziehen:<\/p><blockquote><p>\nW&auml;hrend auch die Medien langsam begreifen, dass die Parlamentswahlen kein formaler Akt bleiben und je nach Standpunkt f&uuml;r oder gegen das neue Linksb&uuml;ndnis NUPES in Frankreich in die journalistische Schlacht gezogen wird, zeigen die Umfragewerte eine Woche nach der offiziellen Besiegelung des Pakts f&uuml;r NUPES, dass die Zustimmung f&uuml;r das B&uuml;ndnis konstant hoch bleibt.<\/p>\n<p>Diese Wahlen sind nicht mit jenen Parlamentswahlen zu vergleichen, die im Nachgang der Pr&auml;sidentschaftswahlen der letzten 15 Jahre stattfanden. Damals gab es jedes Mal einen Amtswechsel und ein neues Staatsoberhaupt konnte die W&auml;hler*innen bitten, mit der Wahl einer politisch gleichgerichteten &bdquo;Kammer&ldquo; den Weg frei zu machen, seine Agenda zu verfolgen.<\/p>\n<p>Doch dieses Jahr wurde Emmanuel Macron durch die Stimmen des linken Frankreich wiedergew&auml;hlt. Seine politischen Ziele sind bekannt. Dies gilt ebenfalls f&uuml;r die seiner Mannschaft. Die Wahlen Mitte Juni werden nun von vielen Menschen als Chance wahrgenommen, die Pr&auml;sidentschaftswahlen zu korrigieren. &Uuml;ber 80 Prozent der Anh&auml;nger*innen der Linken in Frankreich stehen deshalb hinter dem Projekt NUPES und die Zahl der dissidentischen Kandidaturen im linken Lager bleibt &uuml;berschaubar.<\/p>\n<p>Die Zahlen lauten aktuell: Die NUPES bleibt deutlich vorne (31 Prozent) gefolgt von den Ex-&ldquo;Marschierern&rdquo; (27 Prozent). Deutlich dahinter rangiert der ultrarechte RN (19 Prozent).\n<\/p><\/blockquote><p>NUPES ist also eine gro&szlig;e Chance, ein Durchregieren Macrons zu verhindern. Was indes nicht bedeutet, darauf verweist Chwala, dass es nur sonnige Aspekte zu berichten gibt und NUPES nicht angreifbar sei. Frankreich ist ein in vielerlei Hinsicht tief gespaltenes Land, politisch, sozial, weltanschaulich, in Frankreich grassiert ein intensiver Nationalismus und Rassismus. <\/p><p>Sebastian Chwala sagt zum Thema &bdquo;besondere, b&ouml;se Art von Volkssport&ldquo;, den auch Mitstreiter innerhalb des neuen B&uuml;ndnisses betreiben: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Ich sehe gerade einen perfiden Angriffspunkt innerhalb des Linksb&uuml;ndnisses, es betrifft den Umgang mit den Vorst&auml;dten. Hier steht &bdquo;La France insoumise&ldquo; mit den dortigen, verh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig vielen Aktivist*innen im Kreuzfeuer. In Frankreich ist zum absoluten Volkssport geworden, Franz&ouml;s*innen mit migrantischen Wurzeln zu Staatsfeinden zu erkl&auml;ren, wie es einst so popul&auml;r mit dem franz&ouml;sischen Antisemitismus gewesen war. Unter dem Vorwand, die politische Durchsetzung der Laizit&auml;t vorantreiben zu wollen, stehen alle Menschen, denen ein kultureller Bezug zum Islam unterstellt wird, unter Generalverdacht. Jede Sichtbarkeit des religi&ouml;sen Bekenntnisses soll aus dem &ouml;ffentlichen Raum verschwinden. Gleichzeitig wird unter dem Paradigma der &bdquo;Gleichheit&ldquo; negiert, dass Rassismus und Ausgrenzung &uuml;berhaupt relevante gesellschaftliche Probleme seien. Die Betroffenen br&auml;uchten sich doch nur assimilieren und alle Probleme geh&ouml;rten der Geschichte an. Eine besonders problematische Rolle spielt hier die Kommunistische Partei, die selbst ultralaizistisch unterwegs ist und den bekannten und popul&auml;ren Journalisten Taha Bouhafs zu Fall gebracht hat, der f&uuml;r LFI im Lyoner Banlieu kandidieren sollte, aber in der Vergangenheit immer wieder zur Zielscheibe des etablierten Politik-und Medienbetriebs wurde. Dies nutzte die Kommunistische Partei vor Ort aus, um sich des Mannes zu entledigen. Sie trat eine Kampagne gegen den angeblichen Verteidiger von &bdquo;Parallelgesellschaften&ldquo; los, um so einer lokalen kommunistischen B&uuml;rgermeisterin die nachtr&auml;gliche Nominierung zu erm&ouml;glichen. Und dann geschah es: Nachdem auch noch Parteichef Roussel medienwirksam gegen Bouhafs nachtrat, verzichtete dieser auf seine Nominierung. Klar ist, dass diese Geschehnisse gerade in den Vorst&auml;dten mit Entsetzen aufgenommen werden. Mehr und mehr lokale Komitees denken &uuml;ber eigene Kandidaturen gegen die NUPES nach. Sollte dies passieren, w&auml;re dies ein Schlag in die Magengrube der Linken und erneut ein Beweis der Unf&auml;higkeit der traditionellen franz&ouml;sischen Linken, sich den wirklichen Realit&auml;ten im Lande zu stellen. Es sei allerdings angemerkt, dass in den meisten Wahlkreisen die strategische Union der NUPES bisher ohne Probleme gestartet worden ist.\n<\/p><\/blockquote><p>Der Wahlkampf nimmt Fahrt auf, die Gegner von NUPES kommen in Stimmung und sehen Frankreich im Fall der Wahl M&eacute;lenchons zum Premier auf den Weg in die Diktatur a la Nordkorea, der linke Kandidat wird als Reinkarnation Hugo Chavez&rsquo; verspottet. <\/p><p>Dem Volk aufs Maul geschaut, um zu erfahren, wie die einfachen Menschen ticken, zeigt sich zum Thema in einem Fundst&uuml;ck aus den Medien (Die Zeit, April 2022):<\/p><blockquote><p>\nDas kleine Volk hat sich mit dieser Wahl einen B&auml;rendienst erwiesen. F&uuml;r mich ist Macron kein Pr&auml;sident der Franzosen, sondern ein Pr&auml;sident der Reichen. F&uuml;r uns auf dem Land wird alles immer nur teurer. Ich habe zweimal Marine Le Pen gew&auml;hlt und habe kein Problem damit, das zuzugeben. Sie ist nicht so rassistisch wie ihr Vater und sie ist die einzige, die sich um die Probleme kleiner Leute schert. Vor allem habe ich sie gew&auml;hlt, um Macron zu verhindern. Ich habe wirklich den Rand voll von seiner Arroganz. Der hat sich auf dem Land nur blicken lassen, um Stimmen zu fangen. Jetzt haben wir wieder einen Pr&auml;sidenten, den die Mehrheit hier nicht wollte. Estelle Drezen, 32, h&auml;usliche Pflegehilfe und Markth&auml;ndlerin\n<\/p><\/blockquote><p>Titelbild: BalkansCat\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W&auml;hrend in der Bundesrepublik der Neoliberalismus einen h&ouml;heren Gang eingelegt hat und auch weitere L&auml;nder Europas dank des jeweiligen F&uuml;hrungspersonals nationalistischer, autokratischer, intoleranter und b&uuml;rgerferner ausgerichtet werden, hellt sich bei unseren Nachbarn in Frankreich die gesellschaftliche Lage m&ouml;glicherweise auf. 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