{"id":83877,"date":"2022-05-15T11:45:25","date_gmt":"2022-05-15T09:45:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=83877"},"modified":"2022-05-15T12:34:53","modified_gmt":"2022-05-15T10:34:53","slug":"das-unsichtbare-schwein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=83877","title":{"rendered":"Das unsichtbare Schwein"},"content":{"rendered":"<p>Die &auml;lteste bisher gefundene fig&uuml;rliche Zeichnung von Menschenhand zeigt &ndash; nein, keinen Menschen, sondern ein Schwein. Gefunden in einer H&ouml;hle auf der indonesischen Insel Sulawesi und <a href=\"https:\/\/www.science.org\/doi\/10.1126\/sciadv.abd4648\">neu datiert auf ein Alter von mindestens 45.500 Jahren<\/a>. So lange mindestens besch&auml;ftigen sich die Menschen mit dem Schwein. Aber erst in j&uuml;ngster Zeit haben sie aus dem meistgegessenen Tier eine Industrie gemacht. Zwei aktuelle B&uuml;cher besch&auml;ftigen sich mit dem, was wir aus dem Schwein gemacht haben, nachdem wir es vor rund zehntausend Jahren zu uns nahmen und aus Sus scrofa, dem Wildschwein, Sus scrofa domesticus wurde, das Hausschwein. Wobei: Das Leben, das unsere Hausschweine heute f&uuml;hren m&uuml;ssen, das muten wir ihnen erst in j&uuml;ngster Zeit zu. Wie es dazu kam und wie wir und die Schweine da wieder rauskommen, darum geht es in beiden B&uuml;chern auf sehr unterschiedliche Weise. Lesestoff zur aktuellen Diskussion &uuml;ber Tierhaltung und Fleischverzicht. Von <strong>Florian Schwinn.<\/strong><br>\n<!--more--><br>\n<strong>Saugut &ndash; und ein wenig wie wir<\/strong><\/p><p>Der norwegische Historiker und Journalist Kristoffer Hatteland Endresen <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/saugut-und-ein-wenig-wie-wir.html?listtype=search&amp;searchparam=Kristoffer%20Hatteland%20Endresen\">geht es ganz pers&ouml;nlich an.<\/a> Ein Zeitungsartikel macht ihn via Facebook darauf aufmerksam, dass in seiner Heimat an der S&uuml;dwestk&uuml;ste Norwegens mehr Schweine als Menschen leben. Die erste Reaktion auf diese Nachricht ist Staunen. &bdquo;Das kann doch nicht sein. Warum hatte ich dort nie ein Schwein gesehen? Zwar stamme ich aus der urbanen Gegend um Stavanger, doch war ich mein Leben lang durch J&aelig;ren gefahren und gewandert. In meiner Erinnerung war die Landschaft durch viele Tiere gepr&auml;gt, doch Schweine geh&ouml;rten nicht dazu. Ich kannte sie nur aus Tierg&auml;rten oder Besuchsh&ouml;fen, ein <em>wirkliches<\/em> Schwein, das in die Statistik der industriellen Fleischproduktion eingeht, hatte ich nie zu Gesicht bekommen.&ldquo; Die zweite Reaktion auf die Nachricht von der schweinischen &Uuml;berzahl in seiner Heimat ist journalistische Neugier: Jetzt will der Autor Schweine sehen, wirkliche Schweine.<\/p><p>Er macht sich an die Recherche, schaut in die Geschichtsb&uuml;cher und sammelt Zahlen und mit ihnen Fragen. &bdquo;W&auml;hrend ich dies schreibe, leben in Norwegen ungef&auml;hr 1,6 Millionen Schweine in industriellen Mastbetrieben, in D&auml;nemark betr&auml;gt die Anzahl 29 Millionen.&ldquo; Die zweite Zahl ist eigentlich die erstaunlichere, weil in Norwegen mit 5,5 Millionen Einwohnern immer noch deutlich mehr Menschen leben als Schweine. In D&auml;nemark leben aber auch nur 5,8 Millionen Menschen. Den Vergleich zu Deutschland k&ouml;nnen wir ebenfalls im Buch nachlesen: 10,9 Millionen Schweinemastpl&auml;tze gab es bei uns im vergangenen Jahr.<\/p><p>&bdquo;Wie kann eine Industrie dieses Ausma&szlig;es, die auf lebendigen Tieren solcher Gr&ouml;&szlig;e beruht, f&uuml;r uns v&ouml;llig unsichtbar sein? Was hat dies mit uns getan &ndash; und was mit den Tieren?&ldquo; Das ist die Grundfrage, der dann die Frage folgt: Was wird da eigentlich vor uns verborgen? Jetzt will der Autor in einen dieser modernen Schweinest&auml;lle, die man in der Landschaft meist nur sieht, wenn man wei&szlig;, was man sucht. Er will seinen Blick sch&auml;rfen.<\/p><p><strong>Eine unm&ouml;gliche Begegnung<\/strong><\/p><p>So hei&szlig;t das erste Kapitel des Buches von Kristoffer Hatteland Endresen: Eine unm&ouml;gliche Begegnung. Es scheint ihm anfangs wirklich so, als solle es die Begegnung mit einem &bdquo;wirklichen Schwein&ldquo; nicht geben. Er macht sich auf den Weg nach J&aelig;ren und beginnt eine detektivische Suche, die vor einem Mastbetrieb endet: &bdquo;Wie ist es so weit gekommen&ldquo;, fragt er sich: &bdquo;ich drau&szlig;en und die Schweine drinnen? Es scheint unm&ouml;glich, ihnen von Angesicht zu R&uuml;ssel zu begegnen.&ldquo;<\/p><p>Es gelingt dann doch, einen Betrieb zu finden, der ihn einl&auml;sst. Zun&auml;chst aber findet er sich bei seiner Haus&auml;rztin wieder, die ihm mit langen Wattest&auml;bchen schmerzhaft in Nase und Mund f&auml;hrt und dann auch noch in den Schritt greift. Vor die erste Begegnung mit einem wirklichen Schwein hat das Veterin&auml;ramt den MRSA-Test und zwei Wochen Quarant&auml;ne gesetzt. Der neugierige Gast soll keinesfalls einen multiresistenten Keim in den Schweinestall bringen.<\/p><p>Das sind die Keime, die es meist nur deshalb gibt, weil eben gerade in den Schweinest&auml;llen zu viele Antibiotika eingesetzt wurden und werden. Das sind Keime, die sich bei den Schweinen sehr wohl f&uuml;hlen, ihnen aber gar nichts tun. Einem sehr &auml;hnlichen Tier aber dann doch: uns. Tausende von Toten in den Krankenh&auml;usern durch multiresistente Keime jedes Jahr. Deshalb wird Kristoffer Hatteland Endresen bei seinem ersten Besuch im Schweinestall zus&auml;tzlich zum Test eingepackt in Schutzkleidung wie ein chinesischer Covid-Tester.<\/p><p>Neben den technischen Schwierigkeiten hat der Autor noch das Misstrauen der beiden Schweinebauern zu &uuml;berwinden, die ihm schlie&szlig;lich aber doch glauben, dass er sie mit seinem Buch nicht in die Pfanne haut. Seltsames Sprichwort im Zusammenhang mit der Kotelettproduktion. Letztlich rechtfertigt der Autor aber das Vertrauen der Bauern. Er berichtet ohne Seitenhiebe, was er gelernt hat bei den Bauern, von den Schweinen &ndash; &uuml;ber uns.<\/p><p><strong>Schau ihr in die Augen<\/strong><\/p><p>Und dann wird die bis dahin unm&ouml;gliche Begegnung doch m&ouml;glich. Und der Autor findet eine Sau, deren Ferkel er ab jetzt durch ihr kurzes Leben begleiten will. Zuerst aber trifft er sein &bdquo;wirkliches Schwein&ldquo; nun mehrmals. Er nennt die Sau &bdquo;Nummer 13&ldquo;, nach der Nummer der Box, in der er sie zum ersten Mal sieht. Er besucht sie, als sie gerade ihre Ferkel ges&auml;ugt hat.<\/p><p>&bdquo;Ich hocke mich hin und streichele ihr &uuml;ber den Nacken. Mit einem Mal hebt sie den Kopf und sieht mir in die Augen. Nicht auf die abwesende Weise, die man von Schafen oder K&uuml;hen kennt, bei denen man sich immer fragt, ob die Tiere mental &uuml;berhaupt anwesend sind. Bei Nummer 13 ist das anders; sie sieht mir in die Augen wie ein Mensch. Aber vielleicht projiziere ich da etwas hinein. Andererseits haben ihre Augen etwas, das mich ganz konkret an meine eigenen erinnert. So etwas habe ich vorher noch bei keinem anderen Tier gesehen.&ldquo;<\/p><p>Abgesehen davon, dass ich mich bei Schafen und Ziegen noch nie gefragt habe, ob sie anwesend seien, kenne ich die Frage sehr gut, mit der dieser Absatz endet: &bdquo;Ihre Augen wirken wie magisch auf mich und ich frage mich, was hinter ihnen liegt. Sp&uuml;re ich da &hellip; eine Seele?&ldquo; Was nat&uuml;rlich auch daran liegt, dass die Augen der Schweine bei genauerem Hinsehen den unseren sehr &auml;hnlich sind. Auch deshalb haben wir das Gef&uuml;hl, dass dieses Hinsehen etwas Besonderes ist.<\/p><p><strong>Der andere Blick<\/strong><\/p><p>Kristoffer Hatteland Endresens &bdquo;Geschichte &uuml;ber das Schwein&ldquo; ist durchweg von genauerem Hinsehen gepr&auml;gt. Er schaut auch auf die Menschen, die mit und von den Schweinen leben. Wir lernen auch die Bauern kennen und ihre Probleme. Nachdem ihr anf&auml;ngliches Misstrauen einem Vertrauensvorschuss gewichen ist.<\/p><p>Am Anfang der neuen Schweineleben, die Nummer 13 geboren hat, h&auml;lt der Autor eines ihrer neugeborenen Ferkel im Arm und ist um dessen Leben besorgt; wie um das seines Sohnes, der auch gerade erst geboren wurde. Am Ende f&auml;hrt er mit den Schweinen, die er durch ihr Leben begleitet hat, zum Schlachthof. Und wir lernen auch den Fahrer kennen, der sie auf ihrem letzten Weg begleitet, der zugleich ihr erster au&szlig;erhalb des Stalls ist.<\/p><p>Am Ende ist Kristoffer Hatteland Endresen nicht zum Veganer geworden, nicht einmal zum Vegetarier. Aber sein Verh&auml;ltnis zum Tier und zum Fleisch ist ein anderes. Genau so wird es seinen Leserinnen und Lesern wohl auch ergehen, mindestens.<\/p><p>Und n&auml;chste Woche an dieser Stelle die Vorstellung des zweiten aktuellen &bdquo;Schweinebuches&ldquo;.<\/p><p>Titelbild: l i g h t p o e t\/shutterstock.com<\/p><p><em>Und hier die Verlagsseite zu <a href=\"https:\/\/www.westendverlag.de\/buch\/saugut-und-ein-wenig-wie-wir\/\">Kristoffer Hatteland Endresen: Saugut &ndash; und ein wenig wie wir. Eine Geschichte &uuml;ber das Schwein<\/a> <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die &auml;lteste bisher gefundene fig&uuml;rliche Zeichnung von Menschenhand zeigt &ndash; nein, keinen Menschen, sondern ein Schwein. Gefunden in einer H&ouml;hle auf der indonesischen Insel Sulawesi und <a href=\"https:\/\/www.science.org\/doi\/10.1126\/sciadv.abd4648\">neu datiert auf ein Alter von mindestens 45.500 Jahren<\/a>. So lange mindestens besch&auml;ftigen sich die Menschen mit dem Schwein. 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