{"id":8396,"date":"2011-02-19T18:39:27","date_gmt":"2011-02-19T17:39:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=8396"},"modified":"2014-07-28T15:53:18","modified_gmt":"2014-07-28T13:53:18","slug":"das-baeumchen-wechsel-dich-spiel-in-hamburg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=8396","title":{"rendered":"Das \u201eB\u00e4umchen-wechsel-dich\u201c-Spiel in Hamburg"},"content":{"rendered":"<p>Der Wahlsieg von Olaf Scholz bei den B&uuml;rgerschaftswahlen wird von der SPD-Rechten und vielen Medien als Beleg daf&uuml;r genommen werden, dass die Sozialdemokraten nur mit einer Politik der &bdquo;Mitte&ldquo; wieder regierungsf&auml;hig sind und dass das unbeirrte Festhalten an der schr&ouml;derschen Agenda-Politik auf Dauer erfolgreich ist. Dabei ist der Erfolg der SPD nur der Schw&auml;che der hamburgischen CDU zu verdanken. Wenn sich SPD und CDU derart angleichen, so enden Wahlen in einem &bdquo;B&auml;umchen-wechsel-dich&ldquo;-Spiel des gegenseitigen Scheiterns, bis dass die W&auml;hlerinnen und W&auml;hler nicht nur die Lust am W&auml;hlen sondern auch noch an der Demokratie verlieren. Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><br>\nNach allen <a href=\"http:\/\/www.wahlrecht.de\/umfragen\/landtage\/hamburg.htm\">Umfragen<\/a> wird die SPD bei den B&uuml;rgerschaftswahlen in Hamburg deutlich &uuml;ber 40 Prozent der Stimmen bekommen. Sie k&ouml;nnte damit ihren Stimmenanteil gegen&uuml;ber der letzten B&uuml;rgerschaftswahl im Jahre 2008 um die 10 Prozentpunkte verbessern, gegen&uuml;ber der Bundestagswahl im Jahr 2009 gar um die 15 Prozentpunkte. Umgekehrt wird voraussichtlich die CDU zweistellig einbrechen und statt 42,6% vielleicht noch um die 25% der Stimmen erzielen &ndash; ein &auml;hnliches Ergebnis &uuml;brigens, wie bei der Bundestagswahl. Die GAL (also die Hamburger Gr&uuml;nen) d&uuml;rften noch etwas von dem derzeitigen H&ouml;henflug der Gr&uuml;nen profitierten und um ein paar Prozentpunkte auf etwa 15% zulegen. Vor allem die FDP muss auch diesmal um ihren Einzug in die B&uuml;rgerschaft bangen und wahrscheinlich k&ouml;nnte es DIE LINKE so gerade noch schaffen.<\/p><p>Die SPD wird dieses Ergebnis als gro&szlig;en Erfolg ihres Kandidaten Olaf Scholz und dessen exzellenten Wahlkampf feiern. Der Parteivorsitzende Gabriel wird verk&uuml;nden, dass die SPD wieder da ist und dass sie siegen kann. <\/p><p>Vor allem gest&uuml;tzt durch die Medien werden die Schr&ouml;derianer in der SPD, also vor allem Steinmeier, Steinbr&uuml;ck, Kahrs oder der Seeheimer Kreis des rechten SPD-Fl&uuml;gels den Erfolg von Olaf Scholz, als Sieg eines der Ihren feiern und den Wahlsieg als Best&auml;tigung f&uuml;r das Festhalten am Agenda-Kurs interpretieren. Sie werden behaupten, dass dieses Ergebnis eine politische Signalwirkung f&uuml;r die gesamte Republik habe. Es sei der Beleg daf&uuml;r, dass die SPD nur in der &bdquo;Mitte&ldquo; wieder mehrheitsf&auml;hig werde, dass es v&ouml;llig falsch w&auml;re das Thema soziale Gerechtigkeit nach vorne zu stellen und das Hartz IV oder die Rente mit 67 inzwischen von der Bev&ouml;lkerung akzeptiert und als notwendige &bdquo;Reformen&ldquo; gar honoriert w&uuml;rden. Kurz: Es gebe keinen Grund mehr, am &bdquo;Agenda&ldquo;-Kurs zu zweifeln und die Linksparatei k&ouml;nne man einfach links liegen lassen.<\/p><p>Die SPD-Rechte kann dabei sogar darauf verweisen, dass Olaf Scholz seinen Wahlkampf genau auf dieser Linie gef&uuml;hrt habe. Er hat mit seinen Themen <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2011\/08\/Hamburg-Wahl-SPD\">weit in die &bdquo;Mitte&ldquo; ausgegriffen<\/a>, z.B. in dem er den Pr&auml;ses der Handelskammer als k&uuml;nftigen Wirtschaftssenator auserkoren hat. Scholz &bdquo;schr&ouml;derte&ldquo; sich durch den Wahlkampf, so schrieb sogar der <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/0,1518,743147,00.html\">Spiegel<\/a> richtig &ndash; und grub mit seinen &bdquo;Wirtschaftswahlkampf&ldquo; der CDU das Wasser ab. &bdquo;Vernunft, Klarheit, Verantwortung&ldquo; lie&szlig; Scholz plakatieren, von klassischen sozialdemokratischen Themen, wie soziale Gerechtigkeit oder von der wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich auch in Hamburg war kaum etwas zu h&ouml;ren. Daf&uuml;r um so mehr vom &bdquo;Sparen&ldquo;, nicht etwa am mit seinen Kosten explodierenden Prestigesobjekt &bdquo;Elbphilharmonie&ldquo;, sondern vom Stellen streichen, von der Ablehnung der Stadtbahn, selbst bei den Studiengeb&uuml;hren &bdquo;eierte&ldquo; Scholz herum. Von den Gr&uuml;nen grenzte er sich in einer Weise ab, dass man meinen konnte, er wollte sie wieder ins Lager der CDU treiben. <\/p><p>Es ist ihm gelungen, seine Rolle als Generalsekret&auml;r in der Schr&ouml;der-Zeit und als innerparteilicher Exekutor der Agenda 2010 v&ouml;llig unter den Teppich zu kehren. Vor einem Jahr noch, wollte er sogar noch <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/s\/Rub594835B672714A1DB1A121534F010EE1\/Doc~EF30638B925F34F699CBDCC9483DB7D71~ATpl~Ecommon~Scontent.html\">mit Westerwelle &bdquo;regieren&ldquo;<\/a> und er erkl&auml;rte die gro&szlig;e Koalition zu einer &bdquo;erfolgreichen Regierungszeit der SPD&ldquo;. (Dass die SPD danach mit 23% ihr schlechtestes Ergebnis erzielt hat, hat er offenbar verdr&auml;ngt.) Er vertrat im Wahlkampf ein weitgehend konservatives Politikkonzept, das ausschlie&szlig;lich auf das Scheitern der CDU setzt. Eine echte politische oder gar sozialdemokratische Alternative bot Scholz jedenfalls nicht.<\/p><p>Die Zustimmung f&uuml;r Olaf Scholz (&uuml;ber 60%) &ndash; er liegt mit weitem Abstand vor seinem Gegenkandidaten Christoph Ahlhaus (nur noch unter 30%) &ndash; ist jedoch weniger ein Erfolg der SPD als vielmehr ein Vertrauensverlust der CDU und ihres Spitzenkandidaten. Nach dem Scheitern der schwarz-gr&uuml;nen Koalition und vor allem nach dem R&uuml;ckzug von Ole von Beust als Integrationsfigur steht die CDU personell ausgeblutet da und ist politisch geradezu implodiert. Da sie kein eigenes Profil mehr aufweist, leidet die hamburgische CDU unter der Schw&auml;che der Bundespartei. Liberale und selbst konservative W&auml;hler liefen zur SPD &uuml;ber.<br>\nEs wird eben die Partei gew&auml;hlt, die aus der Sicht vieler W&auml;hlerinnen und W&auml;hler noch &uuml;brig bleibt. Der zu erwartende Wahlsieg der SPD ist kein Verdienst von Olaf Scholz, sondern er resultiert aus der Schw&auml;che der CDU. <\/p><p>Wenn aus dieser sehr speziellen hamburgischen Situation nun ein Erfolg f&uuml;r eine konservative SPD-Politik abgeleitet wird, so k&ouml;nnte sich das schon bei den n&auml;chsten Landtagswahlen wieder einmal als ein Trugschluss herausstellen. Denn ohne eine wirkliche sozialdemokratische Alternative wird sich bestenfalls ein &bdquo;B&auml;umchen-wechsel-dich&ldquo;-Spiel einstellen: Mit einer nicht erneuerten Politik kann die SPD gegen&uuml;ber einer gescheiterten CDU zwar wieder an die Regierung gelangen, doch wenn sie dann regiert, verliert sie weiter ihre Anh&auml;nger und auch Mitglieder, weil die Ergebnisse nicht viel anders sind, als wenn die CDU regierte. Danach wird sie halt wieder in die Opposition geschickt und wieder darauf warten m&uuml;ssen, dass die CDU erneut scheitert.<\/p><p>Das wechselseitige Scheitern wird dann so weiter gehen bis die W&auml;hlerinnen und W&auml;hler &ndash; um auf das Bild mit dem Kinderspiel zur&uuml;ckzukommen &ndash; keine Lust mehr haben, zur Wahlurne zu gehen. Dieses wechselseitige Scheitern mit dem gleichen oder &auml;hnlichen Politikkonzept kann eigentlich nur noch zu mehr Politik- wenn nicht gar zu Demokratieverdrossenheit f&uuml;hren. <\/p><p>Das Ergebnis wird sein, dass insbesondere die SPD weiter an Zustimmung verlieren wird und im Trend jedenfalls noch weiter absacken wird, als sie derzeit schon abgesackt ist. Eine solche Strategie erinnert an den Witz mit dem Irren, der mit dem Kopf gegen die Wand rennt und sich dar&uuml;ber freut, dass der Schmerz nachl&auml;sst.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Wahlsieg von Olaf Scholz bei den B&uuml;rgerschaftswahlen wird von der SPD-Rechten und vielen Medien als Beleg daf&uuml;r genommen werden, dass die Sozialdemokraten nur mit einer Politik der &bdquo;Mitte&ldquo; wieder regierungsf&auml;hig sind und dass das unbeirrte Festhalten an der schr&ouml;derschen Agenda-Politik auf Dauer erfolgreich ist. 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