{"id":83968,"date":"2022-05-18T08:12:29","date_gmt":"2022-05-18T06:12:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=83968"},"modified":"2022-05-18T09:54:27","modified_gmt":"2022-05-18T07:54:27","slug":"die-mentalen-verwuestungen-der-russophobie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=83968","title":{"rendered":"Die mentalen Verw\u00fcstungen der Russophobie"},"content":{"rendered":"<p>In &bdquo;Die Traumdeutung&ldquo; sagt Sigmund Freud zur Phobie: &bdquo;Wir erfahren so, dass das Symptom konstituiert worden ist, um den Ausbruch der Angst zu verh&uuml;ten; die Phobie ist der Angst wie eine Grenzfestung vorgelegt.&ldquo; Will hei&szlig;en: Eine Phobie schirmt gegen die Realit&auml;t ab. Von Eckart Leiser [<a href=\"#foot_*\" name=\"note_*\">*<\/a>]<br>\n<!--more--><br>\nDiese Tage in einer SMS von einem guten Freund: &bdquo;Putin ist ein &auml;hnlich gef&auml;hrlicher Diktator wie Hitler&hellip; Ein einzelner kranker Mann darf nicht die Menschheitsgeschichte bestimmen. Putin muss durch Gewalt wie Hitler gestoppt werden. Das wird leider viele ukrainische Opfer dauern.&ldquo; Ausl&ouml;ser war dieser ihm zugeschickte Leserbrief an die NZZ: &bdquo;Russland hatte Ende 2021 seine sehr konkreten Vorschl&auml;ge im Rahmen des Minsker Formats zur L&ouml;sung des Donbas-Konflikts ver&ouml;ffentlicht. Im Westen Emp&ouml;rung &uuml;ber den diplomatischen Stilbruch. Antwort in der Sache keine, weil Selenski mauerte&hellip; Bis heute Schweigen.&ldquo; Der Freund, Psychotherapeut im Ruhestand, stellt hier fr&ouml;hlich die Diagnose &bdquo;kranker Mann&ldquo;, ohne jeden diagnostischen Anhaltspunkt.<\/p><p>Am gleichen Abend eine ungew&ouml;hnlich klare Einsch&auml;tzung von Dohnanyi in der Talkshow bei Maischberger zur Blockierung der Kernforderung von Putin seitens der USA, &uuml;ber Selenskis Angebot der Neutralit&auml;t der Ukraine zu verhandeln. Dazu noch die Warnung, Putin zu d&auml;monisieren. Maischberger, unf&auml;hig, auch nur zuzuh&ouml;ren und resistent gegen alle vorgebrachten Fakten, schafft es mit M&uuml;h und Not und zunehmend genervt, Dohnanyis Auslassungen als exotische Variante der Meinungsfreiheit durchgehen zu lassen.<\/p><p>Der obengenannte Freund z&auml;hlt zur sogenannten &bdquo;Altlinken&ldquo;. Auch diese hat es anscheinend nie geschafft, sich von ihrer mit der Muttermilch aufgenommenen Russophobie zu befreien und die Russen zumindest als &bdquo;normale menschliche Wesen&ldquo; wahrzunehmen: die Angst vor den Russen wurde lediglich &uuml;berlagert durch eine Glorifizierung der Sowjetunion aus der Perspektive von Delegationsfahrten. Ein Tabu hatte diese versteckte Russophobie bisher allerdings gewahrt: Nach dem Abschlachten von 27 Millionen Sowjetb&uuml;rgern sollten mit deutscher Hilfe nicht noch einmal Russen liquidiert werden. Das war ja bis vor kurzem genau die Grenze zwischen defensiven und offensiven Waffen. Mit der Lieferung &bdquo;schwerer Waffen&ldquo; ist dieses Tabu nun gebrochen worden.<\/p><p>Um zum Vergleich (der ja kein Einzelfall ist) von Putin mit Hitler zur&uuml;ckzukehren, k&ouml;nnte man als Psychoanalytiker noch einen Schritt weitergehen. Wie die Entwicklung der letzten Jahre in Deutschland zeigt, &bdquo;ist der Scho&szlig;, der das gebar&ldquo;, n&auml;mlich Hitler, Naziherrschaft und Antisemitismus, durchaus noch fruchtbar. Das Profil dieser &bdquo;Neugeburt&ldquo; sind nicht mehr die gestiefelten &bdquo;Dumpfbacken&ldquo;, sondern gepflegte Damen und Herren mit Schlips und Kragen, die immer mehr die Feuilletons, Kommentarspalten und Talkshows bev&ouml;lkern. Das neue &bdquo;Narrativ&ldquo; (so hei&szlig;t das ja heute) ist die deutsche Kultur bis hin zum Identit&auml;ren (was abgestuft funktioniert: Schutz der deutschen Kultur vor der &bdquo;Umvolkung&ldquo;, ukrainische Fl&uuml;chtlinge d&uuml;rfen umarmt werden, die von au&szlig;erhalb Europas kommenden d&uuml;rfen an der polnischen Grenze verrecken, und die russischen &ldquo;Horden&rdquo; geh&ouml;ren vernichtet). Was aus dem Versuch geworden ist, deutsche &bdquo;Kulturwerte&ldquo; durch europ&auml;ische zu entstauben, kann am Beispiel Ukraine besichtigt werden: Von der Leyen betreibt den EU-Beitritt des Landes im Schnellverfahren, w&auml;hrend der von der britischen Zeitschrift &bdquo;The Economist&ldquo; berechnete Demokratie-Index dort im Jahr 2021 gefallen ist: von 5,81 auf 5,57. Das Land bleibt aber noch in der Kategorie &bdquo;hybrides System&ldquo; (eine Stufe vor der untersten Kategorie, der &bdquo;Autokratie&ldquo;). <\/p><p>Noch ist es jedoch nicht soweit, dass Hitler wieder salonf&auml;hig w&auml;re. Aber immerhin dient er wieder zum Befeuern der Russophobie: Der in unserem Unbewussten steckende Hitler wird auf Putin projiziert, der sodann als Vertreter des russischen &bdquo;Untermenschen&ldquo; gehasst und zur Liquidierung freigegeben werden darf. Mit der Ausrottung der Millionen Putins, die am 9. Mai demonstriert haben und die inzwischen mit Russland identifiziert werden, kann der &Uuml;berfall auf die Sowjetunion 1941 vielleicht doch noch zu einem erfolgreichen Ende gebracht werden.<\/p><p>Dieser Mechanismus ist anscheinend resistent gegen jegliches Gegenmittel und gegen jede Art von historischen Fakten. Beispiel: Inzwischen gibt es eine offizielle Liste russischer Verbrechen, die von Politikern und Medien am laufenden Band heruntergebetet werden: Georgien, Syrien, Krim, Donbas und jetzt der Angriff auf die Ukraine. Man reibt sich die Augen: Georgien, was war denn da nur? Grabungen im Ged&auml;chtnis ergeben: der georgische Pr&auml;sident Saakaschwili hatte am 8. August 2008 S&uuml;dossetien angegriffen, das sich zu diesem Zeitpunkt nach vielen Konflikten mit Georgien einer faktischen und von Russland gesch&uuml;tzten Autonomie erfreute. Erst nach dieser gewaltsamen Ver&auml;nderung des <em>status quo<\/em> griff Russland milit&auml;risch ein und stoppte die georgische Offensive. Eine eigenartige Definition von &bdquo;Angriffskrieg&ldquo; oder besser gesagt: eine plumpe Geschichtsf&auml;lschung. Die Antwort dazu aus dem pers&ouml;nlichen akademischen Umfeld ist aber: Solche historischen Richtigstellungen sind reine Ideologie!<\/p><p>Und Syrien, das n&auml;chste &bdquo;Verbrechen&ldquo; Putins, was war denn da nur? Grabungen im Ged&auml;chtnis ergeben diesmal: Es ging dort um die Bek&auml;mpfung des IS, und der zu recht Aversion ausl&ouml;sende Assad, nichtsdestotrotz Pr&auml;sident eines souver&auml;nen Staates, hatte Russland um Hilfe gebeten, im Unterschied zu der eigenm&auml;chtigen (und erfolglosen) milit&auml;rischen Einmischung der USA. W&auml;re es nicht logisch, Aleppo zumindest gegen die Gr&auml;uel des von Russland besiegten IS abzuw&auml;gen, bevor Putin zum Kriegsverbrecher erkl&auml;rt wird?<\/p><p>Wohlgemerkt: bei der letzten S&uuml;nde, dem v&ouml;lkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen die Ukraine, besteht Einigkeit.<\/p><p>Nach anf&auml;nglicher Sperre gelingt es schlie&szlig;lich, einen Kommentar in <em>Spiegel online<\/em> freigeschaltet zu bekommen: <\/p><blockquote><p>&bdquo;Was mich so fassungslos macht, ist die Frivolit&auml;t, mit der Politiker sich f&uuml;r die Lieferung schwerer Waffen entscheiden, ohne auch nur das Risiko eines Atomkriegs zu erw&auml;hnen oder es gar abzusch&auml;tzen.<br>\nWas mich noch fassungsloser macht, ist das Reden &uuml;ber die Notwendigkeit, diesen Krieg zu gewinnen. W&auml;hrend des Kalten Krieges war man sich immerhin einig, dass es bei einem Atomkrieg keine Gewinner geben wird, da das Ergebnis das Ausl&ouml;schen der Menschheit w&auml;re. Und wie zum Teufel kann man glauben, dass Russland, eine Atommacht, die obendrein noch angeblich von einer Art &bdquo;Satan&ldquo; gef&uuml;hrt wird, ein &bdquo;Verlieren&ldquo; dieses Krieges zulassen w&uuml;rde?<br>\nWas mich weniger fassungslos macht, sind die total manipulierten Medien. Zu den angeprangerten geopolitischen Interessen Russlands: Mit keinem Wort wird die bis heute g&uuml;ltige Monroedoktrin erw&auml;hnt, die ganz Lateinamerika zum Interessengebiet der USA erkl&auml;rt und mit der eine Unzahl von milit&auml;rischen Interventionen (=Angriffskriege) der USA gerechtfertigt wurden und werden (aktuell Venezuela!). Und was ist mit dem Angriffskrieg gegen Irak und den folgenden Kriegsverbrechen mit gesch&auml;tzten 600.000 zivilen Opfern? (f&uuml;r deren Aufdeckung Julian Assange &uuml;ber 100 Jahre Haft drohen). Oder was war mit der &bdquo;territorialen Integrit&auml;t&ldquo; Jugoslawiens? Beredtes Schweigen oder historische Demenz?&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>V&ouml;llig sinnloser Eifer. Reaktion: eine Vielzahl von &bdquo;dislikes&ldquo; und Belehrungen: Man darf doch Missetaten nicht aufrechnen. Und was die russischen Untermenschen machen (Vergewaltigungen!) ist per se mit keinem anderen Verbrechen vergleichbar. (Dar&uuml;ber hatte ja &uuml;briges die Nazipropaganda schon angesichts der vorr&uuml;ckenden Roten Armee alles gesagt &ndash; in der DNA des russischen Soldaten stecken nun mal die Vergewaltigungen).<\/p><p>Die durch die Russophobie angerichteten Verw&uuml;stungen in den K&ouml;pfen der Deutschen haben inzwischen einen Grad erreicht, der jede Gegenwehr sinnlos macht. Am Ende bleibt man als &bdquo;Putinversteher&ldquo;, Relativierer oder unheilbarer Nostalgiker der Sowjetunion allein auf weiter Flur.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>[<a href=\"#note_*\" name=\"foot_*\">&laquo;*<\/a>] Eckart Leiser, Prof. Dr., ist Privatdozent an der Freien Universit&auml;t Berlin und arbeitet als Psychotherapeut in eigener Praxis in Saragossa (Spanien). Seine Arbeitsschwerpunkte sind die epistemologischen Grundlagen der Psychologie sowie strukturale Anthropologie und Psychoanalyse. Lehrt&auml;tigkeit in Frankfurt, Berlin, Mexiko-Stadt, Wien, Madrid, Saragossa und Buenos Aires.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In &bdquo;Die Traumdeutung&ldquo; sagt Sigmund Freud zur Phobie: &bdquo;Wir erfahren so, dass das Symptom konstituiert worden ist, um den Ausbruch der Angst zu verh&uuml;ten; die Phobie ist der Angst wie eine Grenzfestung vorgelegt.&ldquo; Will hei&szlig;en: Eine Phobie schirmt gegen die Realit&auml;t ab. 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