{"id":84027,"date":"2022-05-19T08:20:55","date_gmt":"2022-05-19T06:20:55","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=84027"},"modified":"2022-05-19T09:31:10","modified_gmt":"2022-05-19T07:31:10","slug":"koreanische-halbinsel-rueckfall-in-die-konfrontation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=84027","title":{"rendered":"Koreanische Halbinsel: R\u00fcckfall in die Konfrontation"},"content":{"rendered":"<p>Seit dem 10. Mai amtiert mit dem fr&uuml;heren Generalstaatsanwalt Yoon Suk-Yeol (61) ein neuer Pr&auml;sident der Republik Korea (ROK &ndash; S&uuml;dkorea) in Seoul. W&auml;hrend sein Vorg&auml;nger Moon Jae-In wenigstens darauf bedacht war, gegen&uuml;ber der Demokratischen Volksrepublik Korea (DVRK &ndash; Nordkorea) einen sorgsam austarierten Kurs der Vers&ouml;hnung und Ann&auml;herung zu verfolgen, polterte Yoon bereits im Wahlkampf martialisch gegen die DVRK. Kein verhei&szlig;ungsvoller Start seiner f&uuml;nf Jahre w&auml;hrenden Amtszeit. Ein Kommentar von <strong>Rainer Werning<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nUnvergessen sind und bleiben die schrillen Kriegst&ouml;ne, die Yoon als Kandidat der konservativen People Power Party w&auml;hrend einer Pr&auml;sidentschaftsdebatte im Februar anschlug, als er w&ouml;rtlich erkl&auml;rte:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Frieden kann nur aufrechterhalten werden, wenn es eine starke Abschreckung gibt. Ein Krieg kann nur verhindert werden, wenn man sich die F&auml;higkeit zu einem Pr&auml;ventivschlag sichert und den Willen zeigt, diesen auch durchzuf&uuml;hren. Wie wir in der Ukraine gesehen haben, k&ouml;nnen die nationale Sicherheit und der Frieden eines Landes nicht mit Papier und Tinte gesch&uuml;tzt werden.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Etwa 40.000 Menschen waren am Dienstag, dem 10. Mai 2022, vor dem Geb&auml;ude der Nationalversammlung in S&uuml;dkoreas Hauptstadt Seoul erschienen, um an der feierlichen Zeremonie der Amtseinf&uuml;hrung des neuen Pr&auml;sidenten teilzunehmen. Mit 3,3 Milliarden Won (umgerechnet 2,6 Millionen US-Dollar) war sie die bis dato aufw&auml;ndigste und teuerste ihrer Art. Der aus dem Amt scheidende Pr&auml;sident Moon und die angeklagte Ex-Pr&auml;sidentin Park Geun-Hye, die k&uuml;rzlich begnadigt und aus dem Gef&auml;ngnis entlassen wurde, waren ebenso anwesend wie Douglas Emhoff, der Ehemann von US-Vizepr&auml;sidentin Kamala Harris. US-Pr&auml;sident Joe Biden hatte ihn mit der Leitung einer achtk&ouml;pfigen Delegation zu der Veranstaltung beauftragt. Auch Japan und die Volksrepublik China hatten hochrangige Vertreter nach Seoul geschickt, um gegen&uuml;ber Yoon Goodwill zu demonstrieren. Die Zeremonie wurde von marschierenden Armeekapellen, Soldaten in Festkleidung sowie einem 21-Schuss-Salut begleitet.<\/p><p><strong>&bdquo;Multiple Probleme&ldquo;<\/strong><\/p><p>Vorrangiges Anliegen der neuen Regierung sei es, so Yoon in seiner Antrittsrede w&ouml;rtlich, eine Nation wiederherzustellen, die &bdquo;ganz und gar dem Volk geh&ouml;rt&ldquo;. Dies solle auf &bdquo;der Grundlage der freien Demokratie und der Marktwirtschaft&ldquo; geschehen. Als neuer Pr&auml;sident wolle er den Forderungen der Zeit entsprechen, damit das Land seine Verantwortung und Rolle innerhalb der internationalen Gemeinschaft erf&uuml;lle. Die Covid-19-Pandemie, Lieferkettenprobleme, der Klimawandel, Nahrungs- und Energieknappheit sowie geringes Wachstum und politische Polarisierung bezeichnete er als &bdquo;multiple Probleme&ldquo;, die von der aktuellen Politik wegen einer Krise der Demokratie nicht h&auml;tten bewerkstelligt werden k&ouml;nnen.<\/p><p>Ein Anti-Intellektualismus, so der neue Pr&auml;sident, habe bei Meinungsunterschieden zwischen verschiedenen politischen Gruppen zur Verzerrung der Wahrheit gef&uuml;hrt und so die Demokratie gef&auml;hrdet. Es gelte nunmehr, die Werte der Freiheit neu zu definieren, um solche Krisen zu &uuml;berwinden. Geflissentlich verschwieg Yoon in diesem Zusammenhang die Rolle seines eigenen politischen Lagers, das in dem mit harten Bandagen, frauenfeindlichen Statements und pers&ouml;nlichen Beleidigungen gespickten Wahlkampf punkten wollte und auf diese Weise vor allem unter jugendlichen W&auml;hlern reichlich Verdruss sch&uuml;rte. Die n&auml;mlich plagen andere Sorgen: Dauerstress von Kindesbeinen an, hohe Mieten, unerschwingliche Immobilienpreise, wachsende Arbeitslosigkeit, d&uuml;stere Jobaussichten. Nach wie vor leidet die mittlerweile weltweit zehntst&auml;rkste Wirtschaftsmacht (gemessen am Bruttoinlandsprodukt) unter schweren sozialen Problemen: In der OECD, der Organisation f&uuml;r wirtschaftliche Entwicklung, rangiert S&uuml;dkorea unter jenen L&auml;ndern, die die h&ouml;chste Selbstmordrate unter Jugendlichen aufweisen und wo Kinder im weltweiten Ma&szlig;stab mit zu den ungl&uuml;cklichsten geh&ouml;ren.<\/p><p>Zum Wirtschaftswachstum &auml;u&szlig;erte Yoon, dass nur Wissenschaft, Technologie und Innovation Gelegenheiten f&uuml;r einen Sprung des Landes nach vorne und schnelles Wachstum b&ouml;ten. An die Adresse Nordkoreas gerichtet, erkl&auml;rte der Pr&auml;sident, er werde Pj&ouml;ngjang mit einem &bdquo;k&uuml;hnen Plan&ldquo; helfen, die Wirtschaftskraft der Volksrepublik wiederzubeleben und anzukurbeln. Allerdings unter der Voraussetzung, deren politische F&uuml;hrung unternehme ernsthafte Schritte in Richtung einer Denuklearisierung. Eine auch seitens der &bdquo;Schutzmacht&ldquo; USA fortlaufend ge&auml;u&szlig;erte Forderung, die hohl bleibt, solange nicht das Gegenseitigkeitsprinzip gilt, wonach im Gegenzug eine Lockerung von Sanktionen in Aussicht gestellt wird. Um seine martialischen Wahlkampft&ouml;ne etwas zu d&auml;mpfen, signalisierte Yoon, die T&uuml;r zum Dialog mit Pj&ouml;ngjang ge&ouml;ffnet zu halten. S&uuml;dkoreas designierter Vereinigungsminister Kwon Young-Se sprach in diesem Zusammenhang sibyllinisch von einer &bdquo;flexiblen Harmonie&ldquo;. Darunter versteht er das Ber&uuml;cksichtigen von Prinzipien in Verbindung mit Praktikabilit&auml;t.<\/p><p>Da Nordkorea nach gut zweij&auml;hriger Abschottung vor wenigen Tage die ersten Covid-19-Erkrankungen mit t&ouml;dlichem Ausgang meldete, bleibt abzuwarten, ob und in welchem Ma&szlig;e da der &bdquo;s&uuml;dliche Bruder&ldquo; medizinische Hilfe im Geiste &bdquo;flexibler Harmonie&ldquo; leistet. Unter Moon Jae-In verfolgte Seoul immerhin eine Politik des Engagements gegen&uuml;ber Pj&ouml;ngjang und agierte als entscheidender Vermittler des Gipfeltreffens zwischen Nordkoreas Staatschef Kim Jong-Un und dem damaligen US-Pr&auml;sidenten Donald Trump. Doch <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=49600\">die Gespr&auml;che<\/a> scheiterten Anfang 2019 in der vietnamesischen Hauptstadt Hanoi und harren bis dato eines neuerlichen Impetus.<\/p><p><strong>&bdquo;Proimperialistisch&ldquo; und &bdquo;US-h&ouml;rig&ldquo;<\/strong><\/p><p>In Pj&ouml;ngjang &uuml;berwiegt derweil die Skepsis Yoon gegen&uuml;ber, den die nordkoreanische Propaganda bereits vor seinem Amtsantritt als &bdquo;proimperialistisch&ldquo; und &bdquo;US-h&ouml;rig&ldquo; kritisierte. Nordkorea hat in diesem Jahr bereits 15 Raketenstarts durchgef&uuml;hrt und im M&auml;rz mit dem Abschuss einer Interkontinentalrakete sein selbst auferlegtes Moratorium f&uuml;r Langstreckenraketentests nach mehr als vier Jahren beendet. Dar&uuml;ber hinaus zeigt sich der Norden erbost &uuml;ber fortgesetzte gemeinsame Milit&auml;r&uuml;bungen zwischen den USA und S&uuml;dkorea. Es betrachtet diese als provokante Kriegsproben, was Seoul und Washington ihrerseits als unhaltbare Anschuldigung zur&uuml;ckweisen.<\/p><p>Ausgerechnet am Tag von Yoons Amtsantritt, am 10. Mai, erschien Generalleutnant Scott Berrier, Direktor des US-Verteidigungsnachrichtendienstes, auf dem Capitol Hill in Washington und erkl&auml;rte w&auml;hrend einer Haushaltsanh&ouml;rung des Streitkr&auml;fteausschusses des Senats zur Einsch&auml;tzung der globalen Bedrohungslage:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Wir gehen davon aus, dass Nordkorea seine nuklearen, raketengest&uuml;tzten und milit&auml;rischen Modernisierungsbem&uuml;hungen im Jahr 2022 fortsetzen wird, um seine strategische Abschreckung zu st&auml;rken und den milit&auml;rischen F&auml;higkeiten der amerikanisch-s&uuml;dkoreanischen Allianz entgegenzuwirken.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Des Weiteren hei&szlig;t es in Berriers Bericht:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Um die St&auml;rke und Entschlossenheit Nordkoreas zu demonstrieren, k&ouml;nnte die F&uuml;hrung weitere Raketentests verschiedener ballistischer und Marschflugk&ouml;rper in Erw&auml;gung ziehen, einen Cyberangriff oder einen weiteren Atomtest durchf&uuml;hren (&hellip;) Nordkorea wird wahrscheinlich weiterhin seine Handlungen rechtfertigen, indem es die US-Politik, die milit&auml;rische Modernisierung S&uuml;dkoreas und die gemeinsamen Milit&auml;r&uuml;bungen der USA und S&uuml;dkoreas als Vorwand benutzt, um die milit&auml;rischen Fortschritte Nordkoreas zu normalisieren.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Die &Auml;u&szlig;erungen des Generalleutnants f&uuml;gen sich in Spekulationen ein, dass Pj&ouml;ngjang eventuell noch in diesem Monat einen neuerlichen Atomtest durchf&uuml;hren k&ouml;nnte, um auf diese Weise sein Druckmittel bei m&ouml;glichen Verhandlungen mit den USA zu verst&auml;rken.<\/p><p><strong>Neuer Amtssitz, neue Japanpolitik<\/strong><\/p><p>Yoon, dessen Wahlsieg nur denkbar d&uuml;nn ausfiel und der sich gegen eine oppositionelle Mehrheit in der Nationalversammlung behaupten muss, vollzog einen wenig popul&auml;ren Schritt, als er sich f&uuml;r die Verlegung des Pr&auml;sidialamtes aus dem jahrzehntealten Blauen Haus aussprach. Kritisiert wird in der &Ouml;ffentlichkeit, dass dies unn&ouml;tig sei und vor allem einen kostspieligen Umzug bedeutet.<\/p><p>Yoon bezeichnete das Blaue Haus, das sich an einem Ort befindet, der von 1910 bis 1945 von der japanischen Kolonialverwaltung genutzt wurde, als &bdquo;Symbol der kaiserlichen Macht&ldquo; und behauptete, der Umzug w&uuml;rde eine demokratischere Pr&auml;sidentschaft gew&auml;hrleisten. Das Gel&auml;nde des Blauen Hauses soll als Park f&uuml;r die &Ouml;ffentlichkeit zug&auml;nglich gemacht werden.<\/p><p>Im Gegensatz zu seinem liberalen Vorg&auml;nger Moon, der nebst einer aktiven innerkoreanischen Politik kritisch auf Distanz zum Nachbarland und der fr&uuml;heren Kolonialmacht Japan blieb, strebt Yoon eine gezielte Ann&auml;herung an Tokio an. In den letzten Jahren war es u.a. wegen der Problematik <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=65771\">ehemaliger Zwangsprostituierter<\/a> (euphemistisch &bdquo;comfort women&ldquo; genannt) der Kaiserlich-Japanischen Arme w&auml;hrend des Zweiten Weltkriegs zu einem heftigen Schlagabtausch zwischen Seoul und Tokio gekommen. Zeitweilig eskalierte dieser derma&szlig;en, dass gegenseitige Boykottma&szlig;nahmen ergriffen wurden.<\/p><p>Was ist, was bleibt derweil? Der schrille Anachronismus, dass auch knapp 70 Jahre nach dem Ende des Koreakriegs (1950-53) dieser offiziell noch immer nicht beendet ist. Nach wie vor existiert lediglich ein Waffenstillstandsabkommen entlang der weltweit h&ouml;chstmilitarisierten Grenze, das noch immer nicht in einen Friedensvertrag &uuml;berf&uuml;hrt werden konnte.<\/p><p>Titelbild: pablofdezr \/ Shutterstock<br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/34c344a5d730472a8833aa6146f8b031\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit dem 10. Mai amtiert mit dem fr&uuml;heren Generalstaatsanwalt Yoon Suk-Yeol (61) ein neuer Pr&auml;sident der Republik Korea (ROK &ndash; S&uuml;dkorea) in Seoul. 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