{"id":84174,"date":"2022-05-25T09:00:29","date_gmt":"2022-05-25T07:00:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=84174"},"modified":"2022-05-25T15:50:20","modified_gmt":"2022-05-25T13:50:20","slug":"das-9-euro-ticket-ein-verkehrspolitischer-rohrkrepierer-als-trostpflaster-fuer-die-gruenen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=84174","title":{"rendered":"Das 9-Euro-Ticket: Ein verkehrspolitischer Rohrkrepierer als Trostpflaster f\u00fcr die Gr\u00fcnen"},"content":{"rendered":"<p>Am 1. Juni ist es so weit. Millionen Deutsche werden bis dahin ein 9-Euro-Ticket erworben haben, mit dem sie einen Monat den gesamten &ouml;ffentlichen Personennah- und Regionalverkehr nutzen k&ouml;nnen. Bei Gefallen k&ouml;nnen sie derartige Tickets auch f&uuml;r die Monate Juli und August erwerben. Alles, was irgendwie in &ouml;ffentlich-rechtlichen Verkehrsverb&uuml;nden auf Stra&szlig;en oder Schienen rollt, kann benutzt werden, in manchen Orten geh&ouml;ren sogar einige F&auml;hren dazu. Ausgenommen sind lediglich ICE-, IC- und EC-Z&uuml;ge und nat&uuml;rlich private Anbieter auf Stra&szlig;e und Schiene, die nicht zu den Verkehrsverb&uuml;nden geh&ouml;ren. Von <strong>Rainer Balcerowiak<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_3042\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-84174-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220525_Das_9_Euro_Ticket_Ein_verkehrspolitischer_Rohrkrepierer_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220525_Das_9_Euro_Ticket_Ein_verkehrspolitischer_Rohrkrepierer_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220525_Das_9_Euro_Ticket_Ein_verkehrspolitischer_Rohrkrepierer_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220525_Das_9_Euro_Ticket_Ein_verkehrspolitischer_Rohrkrepierer_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=84174-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220525_Das_9_Euro_Ticket_Ein_verkehrspolitischer_Rohrkrepierer_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"220525_Das_9_Euro_Ticket_Ein_verkehrspolitischer_Rohrkrepierer_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Die Stimmung vor der gro&szlig;en Billig-Reise-Sause ist gemischt. Linke Spa&szlig;-Autonome rufen bereits zum &bdquo;Sturm auf Sylt&ldquo; auf, preisbewusste Reise-Nerds recherchieren die abgefahrensten Verbindungen f&uuml;r Reisen mit Nahverkehrsz&uuml;gen und -bussen. So kommt man locker in 21-24 Stunden mit 6-9 Umstiegen von Garmisch-Partenkirchen nach Kap Arkona auf R&uuml;gen. Und wer schon immer mal einen preiswerten Trip vom saarl&auml;ndischen Moselweindorf Perl nach Aventoft an der d&auml;nischen Grenze machen wollte, kann dies g&uuml;nstigstenfalls sogar in knapp 18 Stunden schaffen. Was allerdings voraussetzen w&uuml;rde, dass alle neun w&auml;hrend dieser Reise benutzten Z&uuml;ge und Busse p&uuml;nktlich ankommen, und somit als nahezu ausgeschlossen eingesch&auml;tzt werden kann. Aber es wird bei der Fahrplansuche auch schnell klar, dass der Regionalverkehr &ndash; auch die &uuml;berregionalen Regionalexpress-Verbindungen &ndash; teilweise extrem zeitaufwendig ist. Er wurde von der Bahn in den vergangenen Jahren auf einigen Strecken sogar bewusst verlangsamt, um den teuren ICE vor der preiswerten, hauseigenen Konkurrenz zu sch&uuml;tzen. So kommt man im ICE von Berlin nach Hamburg in schlanken 1,45 Stunden. Die schnellste Regionalverbindung (mit 1x umsteigen) dauert 4,07 Stunden. <\/p><p>Ohnehin geben die Bahn AG, die regionalen Verkehrsverb&uuml;nde, zahlreiche Nahverkehrsunternehmen und diverse Fahrgast- und Verkehrsverb&auml;nde l&auml;ngst die Spa&szlig;bremse. Sie warnen unisono vor chaotischen Zust&auml;nden auf Bahnh&ouml;fen und in vielen Z&uuml;gen, besonders in beliebten Ausflugsregionen. Vorsorglich wird auch empfohlen, auf die beliebte Mitnahme von Fahrr&auml;dern in den Regionalz&uuml;gen zu verzichten. Denn das daf&uuml;r vorgesehene Platzkontingent ist bereits in Normalpreiszeiten oftmals vollkommen unzureichend. Praktische Lebenshilfe gab es von Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP): Da m&uuml;sse man sich &bdquo;vielleicht an der einen oder anderen Stelle auch mit einem L&auml;cheln begegnen, wenn man mal einen Zug nicht nehmen kann und auf den n&auml;chsten wartet&rdquo;, r&auml;t der Minister. Die Fahrg&auml;ste bat er ferner, mit zu vollen Z&uuml;gen so umzugehen, &bdquo;dass die Besch&auml;ftigten der Verkehrsunternehmen nicht gestresst werden&ldquo;. Sprach&lsquo;s und kaufte sich vor surrenden Kameras ein 9-Euro-Ticket &ndash; mit dem er wohl kaum seine Urlaubs- und Dienstreisen absolvieren wird.<\/p><p>Aber das Lachen &uuml;ber diesen ganzen Unfug kann einem schnell im Halse steckenbleiben. Denn es ist ein St&uuml;ck aus dem Tollhaus der Abteilung &bdquo;Krisenbew&auml;ltigung&ldquo; der Ampel-Regierung, sozusagen &bdquo;Bahnfahren gegen Putin&ldquo;. Es geh&ouml;rt zum &bdquo;Entlastungspaket 2022&ldquo;, auf das sich die Koalition nach z&auml;hem Ringen Ende April endg&uuml;ltig geeinigt hatte. Denn irgendwie musste man ja auf den wachsenden Frust &uuml;ber die galoppierende Inflation und besonders die explodierenden Energiepreise reagieren. Die gro&szlig;en Jungs von der SPD und der FDP hatten sich schnell auf ein paar Glasperlen f&uuml;r einige ihrer Klientele verst&auml;ndigt. Z.B. 300 Euro &bdquo;Energiepauschale&ldquo; f&uuml;r alle Steuerzahler, die Loser bekommen weniger, die Kinder auch ein bisschen, die Rentner gar nix. Und Porschefahrer Christian Lindner bekommt seine &bdquo;Spritpreisbremse&ldquo; in Form einer tempor&auml;ren Steuersenkung auf Kraftstoffe. <\/p><p><strong>Keine Kapazit&auml;ten f&uuml;r deutlich mehr Fahrg&auml;ste<\/strong><\/p><p>So richtig &bdquo;gr&uuml;n&ldquo; klingt das allerdings nicht, und mit nix in der Tasche wollten die neuen Superstars der allgemeinen Kriegs- und Embargobesoffenheit dann doch nicht nach Hause gehen. Normalerweise g&auml;be es dann irgendwas mit Energiewende und Klimaschutz, doch das muss jetzt alles warten, bis das Reich des B&ouml;sen endg&uuml;ltig in die Knie gezwungen worden ist. Sagen die Gr&uuml;nen ja auch selbst. So eine Konstellation ist dann die ideale Brutst&auml;tte f&uuml;r Schnapsideen wie das 9-Euro-Ticket &ndash; was die Gr&uuml;nen-Vorsitzende Ricarda Lang prompt als ganz gro&szlig;en Aufschlag f&uuml;r die &ouml;kologische Verkehrswende abfeierte.<\/p><p>Nat&uuml;rlich ist ein anst&auml;ndiges Schnupper-Angebot f&uuml;r bislang weitgehend &Ouml;PNV-abstinente Zeitgenossen und Bahn-Agnostiker zum Fastnulltarif nicht generell abzulehnen. Doch der Schn&auml;ppchen-Euphorie k&ouml;nnte bald ein b&ouml;ses Erwachen folgen. Denn es fehlt an so ziemlich allen Voraussetzungen, um einen vermeintlich angestrebten, signifikanten Anstieg der Fahrgastzahlen schultern zu k&ouml;nnen, und das betrifft nicht nur den Regional-, sondern auch den Stadtverkehr. Die in Zeiten der B&ouml;rsengangstr&auml;ume kaputtgesparte Schieneninfrastruktur ist teilweise immer noch marode, Zugausf&auml;lle und l&auml;ngere Sperrungen wegen notwendigen Sanierungen sind z.B. in Berlin und seinem Umland an der Tagesordnung. Zudem fehlt den Schienenverkehrsunternehmen das rollende Material, um die Kapazit&auml;ten nennenswert und vor allem stabil zu erweitern. Und nicht zuletzt fehlt es auch an entsprechendem Fachpersonal. Konkurrierende Unternehmen werben sich mitunter Lokf&uuml;hrer, Zugbegleiter, Bus- und Tramfahrer untereinander mit Kopfpr&auml;mien ab. <\/p><p>Ohnehin erhalten die f&uuml;r den Nah- und Regionalverkehr zust&auml;ndigen L&auml;nder und Kommunen vom Bund lediglich die prognostizierten Einnahmeausf&auml;lle erstattet, rund 2,5 Milliarden Euro. Dazu gibt es noch nach hartn&auml;ckigem Insistieren der L&auml;nder 1,2 Milliarden f&uuml;r Einnahmeausf&auml;lle w&auml;hrend der Corona-Pandemie. Aber es gibt weder Mittel f&uuml;r zus&auml;tzliche Angebote, noch eine Kompensation f&uuml;r gestiegene Energiepreise der Verkehrstr&auml;ger. Berufspendler, die schon jetzt t&auml;glich ihre Arbeitswege in oftmals krachend vollen Z&uuml;gen absolvieren m&uuml;ssen, werden von der &bdquo;Platzkonkurrenz&ldquo; durch unternehmungslustige Schn&auml;ppchen-Fahrer nur wenig begeistert sein. Bei Neuentdeckern des Nah- und Regionalverkehrs, die vielleicht sogar mal ausprobieren, das Auto stehenzulassen, wird dieser Realit&auml;tsschock wohl kaum zum dauerhaften Umstieg f&uuml;hren. Nicht zu vergessen, dass gro&szlig;e Teile des Landes weitgehend vom Nah- und Regionalverkehr abgekoppelt sind. Was nutzt ein bundesweit g&uuml;ltiges Billigticket, wenn der Bus nur 2x am Tag kommt (aber nur an Werktagen) und der n&auml;chste Bahnhof 30 Kilometer entfernt ist?<\/p><p>Betrachtet man diese &bdquo;soziale Wohltat&ldquo; jenseits der Regierungsrhetorik, kommt man zu einem ern&uuml;chternden Ergebnis. Verkehrspolitisch ist das 9-Euro-Ticket bestenfalls eine Nullnummer, weil es keinerlei Perspektive f&uuml;r den fl&auml;chendeckenden, bedarfsgerechten Ausbau des Nah- und Regionalverkehrs er&ouml;ffnet. Angesichts zu erwartender chaotischer Zust&auml;nde &ndash; etwa am Pfingstwochenende &ndash; k&ouml;nnte es sich in der allgemeinen Wahrnehmung sogar als Rohrkrepierer erweisen und der Akzeptanz des Schienenverkehrs weiteren Schaden zuf&uuml;gen. <\/p><p>Energiepolitisch sind ebenfalls keine relevanten Effekte zu erwarten. Denn niemand glaubt ernsthaft, dass ein tempor&auml;r verbilligtes Ticket mit arg beschr&auml;nktem Nutzwert tats&auml;chlich viele PKW-Nutzer zu einer &Auml;nderung ihres Mobilit&auml;tsverhaltens motivieren kann.<\/p><p>Sozialpolitisch gibt es nur wenige relevante Entlastungseffekte. Wer ohnehin als Abo-Kunde den Stadt- und Regionalverkehr nutzt, bekommt f&uuml;r drei Monate die Differenz zwischen den 9 Euro und dem Abopreis erstattet. Da k&ouml;nnen schon einige Hundert Euro zusammenkommen. Auch f&uuml;r unregelm&auml;&szlig;ige Nutzer, die Einzelfahrscheine nutzen, da sich ein Abo nicht lohnt, wird es in dieser Zeit billiger. Ferner k&ouml;nnen Menschen, deren finanzielle Mittel normalerweise nur wenig Mobilit&auml;t zulassen, die M&ouml;glichkeit nutzen, mal ein bisschen rauszukommen. Alles ganz nett, aber nachhaltig ist das nun wirklich nicht. <\/p><p>Letztendlich passt das aber hervorragend zur ausgerufenen &bdquo;Zeitenwende&ldquo;. Die Priorit&auml;ten sind klar und offen benannt: 100 Milliarden Sonderverm&ouml;gen f&uuml;r Aufr&uuml;stung, weitere Milliarden f&uuml;r direkte und indirekte Waffenlieferungen an die Ukraine, f&uuml;r viele kaum noch zu schulternde Energiekosten (und das auf lange Sicht), galoppierende Inflation auch bei Grundnahrungsmitteln. Alles notwendig und alternativlos, um &bdquo;unsere Freiheit&ldquo; zu verteidigen. Klima- und Verkehrswende m&uuml;ssen halt warten. Da braucht es f&uuml;rs Volk neben ein paar pekuni&auml;ren Peanuts auch ein kleines Unterhaltungsprogramm. Und sei es auch nur in einem hoffnungslos &uuml;berf&uuml;llten Regionalexpress. <\/p><p>Titelbild: Little Adventures\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 1. Juni ist es so weit. Millionen Deutsche werden bis dahin ein 9-Euro-Ticket erworben haben, mit dem sie einen Monat den gesamten &ouml;ffentlichen Personennah- und Regionalverkehr nutzen k&ouml;nnen. Bei Gefallen k&ouml;nnen sie derartige Tickets auch f&uuml;r die Monate Juli und August erwerben. 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