{"id":84181,"date":"2022-05-25T10:00:37","date_gmt":"2022-05-25T08:00:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=84181"},"modified":"2022-05-25T16:54:19","modified_gmt":"2022-05-25T14:54:19","slug":"oefter-mal-nichts-neues-dem-hochschulprekariat-ist-auch-mit-einer-reform-der-reform-der-reform-nicht-geholfen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=84181","title":{"rendered":"\u00d6fter mal nichts Neues. Dem Hochschulprekariat ist auch mit einer Reform der Reform der Reform nicht geholfen."},"content":{"rendered":"<p>Mit dem Wissenschaftszeitvertragsgesetz wurde Selbstausbeutung zur Hauptbesch&auml;ftigung an der deutschen Alma Mater. Kurzzeitvertr&auml;ge und Kettenbefristungen treffen seither die &uuml;bergro&szlig;e Mehrheit des akademischen Mittelbaus. Trotz einer Novellierung vor sechs Jahren &auml;nderte sich an den Zust&auml;nden nichts. Der Abschlussbericht einer durch die Bundesregierung beauftragten Evaluation ist Zeugnis des Stillstands, der Unt&auml;tigkeit und Gleichg&uuml;ltigkeit. Nun soll es im n&auml;chsten Anlauf besser werden, verspricht die Bundesbildungsministerin. Wer&rsquo;s glaubt. Von <strong>Ralf Wurzbacher<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_3539\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-84181-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220525-Dem-Hochschulprekariat-ist-nicht-zu-helfen-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220525-Dem-Hochschulprekariat-ist-nicht-zu-helfen-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220525-Dem-Hochschulprekariat-ist-nicht-zu-helfen-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220525-Dem-Hochschulprekariat-ist-nicht-zu-helfen-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=84181-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220525-Dem-Hochschulprekariat-ist-nicht-zu-helfen-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"220525-Dem-Hochschulprekariat-ist-nicht-zu-helfen-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Einmal erlassene Gesetze nach einer gewissen Zeit auf ihre Realit&auml;tstauglichkeit zu pr&uuml;fen und gegebenenfalls nachzubessern, macht Sinn. Sinnlos ist es, wenn die gewonnenen Erkenntnisse folgenlos verpuffen und das neue Regelwerk so schlecht ger&auml;t wie das alte. Beim Wissenschaftszeitvertragsgesetz (WissZeitVG) verh&auml;lt es sich genau so: 2007 in Kraft gesetzt, hat es die Politik mittlerweile einmal general&uuml;berholt und zweimal zur Inspektion geschickt und das alles doch immer nur mit dem einen Ergebnis: Das Ding ist und bleibt ein Totalschaden. <\/p><p>Nat&uuml;rlich ist das eine Frage der Perspektive. Aus Sicht der deutschen Hochschulrektoren l&auml;uft die Karre n&auml;mlich wie geschmiert. Mit Hilfe des im WissZeitVG verankerten Sonderbefristungsrechts f&uuml;r die Wissenschaft sind hiesige Hochschulen und Forschungseinrichtungen zu Personalverwertungsanstalten mutiert, die Henry Ford h&auml;tten frohlocken lassen. Nirgendwo in der Industrie, nicht einmal in Ans&auml;tzen, herrscht ein derart rabiates und fl&auml;chendeckendes System der Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft wie an der altehrw&uuml;rdigen Alma Mater. <\/p><p><strong>Ein Heer von &bdquo;Edelpraktikanten&ldquo;<\/strong><\/p><p>F&uuml;r die Betroffenen bedeutet dies: st&auml;ndige berufliche Unsicherheit, l&uuml;ckenhafte Erwerbsbiographien, Zukunfts&auml;ngste, fehlende Lebens- und Familienplanung, Unterbezahlung und unentgeltliche Mehrarbeit. Das Netzwerk f&uuml;r Gute Arbeit in der Wissenschaft (NGAWiss), ein Zusammenschluss von Mittelbauinitiativen und Einzelpersonen aus dem akademischen Mittelbau, nennt die Zust&auml;nde einen &bdquo;<a href=\"https:\/\/mittelbau.net\/ngawiss-forderungen\/\">gesellschaftlichen Skandal<\/a>, der nicht dadurch gemildert wird, dass sich befristete Arbeitsverh&auml;ltnisse &ndash; wenngleich in deutlich geringerem Ausma&szlig; &ndash; auch au&szlig;erhalb des Hochschulbetriebs ausbreiten&ldquo;. Zur Einordnung: In der Privatwirtschaft waren 2020 lediglich knapp &uuml;ber sieben Prozent befristet besch&auml;ftigt, im gesamten &ouml;ffentlichen Dienst 9,5 Prozent. <\/p><p>Das Dasein der Nachwuchswissenschaftler beschreibt die Initiative als das von &bdquo;Edelpraktikanten&ldquo;, die &bdquo;regelhaft nur befristet&ldquo; eingestellt und &bdquo;bei erheblichem Leistungs- und Konformit&auml;tsdruck in existenzieller Abh&auml;ngigkeit&ldquo; von den jeweiligen Lehrstuhlinhabern gehalten werden. Dadurch werde sowohl die berufliche Laufbahn &bdquo;unberechenbar als auch die freie Aus&uuml;bung wissenschaftlicher Arbeit gef&auml;hrdet&ldquo;. Das Fazit: &bdquo;Die erstaunlich langlebige Tradition der Ordinarienuniversit&auml;t wirkt hier fatal mit dem marktf&ouml;rmigen Umbau des Hochschulsystems zusammen.&ldquo;<\/p><p>Die neueste Bestandsaufnahme des Erreichten pr&auml;sentierte am vergangenen Freitag Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) der &Ouml;ffentlichkeit. Das war indes nur die offizielle Sprachregelung. Treffender w&auml;re es zu sagen, sie hielt mit den Neuigkeiten hinterm Berg. Auf der Webseite des Bildungs- und Forschungsministeriums (BMBF) muss man nach dem Abschlussbericht zur &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.bmbf.de\/SharedDocs\/Downloads\/de\/2022\/abschlussbericht-evaluation-wisszeitvg.pdf?__blob=publicationFile&amp;v=2\">Evaluation des novellierten Wissenschaftszeitvertragsgesetzes<\/a>&ldquo; lange suchen und im Pressebereich findet sich lediglich ein <a href=\"https:\/\/www.bmbf.de\/bmbf\/shareddocs\/kurzmeldungen\/de\/2022\/05\/wissenschaftszeitvertragsgesetz.html\">80-Sekunden-Statement<\/a> mit nichtssagenden Phrasen der Ressortchefin mit dem netten Titel &bdquo;Gute Wissenschaft braucht faire Arbeitsbedingungen&ldquo;.<\/p><p><strong>Befristungseifer ungebrochen<\/strong><\/p><p>In der Evaluation liest sich das so: 2020 hatten von den hauptamtlichen wissenschaftlichen Mitarbeitern, die kein Professorenamt bekleideten, 81 Prozent eine befristete Anstellung. Zum Vergleich: Anfang der 2000er-Jahre lag die Quote bei 75 Prozent, 2010 bei ebenfalls 81 Prozent,  Mitte der Zehnerjahre stieg sie auf 83 Prozent, um schlie&szlig;lich wieder auf dem Niveau von vor zw&ouml;lf Jahren zu landen. Den faktischen Stillstand bezeichnen die Verfasser als &bdquo;moderaten r&uuml;ckl&auml;ufigen Trend&ldquo; &ndash; mehr Augenwischerei geht kaum. Zumal der Anteil der Besch&auml;ftigung auf Zeit in den Universit&auml;ten zuletzt sogar bei 84 Prozent lag, w&auml;hrend es in den Hochschulen f&uuml;r angewandte Wissenschaften (HAW) &bdquo;nur&ldquo; 78 Prozent waren. <\/p><p>Auch bei den Laufzeiten blieb praktisch alles wie gehabt: Nimmt man die Vertr&auml;ge der Promovierten an Universit&auml;ten, so verl&auml;ngerten sich diese ausgehend von 16,9 Monaten im Jahr 2015 auf zwischenzeitlich 21,7 Monate, um dann wieder auf 17,6 Monate abzurutschen. Ein &auml;hnliches Bild ergibt sich bei den Kontrakten mit Promovierenden. Auf ein kurzes Zwischenhoch folgte zuletzt ein deutlicher R&uuml;ckfall auf einen verglichen mit 2015 zwar leicht verbesserten, aber gleichwohl ern&uuml;chternden Stand von unter 18 Monaten. Wobei hier die HAW mit 15 Monaten Laufzeit sogar hinter die Universit&auml;ten mit eineinhalb Jahren zur&uuml;ckfallen. 42 Prozent der Vertr&auml;ge an den Unis liefen nicht einmal ein Jahr, an den HAW betraf dies gar 45 Prozent. <\/p><p>&bdquo;Die wesentlichen Ziele der WissZeitVG-Novelle wurden verfehlt. Die Novelle d&auml;mmt weder unsachgem&auml;&szlig;e Befristung noch Kurzzeitbefristungen ein, kommentierte Andreas Keller die Befunde. Nach Auffassung des stellvertretenden Bundesvorsitzenden der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) gibt es f&uuml;r die Ampelkoalition &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.gew.de\/aktuelles\/detailseite\/grosse-mehrheit-weiter-mit-kurzzeitvertraegen-abgespeist\">keine Ausrede mehr<\/a>, die &uuml;berf&auml;llige Reform des Gesetzes anzupacken&ldquo;. Das allerdings hei&szlig;e, endlich mit &bdquo;Hire and Fire in der Wissenschaft&ldquo; Schluss zu machen und das Gesetz zu einem &bdquo;Wissenschaftsentfristungsgesetz&ldquo; weiterzuentwickeln, bekr&auml;ftigte der Gewerkschafter. <\/p><p><strong>Flexibel, dynamisch, ausbeuterisch<\/strong><\/p><p>Zu fragen ist allerdings, ob es wirklich Ziel der 2016er Novelle war, die Dinge zum Besseren zu wenden. Die Zahlen jedenfalls geben das nicht her, so wenig wie die Vorgeschichte der Gesetzes&auml;nderung. Schon einmal hatte die Bundesregierung, damals die von Union und FDP, 2011 die Auswirkungen des vier Jahre davor verabschiedeten Ursprungsgesetzes untersuchen lassen, nicht aus freien St&uuml;cken, sondern auf Druck der Zivilgesellschaft. Die Resultate fielen damals so mau aus wie die aktuellen, weshalb sich die sp&auml;tere gro&szlig;e Koalition 2016 gen&ouml;tigt sah, das Gesetz zu &uuml;berarbeiten. Die Befristungen, hie&szlig; es, h&auml;tten &bdquo;ein Ma&szlig; erreicht (&hellip;), das weder gewollt war, noch vertretbar erscheint&ldquo;. Also versprach man, &bdquo;Fehlentwicklungen&ldquo; entgegenzutreten, jedoch, &bdquo;ohne die in der Wissenschaft erforderliche Flexibilit&auml;t und Dynamik zu beeintr&auml;chtigen&ldquo;. <\/p><p>Das freilich beschreibt die Quadratur des Kreises. Im Zuge der neoliberalen Wende lie&szlig;en Bund und L&auml;nder die Hochschulen in Jahrzehnten systematisch ausbluten. In dem Ma&szlig;e, wie die &ouml;ffentlichen Grundmittel immer weiter reduziert wurden, hat der Zugriff von Unternehmen und privaten Stiftungen durch exzessiven Drittmitteleinsatz massiv zugenommen. Sozial-, Kultur- und Gesellschaftswissenschaften wurden marginalisiert, Technik- und Wirtschaftsf&auml;cher gepusht. Forciert noch durch milliardenschwere staatliche Programme zur Sch&ouml;pfung &bdquo;akademischer Leuchtt&uuml;rme&ldquo; (Exzellenzinitiative, Exzellenzstrategie) agieren die Unis heute in weiten Teilen nur mehr als verl&auml;ngerte, &ouml;ffentlich alimentierte Forschungsabteilungen der Industrie, die nach betriebswirtschaftlicher Kosten-Nutzen-Analyse operieren (Unternehmerische Hochschule). Entsprechend tauchen Besch&auml;ftigte in den Haushaltspl&auml;nen der Hochschulkanzler nicht als Menschen, sondern als Kostenfaktoren auf, die es zu z&uuml;geln gilt. <\/p><p>Diese Bedingungen sind mit einer gedeihlichen und menschengerechten Personalpolitik schlicht unvereinbar und wollte die Politik tats&auml;chlich etwas an den Verh&auml;ltnissen &auml;ndern, m&uuml;sste sie die Hochschuletats in gewaltiger Gr&ouml;&szlig;enordnung aufm&ouml;beln und den Einfluss der Industrie zur&uuml;ckdr&auml;ngen. Das allerdings passiert nicht, weshalb die Hauptschuldigen f&uuml;r die Misere bei der Politik selbst mit ihrer Agenda der Privatisierung und Entstaatlichung zu finden sind. <\/p><p><strong>Anschlusszusage f&uuml;r niemand<\/strong><\/p><p>Die Hochschulen selbst haben sich in dieser Sph&auml;re l&auml;ngst gut eingerichtet und gei&szlig;eln jeden Versuch, allzu krasse Verwerfungen gesetzgeberisch einzuhegen, als &Uuml;bergriffigkeit. In einer aktuellen <a href=\"https:\/\/www.hrk.de\/presse\/pressemitteilungen\/pressemitteilung\/meldung\/evaluation-des-wissenschaftszeitvertragsgesetzes-hrk-begruesst-ergebnisse-und-verweist-auf-grenzen-ge\/\">Stellungnahme der Hochschulrektorenkonferenz<\/a> (HRK) wird nicht nur kontrafaktisch behauptet, die Befristungspraxis habe sich &bdquo;im Sinne gr&ouml;&szlig;erer Transparenz von Karrierewegen f&uuml;r Besch&auml;ftigte und Wissenschaftseinrichtungen&ldquo; ver&auml;ndert. Erhellender ist die anschlie&szlig;ende Bemerkung: &bdquo;Zugleich werden die Grenzen des gesetzlich Regelbaren deutlich.&ldquo; Das ist ein Fingerzeig an die Bundesregierung, die angek&uuml;ndigte Novellierung nicht mit &uuml;bertriebenem Ehrgeiz anzugehen. Denn am Ende regeln die Hochschulen die Dinge doch immer in ihrem Sinne. Und je h&ouml;her ein eventuell neues Gesetz die Anspr&uuml;che schraubt, um so gr&ouml;&szlig;er ist die Fallh&ouml;he, wenn sich am Ende wieder nichts tut. Diese Peinlichkeit d&uuml;rfte sich bestimmt auch Stark-Watzinger ersparen wollen.   <\/p><p>Um zu ersehen, wie sehr Regierende inzwischen nach der Pfeife der Hochschulen tanzen, hilft ein Blick nach Berlin. Das &bdquo;neue&ldquo;, erst seit September 2021 g&uuml;ltige Hochschulgesetz sollte eigentlich Befristungen nach der Promotion eind&auml;mmen und den Betroffenen eine Anschlusszusage f&uuml;r eine dauerhafte Besch&auml;ftigungsperspektive garantieren. Seit bald neun Monaten wurde an den Hauptstadtunis aber nicht eine einzige solche Vereinbarung getroffen. Stattdessen obstruierten diese alle Vorst&ouml;&szlig;e zu Neueinstellungen und Vertragsverl&auml;ngerungen und n&ouml;tigten den Senat zu einer <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/wissen\/streit-ums-berliner-hochschulgesetz-dauerstellen-als-dauerbaustelle\/28345738.html\">&bdquo;Reparaturnovelle&ldquo;<\/a>, die inzwischen als Gesetzentwurf vorliegt.  <\/p><p>Diese beschr&auml;nkt den Kreis derer, die auf eine &bdquo;Anschlusszusage&ldquo; hoffen d&uuml;rfen, auf diejenigen, die ab Oktober 2023 auf einer aus &ouml;ffentlichen Haushaltsmitteln finanzierten Position ersteingestellt werden. Damit bleiben alle bisher Befristeten sowie die Beteiligten an Drittmittelprojekten au&szlig;en vor. Was als &bdquo;Reparatur&ldquo; daherkommt, macht in Wahrheit eine vergleichsweise fortschrittliche Regelung kaputt und beg&uuml;nstigt mit den Hochschulen genau die Akteure, die <a href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/artikel\/427142.prek%C3%A4re-besch%C3%A4ftigung-gegen-den-r%C3%BCckschritt.html\">&bdquo;kalkuliert Schaden anrichteten&ldquo;<\/a>, schrieb dazu die Tageszeitung &bdquo;junge Welt&ldquo;. <\/p><p><strong>Berufserfahrung gleich Qualifizierung<\/strong><\/p><p>Der Vorgang bietet sich auf Bundesebene zur Nachahmung an. Schon in einer vor zwei Jahren ver&ouml;ffentlichten Studie, <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=59273\">hier<\/a> durch die NachDenkSeiten behandelt, hatte die GEW aufgezeigt, wie das WissZeitVG durch unbestimmte Rechtsbegriffe Schlupfl&ouml;cher &ouml;ffnet, die Hochschulen und Forschungseinrichtungen f&uuml;r die Fortsetzung des Befristungsunwesens nutzten. Im Zentrum steht dabei der Begriff der &bdquo;Qualifizierung&ldquo;, denn f&uuml;r diesen Zweck &ndash; neben der Drittmittelbefristung &ndash; war ein Sonderbefristungsrecht in der Wissenschaft &uuml;berhaupt erst gesetzlich einger&auml;umt worden. Laut Analyse entwickelten die Hochschulen &bdquo;enorme Kreativit&auml;t&ldquo; dabei, nahezu s&auml;mtliche T&auml;tigkeiten im Wissenschaftsalltag zur Qualifizierungsma&szlig;nahme zu deklarieren &ndash; um so einen Freibrief zum Heuern und Feuern zu haben. <\/p><p>Tats&auml;chlich kommen die Hochschulen damit durch, zumal sie ohnehin keine Sanktionen f&uuml;rchten m&uuml;ssen, wenn sie dem Wortlaut des Gesetzes zuwiderhandeln. Der Gang vors Gericht ist der einzige Weg der Leidtragenden, sich zur Wehr zu setzen. Anfang Februar hatte das Bundesarbeitsgericht (BAG) die Klage einer <a href=\"https:\/\/www.gew.de\/aktuelles\/detailseite\/freibrief-fuer-grundlose-befristungen\">mehrfach befristeten Diplomingenieurin<\/a> abgewiesen, nachdem noch das Landesarbeitsgericht K&ouml;ln mit der Begr&uuml;ndung zu ihren Gunsten entschieden hatte, die Qualifizierungsziele d&uuml;rften sich &bdquo;nicht blo&szlig; auf die selbstverst&auml;ndliche Gewinnung von Berufserfahrung beschr&auml;nken&ldquo;. <\/p><p>Laut BAG ist dagegen &bdquo;jeglicher fachlich-inhaltlicher (Mit-)Arbeit an Forschungsprojekten ein Kompetenzzuwachs ungeachtet des bisher erreichten Kenntnisstandes immanent&ldquo;, womit eine &bdquo;bewerbungstaugliche Steigerung des Wissens- und Qualifizierungsniveaus&ldquo; einhergehe. &bdquo;Was in anderen Arbeitsbereichen als Berufserfahrung bezeichnet wird, wird in der Wissenschaft zu &sbquo;Qualifizierung&lsquo; und darf befristet werden&ldquo;, befand dazu GEW-Vize Keller. Damit best&auml;tige das Gericht &bdquo;die gelebte Praxis an Hochschulen und Forschungseinrichtungen: maximale Flexibilit&auml;t der Arbeitgeber und maximale Unsicherheit der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler&ldquo;. <\/p><p><strong>Schweizer K&auml;se und Etikettenschwindel<\/strong><\/p><p>&bdquo;Das WissZeitVG ist <a href=\"https:\/\/www.linksfraktion.de\/presse\/pressemitteilungen\/detail\/befristungswahn-beenden-wissenschaftszeitvertragsgesetz-neu-ausrichten\/\">l&ouml;chrig wie ein Schweizer K&auml;se<\/a> und wird als Einfallstor ausufernder Befristungen in Form von Dauerschleifen von Kurzzeitvertr&auml;gen f&uuml;r die Besch&auml;ftigten&ldquo;, beanstandete am Freitag Nicole Gohlke von der Bundestagsfraktion Die Linke. Der Begriff der Qualifizierung m&uuml;sse &bdquo;endlich rechtssicher und eindeutig&ldquo; bestimmt werden und &bdquo;wir brauchen Mindestvertragslaufzeiten, damit die Betroffenen ein Mindestma&szlig; an Sicherheit und Planbarkeit erhalten&ldquo;. Au&szlig;erdem m&uuml;sse die Tarifsperre fallen, &bdquo;damit Gewerkschaften f&uuml;r bessere Arbeitsverh&auml;ltnisse der Besch&auml;ftigten Verhandlungen f&uuml;hren k&ouml;nnen&ldquo;. <\/p><p>Ob das mal die BMBF-Chefin vernommen hat? Stark-Watzinger halluzinierte dieser Tage von &bdquo;einigen Verbesserungen f&uuml;r die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Deutschland&ldquo;. Als gro&szlig;en Erfolg wollte sie die Novelle aber dann auch nicht verkaufen. &bdquo;Es gibt nach wie vor Verbesserungsbedarf&ldquo;, bemerkte sie mit Blick auf die im Koalitionsvertrag angek&uuml;ndigte Reform der Reform der Reform. Man werde &bdquo;darauf hinwirken, dass in der Wissenschaft Dauerstellen f&uuml;r Daueraufgaben geschaffen werden&ldquo;, hei&szlig;t es darin. Damit greifen die Ampelparteien den g&auml;ngigen Slogan einer GEW-Kampagne auf, die ma&szlig;geblich dazu beigetragen hat, das Thema einer breiteren &Ouml;ffentlichkeit bekannt zu machen. <\/p><p>Dass dies mehr als nur ein Versuch der Anbiederung ist, erscheint angesichts der vielfach gebrochenen Versprechen ziemlich unwahrscheinlich. Schlie&szlig;lich war schon die 2016er Reform nichts als Etikettenschwindel. Kaum beschlossen, gab es anstandshalber und tempor&auml;r ein paar minimale Anzeichen der Umkehr, die sich dann rasch wieder erledigten. Die Aktivisten des NGAWiss gehen deshalb gleich in die Vollen. F&uuml;r sie geh&ouml;rt das ganze WissZeitVG abgeschafft. Bis es so weit kommt, wird noch manche Novelle (miss)gl&uuml;cken. Je nach Perspektive.    <\/p><p>Titelbild: Matej Kastelic\/shutterstock.com<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/6affdb28761244e3bcf97c8cde0c139e\" alt=\"\" title=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit dem Wissenschaftszeitvertragsgesetz wurde Selbstausbeutung zur Hauptbesch&auml;ftigung an der deutschen Alma Mater. Kurzzeitvertr&auml;ge und Kettenbefristungen treffen seither die &uuml;bergro&szlig;e Mehrheit des akademischen Mittelbaus. Trotz einer Novellierung vor sechs Jahren &auml;nderte sich an den Zust&auml;nden nichts. Der Abschlussbericht einer durch die Bundesregierung beauftragten Evaluation ist Zeugnis des Stillstands, der Unt&auml;tigkeit und Gleichg&uuml;ltigkeit. Nun soll es im<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=84181\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":84182,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[141,107,17],"tags":[2255,288,565],"class_list":["post-84181","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-arbeitsmarkt-und-arbeitsmarktpolitik","category-audio-podcast","category-hochschulen-und-wissenschaft","tag-befristete-arbeit","tag-prekaere-beschaeftigung","tag-unternehmerische-hochschule"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/shutterstock_382353853.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/84181","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=84181"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/84181\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":84228,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/84181\/revisions\/84228"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/84182"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=84181"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=84181"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=84181"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}