{"id":84280,"date":"2022-05-29T11:45:59","date_gmt":"2022-05-29T09:45:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=84280"},"modified":"2022-05-29T12:03:00","modified_gmt":"2022-05-29T10:03:00","slug":"die-notwendigkeit-von-propaganda-fuer-die-macht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=84280","title":{"rendered":"Die Notwendigkeit von Propaganda f\u00fcr die Macht"},"content":{"rendered":"<p>Der franz&ouml;sische Philosoph <strong>Jacques Ellul<\/strong> zeigt in seinen Arbeiten, dass die Natur der Propaganda in der Anpassung des Individuums an eine Gesellschaft besteht, die darauf abzielt, das Individuum dienstbar und konform zu machen. Er entschl&uuml;sselt, wie Propaganda im modernen demokratischen Staat in allen Bereichen des t&auml;glichen Lebens zum Einsatz kommt. K&uuml;rzlich ist sein Buch &bdquo;Propaganda. Wie die &ouml;ffentliche Meinung entsteht und geformt wird&ldquo;<strong> <\/strong>zum ersten Mal auf Deutsch erschienen. Rainer Mausfeld sagt &uuml;ber das Buch: &bdquo;Ein bahnbrechender Klassiker der Propagandaforschung mit vision&auml;ren Einsichten in die totalit&auml;ren Gef&auml;hrdungen der modernen Informationsgesellschaft &ndash; eine gedankliche Fundgrube f&uuml;r alle, die besser verstehen wollen, wie Menschen dazu gebracht werden k&ouml;nnen, freiwillig zu gehorchen.&ldquo; Ein Auszug.<br>\n<!--more--><br>\nIn einer Demokratie m&uuml;ssen die B&uuml;rger an den Entscheidungen des Staates beteiligt werden. Dies ist die gro&szlig;e Rolle, die Propaganda zu spielen hat. Den B&uuml;rgern muss das (von ihnen ersehnte und sie befriedigende) Gef&uuml;hl verliehen werden, &raquo;das Handeln der Regierung gewollt zu haben, f&uuml;r es verantwortlich zu sein, sich daf&uuml;r einzusetzen und zum Erfolg zu f&uuml;hren; salopp gesagt, &rsaquo;dabei&lsaquo; zu sein&laquo;. Als Hauptwerkzeug in dieser Sache macht L&eacute;o Hamon Parteien, Gewerkschaften und Verb&auml;nde aus. Das ist jedoch unzureichend. Damit die &ouml;ffentliche Meinung nicht beliebig, sondern an die <em>Taten der Macht<\/em> andockt, muss im Grunde direkt und emotional aufgeladen agiert werden. Ein amerikanischer Autor schreibt: &raquo;Die US-Administration strebt fast immer danach, au&szlig;enpolitisch t&auml;tig zu werden, kann dies aber nur, so es sich dabei um eine Angelegenheit handelt, an der ein gro&szlig;er Teil der &Ouml;ffentlichkeit interessiert ist, mit der <em>offenkundigen Unterst&uuml;tzung<\/em> einer wesent&shy;lichen Mehrheit eben dieser &Ouml;ffentlichkeit erfolgreich tun.&laquo; Er unterstreicht, dass der &Ouml;ffentlichkeit bisweilen Zugest&auml;ndnisse gemacht werden m&uuml;ssen, doch &raquo;wenn der Pr&auml;sident <em>wirklich meinungsf&uuml;hrend<\/em> ist und die &Ouml;ffentlichkeit die Bilanz der internationalen Politik der Regierung insgesamt als zufriedenstellend einsch&auml;tzt, dann wird es keine gro&szlig;en Zugest&auml;ndnisse zu machen geben, um sich des n&ouml;tigen Einverst&auml;ndnisses zu versichern!&laquo; So findet sich best&auml;tigt, was auf dem modernen Staat, und sei er demokratisch verfasst, schwer lastet: die Notwendigkeit, mittels Propaganda zu agieren. Er hat keine andere Wahl.<\/p><p>Doch dieselbe Analyse muss auch auf einer anderen Ebene durchgef&uuml;hrt werden. Wir trafen auf das Dilemma, in dem sich der Staat faktisch befindet. Nun, seit dem 18.&#8197;Jahrhundert hat der demokratische Prozess die Vorstellung einer neuen Berechtigung der Macht erst behauptet, dann die Massen durchdringen lassen. Nach allen Theorien zu ihrer Legitimit&auml;t sind wir mittlerweile bei jener ber&uuml;hmten Theorie von der Souver&auml;nit&auml;t des Volkes angelangt. Legitim ist die Macht, wenn sie aus der Souver&auml;nit&auml;t des Volkes hervorgeht, wenn sie auf dem Volkswillen beruht und diesen verk&ouml;rpert und gestaltet. Aus theoretischer Sicht l&auml;sst sich endlos &uuml;ber die G&uuml;ltigkeit dieser Konzeption diskutieren, ihren historischen Urspr&uuml;ngen nachforschen und die Frage aufwerfen, ob Rousseau all das gewollt hat oder nicht. Allerdings ist aus dieser recht abstrakten philosophischen Theorie eine allgemeine Vorstellung geworden, die unbestreitbar die Geisteshaltung des Durchschnittsmenschen bestimmt. F&uuml;r den durchschnittlichen Menschen des Westens ist der Wille des Volks heilig, eine Regierung, die diesen Willen nicht abbildet, eine verabscheuungsw&uuml;rdige Diktatur. Jedes Mal, wenn das Volk spricht, hat die Regierung ihm zu folgen. Ihre Berechtigung speist sich aus keiner anderen Quelle: fundamentale Vorstellung, kollektives Vorurteil, das zur Ordnung des Glaubens, der Evidenz und nicht der Doktrin oder der rationalen Konstruktion geh&ouml;rt. Nun hat sich dieser Glaube seit etwa 30 Jahren sehr schnell verbreitet. Wir finden denselben unersch&uuml;tterlichen und absoluten Glauben mittlerweile in allen kommunistischen L&auml;ndern, und auch im Islam, der davon doch weit entfernt schien, beginnt er langsam f&uuml;r Furore zu sorgen. Die Ansteckungskraft einer derartigen Formel scheint unersch&ouml;pflich.<\/p><p>Dass eine Regierung allein dann Legitimit&auml;t besitzt, sich als solche nur behaupten kann, wenn ihr die Unterst&uuml;tzung der Volkssouver&auml;nit&auml;t sicher ist und sie beweisen kann, dass sie den Willen des Volkes zum Ausdruck bringt, ist die Kehrseite der Medaille. Eine Regierung, die jenen Glauben nicht zu befriedigen wei&szlig;, w&uuml;rde zwangsl&auml;ufig hinweggefegt. Diesem mystischen Glauben an die Souver&auml;nit&auml;t des Volkes gem&auml;&szlig; versuchen alle Diktatoren zu zeigen, dass sie diese Souver&auml;nit&auml;t verk&ouml;rpern. Lange Zeit ging man davon aus, dass die Theorie von der Souver&auml;nit&auml;t des Volkes mit der Demokratie verkn&uuml;pft sei. Man h&auml;tte sich jedoch daran erinnern sollen, dass derlei Doktrin, als sie zum ersten Mal zur Anwendung kam, die erstaunlichste Diktatur gebar: die der Jakobiner. Es ist also l&auml;ngst kein Skandal, wenn heutige Diktaturen auf die Souver&auml;nit&auml;t des Volkes bauen. Allerdings ist dieser Glaube derart stark, dass jede Regierung seiner Befriedigung stattgeben und den Anschein, selbst daran zu glauben, erwecken muss. Daher ist es f&uuml;r Diktatoren auch notwendig, Plebiszite und Wahlen abzuhalten.<\/p><p><em>Jacques Ellul: <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/buecher\/medien\/propaganda.html?listtype=search&amp;searchparam=ellul\">&bdquo;Propaganda. Wie die &ouml;ffentliche Meinung entsteht und geformt wird&ldquo;<\/a>, 468 Seiten, aus dem Franz&ouml;sischen von Christian Driesen, Westend Verlag 2021<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der franz&ouml;sische Philosoph <strong>Jacques Ellul<\/strong> zeigt in seinen Arbeiten, dass die Natur der Propaganda in der Anpassung des Individuums an eine Gesellschaft besteht, die darauf abzielt, das Individuum dienstbar und konform zu machen. Er entschl&uuml;sselt, wie Propaganda im modernen demokratischen Staat in allen Bereichen des t&auml;glichen Lebens zum Einsatz kommt. K&uuml;rzlich ist sein Buch &bdquo;Propaganda.<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=84280\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":84282,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[126,123,11],"tags":[2269],"class_list":["post-84280","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-erosion-der-demokratie","category-kampagnentarnworteneusprech","category-strategien-der-meinungsmache","tag-konformitaetsdruck"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/220529_Buch.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/84280","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=84280"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/84280\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":84317,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/84280\/revisions\/84317"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/84282"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=84280"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=84280"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=84280"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}