{"id":84361,"date":"2022-05-31T09:05:17","date_gmt":"2022-05-31T07:05:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=84361"},"modified":"2022-06-01T08:07:09","modified_gmt":"2022-06-01T06:07:09","slug":"kabarettist-helmut-schleich-je-enger-das-denken-wird-umso-steuerbarer-wird-die-gesellschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=84361","title":{"rendered":"Kabarettist Helmut Schleich: \u201eJe enger das Denken wird, umso steuerbarer wird die Gesellschaft\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Der Konformit&auml;tsdruck hat sich im Zuge der Corona-Krise intensiviert. Zwar war er schon vorher sp&uuml;rbar, doch seit M&auml;rz 2020 nimmt er immer absurdere Formen an. Selbst Kabarettisten m&uuml;ssen jedes Wort abw&auml;gen, um ja nicht die selbsternannten Meinungsw&auml;chter zu ver&auml;rgern. Wie die Mechanismen funktionieren, wei&szlig; <strong><a href=\"https:\/\/helmut-schleich.de\/\">Helmut Schleich<\/a><\/strong> zu berichten. Der bayerische Kabarettist ist schon sehr lange im Gesch&auml;ft. Seit 39 Jahren steht er auf der B&uuml;hne und tritt sowohl im Radio als auch im TV auf. Beim Bayerischen Rundfunk l&auml;uft seit 2011 seine sehr erfolgreiche Politkabarett-Show &laquo;SchleichFernsehen&raquo;, eine Sendung, die sich brandaktueller Themen annimmt, um sie satirisch zu &uuml;berspitzen. Im Interview spricht der 54-J&auml;hrige &uuml;ber seine Erfahrungen der letzten Jahre, &uuml;ber die grassierende Cancel Culture und das Wesen der Satire. Das Interview f&uuml;hrte <strong>Eugen Zentner<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_9233\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-84361-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220531_Kabarettist_Helmut_Schleich_Je_enger_das_Denken_wird_umso_steuerbarer_wird_die_Gesellschaft_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220531_Kabarettist_Helmut_Schleich_Je_enger_das_Denken_wird_umso_steuerbarer_wird_die_Gesellschaft_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220531_Kabarettist_Helmut_Schleich_Je_enger_das_Denken_wird_umso_steuerbarer_wird_die_Gesellschaft_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220531_Kabarettist_Helmut_Schleich_Je_enger_das_Denken_wird_umso_steuerbarer_wird_die_Gesellschaft_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=84361-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220531_Kabarettist_Helmut_Schleich_Je_enger_das_Denken_wird_umso_steuerbarer_wird_die_Gesellschaft_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"220531_Kabarettist_Helmut_Schleich_Je_enger_das_Denken_wird_umso_steuerbarer_wird_die_Gesellschaft_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Herr Schleich, in Deutschland schreitet die Cancel Culture voran. Wer bei bestimmten Themen vom offiziellen Narrativ abweicht, muss mit heftigem Gegenwind rechnen. K&uuml;nstler sind davon nicht ausgenommen. Sp&uuml;ren Sie in Ihrer Branche auch einen gewissen Konformit&auml;tsdruck? <\/strong><\/p><p>Zun&auml;chst einmal ist ja Gegenwind nichts Schlimmes, sondern vielmehr Teil der Auseinandersetzung in einer Demokratie. Was wir heute erleben, hat jedoch damit nicht mehr allzu viel zu tun. Vielmehr folgt bei kritischen Themen dem Rechts-Framing stante pede die Kontaktsperre, sprich Cancel Culture. Die dazu geh&ouml;rende Behauptung, Cancel Culture g&auml;be es gar nicht und der Begriff selbst sei rechtes Framing, treibt die Sache dann noch mal auf die Spitze.<\/p><p><strong>Bei welchen Themen wird Ihrer Erfahrung nach der Druck besonders gro&szlig;?<\/strong><\/p><p>Bei Kritik an den Corona-Ma&szlig;nahmen, an der EU und an allem, was gr&uuml;n daherkommt.<\/p><p><strong>Von wem geht dieser Druck haupts&auml;chlich aus?<\/strong><\/p><p>Nach meiner Beobachtung entsteht dieser Druck aus einer merkw&uuml;rdigen Allianz zwischen Medien und links-gr&uuml;ner Politik. Das allgegenw&auml;rtige Fakten-Checking etwa, an sich ja aus den USA kommend und gegen L&uuml;gen und Halbwahrheiten der Trump-Regierung eingesetzt, also als Kontrollinstanz gegen&uuml;ber der Macht, wurde w&auml;hrend der Corona-Zeit in Deutschland geradezu pervertiert. In regierungsnahen Medien wird Kritik an der Regierung einem Faktencheck unterzogen, und die wichtigsten Regierungsberater dienen als Kronzeugen. Das ging so weit, dass selbst der Bundesrechnungshof zerlegt wurde, als man dort monierte, dass Krankenh&auml;user, deren Intensivbetten zu &uuml;ber 75 Prozent ausgelastet waren, zus&auml;tzliche Geldzahlungen erhalten h&auml;tten. Diese Aussage sei falsch, hie&szlig; es bei den Faktencheckern. Die Quellen waren dann das bayerische Gesundheitsministerium, der Verband DIVI (Intensivmediziner) und die deutsche Krankenhausgesellschaft. Also der Geldgeber, der Beschuldigte und der Geldempf&auml;nger. So etwas kann man sich als Kabarettist nicht ausdenken.<\/p><p><strong>K&ouml;nnen Sie ein bisschen die Mechanismen beschreiben, wie die Cancel Culture im Kabarett in der Praxis aussieht? Gibt es bei Gags direkte Ver- und Gebote?<\/strong><\/p><p>Hier muss man nat&uuml;rlich unterscheiden zwischen B&uuml;hne und Medien. Probieren Sie&rsquo;s aus. Schreiben Sie eine Nummer &uuml;ber S&ouml;der und eine &uuml;ber Ricarda Lang. Ich mache beides. Bei S&ouml;der wird durchgewinkt, der Lang-Text geradezu seziert. Und selbst wenn alles, was ich ihr in den Mund lege, belegbar ist &ndash; und diese Frau ist ja wirklich eine wandelnde Sprechblase (kein Bodyshaming hier) &ndash; bleibt am Ende der Vorwurf, der Text sei Gr&uuml;nen-Bashing. In meinen Augen ein v&ouml;llig absurder Vorwurf an einen Kabarettisten. Wir leben ja schlie&szlig;lich von der Polemik und dem Spott. Was denn sonst?<\/p><p><strong>Sie sind erst k&uuml;rzlich selber ins Kreuzfeuer geraten. Ihre <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/medien\/br-maxwell-strauss-blackfacing-1.5267642\">Figur des Maxwell Strau&szlig;<\/a> hat in den sozialen Medien einen heftigen Shitstorm ausgel&ouml;st. Was ist passiert?<\/strong><\/p><p>Nur kurz. Ich hatte in meiner Sendung &bdquo;SchleichFernsehen&ldquo; wieder einmal die Figur des von mir erfundenen unehelichen Sohnes unseres ehemaligen schwarzen bayerischen Potentaten Franz Josef Strau&szlig; ausgepackt. Ein afrikanischer Pr&auml;sident, der dort die fiktive Republik Mbongalo in autokratischer Weise regiert und dabei das Strau&szlig;&rsquo;sche Bayern der 80er-Jahre in die Gegenwart hin&uuml;bergerettet hat. Atomkraft, Maskendeals und Spezlwirtschaft sind dort geradezu Staatsr&auml;son. Ein sch&ouml;ner Spiegel also. Nat&uuml;rlich &auml;hnelt der Sohn dem Vater  verbl&uuml;ffend, nur dass er eben auch au&szlig;en schwarz ist, nicht nur innen. Dieser Kontext wurde nat&uuml;rlich im losbrechenden Shitstorm geflissentlich weggelassen und nur das Bild vom Wei&szlig;en, der sich &bdquo;blackfaced&ldquo;, ging via Twitter durch die Medien. Dummerweise auch noch am nachrichtenarmen Karfreitag. Da hat dann nat&uuml;rlich alles auf mich eingedroschen, was sich davon einen Image-Gewinn versprochen hat. Diesen Mechanismus habe ich untersch&auml;tzt.<\/p><p><strong>Haben Sie durch diesen Skandal einen Image-Schaden erfahren?<\/strong><\/p><p>Das Internet vergisst nichts. Auch wenn die Sache inzwischen &uuml;ber ein Jahr zur&uuml;ck liegt, ist der Screenshot von Maxwell Strau&szlig; einer der ersten Treffer bei Google und Co., wenn Sie meinen Namen eingeben. So ist es heute halt. Aber ich halte die Fahne der Satire-Freiheit hoch, und es gibt zum Gl&uuml;ck genug Leute, die das sehr zu sch&auml;tzen wissen.<\/p><p><strong>Welche Erfahrungen haben Sie w&auml;hrend und nach der Corona-Zeit bei Live-Auftritten gesammelt? Reagiert das Publikum auf bestimmte Gags anders als zuvor?<\/strong><\/p><p>Ich habe mich in dieser Zeit von der B&uuml;hne weitgehend zur&uuml;ckgezogen und nicht jeden Zirkus bis hin zu Auftritten vor Autos auf Parkpl&auml;tzen oder in Autokinos mitgemacht. Das Wort &bdquo;W&uuml;rde&ldquo; meint im Deutschen schlie&szlig;lich nicht nur den Konjunktiv. Jetzt stelle ich fest, dass sich die Narrative in der extrem mediengepr&auml;gten Zeit der Corona-Ma&szlig;nahmen in den K&ouml;pfen verfestigt haben. Kritische Pointen &uuml;ber das Impfen, &uuml;ber Ma&szlig;nahmen, &uuml;ber den Seuchenheiligen Lauterbach, das wird zumindest im Westen der Republik fast &auml;ngstlich wahrgenommen, nach dem Motto &bdquo;Darf ich dar&uuml;ber lachen, auch wenn&rsquo;s lustig ist?&ldquo;. Im rebellischen Osten, vor allem in Th&uuml;ringen und Sachsen, erlebe ich das zugegebenerma&szlig;en ganz anders. Aber das sind ja bekanntlich auch alles &bdquo;Nazis&ldquo;, so die Erz&auml;hlung.<\/p><p><strong>Wie einige Ihrer Kollegen haben Sie sich geweigert, unter 2G-Bedingungen aufzutreten. Warum?<\/strong><\/p><p>Weil das f&uuml;r mich nicht geht. Wer gesund ist, darf ins Theater gehen. Wer krank ist, soll zuhause bleiben. Ich sortiere mein Publikum nicht nach Impfstatus. Vollends absurd wurde das Ganze dann mit &bdquo;2Gplus&ldquo;. Also Impfung plus Test. Wer&rsquo;s da immer noch nicht gemerkt hatte, der konnte einem leid tun. Ich m&ouml;chte aber auch erw&auml;hnen, dass die Kulturszene durch die Ma&szlig;nahmen unter einem enormen wirtschaftlichen Druck stand und immer noch steht. Auch deshalb sahen sich manche gezwungen, mitzuspielen. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Ob mit oder an Corona, ist derzeit noch offen. Ganz besonders schlimm fand ich &uuml;brigens, dass ausgerechnet die Kirchen da voll mitgezogen haben. Das verzeihe ich ihnen nicht.<\/p><p><strong>Momentan ist der Zutritt zu Kulturveranstaltungen wieder allen erlaubt, unabh&auml;ngig vom Gesundheitsstatus. Spielen Sie wieder vor vollen H&auml;usern? Oder ist der Andrang noch &uuml;berschaubar?<\/strong><\/p><p>Der Andrang h&auml;lt sich leider in Grenzen. Es kursiert der Spruch, &bdquo;100 ist das neue Ausverkauft&ldquo;.<\/p><p><strong>Worauf sind die niedrigen Besucherzahlen Ihrer Meinung nach zur&uuml;ckzuf&uuml;hren?<\/strong><\/p><p>Das hat verschiedene Gr&uuml;nde. Die Leute haben Angst ums Geld. Sie haben sich&rsquo;s zuhause bequem gemacht. Sie haben noch viele Karten von verschobenen Veranstaltungen &uuml;brig. Die Angst vor Corona spielt nur noch eine untergeordnete Rolle. Da muss Karl noch mal geh&ouml;rig ran &hellip; <\/p><p><strong>Was macht f&uuml;r Sie Kabarett aus? Was soll es leisten?<\/strong><\/p><p>Das Wort ist inzwischen ja durch konsequentes Framing beschmutzt, aber quer zu denken ist die ureigenste Aufgabe des Kabaretts &ndash; gesellschaftlich, politisch, privat. Die Dinge &uuml;berh&ouml;hen, verdrehen und bis zur Kenntlichkeit zu verschwurbeln, das ist doch unser grundlegendstes Handwerkszeug. Wir m&uuml;ssen unsichere Kantonisten sein und keine Palastw&auml;chter. Und wenn dann ein paar Menschen von unserem Unfug inspiriert nach der Vorstellung aus dem Theater gehen, umso sch&ouml;ner.<\/p><p><strong>Welche Gefahren sehen Sie in der Cancel Culture f&uuml;r das Kabarett?<\/strong><\/p><p>Je enger das Denken wird, umso steuerbarer wird die Gesellschaft. Letztlich sind genau das die Pfade, auf denen Totalitarismus jeder Art daherkommt. Davor sollte der Lauterbach mal &bdquo;warnen&ldquo;. Wir sind da auf keinem guten Weg.<\/p><p>Titelbild: &copy; Katharina Ziedek <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Konformit&auml;tsdruck hat sich im Zuge der Corona-Krise intensiviert. Zwar war er schon vorher sp&uuml;rbar, doch seit M&auml;rz 2020 nimmt er immer absurdere Formen an. Selbst Kabarettisten m&uuml;ssen jedes Wort abw&auml;gen, um ja nicht die selbsternannten Meinungsw&auml;chter zu ver&auml;rgern. Wie die Mechanismen funktionieren, wei&szlig; <strong><a href=\"https:\/\/helmut-schleich.de\/\">Helmut Schleich<\/a><\/strong> zu berichten. 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