{"id":844,"date":"2005-08-22T08:12:36","date_gmt":"2005-08-22T06:12:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=844"},"modified":"2016-03-06T10:18:04","modified_gmt":"2016-03-06T09:18:04","slug":"buchbesprechung-ulrich-beck-was-zur-wahl-steht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=844","title":{"rendered":"Buchbesprechung: Ulrich Beck, Was zur Wahl steht."},"content":{"rendered":"<p>Ulrich Becks Essay &bdquo;Was zur Wahl steht&ldquo; ist entt&auml;uschend und t&auml;uschend zugleich &ndash; schon mit seinem Titel. Um es vorweg zu sagen: Wir besprechen das Buch nur deshalb, weil es nicht nur ein Beweis f&uuml;r den Niedergang der kritischen Soziologie in Deutschland ist, sondern auch daf&uuml;r, wie Intellektuelle in der Suade einer sog. &bdquo;Zweiten Moderne&ldquo; &bdquo;die neoliberale Befreiungsrhetorik&ldquo; einerseits literarisch abgehoben dem Untergang weihen und andererseits gleichzeitig deren Glaubenss&auml;tze als nicht mehr hinterfragbare Realit&auml;t auslegen.<br>\n<!--more--><br>\nEckhard Henscheid hat vor Jahren einen Roman unter dem Titel &bdquo;Die M&auml;tresse des Bischofs&ldquo; ver&ouml;ffentlicht, in dem er gleich auf der ersten Seite eine &bdquo;glei&szlig;ende Lesert&auml;uschung&ldquo; eingesteht: Nicht von einem Bischof und seiner Geliebten handele das Buch, sondern von zwei &auml;lteren Br&uuml;dern. Aber Henscheid meinte wohl zu Recht, dem Publikum w&auml;re ein ehrlicher Titel wohl zu einschl&auml;fernd erschienen und das Buch h&auml;tte deshalb wohl keiner gekauft. Einem Satiriker sieht man eine solche spitzb&uuml;bische T&auml;uschung l&auml;chelnd nach. Bei einem Soziologen, der als renommiert gilt, und dem Verlage und Medien zu F&uuml;&szlig;en liegen, &auml;rgert man sich &uuml;ber einen solchen von kommerziellen Interessen bestimmten T&auml;uschungsversuch. <\/p><p>&bdquo;Was zur Wahl steht&ldquo; und &bdquo;Zur Bundestagswahl&ldquo; steht auf dem (knallroten) Deckblatt.<br>\nGleich im ersten Satz erf&auml;hrt der Leser aber, &bdquo;was zur Wahl steht, darf nicht verwechselt werden mit dem, was zur Wahl gestellt wird.&ldquo; Nein es geht Beck nicht um &bdquo;die eiserne Lady Maggie Merkel&ldquo; oder um den &bdquo;von der Mehrheit unverstandenen Sozialstaats-Luther&ldquo; und &bdquo;Solisten&ldquo; Gerhard Schr&ouml;der und &ndash; ganz im denunzierenden Jargon des Mainstreams &ndash; schon gar nicht um die &bdquo;antilinken Linken&ldquo; von der PDS, die die &bdquo;antikapitalistische Mauer im Kopf&ldquo; wieder haben wollten. Auch um die &bdquo;wohlfahrtsnationalistische&ldquo; &bdquo;Post-SPD des Oskar Lafontaines&ldquo; gehe es in dem Essay nicht. Es gehe um nichts weniger als um einen &bdquo;Horizontwechsel&ldquo;, ja, geradezu um einen Epochenwechsel in die &bdquo;Zweite Moderne&ldquo;.<br>\nEin solcher Buchtitel h&auml;tte sich in Vorwahlzeiten aber wohl kaum verkaufen lassen. Dass der Suhrkamp Verlag mit einem, einer Boulevard-Zeitung alle Ehre machenden, rei&szlig;erischen Titel Kasse zu machen versucht, ist eine Entt&auml;uschung hinter der Entt&auml;uschung, dass sich Beck f&uuml;r so etwas auch noch hergibt und einen diffusen Essay zusammenstoppelt. Neben dem &ldquo;hohen Lied des grenz&uuml;berschreitenden Denkens&ldquo;, wird ziemlich zusammenhanglos noch das &bdquo;Bayern-M&uuml;nchen-Prinzip&ldquo; des Einkaufs von &uuml;berteuerten internationalen Fu&szlig;ballstars als Leitbild f&uuml;r eine erfolgreiche Migrations- und Wettbewerbspolitik empfohlen und &ndash; ziemlich provinziell &ndash; ein Kapitel gegen die &bdquo;McDonaldisierung der deutschen Universit&auml;t&ldquo; beigemengt. Diese Versatzst&uuml;cke waren wohl als gedankliche Finger&uuml;bungen zuf&auml;llig noch unver&ouml;ffentlicht in Becks Computer gespeichert. Nein, mit etwas so Trivialem wie der bevorstehenden Bundestagswahl gibt sich der in M&uuml;nchen und an der London School of Economics lehrende Soziologe Beck nat&uuml;rlich nicht ab. Zu Parlamentswahlen f&auml;llt dem Professor nur Absch&auml;tziges ein: &bdquo;Diejenigen, die wir gew&auml;hlt haben, sitzen machtlos und ratlos auf der Zuschauertrib&uuml;ne, w&auml;hrend diejenigen, die wir nicht gew&auml;hlt haben, Schl&uuml;sselentscheidungen treffen, die unser Leben und &Uuml;berleben bestimmen&ldquo;.<br>\nWeil der &bdquo;Wandel von einer Arbeits- in eine Risikogesellschaft&ldquo; anstehe, reichten die &bdquo;orthodoxen Strategien der Verteidigung des Bestehenden&ldquo; nicht mehr, sondern es gehe um die epochale &bdquo;Verwandlung&ldquo; einer &bdquo;globalisierten Welt&ldquo; in die globale &bdquo;B&uuml;rgergesellschaft&ldquo;, um die Schaffung einer &bdquo;zivilgesellschaftlichen Internationale&ldquo;, in der &bdquo;Netzwerke europ&auml;ischer B&uuml;rgerinitiativen&ldquo; die Macht erlangen, und unter Absingen des Refrains &bdquo;Doing Europe&ldquo; endlich &bdquo;mit den Konzernen gleichziehen&ldquo;. <\/p><p>Um dieser &bdquo;Verwandlung&ldquo; ein literarisches Pathos zu geben, greift Beck auf Franz Kafkas &bdquo;Verwandlung&ldquo; mit der K&auml;ferparabel zur&uuml;ck. Wir brauchten alle die &bdquo;Gregor-Samsa-Erfahrung, um die eigene Macht(losigkeits)stellung zu ver&auml;ndern: Man muss einen anderen Blick auf die Welt richten, um vom R&uuml;cken auf die eigenen Beine zu fallen.&ldquo; <\/p><p>Beck hofft wohl darauf, dass der Leser nicht belesen genug ist, um zu merken, dass der Autor mit dieser literarischen Anleihe v&ouml;llig daneben greift: Der zum K&auml;fer verwandelte Handelsreisende Samsa kommt n&auml;mlich nur mit gr&ouml;&szlig;ten Verletzungen aus seiner hilflosen Lage vom R&uuml;cken wieder auf die Beine; im &Uuml;brigen erf&auml;hrt er durch die &bdquo;Verwandlung&ldquo; in einen K&auml;fer eine v&ouml;llige soziale Isolation, so dass er schlie&szlig;lich freiwillig den Hungertod stirbt. <\/p><p>Es ist zu hoffen, dass Beck mit der von ihm eingeforderten &bdquo;Verwandlung&ldquo; der Gesellschaft nicht an diesen Hungertod gedacht hat, an Verwundungen allerdings offenbar schon:<br>\n&bdquo;Wer &hellip;etwas ver&auml;ndern will, muss &acute;ungerecht` sein, Anspr&uuml;che beschneiden, abweisen, Eigeninitiative f&ouml;rdern, hartn&auml;ckig f&uuml;r ein Ende der deutschen K&auml;ferexistenz, demnach f&uuml;r eine andere Logik, andere Moral der Sozialpolitik werben und fechten.&ldquo; Oder: &bdquo;Dieses &acute;Deutschland des Mehr` erlebt gegenw&auml;rtig schmerzhaft, wie es sich in einer Gesellschaft des Weniger verwandelt&ldquo;. Ja sogar: &bdquo;Es gibt einen Zwang zum Weniger&ldquo;, denn: &bdquo;Der Fahrstuhl bewegt sich nach unten&ldquo;. <\/p><p>An diesem Bild des &bdquo;Fahrstuhls&ldquo; kann man exemplifizieren, wie oberfl&auml;chlich, wie unkritisch, ja geradezu (wirtschafts-)wissenschaftsblind des Soziologen Becks &bdquo;Politische &Ouml;konomie der Unsicherheit&ldquo; oder (wie er das an andere Stelle scheinbar beliebig austauschbar nennt) &bdquo;Politische &Ouml;konomie der Uneindeutigkeit&ldquo; ist. Wenn man schon zu einem solchen Bild greifen will, dann befinden wir uns gewiss nicht in einem &bdquo;Fahrstuhl&ldquo;, in dem alle nach unten fahren, sondern eher in einem Paternoster, in dem ein Gro&szlig;teil der unteren H&auml;lfte der Gesellschaft &bdquo;nach unten&ldquo; f&auml;hrt, ein kleiner Teil der Kapital und Verm&ouml;gen Besitzenden aber gleichzeitig nach oben. Diese reale politische &Ouml;konomie ist eben nicht &bdquo;uneindeutig&ldquo;, sondern sehr eindeutig. Zwar haben wir in den letzten Jahren nur noch ein kleines Wachstum des Bruttosozialprodukts, aber irgendwer muss sich ja in &bdquo;der Gesellschaft des Weniger&ldquo; das &bdquo;Mehr&ldquo; vom Kuchen auf seinen Teller genommen haben. <\/p><p>Zugegeben, die auseinander gehende Schere zwischen Arm und Reich ist auch Ulrich Beck nicht verborgen geblieben, wenn er schreibt: &bdquo;Im obersten Oben werden die Wenigen immer reicher, und die Armen immer &auml;rmer im untersten&ldquo;. Warum aber dann so falsche Bilder, wie das vom &bdquo;Fahrstuhl&ldquo;? <\/p><p>Solche falschen Bilder und gedanklichen Widerspr&uuml;che ziehen sich durch das ganze Buch. So wirft sich Beck einerseits in die Pose eines fundamentalen Kritikers der neoliberalen &bdquo;orthodoxen Strategien der Verteidigung des Bestehenden&ldquo;, andererseits bemerkt der &bdquo;Aufschreiber von Tatsachen&ldquo;, wie sich der Autor selbst kennzeichnet, aber gar nicht, dass er bei seinen &bdquo;Tatsachen&ldquo;-Beschreibungen exakt auf jene Schreckens-Bilder zur&uuml;ckgreift, die uns die neoliberalen Kreuzritter seit Jahren einzubl&auml;uen versuchen:<br>\nWie in der Strategie der Wirtschaftsverb&auml;nde und deren PR-Agenturen muss, damit der politische Druck f&uuml;r einen Systemwechsel erst aufgebaut werden kann, alles schlecht geredet und mies gemacht werden. So redet auch Beck vom &bdquo;Schlammasseldeutschland&ldquo; und von der &bdquo;Malaise&ldquo;, vom &bdquo;Stau in den Gedanken, der Deutschland lahm legt&ldquo;, von der &bdquo;dicken Schlamasselsuppe, in der Deutschland k&ouml;chelt&ldquo;, um damit eine &bdquo;Reformation vom Kopf bis zu den F&uuml;&szlig;en&ldquo; als unausweichlich darstellen zu k&ouml;nnen. Wie in der Begr&uuml;ndung zur Agenda-Politik hei&szlig;t es bei Beck, &ldquo;auch Deutschland muss sich in einer globalisierten Welt neu finden, erfinden&ldquo;.<br>\nUnd wie bei allen, die den Sozialstaat aushebeln wollen, folgt nach dem Hebel der &bdquo;Globalisierung&ldquo; auch bei Beck die Drohkulisse mit der demographischen Entwicklung: &bdquo;Wer angesichts der absehbaren Verschiebungen im Altersaufbau der Bev&ouml;lkerung, des schrumpfenden Erwerbsarbeitsvolumens im digitalen (!) Kapitalismus, der zunehmenden Nachfrage nach Erwerbsarbeit durch Individualisierung Ausma&szlig; und Niveau der Leistungen des Sozialstaats f&uuml;r sakrosankt erkl&auml;rt, gef&auml;hrdet das Ganze&ldquo;. <\/p><p>Dieses Buch von Ulrich Beck ist der sich feingeistig gebende Beleg daf&uuml;r, dass sich das neoliberale Paradigma von den Zw&auml;ngen der Globalisierung und der demografischen Entwicklung nicht nur in den K&ouml;pfen der handelnden Politiker und der schreibenden Zunft sondern auch bei seinen angeblich hochintellektuellen Kritikern festgesetzt hat. F&uuml;r Beck ist nicht &bdquo;der Teufel Globalisierung&ldquo; das Problem, sondern &bdquo;das Unverst&auml;ndnis der Globalisierung&ldquo;. Er, der die Globalisierung verstanden haben will, will aber offenbar gar nicht verstehen , dass die &ouml;konomische Globalisierung, dass Steuer-, Lohn- oder Umweltdumping etwas Gewolltes, etwas politisch Gemachtes sind. Beck, der doch den &bdquo;Realit&auml;tssinn der Deutschen&ldquo; wecken will, leugnet die Realit&auml;t, dass der Sozialstaat &ndash; zumindest im hier und heute &ndash; nicht wegen der Demografie in einen finanziellen Engpass geraten ist, sondern wegen der hohen Arbeitslosigkeit, der sinkenden Beitr&auml;ge als Ausfluss niedrigerer L&ouml;hne und der fehlfinanzierten Kosten der deutschen Einheit. <\/p><p>Wer sich, wie Ulrich Beck, derart von der falschen Ausgangsanalyse und der Strategie der neoliberalen &bdquo;Reformer&ldquo; hat gefangen nehmen lassen, bei dem schrumpft der Handlungsspielraum auf das Dilemma, &bdquo;entweder zunehmende Armut mit hoher Arbeitslosigkeit zu bezahlen (wie in den meisten europ&auml;ischen L&auml;ndern) oder eklatante Armut bei etwas geringerer Arbeitslosigkeit hinzunehmen (wie in den USA)&ldquo;.<br>\nBeck sieht zwar, dass die &bdquo;orthodoxen Strategien&ldquo; scheitern, weil er aber nicht mehr wahrnimmt, dass sowohl die Analyse als auch die Medizin des neoliberalen Wirtschaftsdogmas keineswegs alternativlos sind, greift er &ndash; um seinen literarischen R&uuml;ckgriff auf Kafka aufzugreifen &ndash; zu einer Wirklichkeits-Fiktion vom &bdquo;Kapitalismus ohne Arbeit&ldquo;, vom Ende der &bdquo;Erwerbsgesellschaft&ldquo;, vom Wandel der &bdquo;Arbeits- in eine Risikogesellschaft&ldquo;. Er verf&auml;llt dem Wahn, dass &bdquo;die Reichen heute auch ohne Ausbeutung reicher werden&ldquo;, es &bdquo;gebe keinen sichtbaren Gegner (mehr), der bek&auml;mpft und zum Nachgeben gezwungen werden&ldquo; k&ouml;nne, dass die Menschen &bdquo;durch den Einsatz intelligenter Technologien ersetzt werden&ldquo; k&ouml;nnten. Im Kurzschluss: &bdquo;Wirtschaftswachstum schafft keine Arbeitspl&auml;tze&ldquo;.<br>\nGegen diese Fiktion steht allerdings eine ziemlich raue Wirklichkeit: Mit welchem angeblich unsichtbaren Gegner man es zu tun hat, das erfahren nicht nur die Erwerbst&auml;tigen und die Rausgeworfenen, ja sogar die Politik t&auml;glich. Dass Reiche reicher werden sollen, ohne vorher jemand etwas weggenommen oder nicht verteilt zu haben, hat mit der harten Realit&auml;t ziemlich wenig zu tun. Die reale Alternative, dass von den produktivit&auml;tssteigernden Technologien nicht nur die Kapitalseite sondern auch die Arbeitnehmer profitieren k&ouml;nnten, hat in der Beckschen Fiktion offenbar keinen Platz mehr. Die Beobachtung, dass Wirtschaftswachstum nicht zu mehr oder zu Vollbesch&auml;ftigung f&uuml;hren muss, ber&uuml;cksichtigt gleichfalls allenfalls die halbe Wirklichkeit. Die ganze Wirklichkeit ist zum einen, dass f&uuml;r mehr Besch&auml;ftigung nicht das wirtschaftspolitisch Richtige getan wird, und dass zum Zweiten das Gewinnwachstum heute an erster Stelle steht und explodierende Gewinne angesichts der heutigen, durchaus &bdquo;sichtbaren&ldquo; Kr&auml;fteverh&auml;ltnisse zwischen Kapital und Arbeit, in einem Atemzug mit Arbeitszeitverl&auml;ngerung, Lohnsenkung, Sozialabbau und dem Abbau von Arbeitspl&auml;tzen genannt werden k&ouml;nnen. <\/p><p>Eingeschlossen in der Eindimensionalit&auml;t des neoliberalen wirtschaftspolitischen Denkens, schlie&szlig;t sich Beck gedanklich sozusagen selbst in dieses Zimmer ein und verwandelt sich in einen K&auml;fer, der dann alles daran setzen muss, vom R&uuml;cken wieder auf die Beine zu kommen.<br>\nIn dieser alptraumhaften Fiktion der Wirklichkeit fantasiert unser K&auml;fer Beck von einem &bdquo;dritten Weg zwischen dem alten deutschen Sozialstaat und einer radikalen Marktl&ouml;sung&ldquo;, er tr&auml;umt von der &bdquo;Entzugsmacht des Konsumenten&ldquo; und schlie&szlig;lich von der &bdquo;revolution&auml;ren&ldquo; Erl&ouml;sung durch eine &bdquo;Sozialpolitik der Grundsicherung (einer erwerbsunabh&auml;ngigen Gesundheits- und Rentenvorsorge, die alle finanzieren)&ldquo;.<br>\nAlles Heil kommt f&uuml;r den in seinem Zimmer eingesperrten K&auml;fer Beck von einem &bdquo;selbstt&auml;tigen und selbstbestimmten&ldquo; Europa. Deshalb d&uuml;rfe man sich nicht l&auml;nger &bdquo;als Gefangener der alten Begriffe im Streit &uuml;ber die &acute;Senkung der Lohnnebenkosten` oder die &acute;Staatsquote` verlieren, nein, &bdquo;die &ouml;ffentlich finanzierte Grundausstattung m&uuml;sste mit EU-Mitteln gesichert und durch ein B&uuml;rgergeld, das hei&szlig;t gesetzlich finanzierte Basisfinanzierung, gesichert werden&ldquo;. Auf die (&bdquo;linksnationale&ldquo; und sozialstaats-protektionistische) Frage, wie dieses Manna vom europ&auml;ischen Himmel fallen sollte, hat Beck eine wunderbare Antwort: &bdquo;Vor allem durch die Selbstverpflichtung der europ&auml;ischen Konzerne, die auf diese Weise die beunruhigende Frage, die ihre M&auml;rkte und Gewinne delegitimiert und gef&auml;hrdet, beantworten k&ouml;nnen, welchen Beitrag sie f&uuml;r die Demokratisierung Europas leisten&ldquo;. <\/p><p>Die Beantwortung der Frage, welchen Beitrag sie f&uuml;r die Demokratisierung leisten k&ouml;nnten, lastet den Hedge-und Equity-Fonds ja, wie man t&auml;glich in den Wirtschaftsteilen der Zeitungen nachlesen kann, schon seit geraumer Zeit schwer auf der Seele, und um sich ihr schlechtes Gewissen zu entlasten, werden sie liebend gerne etwas von ihren hohen Gewinnen in das B&uuml;rgergeld stecken, mit dem dann die von ihnen zuvor Entlassenen wieder eine &bdquo;Grundausstattung&ldquo; erhalten. <\/p><p>Man w&uuml;rde Beck ja gar nicht kritisieren wollen, wenn er die soziale Einbindung des global agierenden Kapitalismus durch internationale Kooperation &ndash; zun&auml;chst auf europ&auml;ischer und dann auf internationaler Ebene &ndash; (zur&uuml;ck)erobern m&ouml;chte, aber auch hier zeigt sich ein weiteres Mal die Becksche Gefangenschaft im neoliberalen Gedankenk&auml;fig. So kritisiert er das &bdquo;Non&ldquo; der Franzosen und das &bdquo;Nee&ldquo; der Niederl&auml;nder zum Europ&auml;ischen Verfassungsvertrag als R&uuml;ckfall in kleinstaatliches und protektionistisches Denken und nicht etwa &ndash; zumindest auch &ndash; als Ablehnung einer verfassungsm&auml;&szlig;igen Verankerung marktradikaler, neoliberaler Prinzipien, die f&uuml;r immer mehr Menschen zum Schaden und Nachteil gereichen. Weil er diese &bdquo;Tatsache&ldquo; nicht wahrhaben will oder kann, sieht er die (Er-) L&ouml;sung nicht in einer alternativen die Konjunktur, das Wachstum und die Besch&auml;ftigung ankurbelnden Wirtschaftspolitik f&uuml;r Europa, sondern darin, dass &bdquo;die Netzwerke europ&auml;ischer B&uuml;rgerinitiativen und Assoziationen die Macht erlangen, indem &bdquo;sie mit den Konzernen gleichziehen&ldquo;. Diese Netzwerke m&uuml;ssten &bdquo;ihren Einfluss geltend (machen), indem sie das europ&auml;ische Gemeinwohl gegen den Widerstand der nationalen Regierungen und EU-B&uuml;rokraten auf die Tagesordnung setzen.&ldquo; In dieser Abl&ouml;sung von institutioneller Politik, angefangen von den Parteien, &uuml;ber die Parlamente bis zu den Regierungen und EU-Administrationen durch die Erfindung der &bdquo;B&uuml;rgergesellschaft&ldquo;, wie sie sich auch Ralf Dahrendorf w&uuml;nscht, trifft sich Beck mit der b&uuml;rgerlichen au&szlig;erparlamentarischen Opposition, etwa dem marktradikalen &bdquo;B&uuml;rgerKonvent&ldquo; eines Meinhard Miegel. <\/p><p>Der Essay endet mit einer Fiktion (denn als Utopie m&ouml;chte man ein solch sch&ouml;ngeistig getarntes Ablenkungsman&ouml;ver von der herrschenden Doktrin des Neoliberalismus nun wirklich nicht bezeichnen): &bdquo;Auf der Suche nach einem neuen globalen Vertrag m&uuml;ssen Staaten, mobiles Kapital und soziale Bewegungen ihre Machtchancen und Rollen neu bestimmen. Das ist (grob zusammenfasst) die Wahl in der Wahl, um die es geht &ndash; und danach.&ldquo; <\/p><p>&bdquo;Jetzt reicht&acute;s, du oberschlauer Autor&ldquo; l&auml;sst Beck, falls er sich bis zum Schluss des Buches durchgerungen hat, seine Leser einwenden und weiter: &bdquo;Mir str&auml;uben sich die Haare. Der Idealismus ist unertr&auml;glich. Hier wird wohl der Raubtierkapitalismus mit der Heilsarmee verwechselt&ldquo;. Wenn Beck bei seiner antizipierten Leserkritik das Wort &bdquo;Idealismus&ldquo; mit &bdquo;Unsinn&ldquo; oder mit &bdquo;Geschwafel der &acute;Zweiten Moderne`&ldquo; ersetzt h&auml;tte, dann w&auml;ren das zwei S&auml;tze gewesen, denen man ausnahmsweise h&auml;tte uneingeschr&auml;nkt zustimmen k&ouml;nnen. <\/p><p>Bleibt die spannende Frage nach der Rezeption dieses B&uuml;chleins. Vielleicht kann sich ja Beck einmal mehr eines Briefes von Gerhard Schr&ouml;der an den &bdquo;lieben Ulrich&ldquo; r&uuml;hmen und sich f&uuml;r seine Vorschl&auml;ge zur Begr&uuml;ndung der &bdquo;Demokratie jenseits der Erwerbsarbeit&ldquo; loben lassen. Denn eine politische Gefahr f&uuml;r den weiteren Fortgang des &bdquo;Reformprozesses&ldquo; geht von diesem Buch nicht aus. Es ist eine Exegese des neoliberalen Dogmas und vertr&ouml;stet diejenigen (Linken), die an die Fiktion eines B&uuml;rgergeldes glauben. <\/p><p>Von den wirklichen politischen Alternativen, die heute zur Wahl st&uuml;nden, lenkt der Essay jedenfalls ab. <\/p><p>Ulrich Beck, Was zur Wahl steht, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2005. 126 Seiten. 7 Euro\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ulrich Becks Essay &bdquo;Was zur Wahl steht&ldquo; ist entt&auml;uschend und t&auml;uschend zugleich &ndash; schon mit seinem Titel. Um es vorweg zu sagen: Wir besprechen das Buch nur deshalb, weil es nicht nur ein Beweis f&uuml;r den Niedergang der kritischen Soziologie in Deutschland ist, sondern auch daf&uuml;r, wie Intellektuelle in der Suade einer sog. &bdquo;Zweiten Moderne&ldquo;<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=844\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[31,208,145,132],"tags":[1862,1861,312,291],"class_list":["post-844","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-grundeinkommen","category-rezensionen","category-sozialstaat","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-buergergeld","tag-beck-ulrich","tag-reformpolitik","tag-verteilungsgerechtigkeit"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/844","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=844"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/844\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":31889,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/844\/revisions\/31889"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=844"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=844"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=844"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}