{"id":84544,"date":"2022-06-04T14:00:26","date_gmt":"2022-06-04T12:00:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=84544"},"modified":"2022-06-04T14:36:09","modified_gmt":"2022-06-04T12:36:09","slug":"sanktionen-und-krise-als-grosse-chance-fuer-russische-wirtschaft-interview-mit-deutscher-unternehmensberaterin-in-moskau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=84544","title":{"rendered":"\u201eSanktionen und Krise als gro\u00dfe Chance f\u00fcr russische Wirtschaft\u201c \u2013 Interview mit deutscher Unternehmensberaterin in Moskau"},"content":{"rendered":"<p>Die westlichen Sanktionen gegen Russland bedeuten nicht nur einen Gewinn-Ausfall f&uuml;r deutsche Unternehmen, sie wirken sich auch negativ f&uuml;r die russische Wirtschaft und den Lebensstandard der Russen aus, denn Russland kann nicht &uuml;ber Nacht neue Lieferwege aufbauen und Ersatzprodukte beschaffen. Vor allem im Maschinenbau, in der Konsumg&uuml;terindustrie und der Elektronik ist Russland noch stark von Importen abh&auml;ngig. <strong>Ulrich Heyden<\/strong> hat mit der deutschen Unternehmensberaterin <strong>Constance Kachcharova<\/strong>, die seit 2006 in Moskau in ihre eigene Beratungsfirma investiert, &uuml;ber die Stimmung in der russischen Gesch&auml;ftswelt gesprochen. Diese scheint, entgegen der westlichen Berichterstattung, erstaunlich optimistisch zu sein.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Herrscht in der russischen Wirtschaft eine Art Katastrophenstimmung?<\/strong><\/p><p>&ldquo;Katastrophenstimmung&rdquo; ist sicherlich &uuml;bertrieben. Nat&uuml;rlich stellen sich den von Sanktionen direkt oder mittelbar betroffenen russischen Unternehmen immense Probleme. Auch der angek&uuml;ndigte und teils tats&auml;chlich vollzogene Marktr&uuml;ckzug internationaler Firmen wirft bedrohlich wirkende Schatten. Zumal dies alles noch auf die aktuellen globalen Verwerfungen wie den br&uuml;chigen Lieferketten und die vor sich hin schwelenden hausgemachten Probleme wie der schlechten F&uuml;hrungsqualit&auml;t draufkommt.<\/p><p>Doch wie abgedroschen es auch klingen mag: Diese Krise kann Russlands gro&szlig;e Chance sein. Denn erst derart an die Wand gedr&auml;ngt, entfaltet der russl&auml;ndische Nationalcharakter ungeahnte Kr&auml;fte. Russlands Wirtschaft offenbarte immer dann die gr&ouml;&szlig;ten Schwachstellen, wenn sich ihre Hauptakteure in einer tr&auml;ge machenden Komfortzone w&auml;hnten. M&ouml;glicherweise werden Russlands Wirtschaftslenker nun aufger&uuml;ttelt, um das entwicklungshemmende Muster des &ldquo;Ressourcenfluchs&rdquo; zu durchbrechen und das enorme, bisher gr&ouml;&szlig;tenteils schlummernde Potenzial des Riesenreichs zu heben. <\/p><p><strong>Ist ein Silberstreifen am Horizont zu sehen? Wie sieht der aus?<\/strong><\/p><p>Einen Silberstreifen sehe ich auf jeden Fall. In diesem Sanktionstsunami erweist sich Russlands Wirtschaft bisher als erstaunlich robust. Seit 2014 ist das Land aus dem einschr&auml;nkenden Sanktionsmodus ja auch nie herausgekommen und zeigt sich daher selbst auf diese exorbitanten Strafma&szlig;nahmen weitgehend vorbereitet. Auch ist fraglich, ob das territorial gr&ouml;&szlig;te Land der Erde, die gr&ouml;&szlig;te Atommacht, mit einem hohem Selbstversorgungsgrad bei Nahrungsmitteln sowie energetischer Unabh&auml;ngigkeit und Ressourcenreichtum ausgestattet, mit Sanktionen und Embargos kleinzukriegen ist, ohne die gesamte Weltwirtschaft &ndash; und allen voran die energieabh&auml;ngige EU &ndash; in den Abgrund zu rei&szlig;en. <\/p><p>Wie Russland mit den schwerwiegenden wirtschaftlichen und sozialen Konsequenzen der aktuellen Ereignisse klarkommt, vor allem, wenn diese st&auml;rker die Bev&ouml;lkerung erfassen, liegt weitgehend in dessen eigener Hand: in seiner grunds&auml;tzlichen Transformations-F&auml;higkeit. Ob diese Aussicht beruhigend oder alarmierend ist, wird sich bald zeigen. <\/p><p><strong>Was w&uuml;rde passieren, wenn die russische Zentralbank den Leitzins massiv senkt? W&uuml;rde das die Wirtschaft ankurbeln, da dann auch kleine und mittlere Unternehmen leichter an Kredite rankommen?<\/strong><\/p><p>Zweifellos nimmt eine Hochzinspolitik der russischen Zentralbank die Wirtschaft des Landes in den W&uuml;rgegriff. Die Kreditklemme wirkt als konjunktureller Bremsklotz. Dass aber auch in relativen Niedrigzins-Phasen die russische Wirtschaft allenfalls moderat wuchs und der Unternehmenssektor zur&uuml;ckhaltend investierte, legt das prinzipielle Problem einer &Uuml;berbewertung des Leitzinses in seiner Funktion als Wachstumskatalysator offen: Geldpolitik kann Kapitalm&auml;rkte und Konjunktur flicken, ohne unterst&uuml;tzende Faktoren jedoch nicht herbeizaubern. <\/p><p>Letztlich ist entscheidend, in welchem Ausma&szlig; die Banken ihre Kapitalausstattung den Unternehmen zukommen lassen. Und in Russland eben besonders den mit g&uuml;nstigen Krediten chronisch unterversorgten Klein- und Mittelunternehmen (KMU). Selbst die Nachwehen der Coronakrise stemmten russische KMU nach Angaben von Beauftragten f&uuml;r Unternehmensrechte haupts&auml;chlich mit Zuwendungen aus dem Verwandten- und Freundeskreis.<\/p><p>Jedes vierte Business in Russland h&auml;lt sich neben eigenen Mitteln mit derlei informalen Finanzspritzen &uuml;ber Wasser. F&uuml;r kostspielige Investitionen und erst recht f&uuml;r Innovationen gibt es daher nur d&uuml;rftigen Spielraum. Der Anteil der KMU mit wenigstens einem laufenden Bankkredit hinkt in Russland mit 22% deutlich dem Durchschnittswert von 42% in entwickelten Industriestaaten hinterher. Und selbst eine massive Leitzins-Senkung d&uuml;rfte ohne eine ganzheitliche Verbesserung des Gesch&auml;fts- und Investitionsklimas nicht f&uuml;r eine nachhaltige Aufhellung sorgen. <\/p><p><strong>Haben die westlichen Sanktionen f&uuml;r Russland auch eine positive Seite?<\/strong><\/p><p>Dass Russland restriktiven Ma&szlig;nahmen des Westens auch positive Seiten abgewinnen kann, hat es in den vergangenen acht Jahren unter Beweis gestellt. Sanktionen und Gegensanktionen haben das Land in einigen Bereichen aus seiner extremen Importabh&auml;ngigkeit herausgebracht. Dass bestimmte Waren und Technologien mit einem Schlag nicht mehr mithilfe fast wie von selbst sprudelnder Rohstofferl&ouml;se bequem zugekauft werden konnten, hat das Land gezwungen, sich auf eigene Kr&auml;fte zu besinnen und Wertsch&ouml;pfung zu lokalisieren. Dieser von russischer Seite bisher nicht vehement genug verfolgte und keineswegs immer klug gestaltete Prozess k&ouml;nnte nun &ndash; entgegen der linearen westlichen Sanktionslogik &ndash; an positiver Dynamik gewinnen.<\/p><p><strong>Sie leben seit 2000 in Russland. In den 1990er Jahren und 2008 gab es schwere Wirtschafts- und Finanzkrisen. Was unterscheidet diese Krisen von der Krise heute? <\/strong><\/p><p>Die Krisen, die Russland in den 1990ern durchr&uuml;ttelten und 1998 fast zusammenbrechen lie&szlig;en, beobachtete ich noch aus der Ferne. Mit sicherem Abstand sozusagen. In den 22 Jahren, die ich in diesem Land nun dauerhaft zubringe, habe ich immerhin schon vier Wirtschafts- und Finanzkrisen er- und durchlebt. Und jede davon f&uuml;hlte sich anders an. Vor allem verk&uuml;rzte sich jedes Mal die Zeit, sich auf die besondere Situation einzustellen. &Ouml;konomisch, organisatorisch wie mental. <\/p><p>Kam die Krise 2008 als Ausl&auml;ufer der internationalen Ereignisse noch mit Ansage, war der Vorlauf der Sanktionsspirale 2014 schon k&uuml;rzer. <\/p><p><strong>Wie gehen Sie pers&ouml;nlich mit den letzten Krisen &mdash; Pandemie und Sanktionen &mdash; um?<\/strong><\/p><p>F&uuml;r das Ausma&szlig; der Corona-Krise gab es f&uuml;r die Allgemeinheit kaum sichtbare Anzeichen. Die Pandemie traf bestimmte Branchen daher mit unerwarteter Wucht. Unser Gesch&auml;ft &ndash; die Beratung von Unternehmern und Managern &ndash; gl&uuml;cklicherweise weniger hart als bef&uuml;rchtet. <\/p><p>Die aktuelle Extremsituation nehme ich vor Ort ganz anders wahr als alle anderen Krisenzeiten zuvor. Gesch&auml;ftlich wie pers&ouml;nlich. Einerseits war da schon ein gewaltiger &Uuml;berraschungseffekt, der alle Pl&auml;ne, die wir zum Jahreswechsel hatten, &uuml;ber&rsquo;n Haufen warf.<\/p><p>Andererseits sind wir hier in Russland sp&auml;testens seit 2014 im Dauerkrise-Modus. Denn Sanktionen, Gegensanktionen und ihre Folgen haben ja nie aufgeh&ouml;rt. Als Unternehmerin bleibst du da automatisch in einer Art Wachzustand, indem du f&uuml;r Vorzeichen und Signale viel empf&auml;nglicher bist als in Zeiten, in denen lange alles rund zu laufen scheint. <\/p><p>In diesem Sinne waren wir f&uuml;r die Eventualit&auml;ten ger&uuml;stet, die jetzt eingetreten sind.<\/p><p><strong>Was bedeutet die aktuelle Krise f&uuml;r Ihre Firma?<\/strong><\/p><p>Die vermeintliche Plattit&uuml;de, dass wir uns allein der Unsicherheit gewiss sein k&ouml;nnen, war im instabilen russischen Marktumfeld schon immer t&auml;gliche Praxis. In der aktuellen Krise hat sich eine solche Geisteshaltung als Firmen-DNA bei uns jedoch regelrecht eingebrannt.<\/p><p>Wie regelm&auml;&szlig;iges Wechselduschen h&auml;rtet auch der praktische Umgang mit st&auml;ndig erwartbarer Unsicherheit ab, macht flexibler, widerstandsf&auml;higer und &ndash; das sollten westliche Sanktions-Technokraten auf dem Schirm haben &ndash; unkalkulierbarer.<\/p><p>Die Qualit&auml;t der &Uuml;berlebensf&auml;higkeit selbst unter widrigsten Umst&auml;nden, die russische Lebensrealit&auml;t abverlangt, immer schon abverlangt hat, wird meines Erachtens im noch weitgehend linear getakteten Westen untersch&auml;tzt. So zielt die westliche Sanktionslogik prim&auml;r auf kausale Aktion-Reaktion-Mechanismen. Nach dem Motto &ldquo;Wir dr&uuml;cken &ndash; Ihr knickt ein&rdquo;. Derma&szlig;en mechanistisch ticken Russen aber nicht. Und meinem Empfinden nach auch viele der lange in Russland lebenden Ausl&auml;nder nicht. Dass von au&szlig;en kommender Druck in Russland eher Gegendruck und dadurch Kreativit&auml;t herauskitzelt, stimmt unsere Firma f&uuml;r die Zukunft des Landes optimistisch. <\/p><p><img decoding=\"async\" style=\"float:left; margin: 0 25px 25px; border-radius: 50%; width: 200px;\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/220603-copyright-Constance-Kachcharova.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p><strong>Zur Person:<\/strong> Constance Kachcharova. Geboren in Salzwedel, diplomierte Betriebswirtschaftlerin und Osteuropa-Expertin, berufliche T&auml;tigkeit als Wirtschaftskorrespondentin, Markt- &amp; Branchenanalystin, seit 2006: Unternehmensberaterin im deutsch-eurasischen Businesskontext, Lebensschwerpunkt seit &uuml;ber zwanzig Jahren in Moskau.<\/p><p><strong>Nicht Alle verlassen Russland<\/strong><\/p><p>Noch im Februar 2022 waren 3650 deutsche Firmen in Russland pr&auml;sent. Seitdem hat sich diese Zahl verringert. Mehrere Unternehmen &ndash; wie Siemens &ndash; haben angek&uuml;ndigt, sich aus Russland zur&uuml;ckzuziehen. Deutsche Automobil-Unternehmen haben ihre Fabriken in Russland geschlossen. Doch viele deutsche Firmen bleiben. Es sind Unternehmen aus der Pharmaindustrie, der Agrarchemie und aus dem Handel mit Grundnahrungsmitteln, Konsumg&uuml;tern und Landtechnik.<\/p><p>Titelbild: shutterstock\/ C.Aphirak<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/d635dd31d01b4f03a76b34f51877cd56\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die westlichen Sanktionen gegen Russland bedeuten nicht nur einen Gewinn-Ausfall f&uuml;r deutsche Unternehmen, sie wirken sich auch negativ f&uuml;r die russische Wirtschaft und den Lebensstandard der Russen aus, denn Russland kann nicht &uuml;ber Nacht neue Lieferwege aufbauen und Ersatzprodukte beschaffen. 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