{"id":84653,"date":"2022-06-09T09:10:30","date_gmt":"2022-06-09T07:10:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=84653"},"modified":"2022-06-09T12:08:16","modified_gmt":"2022-06-09T10:08:16","slug":"krieg-auf-einmal-ganz-nah","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=84653","title":{"rendered":"Krieg &#8211; \u201eauf einmal\u201c ganz nah"},"content":{"rendered":"<p>Der Oberst a.D. <strong>J&uuml;rgen H&uuml;bschen<\/strong> beschreibt in diesem Text seine eigenen schrecklichen Erfahrungen in Kriegssituationen. Au&szlig;erdem vertritt er die These, dass im Ukrainekrieg echte diplomatische Impulse vor allem von Verhandlungen zwischen dem russischen und dem US-amerikanischen Pr&auml;sidenten ausgehen w&uuml;rden.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_5080\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-84653-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220609-Krieg-auf-einmal-ganz-nah-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220609-Krieg-auf-einmal-ganz-nah-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220609-Krieg-auf-einmal-ganz-nah-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220609-Krieg-auf-einmal-ganz-nah-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=84653-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220609-Krieg-auf-einmal-ganz-nah-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"220609-Krieg-auf-einmal-ganz-nah-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Vorbemerkung<\/strong><\/p><p>Krieg in Europa war bis zum 24. Februar 2022 f&uuml;r die meisten Menschen in Europa nicht vorstellbar, obwohl auch Tschetschenien und Georgien in Europa liegen und auch der s.g. &bdquo;Balkan-Krieg&ldquo; in Europa stattgefunden hat. Trotzdem waren diese Kriege irgendwie au&szlig;erhalb des Blickfelds der meisten Europ&auml;er. Dass in den letzten 20 Jahren auch Kriege im Irak, in Syrien und in Libyen stattfanden, der Krieg im Jemen noch gar nicht zu Ende ist, die letzten europ&auml;ischen Soldaten erst im August 2021 aus dem Krieg in Afghanistan zur&uuml;ckgekehrt sind und aktuell noch &bdquo;westliche Truppen&ldquo; in Mali k&auml;mpfen, wei&szlig; man als Europ&auml;er zwar irgendwie, aber es f&auml;llt alles mehr in die Kategorie, &bdquo;geht uns nichts an&ldquo; oder &bdquo;davon sind wir nicht betroffen&ldquo;.<\/p><p>Und jetzt, seit dem Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine, ist Krieg auf einmal ganz nah. Liegt das nur daran, dass die Medien praktisch rund um die Uhr dar&uuml;ber berichten oder dass der ukrainische Pr&auml;sident im Rahmen einer beispiellosen PR-Kampagne agiert oder dass befreundete\/verb&uuml;ndete L&auml;nder eine gemeinsame Grenze mit der Ukraine oder auch mit Russland haben? M&ouml;glicherweise spielt aber auch eine Rolle, dass die wohlbeh&uuml;teten B&uuml;rger in den Mitgliedsl&auml;ndern der EU und\/oder der NATO und in den befreundeten neutralen Staaten langsam begreifen, was Krieg ist und wie schnell er das bis dahin geordnete Leben ver&auml;ndern kann. Im Folgenden werden einige Wesensmerkmale von Kriegen aufgezeigt, auch um zu verdeutlichen, welche Verantwortung Politiker haben, den Frieden zu bewahren. <\/p><p><strong>Meine pers&ouml;nliche Erfahrung von Krieg<\/strong><\/p><p>Von Ende 1986 bis Ende September 1989 war ich als Milit&auml;rattach&eacute; bei der Deutschen Botschaft in Bagdad eingesetzt. Dort herrschte ein Krieg zwischen dem Irak und Iran, der im August 1988 mit einem Waffenstillstand endete. Den eigentlich erforderlichen und von der UNO vorgesehenen Friedensvertrag gibt es bis heute nicht. In unregelm&auml;&szlig;igen Abst&auml;nden schlugen in Bagdad iranische Raketen ein und richteten mehr oder weniger gro&szlig;e Zerst&ouml;rungen an. Die Ger&auml;usche und den &Uuml;berschallknall der anfliegenden Raketen habe ich heute noch im Ohr. Insgesamt war die Lage in der Stadt angespannt, obwohl es keine konkrete Gef&auml;hrdung f&uuml;r unsere Familie gab. Im November 1987 schlug eine iranische Scud-Rakete mit einer Sprengkraft von etwa 500 kg auf dem Schulhof einer irakischen Grundschule ein und zwar um kurz vor 08:00 Uhr, als die Kinder sich vor dem Unterrichtsbeginn auf dem Schulhof aufgestellt hatten. Ich erreichte den Einschlagsort der Rakete etwa gegen 08:15 Uhr. Kinderleichen und verletzte kleine Kinder, blutverschmierte Schulranzen und Kleidungsst&uuml;cke lagen auf dem Schulhof, schreiende M&uuml;tter suchten ihre Kinder vor dem teilweise zerst&ouml;rten Schulgeb&auml;ude, und im Umkreis von mehreren Hundert Metern gab es wegen der Druckwelle der Explosion keine Scheiben mehr in den Fenstern.<\/p><p>Im Fr&uuml;hjahr 1988 gab es in Bagdad das Ger&uuml;cht, dass es zu einer genau genannten Uhrzeit angeblich einen weiteren iranischen Angriff geben w&uuml;rde und zwar mit einer Rakete mit chemischem Sprengkopf. Die durch dieses Ger&uuml;cht entstandene Panik auch in der &bdquo;diplomatic community&ldquo; f&uuml;hrte u.a. dazu, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der indonesischen Botschaft bereits ihre ABC- Schutzmasken (fr&uuml;her sagte man Gasmasken) um den Hals trugen. Wir alle wussten, dass man sich vor einem solchen Angriff mit chemischem Kampfstoff h&auml;tte gar nicht sch&uuml;tzen k&ouml;nnen. Gott sei Dank war es bei dem Ger&uuml;cht geblieben.<\/p><p>Ich habe jedenfalls nach dieser Zeit in Bagdad eine Vorstellung davon, was Krieg bedeutet.<\/p><p><strong>Krieg<\/strong><\/p><p>Heute ist in der Ukraine mittlerweile seit 100 Tagen Krieg, aber kaum jemand wei&szlig; aus eigenem Erleben, was Krieg eigentlich bedeutet. Die schrecklichen Bilder, die wir aus Butscha und anderen Orten der Ukraine gesehen haben und immer noch sehen, gibt es in jedem Krieg, nur werden sie uns nicht in dieser Klarheit, Brutalit&auml;t und Menge in &bdquo;unsere Wohnzimmer transportiert&ldquo; und stammen nicht aus Europa, sozusagen aus unserer Nachbarschaft.<\/p><p>Diejenigen von Ihnen\/uns, die, so wie ich, schon ziemlich lange auf der Welt sind, h&auml;tten solche oder &auml;hnliche Bilder wie in Butscha schon im Irak, in Syrien, in Gaza, in Libyen, im Jemen und in Afghanistan sehen k&ouml;nnen, um mal die bekanntesten Beispiele zu nennen. Und in jedem Krieg wird von allen Beteiligten die Wahrheit mehr oder weniger durch Propaganda ersetzt. <\/p><p>In jedem Krieg zahlen die Zivilbev&ouml;lkerung und die beteiligten Soldaten daf&uuml;r den Preis. In jedem Krieg werden nicht nur Leben und Infrastruktur zerst&ouml;rt, sondern verlieren Menschen ihre Heimat und vielfach auch ihre Zukunft, besonders die Kinder. <\/p><p>Es gibt keine gerechten und ungerechten Kriege, sondern allenfalls gerechtfertigte Kriege und die auch nur dann, wenn vorher alle politischen M&ouml;glichkeiten der Konfliktl&ouml;sung genutzt wurden und eine politische Strategie vorhanden ist, wie der Frieden nach einem solchen Krieg aussehen soll. Es gibt auch keine defensiven oder offensiven Waffen. Eine Waffe ist ein Neutrum, das seine moralische Einordnung durch den jeweiligen Anwender bekommt.<\/p><p>In jedem Krieg tr&auml;gt der Angreifer die entscheidende Verantwortung f&uuml;r alles, was in diesem Krieg angerichtet wird. Das hei&szlig;t aber nicht, dass sich nicht auch Andere die Frage stellen lassen m&uuml;ssen, ob der Krieg vermeidbar gewesen w&auml;re. Besonders daraus entsteht die Verantwortung, alles zu tun, um die milit&auml;rische Auseinandersetzung zu beenden.<\/p><p>Kriege werden nicht milit&auml;risch entschieden, sondern in diplomatischen Verhandlungen beendet. Bei diesen Verhandlungen m&uuml;ssen alle Kriegsparteien grunds&auml;tzlich zu Kompromissen bereit sein, und es kommt nicht nur darauf an, wer sozusagen den ersten Schuss abgegeben hat, sondern auch darauf, was vor dem Krieg gewesen ist. <\/p><p>Letztlich ist nicht zu vermeiden, dass auch der Angreifer einen Vorteil von diesem Verhandlungsergebnis hat. Das ist zwar nicht gerecht, aber Fakt. <\/p><p><strong>Der Krieg in der Ukraine<\/strong><\/p><p>Das gerade Geschriebene gilt auch f&uuml;r den Krieg in der Ukraine, den der russische Pr&auml;sident Putin begonnen hat. <\/p><p>Und weil das so ist, f&uuml;hrt die aktuelle Aussage des NATO-Generalsekret&auml;rs Stoltenberg, dass dieser Krieg noch lange dauern k&ouml;nne, auch zu keiner L&ouml;sung. Ganz im Gegenteil impliziert eine solche Position die Gefahr, dass die russische Seite immer weiter attackiert und die Ukraine immer weiter mit Waffen aus den NATO-Staaten &ndash; begleitet von immer massiveren Sanktionen gegen Russland &ndash; unterst&uuml;tzt wird, um sich dagegen zu wehren. Dass dadurch immer mehr Menschen sterben, verletzt werden und ihre Heimat verlieren, die Infrastruktur der Ukraine zunehmend zerst&ouml;rt und Russland &ndash; das ist ja nicht Putin, sondern ein ganzes Volk &ndash; in der Welt v&ouml;llig isoliert wird, ist die zwangsl&auml;ufige Folge.<\/p><p>Deshalb m&uuml;sste die Aussage von Stoltenberg lauten:  Wir m&uuml;ssen schnellstm&ouml;glich eine diplomatische L&ouml;sung finden, weil sonst dieser Krieg noch lange dauern kann und &bdquo;weitere Butschas&ldquo; nicht ausgeschlossen werden k&ouml;nnen.<\/p><p>Russland und die Ukraine werden diese diplomatische L&ouml;sung alleine nicht erreichen. Das steht nach den Vorschl&auml;gen des ukrainischen Pr&auml;sidenten und der bisherigen Weigerung des russischen Pr&auml;sidenten, mit ihm zu sprechen, au&szlig;er Frage. Es muss ein Mediator gefunden werden, der nicht nur einen starken Einfluss auf die Kriegsparteien hat, sondern notfalls auch den erforderlichen Druck aus&uuml;ben kann, um einen Kompromiss durchzusetzen. Aus meiner Sicht k&ouml;nnen das nur die USA sein. <\/p><p>Tagungen der NATO-Au&szlig;enminister oder anderer Gremien, auf denen &uuml;ber zuk&uuml;nftige Waffenlieferungen an die Ukraine diskutiert und entschieden werden soll, sind nicht zielf&uuml;hrend, sondern geradezu kontraproduktiv.<\/p><p>Stattdessen muss umgehend an einem neutralen Ort ein Treffen zwischen US-Pr&auml;sident Biden und dem russischen Pr&auml;sidenten Putin stattfinden, um diesen Krieg zu beenden und eine f&uuml;r die Ukraine und Russland akzeptable L&ouml;sung f&uuml;r einen stabilen Frieden zu finden.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><em><strong>Zum Autor:<\/strong> J&uuml;rgen H&uuml;bschen war zuletzt als Oberst Leiter eines Zentralreferats im Bundesministerium der Verteidigung, u. a. verantwortlich f&uuml;r die Landesverteidigung, die zivil-milit&auml;rische Zusammenarbeit, alle Fragen der zivilen und milit&auml;rischen Bewachung und das Kriegsgefallenenwesen. Er schreibt auf seinem Blog <a href=\"https:\/\/sicherheitsbulletin.wordpress.com\/\">Sicherheitsbulletin<\/a> zu sicherheitspolitischen Themen.<\/em><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>Titelbild: THANKS ALL \/ Shutterstock<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Oberst a.D. <strong>J&uuml;rgen H&uuml;bschen<\/strong> beschreibt in diesem Text seine eigenen schrecklichen Erfahrungen in Kriegssituationen. 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