{"id":84834,"date":"2022-06-15T09:14:05","date_gmt":"2022-06-15T07:14:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=84834"},"modified":"2022-06-15T19:18:56","modified_gmt":"2022-06-15T17:18:56","slug":"journalisten-gladbeck-ukrainekrieg-und-die-emotionale-besoffenheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=84834","title":{"rendered":"Journalisten: Gladbeck, Ukrainekrieg und die emotionale Besoffenheit"},"content":{"rendered":"<p>In einer neuen Dokumentation wird das Geiseldrama von Gladbeck von 1988 und das schockierende Verhalten zahlreicher Journalisten nochmals vor Augen gef&uuml;hrt. Die damalige zerst&ouml;rerische Rudelbildung durch viele Medienschaffende und die aktuelle Medienkampagne zum Ukrainekrieg spielen auf ganz verschiedenen Ebenen &ndash; aber die Ereignisse von Gladbeck zeigen drastisch die Gefahren, die prinzipiell von einem emotionalisierten und enthemmten &bdquo;Journalisten-Rudel&ldquo; ausgehen k&ouml;nnen, wenn die Skrupel erst einmal abgelegt wurden. Kann diese Entgleisung bei einem Boulevardthema auch ein Lehrst&uuml;ck f&uuml;r die heutige geopolitische Meinungsmache sein? Ein Kommentar von <strong>Tobias Riegel<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_1592\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-84834-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220615_Journalisten_Gladbeck_Ukrainekrieg_und_die_emotionale_Besoffenheit_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220615_Journalisten_Gladbeck_Ukrainekrieg_und_die_emotionale_Besoffenheit_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220615_Journalisten_Gladbeck_Ukrainekrieg_und_die_emotionale_Besoffenheit_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220615_Journalisten_Gladbeck_Ukrainekrieg_und_die_emotionale_Besoffenheit_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=84834-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220615_Journalisten_Gladbeck_Ukrainekrieg_und_die_emotionale_Besoffenheit_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"220615_Journalisten_Gladbeck_Ukrainekrieg_und_die_emotionale_Besoffenheit_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Die neue Dokumentation &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.netflix.com\/title\/81446276\">Gladbeck: Das Geiseldrama<\/a>&ldquo; (zu sehen bei Netflix) von Volker Heise l&auml;sst den Zuschauer geschockt zur&uuml;ck. Der Film erz&auml;hlt <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Geiselnahme_von_Gladbeck\">die Ereignisse von 1988<\/a> ausschlie&szlig;lich in Form von unkommentiertem Archivmaterial. Was einmal mehr bei der Geschichte besonders aufreizt, ist das enthemmte Verhalten vieler Journalisten, die damals das eigene Berufsethos mit F&uuml;&szlig;en getreten und sich in ein unmoralisches Rudel verwandelt hatten, das die Polizeiarbeit behindert und f&uuml;r die eigene Karriere und &bdquo;die Story&ldquo; eiskalt das Leben Beteiligter aufs Spiel gesetzt hatte. Skandal&ouml;se Vorg&auml;nge unter vielen anderen waren, dass mit den T&auml;tern w&auml;hrend der Geiselnahme Interviews gef&uuml;hrt wurden oder ein Journalist im Fluchtauto mitgefahren ist, um den Geiselnehmern den Weg aus der K&ouml;lner Innenstadt zu zeigen. Diese Einzelf&auml;lle illustrieren aber nur eine fast allgemeine Enthemmung der damals beteiligten Journalisten. <\/p><p><strong>Moralischer Offenbarungseid eines ganzen Berufstandes<\/strong><\/p><p>Der eindringliche Film dokumentiert den moralischen Offenbarungseid eines ganzen Berufstandes vor allem mit den Bildern der eigenen TV-Kameras, schl&auml;gt also die beteiligten Medien mit ihren eigenen Waffen. Als Reaktion auf die damaligen beruflichen und moralischen Verfehlungen vieler Journalisten wurden laut der Doku einige Bestimmungen ge&auml;ndert, so sind seither unter anderem Interviews mit Straft&auml;tern w&auml;hrend der Tat verboten. Welche Gef&uuml;hle der Film heute hervorruft, beschreibt etwa die <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/medien\/gladbeck-volker-heise-netflix-rezension-1.5600862\">&bdquo;S&uuml;ddeutsche Zeitung&ldquo;<\/a>:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Sp&auml;testens beim ersten Zusammenrotten der Reportermeute an einer Bushaltestelle in Bremen, wo man das hemmungslose Draufhalten und die Kumpanei mit den Verbrechern ganz ungeschnitten sieht, entwickelt man starke Hassgef&uuml;hle.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Der <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/kultur\/tv\/netflix-doku-ueber-gladbecker-geiseldrama-tanz-der-geister-a-45a4c8d9-b802-4562-a99d-96d3b2083f13\">&bdquo;Spiegel&ldquo;<\/a> erg&auml;nzt zur Wirkung des Films:<\/p><blockquote><p>\n&ldquo;Zum Vorschein kommt vor allem ein hemmungslos agierender Medien-Mob, der jede Distanz verliert. Das sei in der Hitze der Geschehnisse passiert, hie&szlig; es sp&auml;ter oft entschuldigend, reflektiert habe man erst sp&auml;ter. Aber einige Beteiligte vor Ort zeigten schon damals ein Bewusstsein daf&uuml;r, dass etwas komplett aus dem Ruder lief.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Das Publikum in Mithaftung<\/strong><\/p><p>Beide Medien m&ouml;chten aber, dass die Journalisten ihre Verantwortung f&uuml;r die Entgleisungen mit ihrem Publikum teilen. So meint der &bdquo;Spiegel&ldquo;:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Als R&ouml;sner sich vor laufenden Kameras tats&auml;chlich theatralisch eine Pistole in den Mund steckte, war er mit dieser Pose in den Tagesthemen zu sehen. Die Medien hatten endg&uuml;ltig ihre Unschuld verloren. Ihre Nutzer aber auch.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Und die S&uuml;ddeutsche Zeitung meint, auch als Betrachter des Films w&uuml;rde man moralische Schuld auf sich laden: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Sobald man sich auf die Sache einl&auml;sst, h&auml;ngt man moralisch mit drin. Man ist nicht besser als die K&ouml;lner Gaffer, die das Gaffen vor laufender Kamera verdammen und dann v&ouml;llig unger&uuml;hrt weiterschauen. Die T&auml;ter m&uuml;ssen fast in die Luft schie&szlig;en, damit diese fr&uuml;hen Schafe des heraufd&auml;mmernden Always-on-Zeitalters &uuml;berhaupt eine Gasse zur Abfahrt freigeben. Und wir, vor dem Netflix-Bildschirm, sollten nicht f&uuml;r eine Sekunde auf diese Schauw&uuml;tigen herabsehen &ndash; wir sind wie&nbsp;sie.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Und die beteiligten Journalisten h&auml;tten uns ja schlie&szlig;lich auch indirekt einen Dienst erwiesen, so die SZ: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Denn man kann das ganze Drama jetzt ja allein deshalb so minuti&ouml;s aus der N&auml;he verfolgen, weil so viele Reporter damals schamlos draufgehalten haben. Weil sie alle Bitten der Polizei um Abstand und Medien-Black-out ignoriert haben. Weil sie den Geiselnehmern, die ihre Geiseln an einem ruhigen Ort vielleicht freilassen wollten, wie Gest&ouml;rte hinterhergejagt sind.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Dazu muss festgehalten werden: Es ist etwas anderes, ob man als Journalist einen Aufruhr mit verursacht oder ob man als damals zuf&auml;llig vorbeischlendernder Passant bei diesem Aufruhr dann verweilt &ndash; auch wenn die Bilder der Passanten ebenfalls schockieren k&ouml;nnen. Die heutigen Betrachter der Doku sind unschuldig &ndash; ebenso waren es die damaligen Fernsehzuschauer und Zeitungsleser: Sie hatten die absto&szlig;ende Berichterstattung nicht bestellt, die ihnen da vorgesetzt wurde. Der Film dokumentiert auch nicht zuerst den zugrundeliegenden Kriminalfall, sondern hat vor allem das Verhalten der Journalisten als Thema.<\/p><p><strong>Parallel zur Ukraine-Kampagne?<\/strong><\/p><p>Erleben wir mit der &uuml;berw&auml;ltigenden aktuellen Kampagne zum Ukrainekrieg (nach den Medien-Kampagnen im Zusammenhang mit Corona) gerade ein internationales &bdquo;Gladbeck&ldquo; der heutigen transatlantisch orientierten Journalisten? Zu beobachten ist zumindest  eine ebenfalls mit Begeisterung eingegangene Rudelbildung durch viele Medienschaffende. Und auch bei der Kampagne zum Ukrainekrieg und den selbstzerst&ouml;rerischen Wirtschaftssanktionen wurden durch eine gesch&uuml;rte emotionale Besoffenheit bei vielen Journalisten viele Schranken zerst&ouml;rt, um sich anschlie&szlig;end frei f&uuml;hlen zu d&uuml;rfen, das eigene Berufsethos sowie Grunds&auml;tze wie Distanz und Sachlichkeit mit F&uuml;&szlig;en zu treten.<\/p><p>Aber es gibt auch gro&szlig;e Unterschiede zwischen dem Boulevardthema &bdquo;Gladbeck&ldquo; und der heutigen Kriegspropaganda: Ob wie bei Gladbeck zuf&auml;llig eine Sensation unmoralisch ausgeschlachtet wird oder ob gezielt durch Emotionalisierung eine geopolitische Richtung verteidigt werden soll, sind zwei verschiedene Ebenen. Eine Parallele k&ouml;nnte aber sein, dass in beiden F&auml;llen eine emotionale Besoffenheit zugelassen oder gar gesch&uuml;rt wird, um die Regeln des Anstands und der Vernunft zeitweise au&szlig;er Kraft zu setzen.<\/p><p>Man sollte aber auch differenzieren zwischen der Ebene der k&uuml;hlen transatlantischen Strategen einerseits, die geopolitische Ziele verfolgen und als Mittel zum Zweck Emotionen entfachen, ohne sich selber von ihnen davontragen zu lassen. Und der Ebene niederrangiger Berichterstatter andererseits, die man wohl zumindest teilweise als Opfer ihrer Emotionen, ihres eigenen Geltungsdrangs und ihres Opportunismus beschreiben kann. &bdquo;Gladbeck&ldquo; zeigt aber, wie gro&szlig; die Gefahr ist, dass sich eine gro&szlig;e Gruppe von Berichterstattern im Handumdrehen emotionalisiert und wie skrupellos das dann folgende Handeln sein kann. <\/p><p><strong>Redakteure im Rausch<\/strong><\/p><p>Einmal mehr sollte eine Lehre aus dem Geiseldrama und dem neuen Film sein: Das mediale Rudel l&auml;uft oft in eine falsche Richtung, man muss skeptisch pr&uuml;fen, bevor man sich einer solchen Bewegung anschlie&szlig;t. Und: Emotionen m&uuml;ssen aus den Berichten und den Redaktionen m&ouml;glichst ferngehalten werden &ndash; wer etwas anderes fordert, f&uuml;hrt mutma&szlig;lich nichts Gutes im Schilde. <\/p><p>Den aktuellen Rauschzustand, dem sich weite Teile der deutschen Medienlandschaft seit dem russischen Angriff hingegeben haben, haben wir im Artikel <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=82754\">&bdquo;Ukrainekrieg: Deutsche Medienlandschaft endg&uuml;ltig im Rausch&ldquo;<\/a> beschrieben. Im Artikel <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=83768\">&bdquo;Baerbock und die Kitsch-Propaganda&ldquo;<\/a> haben wir die daf&uuml;r genutzten emotionalen Zutaten beschrieben.<\/p><p>Titelbild: stockphoto mania \/ Shutterstock<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einer neuen Dokumentation wird das Geiseldrama von Gladbeck von 1988 und das schockierende Verhalten zahlreicher Journalisten nochmals vor Augen gef&uuml;hrt. 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