{"id":84845,"date":"2022-06-15T11:27:28","date_gmt":"2022-06-15T09:27:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=84845"},"modified":"2022-06-16T11:50:02","modified_gmt":"2022-06-16T09:50:02","slug":"vernichtungskrieg-das-groesste-sterben-seit-dem-dreissigjaehrigen-krieg-vor-81-jahren-ueberfiel-die-wehrmacht-die-sowjetunion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=84845","title":{"rendered":"Vernichtungskrieg: \u201eDas gr\u00f6\u00dfte Sterben seit dem Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg\u201c \u2013 Vor 81 Jahren \u00fcberfiel die Wehrmacht die Sowjetunion"},"content":{"rendered":"<p>Wer vom &bdquo;Vernichtungskrieg Russlands gegen die Ukraine&ldquo; spricht, sollte zuvor den &Uuml;berfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion intensiv studieren. Dieser Krieg war von Anfang an als Vernichtungskrieg geplant, der sich auch gegen Teile der Zivilbev&ouml;lkerung richtete. Fast 27 Millionen Sowjetb&uuml;rger fielen ihm zum Opfer. Von <strong>Leo Ensel<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_9830\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-84845-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220615_Vor_81_Jahren_ueberfiel_die_Wehrmacht_die_Sowjetunion_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220615_Vor_81_Jahren_ueberfiel_die_Wehrmacht_die_Sowjetunion_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220615_Vor_81_Jahren_ueberfiel_die_Wehrmacht_die_Sowjetunion_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220615_Vor_81_Jahren_ueberfiel_die_Wehrmacht_die_Sowjetunion_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=84845-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220615_Vor_81_Jahren_ueberfiel_die_Wehrmacht_die_Sowjetunion_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"220615_Vor_81_Jahren_ueberfiel_die_Wehrmacht_die_Sowjetunion_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>In den letzten beiden Monaten wurde immer wieder in Kiew erkl&auml;rt &ndash; und von den deutschen Leitmedien begierig aufgegriffen &ndash; Russland f&uuml;hre gerade einen &sbquo;Vernichtungskrieg&lsquo; gegen die Ukraine. Sogar Bundeskanzler Olaf Scholz sprach j&uuml;ngst in <a href=\"https:\/\/www.bundesregierung.de\/breg-de\/aktuelles\/rede-von-bundeskanzler-scholz-anlaesslich-der-medienpolitischen-stunde-des-46-kongresses-deutscher-lokalzeitungen-am-1-juni-2022-in-berlin-2045882?view=renderNewsletterHtml\">einer Rede<\/a> von &bdquo;Russlands grausamem Angriffs- und Vernichtungskrieg&ldquo;. In einem Land, in dem bei gef&uuml;hlt jeder dritten &ouml;ffentlichen Debatte ein unzul&auml;ssiger &bdquo;Hitler-Vergleich&ldquo; oder eine &bdquo;Relativierung des Holocaust&ldquo; dingfest gemacht wird, &uuml;berrascht die Gedankenlosigkeit, mit der dieser Begriff mittlerweile fast &uuml;berall nachgeplappert wird. (Oder sollte etwa eine gezielte PR-Strategie dahinterstecken?) Den Vorwurf einer Relativierung der deutschen Verbrechen im Krieg gegen die Sowjetunion hat man in diesem Zusammenhang jedenfalls noch nirgends vernommen. Wenn aber jemals ein Krieg die Bezeichnung &bdquo;Vernichtungskrieg&ldquo; verdient hat, dann der, den die Wehrmacht zwischen 1941 und 1944 auf dem Territorium der Sowjetunion f&uuml;hrte.<\/p><p><strong>&bdquo;Der russische Magen ist dehnbar!&ldquo;<\/strong><\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Armut, Hunger und Gen&uuml;gsamkeit ertr&auml;gt der russische Mensch schon seit Jahrhunderten. Sein Magen ist dehnbar, daher kein falsches Mitleid.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Dies schrieben nicht etwa Hitler, Himmler oder Goebbels. Der Satz stammt von Herbert Backe, Staatssekret&auml;r im Reichsministerium f&uuml;r Ern&auml;hrung und Landwirtschaft. Er findet sich in einem als &bdquo;Gelbe Mappe&ldquo; bezeichneten Papier, das G&ouml;rings Ern&auml;hrungsbeauftragter genau drei Wochen vor dem &Uuml;berfall auf die Sowjetunion unter dem Rubrum &bdquo;Geheime Kommandosache&ldquo; &uuml;ber 10.000 Landwirtschaftsf&uuml;hrern im &sbquo;Reich&lsquo; zukommen lie&szlig;. Die gesamte k&uuml;nftige Besatzungspolitik des riesigen zu erobernden Raums im Osten solle unter dem obersten Prinzip &bdquo;Was n&uuml;tzt es Deutschland?&ldquo; stehen. Bereits einen Monat zuvor, am 2. Mai 1941, hatte es in einer Sitzung von Staatssekret&auml;ren und f&uuml;hrenden Offizieren der Wehrmacht gehei&szlig;en: &bdquo;Der Krieg ist nur zu f&uuml;hren, wenn die gesamte Wehrmacht im 3. Kriegsjahr aus Russland ern&auml;hrt wird. Hierbei werden zweifellos zig Millionen Menschen verhungern, wenn das f&uuml;r uns Notwendige aus dem Lande herausgeholt wird.&ldquo; <\/p><p><strong>Der &Uuml;berfall als &sbquo;Kriegsnotwendigkeit&lsquo;<\/strong><\/p><p>Im zweiten Jahr des von ihnen entfesselten Krieges hatten die deutschen Aggressoren sich in eine Sackgasse man&ouml;vriert. Trotz erfolgreicher Blitzkriege gegen Polen, D&auml;nemark, Norwegen, die Niederlande, Belgien und Frankreich war es Hitlers Wehrmacht nicht gelungen, England in die Knie zu zwingen. Der kriegsentscheidende Sieg an der Westfront war damit in weite Ferne ger&uuml;ckt. Nach wie vor konnte die britische Schlachtflotte mittels Seeblockade Deutschland in existenzielle Bedrohung bringen. <\/p><p>Schon zu Friedenszeiten war das Deutsche Reich nicht in der Lage gewesen, sich aus den Ertr&auml;gen der eigenen Landwirtschaft zureichend zu ern&auml;hren. Wie der Historiker G&ouml;tz Aly in seinem vielbeachteten Band &bdquo;Hitlers Volksstaat&ldquo; herausgearbeitet hat, &bdquo;gelang es der NS-F&uuml;hrung auch mit &auml;u&szlig;erstem Kr&auml;fteaufwand allenfalls, 83 Prozent der eigenen notwendigen Lebensmittel im Inland produzieren zu lassen. In jedem Fall blieben Einfuhren &ndash; insbesondere von Pflanzenfett und Futtergetreide &ndash; notwendig, um die Bev&ouml;lkerung ausreichend zu versorgen. Die Mobilisierung der Streitkr&auml;fte f&uuml;hrte zwangsl&auml;ufig zum Mangel an Kunstd&uuml;nger, f&uuml;r den derselbe Stickstoff gebraucht wurde wie f&uuml;r die Pulverproduktion; ferner fehlte es bald an M&auml;nnern, Pferden, Traktoren, neuen Maschinen und Treibstoff.&ldquo; All diese Importg&uuml;ter, und nicht zuletzt das kriegsnotwendige Erd&ouml;l, waren unter den Bedingungen der britischen Seeblockade zu schwer erreichbarer Mangelware geworden.<\/p><p>Was Hitler in &bdquo;Mein Kampf&ldquo; unter dem Stichwort &bdquo;Lebensraum im Osten&ldquo; noch eher vage als ideologisches Fernziel angedeutet hatte &ndash; die Eroberung der Sowjetunion bis zum Ural sowie die Vertreibung, Versklavung und Ermordung der dortigen Bev&ouml;lkerung &ndash; und was er noch am 11. August 1939 gegen&uuml;ber dem Schweizer V&ouml;lkerbundkommissar Carl Jacob Burckhardt so formuliert hatte: &bdquo;Alles was ich unternehme, ist gegen Russland gerichtet; wenn der Westen zu dumm und zu blind ist, um dies zu begreifen, werde ich gezwungen sein, mich mit den Russen zu verst&auml;ndigen, den Westen zu schlagen, und dann nach seiner Niederlage mich mit meinen versammelten Kr&auml;ften gegen die Sowjetunion zu wenden. Ich brauche die Ukraine, damit man uns nicht wieder wie im letzten Krieg aushungern kann.&ldquo; &ndash; dies wurde nun im Fr&uuml;hjahr 1941 aus der Perspektive der T&auml;ter zur dringenden &bdquo;Kriegsnotwendigkeit&ldquo;. <\/p><p><strong>&bdquo;Sie starben, damit Deutschland lebe&ldquo;<\/strong><\/p><p>Hitlers letzter Satz bringt das Trauma der Nazis auf den Punkt: Eine aus Hunger, Mangelern&auml;hrung und Kriegsm&uuml;digkeit geborene Revolution der eigenen Bev&ouml;lkerung gegen das Regime, wie im November 1918, sollte um jeden Preis &ndash; sprich: auf Kosten der sowjetischen Bev&ouml;lkerung &ndash; verhindert werden. Oder mit den sp&auml;teren Worten G&ouml;rings vom 24. August 1942: &bdquo;Bevor das deutsche Volk in eine Hungerkatastrophe kommt, sind die besetzten Gebiete und ihre Bev&ouml;lkerung dem Hunger auszuliefern.&ldquo; Am 8. November des Vorjahres hatte er vom &bdquo;gr&ouml;&szlig;ten Sterben seit dem Drei&szlig;igj&auml;hrigen Kriege&ldquo; gesprochen. Sein Kollege, der Reichsf&uuml;hrer SS Heinrich Himmler, gab bereits Mitte Juni 1941, eine Woche vor dem &Uuml;berfall, bei einem Treffen mit hohen SS-F&uuml;hrern auf der Wewelsburg als Planziel eine &bdquo;Dezimierung der sowjetischen Bev&ouml;lkerung um 30 Millionen Menschen&ldquo; vor.<\/p><p>Am 22. Juni 1941 fiel die Wehrmacht mit rund drei Millionen Soldaten und 625.000 Pferden in die Sowjetunion ein, wo sie anfangs gegen eine sich z&auml;h verteidigende, aber schlecht organisierte Rote Armee &ndash; Stalin hatte sie zuvor der meisten ihrer f&uuml;hrenden K&ouml;pfe beraubt &ndash; weite Gel&auml;ndegewinne verzeichnen konnte und bei den gro&szlig;en Kesselschlachten Hunderttausende sowjetische Soldaten in Gefangenschaft nahm. Um die Bev&ouml;lkerung im &sbquo;Reich&lsquo; zu entlasten, hatte die Wehrmacht die Devise, sich &bdquo;aus dem Lande&ldquo; zu ern&auml;hren. Hitlers allgemeine Anweisung &bdquo;Es kommt darauf an, den riesenhaften Kuchen handgerecht zu zerlegen, damit wir ihn erstens beherrschen, zweitens verwalten, drittens ausbeuten k&ouml;nnen. Der Riesenraum im Osten muss zun&auml;chst schnellst m&ouml;glichst befriedet werden, am besten dadurch, da&szlig; man Jeden, der nur schief schaut, totschie&szlig;t&ldquo;, war von Verwaltung und Wehrmacht bereits in konkrete Pl&auml;ne f&uuml;r die Besatzungspolitik operationalisiert worden. <\/p><p>Die Bev&ouml;lkerungs- und Ern&auml;hrungsspezialisten aus der Verwaltung teilten den sowjetischen Raum westlich des Urals in sogenannte &bdquo;&Uuml;berschuss-&ldquo; und &bdquo;Zuschussgebiete&ldquo; ein. Geplant war, die fruchtbaren &bdquo;&Uuml;berschussgebiete&ldquo;, die sie im Schwarzerdegebiet, der Ukraine und im Kaukasus ausmachten, von den n&ouml;rdlich gelegenen &bdquo;Zuschussgebieten&ldquo; hermetisch abzuriegeln und die Bev&ouml;lkerung dem Hungertod preiszugeben. In den &bdquo;Wirtschaftspolitischen Richtlinien f&uuml;r Wirtschaftsorganisation Ost, Gruppe Landwirtschaft&ldquo; vom 23. Mai 1941 las sich das so: &bdquo;Die Bev&ouml;lkerung dieser Gebiete, insbesondere die Bev&ouml;lkerung der St&auml;dte, wird gr&ouml;&szlig;ter Hungersnot entgegensehen m&uuml;ssen. Viele 10 Millionen von Menschen werden in diesem Gebiet &uuml;berfl&uuml;ssig und werden sterben oder nach Sibirien auswandern [ein Euphemismus f&uuml;r brutale Vertreibung; L.E.] m&uuml;ssen.&ldquo;<\/p><p>In der Realit&auml;t erwies sich dieser Plan jedoch &uuml;ber weite Strecken als schwer praktikabel, da die deutsche Besatzungsmacht sich au&szlig;erstande sah, die hungerbedingten Wanderungsbewegungen zu unterbinden. Punktuell konnte er allerdings durchaus &ndash; und im Sinne der deutschen Aggressoren infernalisch erfolgreich &ndash; umgesetzt werden: Dies gilt insbesondere, ein klarer Versto&szlig; gegen das damals geltende Kriegsv&ouml;lkerrecht, f&uuml;r die sowjetischen Kriegsgefangenen, von denen 3,3 Millionen (d.h. 57,9 %) in deutschem Gewahrsam an Hunger, Entkr&auml;ftung und Seuchen elendig verreckten. (Dass die auf diese Weise ermordeten sowjetischen Kriegsgefangenen &ndash; ihr Tod war von vorneherein &bdquo;als Kriegsnotwendigkeit&ldquo; einkalkuliert &ndash; nach den europ&auml;ischen Juden die zweitgr&ouml;&szlig;te Opfergruppe der Nationalsozialisten darstellen, ist nach wie vor im deutschen Bewusstsein nicht angemessen pr&auml;sent.) <\/p><p>Durchsetzen lie&szlig; sich der Plan ebenfalls bei der um die 500 Tage dauernden systematischen Einschlie&szlig;ung von Leningrad &ndash; das sp&auml;ter wie Moskau und die anderen gro&szlig;en St&auml;dte &bdquo;dem Erdboden gleichgemacht&ldquo; werden sollte &ndash; die 900.000 bis eine Million Opfer forderte. Andere St&auml;dte, wie Charkow, glichen aufgrund der rigiden Requirierungen durch die Besatzer und der Abriegelung der Stadt zeitweise einem Hungerghetto. In der Ukraine und auf der Krim wurden ganze Regionen zu &bdquo;Kahlfra&szlig;zonen&ldquo;, in denen keinerlei Lebensmittel oder andere verwertbare G&uuml;ter mehr vorhanden waren. <\/p><p>Kurz: Das zynische Epitaph des &bdquo;V&ouml;lkischen Beobachters&ldquo; vom 4. Februar 1943 f&uuml;r die gefallenen deutschen Stalingradk&auml;mpfer &bdquo;Sie starben, damit Deutschland lebe&ldquo; trifft zu hundert Prozent zu, wenn man es auf die Millionen Sowjetb&uuml;rger bezieht, die zugunsten der Deutschen in Wehrmacht und &sbquo;Reich&lsquo; Hungers sterben mussten. <\/p><p><strong>Verbrecherische Befehle und Massenmord<\/strong><\/p><p>Aber auch Hitlers Anweisung, jeden totzuschie&szlig;en, &bdquo;der nur schief schaue&ldquo;, war von der Wehrmacht bereits &sbquo;proaktiv&lsquo; in verbrecherische Befehle gegossen worden.<\/p><p>Mit dem am 13. Mai 1941 vom Oberkommando der Wehrmacht (OKH) verf&uuml;gten &bdquo;Kriegsgerichtsbarkeitserlass&ldquo; wurde u.a. der Verfolgungszwang f&uuml;r &bdquo;Handlungen, die Angeh&ouml;rige der Wehrmacht gegen feindliche Zivilpersonen begehen&ldquo;, aufgehoben. Dies sollte auch dann gelten, &bdquo;wenn die Tat ein milit&auml;risches Verbrechen oder Vergehen ist&ldquo;. Damit wurde den deutschen Soldaten de facto ein Freibrief erteilt und die sowjetische Zivilbev&ouml;lkerung schutzlos der Willk&uuml;r lokaler Befehlshaber ausgeliefert. Nur wenige Wochen sp&auml;ter, am 6. Juni 1941, erlie&szlig; das OKH den &bdquo;Kommissarbefehl&ldquo;. Die politischen Kommissare galten als die ideologischen Funktion&auml;re innerhalb der Roten Armee und wurden nicht als Soldaten anerkannt. Sie sollten im Kampf oder sofort &bdquo;nach durchgef&uuml;hrter Absonderung&ldquo; get&ouml;tet werden.<\/p><p>Mit beiden Befehlen setzte die Wehrmachtsf&uuml;hrung &ndash; in voller Kenntnis der verbrecherischen Folgen ihrer Anordnungen &ndash; wesentliche Bestandteile des damals geltenden Kriegsv&ouml;lkerrechts au&szlig;er Kraft, das eine Reihe von international anerkannten Grunds&auml;tzen, vor allem zum Schutze der Zivilbev&ouml;lkerung und Kriegsgefangenen, enthielt. Damit schuf die F&uuml;hrung der Wehrmacht die wesentlichen Voraussetzungen f&uuml;r einen bis dahin pr&auml;zedenzlosen Rassen- und Vernichtungskrieg, vor allem gegen die j&uuml;dische Bev&ouml;lkerung.<\/p><p>Der systematische Massenmord an den europ&auml;ischen Juden begann auf dem Gebiet der Sowjetunion. Anf&auml;ngliche punktuelle brutalste antij&uuml;dische Pogrome der lokalen Bev&ouml;lkerung, vor allem in Litauen, Lettland und der Westukraine &ndash; von der SS &bdquo;Selbstreinigungsaktionen&ldquo; genannt &ndash; denen die als Besatzungsmacht verantwortliche Wehrmacht tatenlos zusah, wurden rasch abgel&ouml;st von systematischen Erschie&szlig;ungen durch die Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD. Beschr&auml;nkte man sich anfangs &sbquo;nur&lsquo; auf j&uuml;dische M&auml;nner im wehrf&auml;higen Alter, so wurden sp&auml;testens ab August 1941 ganze j&uuml;dische Gemeinden durch Massenerschie&szlig;ungen ausgerottet. In jedem kleineren wei&szlig;russischen oder ukrainischen Ort war die Opferzahl mindestens vierstellig. Sch&auml;tzungen zufolge ermordeten die deutschen Besatzer zwischen 2,5 und 2,6 Millionen sowjetische Juden. Die Wehrmacht leistete nicht selten logistische Unterst&uuml;tzung.<\/p><p>&Auml;hnlich gestaltete sich die m&ouml;rderische Zusammenarbeit zwischen Wehrmacht, SS und Ordnungspolizei im Rahmen des Anti-Partisanenkampfes, wo zwischen 1942 und 1943, vor allem auf dem Gebiet Wei&szlig;russlands, ganze Landstriche in &bdquo;W&uuml;stenzonen&ldquo; verwandelt wurden. Tausende von D&ouml;rfern wurden niedergebrannt, Hunderte von ihnen samt der Bev&ouml;lkerung, die man zuvor in die Dorfscheune oder Kirche gesperrt hatte. Allein f&uuml;r Belarus belaufen sich die Sch&auml;tzungen auf 300.000 bis 350.000 get&ouml;tete Menschen. (Wer sich von den Gr&auml;ueltaten einen Eindruck verschaffen will, sollte die wei&szlig;russische Gedenkst&auml;tte Chatyn, den <a href=\"https:\/\/ostexperte.de\/neue-eiszeit-und-eine-welt-in-truemmern-teil-iii-der-friedhof-der-doerfer\/\">&bdquo;Friedhof der D&ouml;rfer&ldquo;<\/a>, besuchen oder, wenn er es ertragen kann, sich den Film <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Komm_und_sieh\">&bdquo;Komm und sieh\/ &#1048;&#1076;&#1080; &#1080; &#1089;&#1084;&#1086;&#1090;&#1088;&#1080;&ldquo;<\/a> von Elen Klimow aus dem Jahre 1985 ansehen.)<\/p><p>Bei ihrem erzwungenen R&uuml;ckzug hinterlie&szlig;en die deutschen Truppen eine Spur der Verw&uuml;stung. Ziel der deutschen F&uuml;hrung war es nun, nur &bdquo;verbrannte Erde&ldquo; zur&uuml;ckzulassen. Alles, was irgendwie lebenswichtig war, sollte zerst&ouml;rt werden: Industrieanlagen, Bergwerke, Wasser- und Elektrizit&auml;tswerke, Br&uuml;cken, D&auml;mme, Schleusen, das Schienennetz, Landmaschinen, M&uuml;hlen, Molkereien, die Ernte auf den Feldern, ebenso Transportmittel und Vorr&auml;te aller Art, soweit man sie nicht abtransportieren konnte. Die arbeitsf&auml;hige Zivilbev&ouml;lkerung wurde zwangsevakuiert, oft unter grauenhaften Bedingungen. Der schnelle sowjetische Vormarsch verhinderte, dass dies &uuml;berall im angestrebten Umfang geschah.<\/p><p>Zieht man eine Bilanz dieses barbarischsten aller Kriege und stellt man die Zahl der toten Sowjetb&uuml;rger, fast 27 Millionen, den urspr&uuml;nglich anvisierten 30 Millionen gegen&uuml;ber, so muss man zynisch konstatieren, dass die Besatzer ihr national-sozialistisches Planziel ann&auml;hernd erreicht haben. <\/p><p>Umso gr&ouml;&szlig;er das Wunder &ndash; jeder, der dort hinreist, wird das best&auml;tigen &ndash; dass in den Bev&ouml;lkerungen der am schlimmsten betroffenen L&auml;nder, Belarus, der Ukraine und Russland keinerlei Hass auf die Deutschen herrscht. Dies ist eine zivilisatorische Vorleistung ohne gleichen, die in Deutschland immer noch nicht angemessen gew&uuml;rdigt, geschweige denn zur Kenntnis genommen wird! Und umso besch&auml;mender, dass deutsche Soldaten mittlerweile wieder unmittelbar vor der russischen Haust&uuml;re stehen.<\/p><p><strong>Verdr&auml;ngung in der Nachkriegszeit<\/strong><\/p><p>Auf dem Gebiet der alten Bundesrepublik, wo der Verfasser dieses Essays geboren wurde, verhinderte der aufkommende Kalte Krieg mit dem erneuerten Feindbild &bdquo;Sowjetunion&ldquo; jahrzehntelang die Besch&auml;ftigung mit den beispiellosen Verbrechen, die die deutschen Besatzer dort ver&uuml;bt hatten. Direkte menschliche Kontakte zwischen den Bev&ouml;lkerungen beider L&auml;nder verhinderte auf Seiten des Westens der Eiserne Vorhang. Manche Kriegsgefangene brachten immerhin den Satz &bdquo;Der Russe an sich ist gut!&ldquo; mit nach Hause. Die verantwortlichen Massenm&ouml;rder, sofern sie &uuml;berlebt hatten, zogen sich meist unauff&auml;llig in ein b&uuml;rgerliches Leben zur&uuml;ck, die wenigsten von ihnen wurden juristisch belangt.<\/p><p>In den F&uuml;nfziger Jahren erschien eine ganze Rechtfertigungsliteratur ehemaliger Wehrmachtsgener&auml;le unter dem Motto: &bdquo;Ohne Hitlers idiotische Kriegsf&uuml;hrung h&auml;tten wir den Krieg doch noch gewonnen!&ldquo; Als die Verbrechen der SS-Einsatzgruppen nicht mehr zu leugnen waren, hielt man umso hartn&auml;ckiger am Bild der &bdquo;sauberen Wehrmacht&ldquo; fest. Dies war psychohygienisch umso erforderlicher, als die 18 Millionen Wehrmachtssoldaten ja einen repr&auml;sentativen Querschnitt der deutschen Bev&ouml;lkerung darstellten. Grunds&auml;tzlich ins Wanken gebracht wurde diese Legende erst durch die beiden Wanderausstellungen des Hamburger Instituts f&uuml;r Sozialforschung &bdquo;Verbrechen der Wehrmacht&ldquo; (1995-1999 sowie in &uuml;berarbeiteter Form 2001-2004), die &uuml;ber einen langen Zeitraum massiven &ndash; nicht nur publizistischen &ndash; Gegenwind ernteten. <\/p><p>Selbst, dass es sich beim Krieg gegen die Sowjetunion um keinen Krieg im herk&ouml;mmlichen Sinne handelte, sondern um einen Vernichtungskrieg, in dem die Regeln des damals geltenden Kriegsv&ouml;lkerrechts von Beginn an willk&uuml;rlich au&szlig;er Kraft gesetzt worden waren, war jahrzehntelang &uuml;berhaupt nicht und ist heute bestenfalls rudiment&auml;r im Bewusstsein der Deutschen verankert. (Und man kann nur hoffen, dass dieser Begriff nun durch zunehmenden Gebrauch nicht zur beliebig verwendbaren Floskel degeneriert.) Entsprechend gering ausgepr&auml;gt ist nach wie vor die Empathie f&uuml;r das Leiden der Menschen in Russland, Belarus und der Ukraine w&auml;hrend der deutschen Besatzung. (Bezogen auf die beiden letzteren L&auml;nder beginnt sich das in den Leitmedien gerade zu ver&auml;ndern &ndash; aus durchsichtigen geopolitischen Gr&uuml;nden!)<\/p><p>Wirkliche Verst&auml;ndigungsversuche fanden und finden bislang eher &sbquo;von unten&lsquo; statt: In den interkonfessionellen Kontakten &ndash; die evangelischen Kirchen Deutschlands ver&ouml;ffentlichten &sbquo;schon&lsquo; Ende der Achtziger Jahre eine Denkschrift &bdquo;Vers&ouml;hnung und Frieden mit den V&ouml;lkern der Sowjetunion&ldquo; &ndash;, in den deutsch-russischen St&auml;dtepartnerschaften, dem Deutsch-Russischen Forum oder von Einzelpers&ouml;nlichkeiten, wie dem <a href=\"https:\/\/ostexperte.de\/extremschwimmer-marco-henrichs-wer-sich-fuer-russland-einsetzt-hat-nicht-nur-freunde\/\">unerm&uuml;dlichen Marco Henrichs<\/a>, im Sport. Im offiziellen Gedenken wirkt nach wie vor vieles pflichtgem&auml;&szlig; bem&uuml;ht und wird zudem fatalerweise im politischen und Mediendiskurs &ndash; erst recht seit Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine &ndash; durch eine <a href=\"https:\/\/www.infosperber.ch\/politik\/der-krieg-ist-die-stunde-der-falschen-erzaehlungen\/\">neue geopolitische Instrumentalisierung<\/a> &uuml;berlagert, bei der die Opfer Russlands, Wei&szlig;russlands und der Ukraine gegeneinander in Stellung gebracht werden.<\/p><p>Vielleicht war es ja, so gesehen, sogar ganz gut, dass letztes Jahr am 9. Juni <em>Tagesschau<\/em> und <em>Tagesthemen<\/em> die peinliche &bdquo;Gedenkstunde&ldquo; im Bundestag zum 80. Jahrestag des deutschen &Uuml;berfalles mit einem gn&auml;digen Schleier des Schweigens bedeckten. Der Aufmacher der <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=DpqEcD0oKsA\"><em>Tagesthemen<\/em> an diesem Abend<\/a> war mit ganzen 13:35 Minuten &ndash; die Gendersprache!<\/p><p>Titelbild: Everett Collection\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer vom &bdquo;Vernichtungskrieg Russlands gegen die Ukraine&ldquo; spricht, sollte zuvor den &Uuml;berfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion intensiv studieren. Dieser Krieg war von Anfang an als Vernichtungskrieg geplant, der sich auch gegen Teile der Zivilbev&ouml;lkerung richtete. Fast 27 Millionen Sowjetb&uuml;rger fielen ihm zum Opfer. Von <strong>Leo Ensel<\/strong>.<\/p>\n<p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><\/p>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":84847,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,212,171,11],"tags":[1289,2104,304,2840,849,259,2147,260,1703,990,2940,966,2360],"class_list":["post-84845","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-gedenktagejahrestage","category-militaereinsaetzekriege","category-strategien-der-meinungsmache","tag-holocaust","tag-kriegsopfer","tag-kriegsverbrechen","tag-massenmord","tag-nahrungsmittel","tag-russland","tag-sowjetunion","tag-ukraine","tag-voelkerrecht","tag-wehrmacht","tag-weissrussland","tag-weltkrieg","tag-zivile-opfer"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/shutterstock_251930449.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/84845","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=84845"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/84845\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":84892,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/84845\/revisions\/84892"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/84847"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=84845"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=84845"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=84845"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}