{"id":84865,"date":"2022-06-16T11:45:41","date_gmt":"2022-06-16T09:45:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=84865"},"modified":"2022-06-16T12:08:43","modified_gmt":"2022-06-16T10:08:43","slug":"ein-freund-ein-guter-freund","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=84865","title":{"rendered":"Ein Freund, ein guter Freund \u2026"},"content":{"rendered":"<p>Schon vor hundert Jahren wussten die Comedian Harmonists um die Bedeutung von Freundschaften. Doch was ist das Geheimnisvolle, das diesen gro&szlig;en Begriff der Freundschaft umweht? Welche Bedeutung hat Freundschaft f&uuml;r uns? Wie entstehen Freundschaften und warum zerbrechen sie zunehmend h&auml;ufiger? Und zu guter Letzt: K&ouml;nnen wir etwas dagegen tun, um den Wert von Freundschaften vor dem Absturz in die Bedeutungslosigkeit zu bewahren &ndash; und sollten wir &uuml;berhaupt? Diesen und weiteren Fragen versucht <strong>Sebastian Schoepp<\/strong> in seinem aktuellen Buch &bdquo;Rettet die Freundschaft&ldquo; auf den Grund zu gehen. Eine Rezension von <strong>Lutz Hausstein<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDie Krisen der letzten Jahre haben erheblich in der Struktur unseres Freundeskreises gew&uuml;tet. Fl&uuml;chtlingskrise, ma&szlig;nahmendurchtr&auml;nkte Jahre des Corona-(Miss-)Managements, aktuell die Schrecken des Ukrainekrieges &ndash; all dies hat vor dem Hintergrund extrem polarisierender Medienberichterstattung auch zu extrem kontroversen Auseinandersetzungen zwischen jahrelangen Freunden gef&uuml;hrt, die in einer bis dahin nur selten festzustellenden Sch&auml;rfe gef&uuml;hrt wurden und in nicht wenigen F&auml;llen sogar diese Freundschaften beendet haben. Dabei durchleben Freundschaften ohnehin schon im Laufe unseres Lebens erhebliche Belastungsproben. Rivalit&auml;ten in Bezug auf die erste gro&szlig;e Liebe, sich gegens&auml;tzlich entwickelnde Interessen, Umz&uuml;ge durch schulische, private oder berufliche Ver&auml;nderungen, Vernachl&auml;ssigung der Freundschaften durch st&auml;rkere Fixierung auf Lebenspartner und Familie sowie beruflicher Stress &ndash; all das stellt die Freundschaften auf eine oftmals harte Probe und nur &uuml;berschaubar wenige &uuml;berstehen diese auch. Die lang anhaltenden Kontakteinschr&auml;nkungen w&auml;hrend der Corona-Lockdowns sowie die immer tiefer werdenden Risse in unserer Gesellschaft haben den bis zu diesem Punkt &uuml;berlebenden Freundschaften noch weiter schwer zugesetzt. Unsere ohnehin schon vereinzelte Gesellschaft droht nun endg&uuml;ltig atomisiert zu werden.<\/p><p>All diese einzelnen Punkte erz&auml;hlt Sebastian Schoepp aus seiner ganz privaten Sicht. Keine anonymen Personen, sondern Freunde, die er namentlich benennt, sie einbettet in ihr gemeinsames Leben, ihr Kennenlernen, ihre Erlebnisse, Gedanken und Gef&uuml;hle. In den Erhalt ihrer Freundschaft, ihr manchmal wundersames Wiederaufbl&uuml;hen nach jahrelanger Sendepause &ndash; aber auch ihr Scheitern. Wie sehr Schoepp dabei einen Abriss seines eigenen Lebens gibt, bemerkt der Leser an den Stellen gegen Ende des Buches, als Personen pl&ouml;tzlich wieder auftauchen, die schon einmal zu Beginn Raum eingenommen haben, und der Leser sie als &bdquo;alte Bekannte&ldquo; wiedererkennt. Regelm&auml;&szlig;ig werden die einzelnen Aspekte, die Schoepp an den Freundschaften analysiert, von l&auml;ngeren Verweisen auf die menschliche Historie unterbrochen, die seine ganz pers&ouml;nlichen Erfahrungen im gro&szlig;en geschichtlichen Kontext widerspiegeln. Dabei greift er auf eine kaum mehr zu z&auml;hlende Menge an Zitaten verschiedenster Personen zur&uuml;ck, von Aristoteles &uuml;ber Michel de Montaigne, Adolph Freiherr Knigge, Thomas Bernhard, Hannah Arendt, Niklas Luhmann bis hin zu Ulrich Beck oder Diana Kinnert.<\/p><p>Es sind genau diese vielen kleinen, ganz pers&ouml;nlichen Geschichten, die die eigenen Erinnerungen wecken. Mitten in einer von Schoepps Geschichten stockt pl&ouml;tzlich der Lesefluss und die Gedanken des Lesers beginnen ein Eigenleben zu entwickeln. Erinnerungen an &auml;hnliche Lebenssituationen, an die damaligen Freunde. Freunde? Ja, damals, mit der &uuml;berschaubaren Lebenserfahrung eines noch jungen Lebens, war man schnell mit jemandem befreundet. Und nicht selten ebenso schnell wieder entfreundet. &Auml;hnlich oberfl&auml;chlich und vorschnell, wie man heutzutage in den sozialen Medien sogenannte &bdquo;Freundschaften&ldquo; schlie&szlig;t und sie ebenso schnell wieder beendet. Doch neben diesen gab und gibt es eben auch die Freundschaften, die diesen Namen wirklich verdient haben. All das kann man jedoch erst sp&auml;ter mit einer gewissen Erfahrung viel besser bewerten. Umso sch&ouml;ner ist es, wenn durch Sebastian Schoepps Geschichten die eigenen Erinnerungen wieder geweckt werden und peu a peu ins l&ouml;chrige Bewusstsein zur&uuml;ckkehren.<\/p><p>Genau hier liegen die St&auml;rken des Buches und man ist als Leser geradezu dankbar, dass Sebastian Schoepp viele der tief vergrabenen Erinnerungen aus dem vollst&auml;ndigen Dunkel wenigstens wieder ein klein wenig ins Schummerlicht zur&uuml;ckgebracht hat. Mit diesen Umst&auml;nden definiert sich auch die Kernzielgruppe des Buches. Vor allem d&uuml;rften sich Leser angesprochen f&uuml;hlen, die eine gewisse Lebensreife mitbringen, die auf vielf&auml;ltige eigene Erfahrungen mit Freundschaften zur&uuml;ckblicken k&ouml;nnen. Und die sich so m&ouml;glicherweise darin best&auml;rkt f&uuml;hlen k&ouml;nnten, verlorengegangenen Freundschaften noch einmal nachzugehen und sie auf ihre Wiederbelebung hin zu pr&uuml;fen. Oder um festzustellen, dass manche der alten Freundschaften einfach ihre Zeit hatten und ein Aufleben ebendieser nicht mehr m&ouml;glich ist.<\/p><p>Immer wieder versucht Sebastian Schoepp, dem geheimnisvollen Wesen von Freundschaft auf den Grund zu gehen, dieser zwischenmenschlichen Beziehung, die so vielf&auml;ltig ist und sich kaum in ein klares Schema pressen l&auml;sst. Meist macht er dies auf indirekten, deskriptiven Wegen, hin und wieder formuliert er konkrete Vorstellungen, die er mit Einlassungen prominenter Vorfahren oder Zeitgenossen w&uuml;rzt (Seite 62):<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Freundschaft ist eben ein auf Freiwilligkeit beruhendes Verh&auml;ltnis, damit kommt nicht jeder zurecht. Sie existiert zun&auml;chst um ihrer selbst willen &ndash; ist ein &bdquo;zweckfreies F&uuml;reinanderdasein&ldquo;. Sie steigert nicht den Gewinn, sie bringt selten Applaus ein, sie sorgt nicht f&uuml;r den Erhalt der Art. Zu ihren wichtigsten Merkmalen z&auml;hlt laut Eichler, &bdquo;dass sie kaum normiert ist, obwohl sie zu den wertvollsten menschlichen Beziehungen geh&ouml;rt&ldquo;. Ein paar Kriterien lassen sich aber herausarbeiten: Neben der Freiwilligkeit sind das Gleichheit, Ehrlichkeit, Respekt und Reziprozit&auml;t, das hei&szlig;t, die Beziehung muss als beidseitig erlebt werden.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Und einen guten Rat gibt Schoepp uns allen mit &ndash; gerade in diesen Zeiten, in denen die kontroversen Debatten best&auml;ndig neue Gipfel erklimmen. Denn die zunehmend mangelnde Bereitschaft, sich sachlich-konstruktiv mit anderen Standpunkten auseinanderzusetzen und kontr&auml;re Positionen gegebenenfalls auch zu tolerieren &ndash; was ich pers&ouml;nlich gern mit dem Satz &bdquo;ich bin streitbar, aber nicht streits&uuml;chtig&ldquo; kurz und knackig zusammenfasse &ndash; beraubt uns alle der Chance, an diesen Diskussionen zu wachsen und unsere eigenen Ansichten stets aufs Neue zu &uuml;berpr&uuml;fen (Seite 71):<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Macht es nicht gerade den Reiz der Freundschaft aus, von Zeit zu Zeit zu streiten, die eigene Position zu &uuml;berpr&uuml;fen, zu festigen oder zu verwerfen, sich selbst im Gegen&uuml;ber zu spiegeln? Vielleicht lassen sich der Freund, die Freundin, ja umstimmen? Oder vielleicht liege ich falsch mit meiner Ansicht? Bricht man die Beziehung ab, werden gute Bekannte ihre Meinungen sicher nicht justieren. W&uuml;rde es sich nicht lohnen, in einer Welt der Abgrenzung, in der Veganer nicht mehr mit Fleischessern reden und Impfgegner nicht mehr mit Geimpften, wieder mehr nach Gemeinschaft zu suchen und Gro&szlig;z&uuml;gigkeit walten zu lassen, anstatt nach Defiziten zu fahnden? Daniel Schreiber betont: Erst &sbquo;die gegenseitige Anerkennung der jeweiligen Andersartigkeit sorgt daf&uuml;r, dass Beziehungen wachsen.&lsquo;&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>All das &ndash; und noch einiges mehr, wor&uuml;ber Sebastian Schoepp in seinem Buch schreibt &ndash; hat auch in meinen eigenen Erinnerungen einen Widerhall erzeugt. Die fast &bdquo;dicker als Blut&ldquo; gewesene Freundschaft zu einem Studienfreund, die nun trotz einiger Versuche kein neues Leben erfahren hat. Das nicht minder enge Vertrauensverh&auml;ltnis zu einem anderen Kommilitonen, das im Strudel von eigenem Fehlverhalten und Ablehnung dieser Freundschaft durch die damalige Partnerin auf der anderen Seite gescheitert war. Welches jedoch nach fast zwanzigj&auml;hriger Sendepause bei einem Studientreffen so &uuml;bergangslos wieder aufbl&uuml;hte, als w&auml;re kein einziger Tag vergangen. Sofort wieder dieses blinde Verst&auml;ndnis, der gleiche hintersinnige Humor, der sich nicht jedem Au&szlig;enstehenden sofort erschlie&szlig;t, die &Uuml;bereinstimmung in den grundlegenden Fragen des Lebens und dennoch die Diskussion &uuml;ber einzelne Aspekte, ohne dabei Respekt und Toleranz zu vergessen. Und genau diese Punkte sind es doch, auf denen eine enge und tiefere Verbindung zu jemand Anderem basiert.<\/p><p>&Uuml;ber all das schreibt Sebastian Schoepp anhand seiner eigenen Erlebnisse und weckt damit bei Leserinnen und Lesern das Interesse, es ihm gleichzutun. Es ist ein Buch, das bei ihnen ein neu aufflammendes Interesse an der Freundschaft entfacht. Es stellt zwar keineswegs eine Glorifizierung der Institution Freundschaft dar, dennoch ist es eine Lobpreisung dieser. Die Leser lernen, den Wert von Freundschaften wiederzuentdecken. Das kann zweifelsohne als Quintessenz von Sebastian Schoepps Buch herausgestellt werden. Denn: Ein Freund, ein guter Freund, das ist das Beste, was es gibt auf der Welt.<\/p><p><em>Sebastian Schoepp, <a href=\"https:\/\/www.westendverlag.de\/buch\/rettet-die-freundschaft\/\">Rettet die Freundschaft<\/a>, Westend Verlag Frankfurt\/Main, 2022, 240 Seiten, Hardcover, 24 Euro<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schon vor hundert Jahren wussten die Comedian Harmonists um die Bedeutung von Freundschaften. Doch was ist das Geheimnisvolle, das diesen gro&szlig;en Begriff der Freundschaft umweht? Welche Bedeutung hat Freundschaft f&uuml;r uns? Wie entstehen Freundschaften und warum zerbrechen sie zunehmend h&auml;ufiger? Und zu guter Letzt: K&ouml;nnen wir etwas dagegen tun, um den Wert von Freundschaften vor<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=84865\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":84867,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[208,161],"tags":[1163],"class_list":["post-84865","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-rezensionen","category-wertedebatte","tag-meinungspluralismus"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/220616-Freund-titel.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/84865","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=84865"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/84865\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":84868,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/84865\/revisions\/84868"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/84867"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=84865"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=84865"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=84865"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}