{"id":84872,"date":"2022-06-16T14:00:57","date_gmt":"2022-06-16T12:00:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=84872"},"modified":"2022-06-16T14:38:28","modified_gmt":"2022-06-16T12:38:28","slug":"noam-chomsky-marv-waterstone-konsequenzen-des-kapitalismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=84872","title":{"rendered":"Noam Chomsky, Marv Waterstone: \u201eKonsequenzen des Kapitalismus\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Das kapitalistische System bedroht heute alles Leben auf dem Planeten. Doch <strong>Noam Chomsky<\/strong> und <strong>Marv Waterstone<\/strong> sehen diese Krise als gro&szlig;e Chance, die kapitalistischen Strukturen herauszufordern. Daf&uuml;r m&uuml;ssen wir zuerst verstehen, wie unser Leben, unsere Wahrnehmung und unser &bdquo;gesunder Menschenverstand&ldquo; tats&auml;chlich von den Bed&uuml;rfnissen und Interessen der herrschenden Klassen bestimmt werden. Chomsky und Waterstone decken in ihrem neuen Buch &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/index.php?cl=details&amp;libriid=A42787333&amp;listtype=search&amp;searchparam=chomsky%20konsequenzen\">Konsequenzen des Kapitalismus<\/a>&ldquo; diese oft unsichtbaren Verbindungen der strukturellen Macht auf. Ein Auszug.<br>\n<!--more--><br>\nEine Konsequenz des US-Imperialismus ist die enorme Zahl von US-St&uuml;tzpunkten. Hier in den USA ist man sich dessen gar nicht bewusst. Es wird nicht viel dar&uuml;ber berichtet. Die Definition von &raquo;St&uuml;tzpunkt&laquo; ist ebenfalls gar nicht so einfach, aber auch hier machen wir einfach von der bestm&ouml;glichen Sch&auml;tzung Gebrauch. Sie stammt von Dave Vine, der dar&uuml;ber 2015 in der Zeitschrift In These Times schrieb und seine Zahlen k&uuml;rzlich aktualisiert hat:<\/p><blockquote><p>\n&raquo;W&auml;hrend es in den Vereinigten Staaten selbst keine permanenten selbst&auml;ndigen St&uuml;tzpunkte gibt, haben die USA mittlerweile an die 800 St&uuml;tzpunkte in anderen L&auml;ndern. 70&nbsp;Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg und 62&nbsp;Jahre nach dem Koreakrieg haben wir laut Pentagon in Deutschland immer noch 174, in Japan immer noch 113 und in Korea immer noch 83 &rsaquo;Basis-St&uuml;tzpunkte&lsaquo;, und in etwa 80 L&auml;ndern rund um den Planeten befinden sich Hunderte von weiteren St&uuml;tzpunkten. [&hellip;] Dennoch ist nur wenigen Amerikanern klar, dass die USA wahrscheinlich mehr St&uuml;tzpunkte im Ausland haben als irgendein anderes Volk, irgendeine andere Nation und irgendein anderes Imperium der Geschichte.<\/p>\n<p>Nur selten fragt jemand, ob wir tats&auml;chlich Hunderte von St&uuml;tzpunkten in &Uuml;bersee brauchen oder ob die Vereinigten Staaten sich diese angesichts der gesch&auml;tzten j&auml;hrlichen Kosten von mindestens 156 Milliarden Dollar &uuml;berhaupt leisten k&ouml;nnen. Auch dar&uuml;ber wird kaum gesprochen, aber es ist eine existentielle Tatsache.<\/p>\n<p>Nur selten fragt sich jemand, wie wir uns f&uuml;hlen w&uuml;rden, wenn China, Russland oder der Iran auch nur einen einzigen St&uuml;tzpunkt in der N&auml;he unserer Grenze oder gar in den Vereinigten Staaten selbst errichten w&uuml;rden.&laquo; (Vine 2015)\n<\/p><\/blockquote><p>Die Pr&auml;misse hinter diesen weltweiten St&uuml;tzpunkten ist tats&auml;chlich sehr interessant. Sie besagt, dass die USA (als unentbehrliche Nation) ein praktisch unbestreitbares Recht haben, &uuml;berall auf der Welt ihre St&uuml;tzpunkte zu errichten, w&auml;hrend schon der blo&szlig;e Gedanke, dass andere L&auml;nder dasselbe tun k&ouml;nnten, so gut wie unvorstellbar ist. Es gab da allerdings ein interessantes Gegenbeispiel. 2007 hie&szlig; es in einem Bericht von Reuters:<\/p><blockquote><p>\n&raquo;Ecuador m&ouml;chte einen Milit&auml;rst&uuml;tzpunkt in Miami errichten. Tats&auml;chlich sagte Rafael Correa, wenn die Vereinigten Staaten weiterhin ihren Luftwaffenst&uuml;tzpunkt [in Manta] an der Pazifikk&uuml;ste Ecuadors benutzen wollten, m&uuml;sse Washington ihm die Er&ouml;ffnung eines Milit&auml;rst&uuml;tzpunktes in Miami erlauben.&laquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Nun, hat irgendjemand den St&uuml;tzpunkt Ecuadors in Miami zu Gesicht bekommen? Nein? Ecuador hat ja dort auch tats&auml;chlich keinen St&uuml;tzpunkt bekommen, aber der US-St&uuml;tzpunkt in Manta wurde geschlossen. Daran konnte man sehen, wie lachhaft die Idee ist, dass wir auch nur in Betracht ziehen w&uuml;rden, einem anderen Land einen St&uuml;tzpunkt in den USA zu geben. Das ist schlicht nicht m&ouml;glich.<\/p><p>Und schlie&szlig;lich m&uuml;ssen wir zu den schon erw&auml;hnten wirtschaftlichen Kosten von 156 bis 157 Milliarden Dollar auch einen menschlichen Tribut f&uuml;r die St&uuml;tzpunkte hinzurechnen. Sie sind f&uuml;r die Familien der Soldaten eine enorme Belastung. Rings um die US-Milit&auml;rst&uuml;tzpunkte gibt es ein enormes Ausma&szlig; an sexueller Gewalt. Wo immer sie errichtet werden, verursachen die St&uuml;tzpunkte auch ein enormes Ma&szlig; an Umweltsch&auml;den.<\/p><p>Sie werden au&szlig;erdem allein schon dadurch, dass sie da sind, zum Ziel antiamerikanischer Agitation und antiamerikanischer Gef&uuml;hle. So war ja die US-Milit&auml;rpr&auml;&shy;senz in Saudi-Arabien einer der expliziten Gr&uuml;nde, die Osama bin Laden f&uuml;r die Angriffe vom Elften September gab: Die Barbaren h&auml;tten sich im Heiligen Land niedergelassen.<\/p><p>Diese St&uuml;tzpunkte beg&uuml;nstigen au&szlig;erdem die Denkbarkeit von Kriegen und machen damit die Welt gef&auml;hrlicher. Schon die Tatsache, dass wir dort Soldaten stationiert haben, bedeutet, dass wir &uuml;ber milit&auml;rische L&ouml;sungen f&uuml;r bestimmte Probleme nachdenken. <\/p><p>Einen sehr guten &Uuml;berblick auf diese gesamte Thematik liefert &uuml;brigens der gerade erst auf sehr gute Art aktualisierte Bericht von Nick Turse, &raquo;St&uuml;tzpunkte, St&uuml;tzpunkte, &Uuml;berall&nbsp;&hellip; Au&szlig;er im Bericht des Pentagon&laquo;. (Turse 2019)<\/p><p>Zu all dem bisher Diskutierten kommen noch die enormen finanziellen Kosten des Militarismus hinzu. Die heutigen Milit&auml;rausgaben der USA sind inflationsbereinigt h&ouml;her als je zuvor mit Ausnahme der intensivsten Zeit des Irakkriegs. Das Budget f&uuml;r 2019 betr&auml;gt 716 Milliarden Dollar. Und das ist nur der Betrag, der in den B&uuml;chern erscheint.<\/p><p>Laut dem Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI) &uuml;bertreffen die Milit&auml;rausgaben der USA die aller anderen L&auml;nder der Welt. Die weltweiten Milit&auml;rausgaben beliefen sich 2017 auf 1,74 Billionen Dollar und waren damit gegen&uuml;ber dem Vorjahr um ein Prozent gestiegen. An dieser Gesamtsumme hatten die USA einen Anteil von 35&nbsp;Prozent. Die US-Milit&auml;rausgaben sind etwa genauso hoch wie die acht n&auml;chsth&ouml;chsten Milit&auml;rhaushalte der Welt zusammengenommen. Ein k&uuml;rzlich erschienener Artikel von Michael Klare zum Thema &raquo;&Uuml;bertreffen&laquo; vertritt die These, dass wir nun von der simplen Eind&auml;mmung, die im Wesentlichen die Politik nach dem Zweiten Weltkrieg darstellte, dazu &uuml;bergegangen sind, &uuml;berall und zu jeder Zeit die vorherrschende Macht sein zu wollen, und dass wir offenbar bereit sind, alle daf&uuml;r notwendigen Kosten an Blut und Geld zu zahlen (Klare 2018). Mit &raquo;wir&laquo; meine ich mich selbst und all meine Mitb&uuml;rger. Erinnern wir uns daran, dass all das vom Steuerzahler bezahlt wird.<\/p><p>Mit ihrem Anteil von 35&nbsp;Prozent an den Milit&auml;rausgaben liegen die USA mit gro&szlig;em Abstand an der Spitze. Ich sch&auml;tze, wir &raquo;&uuml;bertreffen&laquo; hier das N&ouml;tige. Ganz im Gegensatz zu einer solchen Politik wurden nach dem Zweiten Weltkrieg unter der F&uuml;hrung der Vereinigten Staaten und wichtiger Verb&uuml;ndeter die Vereinten Nationen gegr&uuml;ndet, die sich die Bewahrung des Friedens durch internationale Abkommen und kollektive Sicherheit zum Ziel setzten und nichtmilit&auml;rische Mittel wie Diplomatie und &Auml;hnliches anstrebten.<\/p><p>Titelbild: max.ku\/shutterstock.com<\/p><p><em>Noam Chomsky, Marv Waterstone: &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/index.php?cl=details&amp;libriid=A42787333&amp;listtype=search&amp;searchparam=chomsky%20konsequenzen\">Konsequenzen des Kapitalismus. Der lange Weg von der Unzufriedenheit zum Widerstand<\/a>&ldquo;, 464 Seiten, aus dem Englischen von Michael Schiffmann, Westend Verlag, 13.6.2022<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das kapitalistische System bedroht heute alles Leben auf dem Planeten. Doch <strong>Noam Chomsky<\/strong> und <strong>Marv Waterstone<\/strong> sehen diese Krise als gro&szlig;e Chance, die kapitalistischen Strukturen herauszufordern. Daf&uuml;r m&uuml;ssen wir zuerst verstehen, wie unser Leben, unsere Wahrnehmung und unser &bdquo;gesunder Menschenverstand&ldquo; tats&auml;chlich von den Bed&uuml;rfnissen und Interessen der herrschenden Klassen bestimmt werden. Chomsky und Waterstone decken<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=84872\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":84873,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,172],"tags":[1269,1426,2069,1367,1556],"class_list":["post-84872","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-aufruestung","tag-chomsky-noam","tag-hegemonie","tag-militaerstuetzpunkte","tag-ruestungsausgaben","tag-usa"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/shutterstock_1759924736.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/84872","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=84872"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/84872\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":84894,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/84872\/revisions\/84894"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/84873"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=84872"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=84872"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=84872"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}