{"id":84882,"date":"2022-06-15T19:36:59","date_gmt":"2022-06-15T17:36:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=84882"},"modified":"2022-06-16T11:16:03","modified_gmt":"2022-06-16T09:16:03","slug":"warum-serbiens-bevoelkerung-und-regierung-sanktionen-gegen-russland-ablehnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=84882","title":{"rendered":"Warum Serbiens Bev\u00f6lkerung und Regierung  Sanktionen gegen Russland ablehnen"},"content":{"rendered":"<p>Das Folgende ist ein in vieler Hinsicht aufschlussreicher Beitrag von <strong>Bernd Duschner<\/strong>. Er begleitet zusammen mit einer Hilfsorganisation seit Jahren das Geschehen im ehemaligen Jugoslawien, speziell in Serbien. Sein Beitrag macht einmal mehr sichtbar, wie wenig autonom die deutsche Politik ist. Sie ist ein Wurmfortsatz der USA &ndash; im Umgang mit Serbien wie mit Russland. Albrecht M&uuml;ller.<br>\n<!--more--><br>\nDie Regierung in Belgrad ist die einzige europ&auml;ische Regierung, die keine Sanktionen gegen Russland verh&auml;ngt hat. Sie steht unter starkem Druck von Washington, Br&uuml;ssel und Berlin. Ungeachtet dessen hat Serbiens Pr&auml;sident Aleksander Vucic am 29. Mai 2022 mit Russlands Pr&auml;sident Putin einen 3-Jahres-Vertrag &uuml;ber die Lieferung von russischem Gas vereinbart. Die Konditionen sind &auml;u&szlig;erst g&uuml;nstig f&uuml;r Serbien. Zufrieden konnte die Staatssekret&auml;rin im Energieministerium, Jovanka Atanatovic, verk&uuml;nden, dass es bis zum Ende der kommenden Wintersaison keine Erh&ouml;hung der Gaspreise geben werde. (1)<\/p><p>USA und EU ist die eigenst&auml;ndige Politik des EU-Beitrittskandidaten Serbien ein Dorn im Auge. Als der russische Au&szlig;enminister Lawrow am 6. Juni, wenige Tage vor dem Besuch von Bundeskanzler Scholz am 10. Juni, nach Belgrad kommen wollte, wurden ihm von Bulgarien, Nordmazedonien und Montenegro das &Uuml;berflugrecht verweigert. Dies sei eine &bdquo;souver&auml;ne Entscheidung&ldquo; dieser Nato-Staaten gewesen, m&ouml;chte der Sprecher des US-Au&szlig;enministeriums, Ned Price, glauben lassen. (2) In Serbien hat diese plumpe Dem&uuml;tigung den USA und der EU  bei der Regierung und Bev&ouml;lkerung keine Sympathie eingebracht.     <\/p><p><strong>EU will Unterwerfung, keine eigenst&auml;ndigen Mitglieder<\/strong><\/p><p>Russland ist f&uuml;r Serbien ein wichtiger Handelspartner. F&uuml;r seine Energieversorgung ist es sehr stark von Russland abh&auml;ngig: 99% seiner Erdgas- und nahezu 20% seiner Roh&ouml;l- und Mineral&ouml;limporte bezieht es aus diesem Land. (3) Nach den Vorstellungen der EU hat Serbien als EU-Beitrittskandidat auf eine eigenst&auml;ndige Au&szlig;enpolitik zu verzichten. Unterwerfung wird verlangt. &bdquo;Enge Beziehungen mit dem Regime Putin zu unterhalten und eine gemeinsame Zukunft mit der EU zu errichten, sind nicht miteinander zu vereinbaren&ldquo;, so EU-Chef-Diplomat Josep Borrell. Von Serbien fordert er, sich &bdquo;so schnell als m&ouml;glich der Au&szlig;en- und Sicherheitspolitik der EU anzuschlie&szlig;en und die Sanktionen, die EU und die &uuml;brigen Westbalkanl&auml;nder gegen Russland im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine beschlossen haben, zu &uuml;bernehmen.&ldquo; (4) Einen dritten Weg, sprich, sowohl gute Beziehungen mit Russland wie auch dem Westen, darf es f&uuml;r Serbien nicht geben. Das machte auch US-Botschafter Christopher Hill in einem Interview mit Serbiens f&uuml;hrender Tageszeitung &bdquo;Politika&ldquo; deutlich: &bdquo;Im Leben muss man Entscheidungen treffen und jetzt ist ein solcher Zeitpunkt. Es gibt nur einen Weg und das ist der Westen, das ist die EU.&ldquo; (5) Die Serben kennen Christopher Hill. Biden hat den bereits pensionierten Diplomaten  wieder reaktiviert und Ende 2021 als seinen Botschafter nach Belgrad geschickt. Hill war Stellvertreter von Richard Holbrooke bei den Verhandlungen 1995 in Dayton, US-Sonderbeauftragter f&uuml;r das Kosovo 1998\/99 und in Rambouillet dabei, als die jugoslawische Regierung vor die Wahl gestellt wurde, ein US-Diktat zu akzeptieren oder bombardiert zu werden. (6)     <\/p><p><strong>Immer mehr Serben lehnen einen EU-Beitritt ab<\/strong><\/p><p>Seit 10 Jahren ist Serbien EU-Beitrittskandidat. Regierung und Bev&ouml;lkerung sind es m&uuml;de, bis heute hingehalten worden zu sein. Trotzdem h&auml;lt der starke Mann des Landes, Pr&auml;sident Alexander Vucic, am Beitritt zur EU als &bdquo;strategisches Ziel&ldquo; fest. In der Bev&ouml;lkerung hingegen ist der fr&uuml;here Enthusiasmus f&uuml;r die EU verflogen. Immer mehr Serben wird bewusst, dass ein EU-Beitritt nicht nur mit dem endg&uuml;ltigen Verzicht auf ihre Provinz Kosovo zu bezahlen ist, sondern auch das Ende jeder eigenst&auml;ndigen Au&szlig;enpolitik ihres Landes bedeuten soll. Bei einer Umfrage hat sich jetzt zum ersten Mal ein gr&ouml;&szlig;erer Anteil der Bev&ouml;lkerung, n&auml;mlich 44% der Befragten, gegen und nur 35% f&uuml;r einen EU-Beitritt ausgesprochen. (7) Sanktionen gegen Russland lehnen sogar 77% ausdr&uuml;cklich ab. (8) Das wissen die politischen Parteien. Vor den Parlamentswahlen am 3. April 2022 hatte sich deshalb keine einzige Gruppierung f&uuml;r Sanktionen gegen Russland ausgesprochen. Zugewinne haben die Parteien erzielt, die sich besonders klar gegen Sanktionen positioniert hatten. (9) Bereits die Zustimmung in der UN-Vollversammlung zur Resolution, in der der russische Einmarsch in der Ukraine verurteilt wurde, hat der regierenden Serbischen Fortschrittspartei deutliche Stimmenverluste gebracht, wie ihr Vorsitzender, Staatspr&auml;sident Vucic, einr&auml;umt. (10) Sanktionen gegen Russland w&uuml;rde die serbische Bev&ouml;lkerung nicht hinnehmen. <\/p><p><strong>Leidvolle Erfahrungen sind nicht vergessen<\/strong><\/p><p>Woher aber kommt dieses entschiedene Nein der serbischen Bev&ouml;lkerung zu Sanktionen gegen Russland? Mit Sicherheit liegt es nicht an fehlenden oder einseitigen Informationen &uuml;ber den Krieg in der Ukraine. In den dortigen Medien kommen beide Seiten ausf&uuml;hrlich zu Wort. N1, der Sendepartner von CNN, und die &bdquo;Deutsche Welle&ldquo; k&ouml;nnen genauso empfangen werden wie beispielsweise &bdquo;Sputnik&ldquo;. Auf einen  ausf&uuml;hrlichen gemeinsamen Artikel der Botschafter von Kanada, Norwegen, Polen und Gro&szlig;britanniens in Serbiens f&uuml;hrender Tageszeitung &bdquo;Politika&ldquo;, in dem sie den russischen Einmarsch in der Ukraine als Bruch des V&ouml;lkerrechts verurteilen und die Regierung Putin f&uuml;r die Leiden der betroffenen Bev&ouml;lkerung verantwortlich machen, (11) kann der russische Botschafter genauso ausf&uuml;hrlich mit einem Artikel &bdquo;&Uuml;ber die L&uuml;gen und Heuchelei des Westens im Zusammenhang mit der Situation um die Ukraine&ldquo; antworten. (12)  In welcher Zeitung bei uns w&auml;re das heute noch m&ouml;glich?  <\/p><p>Sicher spielen bei der Sympathie der serbischen Bev&ouml;lkerung f&uuml;r Russland die sprachliche N&auml;he und die gemeinsame orthodoxe Religion eine wichtige Rolle. Von vielen B&uuml;rgern wird Russland zudem als Schutzmacht gesehen, auf die sich Serbien in seiner modernen Geschichte stets verlassen konnte. Das gilt heute besonders in der Kosovofrage. &bdquo;Wir haben in der Frage unserer territorialen Integrit&auml;t immer die Unterst&uuml;tzung von Russland und China gehabt.&ldquo;, betonte Pr&auml;sident Vucic erst Anfang Juni 2022 auf dem Forum &bdquo;Globsec&ldquo; in Bratislava. (8). Es ist f&uuml;r die Serben nicht nachvollziehbar, dass ihr Land auf seine Provinz Kosovo verzichten soll, w&auml;hrend USA und EU im Fall der Ukraine auf deren territoriale Integrit&auml;t bestehen und nicht bereit sind, eine von der Bev&ouml;lkerung der Krim und des Donbass gew&uuml;nschte Trennung von der Ukraine zu akzeptieren.<\/p><p>Im Bewusstsein der serbischen Bev&ouml;lkerung ist zudem die Erinnerung an die beiden Weltkriege, die zahllosen Massaker und die Auspl&uuml;nderung des Landes durch die deutsche Besatzungsmacht nicht v&ouml;llig verblasst, genauso wenig wie die Erinnerung an die Hilfe, die die sowjetische Armee bei der Befreiung ihres Landes geleistet hat. Man wei&szlig;, dass sich die NS&ndash;Regierung in den besetzten L&auml;ndern zur Unterdr&uuml;ckung und Terrorisierung der Bev&ouml;lkerung &ouml;rtlicher Faschisten bedient hat. Solche Erinnerungen kamen wieder hoch, als die deutsche Verteidigungsministerin Christine Lambrecht in Ramstein verk&uuml;ndete, man werde &bdquo;gemeinsam mit den amerikanischen Freunden&ldquo; ukrainisches Milit&auml;r an westlichen Artilleriesystemen ausbilden. In &bdquo;Politika&ldquo; erschien dazu ein kurzer Bericht mit der &Uuml;berschrift: &bdquo;Die Geschichte wiederholt sich &ndash; Deutschland bildet ukrainisches Milit&auml;r aus. Darunter ein Foto, das Heinrich Himmler mit Angeh&ouml;rigen ukrainischer SS-Einheiten zeigt. (12) Uns sollte das zum Nachdenken veranlassen.<\/p><p>Unvergessen ist in Serbien die v&ouml;lkerrechtswidrige Aggression der Nato 1999. Neben einer nationalen Kundgebung finden in den Monaten M&auml;rz-Juni in vielen St&auml;dten, die Opfer der schweren Bombenangriffe waren, Gedenkveranstaltungen statt. (13) Die Aggression, davon ist die serbische Bev&ouml;lkerung fest &uuml;berzeugt, war nur m&ouml;glich, weil sich Russland zu dieser Zeit in einer Periode der Schw&auml;che befand. Das soll sich aus ihrer Sicht nicht wiederholen.<\/p><p><strong>Die serbische Bev&ouml;lkerung wei&szlig;, was Sanktionen bedeuten<\/strong><\/p><p>Was Sanktionen bedeuten, hat die serbische Bev&ouml;lkerung an der eigenen Haut erfahren m&uuml;ssen. 1992&ndash;1996 und erneut 1998&ndash;2000 haben sich USA und EU in r&uuml;cksichtloser und brutaler Weise umfassender Finanz- und Wirtschaftssanktionen bedient, um den Vielv&ouml;lkerstaat Jugoslawien zu zerschlagen und in Serbien den von ihnen gew&uuml;nschten &bdquo;Regimechange&ldquo; durchzusetzen.     <\/p><p>Vor wenigen Tagen haben die serbischen Medien ausf&uuml;hrlich an die Sanktionen erinnert, die der UN-Sicherheitsrat vor 30 Jahren, am 30. Mai 1992, gegen die damalige Bundesrepublik Jugoslawien, das &bdquo;Restjugoslawien&ldquo; aus Serbien und Montenegro, verh&auml;ngt hatte. Damals wurden die Auslandskonten des jugoslawischen Staates, seiner Firmen und Banken &bdquo;eingefroren&ldquo;, Kredite an das Land verboten und es vom internationalen Zahlungsverkehr ausgeschlossen. Jeglicher Au&szlig;enhandel wurde unterbunden. Speziell eingerichtete Zoll-Stellen an den Landesgrenzen und Schiffe von Nato und EU auf der Adria &uuml;bernahmen die &Uuml;berwachung dieser Wirtschaftsblockade. Die Sanktionen trafen die Bundesrepublik Jugoslawien zu einem Zeitpunkt, als seine Wirtschaft bereits in gr&ouml;&szlig;ten Schwierigkeiten steckte: Durch die von der EU forcierte Abspaltung Sloweniens, Kroatiens und Bosniens waren wichtige Lieferketten zerschlagen und M&auml;rkte verlorengegangen. In Bosnien herrschte B&uuml;rgerkrieg und die Bundesrepublik Jugoslawien hatte rund 640.000 Fl&uuml;chtlinge aufgenommen und zu versorgen. Bereits in den ersten Monaten nach den Sanktionsbeschl&uuml;ssen von Juni-Dezember 1992 st&uuml;rzte die Industrieproduktion gegen&uuml;ber dem Vorjahreszeitraum um 32,3% ab. Im Februar 1993 lag sie 41,1% unter dem Vorjahr. Das Sozialprodukt pro Kopf, das 1990 noch 3000 Dollar betragen hatte, sank bis 1994 auf 700 Dollar, die monatliche Inflation erreichte im Januar 1994 die unvorstellbare H&ouml;he von 313 Mio. Prozent! Millionen Menschen, die Arbeiterschaft und die Mittelschichten, wurden in tiefste Armut gest&uuml;rzt. (14) <\/p><p>Erneut hat die EU im M&auml;rz 1998 Sanktionen gegen die Bundesrepublik Jugoslawien verh&auml;ngt. Sie begannen mit dem &bdquo;Einfrieren&ldquo; von Konten und einem Verbot von Investitionen in Serbien. Nach dem Beginn der Bombenangriffe der Nato folgte ein umfassendes &Ouml;lembargo, um Landwirtschaft, Industrie, Verkehrswesen und Versorgung der Bev&ouml;lkerung lahmzulegen. Erg&auml;nzt wurde es, besonders zynisch angesichts der gro&szlig;en Zerst&ouml;rungen an der zivilen Infrastruktur, mit einem Exportverbot f&uuml;r &bdquo;G&uuml;ter, Dienstleistungen, Technologie und Ger&auml;t zur Wiederherstellung oder Reparatur von durch die Lufteins&auml;tze besch&auml;digten Material&ldquo;. (15). Erst nach dem Sturz der Regierung Milosevic, als der Weg frei war f&uuml;r den von USA und EU verfolgten Regimechange, wurden die Sanktionen im Oktober 2000 aufgehoben. <\/p><p> &bdquo;Serbien hat&ldquo;, schreibt Serbiens bekannter &Ouml;konom Nebojsa Katic, &bdquo;30 Jahre f&uuml;r seine Entwicklung verloren. Es ist heute eines der &auml;rmsten L&auml;nder Europas. Den L&ouml;wenanteil haben dazu die Sanktionen beigetragen&ldquo;.  (16)<\/p><p>Zur Rechtfertigung der Sanktionen dienten Massaker, die sich genau zum &bdquo;richtigen Zeitpunkt&ldquo; ereigneten: 1992 war es die Explosion einer M&ouml;rsergranate (?) auf dem Marktplatz Markale in Sarajevo.  Laut Wikipedia verloren 67 B&uuml;rger ihr Leben, 144 wurden verletzt. Ohne gr&uuml;ndliche Untersuchung wurde sofort die serbische Seite verantwortlich gemacht. 1999 waren es die Ereignisse von Racak. Aus dem Tod bewaffneter UCK-K&auml;mpfer, die am 15. Januar bei einem Feuergefecht mit serbischen Sicherheitskr&auml;ften gefallen waren, machte der amerikanische OSZE-Chefinspekteur William Walker ein Massaker an unschuldigen Zivilisten. F&uuml;r Serbiens amtierenden Innenminister Aleksandar Vuklin ist Racak &bdquo;eine gro&szlig;e L&uuml;ge, eine schreckliche F&auml;lschung, eine gro&szlig;e Beleidigung der ganzen Menschheit&ldquo;. (17) An Markale und Racak f&uuml;hlen sich  viele Serben erinnert, wenn heute die Ereignisse von Bucha f&uuml;r die Rechtfertigung von Waffenlieferungen an die Ukraine und f&uuml;r die Sanktionen gegen Russland missbraucht werden. (18)<\/p><p><strong>Olaf Scholz in Belgrad: eine gescheiterte Mission<\/strong><\/p><p>Nach Verteidigungsministerin Christine Lambrecht, Au&szlig;enministerin Annalena Baerbock und zahlreichen Vertretern der EU in den vergangenen Wochen hat Bundeskanzler Olaf Scholz am 10. Juni Belgrad besucht. Er versprach den Serben, sich f&uuml;r eine Beschleunigung des EU-Beitrittsprozesses einzusetzen. In der Konfrontation mit Russland ist es f&uuml;r Berlin und Br&uuml;ssel von gro&szlig;er Bedeutung, die L&auml;nder des Westbalkan &ndash; das Wort &bdquo;Jugoslawien&ldquo; soll in Vergessenheit geraten &ndash; vollst&auml;ndig unter die Kontrolle zu bekommen und Moskau jegliche Einflussm&ouml;glichkeit zu nehmen. Von Serbien forderte Scholz, seine abtr&uuml;nnige Provinz Kosovo als separaten Staat anzuerkennen und &bdquo;sich den Sanktionen der EU gegen die Russische F&ouml;deration anzuschlie&szlig;en&ldquo;. (19) Das Demokratieverst&auml;ndnis von Scholz st&ouml;rt es nicht, dass sich die serbische Regierung damit &uuml;ber den Willen der breiten Mehrheit ihrer Bev&ouml;lkerung hinwegsetzen m&uuml;sste. Bei der hohen Abh&auml;ngigkeit der serbischen Wirtschaft von russischen Energielieferungen w&uuml;rden Sanktionen gegen Russland zwangsl&auml;ufig zu einem starken Anstieg der Arbeitslosigkeit und einer drastischen Absenkung des Lebensstandards der Bev&ouml;lkerung f&uuml;hren. Der Sozialdemokrat Scholz meint offenkundig, das k&ouml;nne eine Regierung ihren B&uuml;rgern ruhig zumuten.<\/p><p>Deutschland hat erhebliche Druckmittel gegen&uuml;ber Serbien. Es ist sein gr&ouml;&szlig;ter Handelspartner. Deutsche Firmen haben im bedeutenden Umfang in dem Land   investiert, so dass dort mittlerweile nahezu 80.000 Besch&auml;ftigte in deutschen Firmen arbeiten. Vucic setzt f&uuml;r die Entwicklung seines Landes in erster Linie auf ausl&auml;ndische Investoren. Ihnen bietet er niedrigste Steuern und gro&szlig;z&uuml;gige Zusch&uuml;sse. In einem Interview mit &bdquo;Politika&ldquo; hat der deutsche Botschafter Thomas Schieb dezent darauf hingewiesen, dass deutsche Unternehmen bei ihren Investitionsentscheidungen genau beobachten, wie sich Serbien in der Auseinandersetzung mit Russland positioniert. (20) <\/p><p>Umso erstaunlicher ist auf den ersten Blick, mit welchem Selbstbewusstsein Vucic die Forderungen des Bundeskanzlers auf der gemeinsamen Pressekonferenz in Belgrad zur&uuml;ckwies: &bdquo;Hinsichtlich der Sanktionen haben wir aus vielen Gr&uuml;nden eine andere Position. Einen der Gr&uuml;nde k&ouml;nnte ich mit einer Gegenfrage darlegen: Worin besteht der Unterschied, wenn jemand ohne einen Beschluss des UN-Sicherheitsrates Serbien angreift und wenn ohne Beschluss des UN-Sicherheitsrates ein Angriff auf die Ukraine ausgef&uuml;hrt wird? Wir Serben erinnern uns an Sanktionen. Vergessen Sie nicht: Wir Serben haben seit Jahrhunderten andere Beziehungen zur russischen Seite.&ldquo;(19)  Zur Forderung nach der Anerkennung des Kosovo erkl&auml;rte Vucic: Wenn Sie denken, dass Sie uns drohen m&uuml;ssen, weil wir die Grunds&auml;tze der UN bewahren oder zu einem Kompromiss kommen m&ouml;chten, so haben wir nichts dagegen. Sie machen Ihre Arbeit, wir unsere.  (&hellip;) Sie m&uuml;ssen dar&uuml;ber nicht ver&auml;rgert sein, weil Ihre Haltung zu Kosovo eine andere ist als unsere. So wie Ihnen die Integrit&auml;t der Ukraine am Herzen liegt, so liegt uns die Integrit&auml;t Serbiens am Herzen.&ldquo; (19)<\/p><p>Seit den 90er Jahren haben sich die Welt und die internationalen Kr&auml;fteverh&auml;ltnisse grundlegend ver&auml;ndert. Das gilt auch f&uuml;r Serbien, das damals vollkommen isoliert war. Heute hat es mit Russland und China m&auml;chtige Freunde und zu vielen weiteren Staaten gute Beziehungen. Das erm&ouml;glicht seiner Regierung einen bestimmten politischen Spielraum, den sie geschickt nutzt. Mit dem Bau neuer Pipelines &uuml;ber Bulgarien und Nordmazedonien will Serbien in einigen Jahren in der Lage sein, seine &Ouml;llieferanten zu diversifizieren. Damit kommt es Forderungen der EU entgegen. (20) Sanktionen und einen Bruch mit Russland aber lehnt die serbische Regierung auch nach dem Besuch von Scholz ab. Das wurde beim Festempfang in der russischen Botschaft anl&auml;sslich des russischen Nationalfeiertages deutlich. An ihm nahmen Ministerpr&auml;sidentin Ana Brnabic, ihre wichtigsten Minister und Parlamentspr&auml;sident Dacic teil. (21) Die Einladung nach Moskau, die Lawrow nach seinem verhinderten Besuch in Belgrad dem serbischen Au&szlig;enminister Seljakovic geschickt hat, wurde von diesem umgehend angenommen. (23). Gegen&uuml;ber &Ouml;sterreichs Au&szlig;enminister Schallenberg, der nach Scholz mit denselben Forderungen nach Belgrad gekommen ist, hat Seljakovic nochmals bekr&auml;ftigt: &bdquo;Erwarten Sie nicht, dass Serbien gegen den t&auml;tig wird, der seine territoriale Integrit&auml;t achtet, der es im Rahmen der UN gegen Angriffe auf seine territoriale Integrit&auml;t und Souver&auml;nit&auml;t verteidigt.&ldquo; (24)<\/p><p><em><strong>Hinweis:<\/strong> S&auml;mtliche &Uuml;bersetzungen aus dem Serbischen durch den Verfasser.<\/em><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>ANMERKUNGEN SERBIEN UND SANKTIONEN<\/strong><\/p><p>1. Politika, 30.5.2022, Ne&#263;e biti poskupljenja gasa do kraja slede&#263;e zimske sezone<br>\n2. RTS, 7.6.2022, Stejt department: Suverene odluke Crne Gore, Bugarske i Severne Makedonije da ne dozvole prelet Lavrovu<br>\n3. GTAI, 3.6.2022, Serbien schaukelt weiter in Richtung Russland<br>\n4. Politika, 17.5.2022, Borelj: Srbija Borelj: Srbija &scaron;to pre da se uskladi s politikom EU<br>\n5. Politika, 22.5.2022,  Nema tre&#263;eg puta &ndash; Istok ili Zapad<br>\n6. Novosti, 1.11.2021, Kako je Hil spremao mat Milosevicu<br>\n7. RTS, 26.4.2021, Dramati&#269;an pad podr&scaron;ke gra&#273;ana Srbije &#269;lanstvu u EU<br>\n8. Srbija Danas 2.6.2022, Srbija je jasno rekla svoj stav. Vu&#269;i&#263; o sukobu u Ukrajini: Ne&#263;emo birati strane u ovom ratu<br>\n9. Konrad Adenauer Stiftung, Mai 2022, L&auml;nderbericht, Parlamentswahlen in Serbien<br>\n10. Politika, 3.6.2022, Ruska invazija u re&#269;ima i brojevima<br>\n11. Politika, 9.6.2022, O la&#382;ima i licemerju Zapada u vezi sa situacijom oko Ukrajine<br>\n12. Politika, 26.4.2022, Istorija se ponavlja &ndash; Nema&#269;ka obu&#269;ava ukrajinsku vojsku<br>\n13. Politika, 30.5.2022, Komemoracija Varvarincima poginulim u Nato bombardavanju Politika, 4.5.2022, Memorijal pukovnik pilot Milenko Pavlovic<br>\n14. Srbija24, 30.5.2022, Tri decenije od uvo&#273;enja sankcija SRJ<br>\n15. Gemeinsamer Standpunkt vom 10. Mai 1999: <a href=\"https:\/\/op.europa.eu\/en\/publication-detail\/-\/publication\/c5d72aab-1d4e-11ec-b4fe-01aa75ed71a1\/language-de\">https:\/\/op.europa.eu\/en\/publication-detail\/-\/publication\/c5d72aab-1d4e-11ec-b4fe-01aa75ed71a1\/language-de<\/a><br>\n16. Politika, 23.4.2022,  Nebojsa Katic, Srbija i politika sankcije<br>\n17. Politika, 21.12.2021, Jedan scenario za dve la&#382;i &ndash; Markale i Ra&#269;ak<br>\n18. Novosti Online, 10.12.2021, Ministar Vulin: Ra&#269;ak je velika la&#382;, stra&scaron;an falsifikat, velika uvreda za &#269;itavo &#269;ove&#269;anstvo<br>\n19. Politika, 10.6.2022, &Scaron;olc na o&scaron;tar na&#269;in tra&#382;i da se priklju&#269;imo sankcijama protiv Rusije<br>\n20. Politika, 5.6.2022, Razgovor nedelje: Tomas &Scaron;ibB: Donbas i Kosovo ne mogu nikako da se uporede<br>\n21. Nova srpska politi&#269;ka misao, 10.6.2022: Vu&#269;i&#263;: Danas prvi put &#269;ujemo da se tra&#382;i me&#273;usobno priznanje Beograda i Pri&scaron;tine , do sada je uvek bila re&#269; o &bdquo;sveobuhvatnoj normalizaciji odnosa&ldquo;. Kancelar &Scaron;olc o&scaron;tro tra&#382;io da uvedemo sankcije Rusiji. &Scaron;olc: O&#269;ekujemo da se zemlje kandidati za EU pridru&#382;e<br>\n22. Vreme, 7.6.2022, Prijem povodom Dana Rusije: Grupni portret sa Bocan-Har&#269;enkom<br>\n23. Politika, 8.6.2022, Selakovi&#263;: Poseta &Scaron;olca va&#382;na za Srbiju, prihvatio sam poziv za posetu Moskvi<br>\n24. Politika, 13.6.2022, Srbija ne mo&#382;e protiv nekoga ko po&scaron;tuje njen teritorijalni integritet<\/p><p>Titelbild: LeStudio \/ shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Folgende ist ein in vieler Hinsicht aufschlussreicher Beitrag von <strong>Bernd Duschner<\/strong>. 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