{"id":85030,"date":"2022-06-21T13:00:09","date_gmt":"2022-06-21T11:00:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=85030"},"modified":"2022-06-22T11:43:05","modified_gmt":"2022-06-22T09:43:05","slug":"homophob-sind-nur-die-russen-oder-wie-ein-geopolitischer-konflikt-ideologisiert-wird","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=85030","title":{"rendered":"\u201eHomophob sind nur die Russen!\u201c oder: Wie ein geopolitischer Konflikt ideologisiert wird"},"content":{"rendered":"<p>Die neue West-Ost-Konfrontation wird zunehmend auch ideologisch aufgeladen. Ging es im ersten Kalten Krieg um &bdquo;Freiheit versus Sozialismus&ldquo;, sind nun die Geschlechteridentit&auml;ten zum ideologischen Schlachtfeld avanciert. Wobei die konstruierten Polarit&auml;ten auf beiden Seiten falsch sind. Von <strong>Leo Ensel<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_8666\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-85030-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220621_Homophob_sind_nur_die_Russen_oder_Wie_ein_geopolitischer_Konflikt_ideologisiert_wird_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220621_Homophob_sind_nur_die_Russen_oder_Wie_ein_geopolitischer_Konflikt_ideologisiert_wird_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220621_Homophob_sind_nur_die_Russen_oder_Wie_ein_geopolitischer_Konflikt_ideologisiert_wird_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220621_Homophob_sind_nur_die_Russen_oder_Wie_ein_geopolitischer_Konflikt_ideologisiert_wird_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=85030-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220621_Homophob_sind_nur_die_Russen_oder_Wie_ein_geopolitischer_Konflikt_ideologisiert_wird_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"220621_Homophob_sind_nur_die_Russen_oder_Wie_ein_geopolitischer_Konflikt_ideologisiert_wird_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Vor 50 Jahren, im Sommer 1972, fanden die Olympischen Sommerspiele in einem Land statt, das die Menschenrechte eklatant verletzte &ndash; und keiner merkte was! Das Land hie&szlig; Bundesrepublik Deutschland und verletzt wurden die Rechte von Schwulen. Der Paragraph 175 StGB, der einvernehmliche sexuelle Handlungen zwischen (m&auml;nnlichen) Homosexuellen unter Strafe stellte, wurde erst vor knapp 30 Jahren im Zuge der deutschen Wiedervereinigung ersatzlos gestrichen.<\/p><p>Damals protestierte niemand gegen diese Menschenrechtsverletzungen. Auch nicht diejenigen Politiker*innen, die sich heute so gerne in bester Stellvertreterbetroffenheits-Manier politisch-kokett das Elend der gesamten Welt ungefragt auf ihre schmalen Schultern laden und sich bei eingeschalteten Kameras mit dem Zeigefinger stets auf Russland deutend in ihrer gef&uuml;hlten moralischen &Uuml;berlegenheit sonnen! Ebenso schwieg die gesamte liberale westdeutsche Presse von der &bdquo;Zeit&ldquo; bis zur &bdquo;Frankfurter Rundschau&ldquo;. Und die progressiven Lehrer der Odenwaldschule widmeten sich stattdessen lieber intensiv ihren abh&auml;ngigen minderj&auml;hrigen Z&ouml;glingen.<\/p><p>Wie sich die Zeiten ge&auml;ndert haben! Keine Woche vergeht, ohne dass eine neue diskriminierte Minderheit aus dem Zylinder gezaubert wird &ndash; inclusive Heerscharen von PolitikerInnen, Journalist_innen und Sozialp&auml;dagog*Innen, die selbstlos f&uuml;r deren Rechte k&auml;mpfen. Und wer nicht sofort f&uuml;r genderneutrale Toiletten pl&auml;diert, entlarvt sich als Sexist, Rassist, im harmlosesten Falle als Reaktion&auml;r. Keine Frage, unsere Gesellschaft wird t&auml;glich menschlicher, gerechter, vielf&auml;ltiger und toleranter.<\/p><p>Schade nur, dass die ganze Welt noch nicht so denkt und handelt wie wir! Besonders die Russen.<\/p><p>Womit wir beim Thema w&auml;ren. Den nun schon viele Jahre vor dem Krieg gegen die Ukraine andauernden Spannungen zwischen dem Westen und Russland, kurz: dem neuen West-Ost-Konflikt.<\/p><p>Kein kriegerischer Konflikt kann l&auml;ngere Zeit ohne ideologische Aufladung am K&ouml;cheln gehalten werden. Jeder geopolitische Konflikt bedarf auf Dauer der Ideologisierung, langfristig stirbt man nur gerne f&uuml;r h&ouml;here Werte! Die selbstverst&auml;ndlich die eigene Seite repr&auml;sentiert. So auch heute wieder. <\/p><p><strong>Gender-Theorie: Der &sbquo;Weltkommunismus des Westens&lsquo;<\/strong><\/p><p>West und Ost tun eine Menge daf&uuml;r, ihren sp&auml;testens seit dem Kiewer Euromaidan 2013\/14 offen zutage getretenen neu-alten Machtkampf um Einflusssph&auml;ren nachtr&auml;glich doch noch ideologisch zu einem neuen &bdquo;Kampf der Kulturen&ldquo; aufzublasen. Ging es im (ersten) Kalten Krieg um &bdquo;Freiheit versus Totalitarismus&ldquo; bzw. &bdquo;Sozialismus contra Kapitalismus&ldquo;, so ist nun das Gebiet der Gender-Identit&auml;ten zum beidseitig bevorzugten ideologischen Schlachtfeld avanciert. Wobei es diesmal der Westen ist, der ideologisch die Nase vorn hat. <\/p><p>Mit dem Marxismus verf&uuml;gte damals im Kalten Krieg die Sowjetunion &uuml;ber eine weltumspannende Ideologie. Heute f&uuml;hrt mit &auml;hnlich universellem Anspruch der Westen die Gender-Theorie ins Feld. Fast ist man versucht zu sagen: &bdquo;<em>Die Gender-Theorie ist der &sbquo;Weltkommunismus des Westens&lsquo;!<\/em>&ldquo; Russland dagegen bef&ouml;rdert eine Renaissance konservativer &ndash; angeblich ur-russischer &ndash; Werte, wobei Faschisten wie Dugin bereits offen von einem russisch-konservativ dominierten Europa von Wladiwostok bis Lissabon tr&auml;umen. Die neuen ideologischen Schlachtrufe lauten entsprechend aus westlicher Perspektive: &bdquo;Aufgekl&auml;rt-toleranter vielf&auml;ltiger Westen contra reaktion&auml;res Russland!&ldquo; und aus russischer Sicht: &bdquo;Heiliges Russland versus faulendes &sbquo;Gayropa&lsquo;!&ldquo;<\/p><p>Wobei die Fronten, die hier von beiden Seiten konstruiert werden, sich bei genauerer Betrachtung als reichlich schr&auml;g erweisen. Auf wundersame Weise, wie durch g&ouml;ttliche F&uuml;gung bestimmt, scheint die Spaltung zwischen Homophobie und sexueller Vielfalt exakt entlang der Grenze zwischen osterweiterter EU und wiedererstarktem Russland zu verlaufen. Homophob sind demnach nur die Russen! (Und die Wei&szlig;russen vielleicht auch noch. Aber auf keinen Fall &ndash; jedenfalls nicht seit dem 24. Februar &ndash; die Ukrainer!) W&auml;hrend in Westeuropa das Paradies der Vielfalt bereits Ereignis geworden ist.<\/p><p>Nat&uuml;rlich ist diese &ndash; von beiden Seiten konstruierte, lediglich kontr&auml;r gewertete &ndash; Polarisierung falsch. Denn sie verl&auml;uft in Wirklichkeit nicht zwischen Russland und &sbquo;dem Westen&lsquo;, sondern in unterschiedlicher Sch&auml;rfe quer durch s&auml;mtliche Gesellschaften in West <em>und<\/em> Ost! Auch in Russland gibt es Initiativen von Schwulen, die sich &ndash; fraglos unter erheblich schwierigeren Bedingungen &ndash; f&uuml;r ihre Rechte einsetzen, umgekehrt sollte man einen Christopher-Street-Day besser nicht in der ostpolnischen Provinz durchf&uuml;hren. Und was die EU lauthals Russland vorwirft, das duldet sie, siehe Ungarn und Polen, locker in den eigenen Reihen.<\/p><p><strong>Abschied vom westlichen Missionierungsdrang<\/strong><\/p><p>Ein erster Schritt zur ideologischen Deeskalation im neuen West-Ost-Konflikt k&ouml;nnte daher darin bestehen, diese falschen ideologischen Fronten zu entlarven und stattdessen auf dem <em>geopolitischen<\/em> Charakter des Konfliktes zu bestehen.<\/p><p>Und was die Situation von sexuellen Minderheiten in Russland angeht, so w&auml;re es nicht schlecht, wenn die linksalternaiven deutschen Missionare mal etwas k&uuml;rzer treten und Abschied von der Idee nehmen w&uuml;rden, dass die Welt stets am jeweils aktuellen zivilisatorischen Entwicklungsstand des Westens genesen soll. Vielleicht sollten wir der russischen Gesellschaft, die nicht erst w&auml;hrend der 70 Jahre kommunistischer Herrschaft keine M&ouml;glichkeit hatte, eine &ouml;ffentliche Debatte &uuml;ber &sbquo;sexuelle Vielfalt&lsquo; zu f&uuml;hren, einfach die Zeit lassen, die sie wie jede andere Gesellschaft braucht, ihren Weg ohne &ndash; bestenfalls gut gemeinte &ndash; Einmischung von au&szlig;en selbst zu finden. <\/p><p>Und uns daran erinnern: 1972 fanden die Olympischen Sommerspiele in einem Land statt, das die Menschenrechte verletzte. Das Land hie&szlig; Bundesrepublik Deutschland und niemand merkte damals etwas!<\/p><p>Titelbild: Marek Szandurski\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die neue West-Ost-Konfrontation wird zunehmend auch ideologisch aufgeladen. Ging es im ersten Kalten Krieg um &bdquo;Freiheit versus Sozialismus&ldquo;, sind nun die Geschlechteridentit&auml;ten zum ideologischen Schlachtfeld avanciert. 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