{"id":85172,"date":"2022-06-25T11:45:25","date_gmt":"2022-06-25T09:45:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=85172"},"modified":"2022-06-27T07:30:55","modified_gmt":"2022-06-27T05:30:55","slug":"ein-refoermchen-mehr-das-bafoeg-bleibt-auch-mit-der-neuesten-novelle-ein-armutsrisiko","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=85172","title":{"rendered":"Ein Ref\u00f6rmchen mehr. Das BAf\u00f6G bleibt auch mit der neuesten Novelle ein Armutsrisiko"},"content":{"rendered":"<p>Nach einer aktuellen Studie gilt jeder dritte Studierende in Deutschland als arm, unter den Empf&auml;ngern von Bundesausbildungsf&ouml;rderung sind es fast 45 Prozent. Gemessen daran ist die am Donnerstag vom Bundestag beschlossene 27. BAf&ouml;G-Reform wieder nur ein Tropfen auf den hei&szlig;en Stein. Nicht einmal die durch den Ukraine-Krieg befeuerte Inflation wird ausgeglichen, ganz zu schweigen von den etlichen Nullrunden fr&uuml;herer Jahre. Auch die strukturelle Erneuerung des Systems wurde nicht angepackt, die soll erst in einem zweiten Schritt folgen &ndash; Ausgang ungewiss.  Die von der Koalition beschworene &bdquo;Trendumkehr&ldquo; ger&auml;t bei all dem zur hohlen Phrase und das Studium f&uuml;r viele zur Schuldenfalle. Von <strong>Ralf Wurzbacher<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_4252\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-85172-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220624_Ein_Refoermchen_mehr_Das_BAfoeG_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220624_Ein_Refoermchen_mehr_Das_BAfoeG_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220624_Ein_Refoermchen_mehr_Das_BAfoeG_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220624_Ein_Refoermchen_mehr_Das_BAfoeG_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=85172-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220624_Ein_Refoermchen_mehr_Das_BAfoeG_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"220624_Ein_Refoermchen_mehr_Das_BAfoeG_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Als der Parit&auml;tische Wohlfahrtsverband Mitte Mai eine sozialpolitische Bombe hochgehen lie&szlig;, schaltete das Bundesministerium f&uuml;r Bildung und Forschung (BMBF) auf taubstumm. War was gewesen? Aber hallo! Wie die parit&auml;tische Forschungsstelle anhand einer <a href=\"https:\/\/www.der-paritaetische.de\/fileadmin\/user_upload\/Publikationen\/doc\/PaFo-2022-Armut_von_Studierenden.pdf\">repr&auml;sentativen Umfrage<\/a> ermittelt hatte, lebte zum Erhebungszeitraum 2019 fast jeder dritte Studierende in Deutschland in Armut. 30,3 Prozent der rund 2,9 Millionen Hochsch&uuml;ler &ndash; relativ fast doppelt so viele wie in der Gesamtbev&ouml;lkerung &ndash; fristeten demnach ein Dasein unterhalb der Armutsgrenze, die damals f&uuml;r Alleinstehende bei einem Monatseinkommen von 1.266 Euro lag. Die Betroffenen schlugen sich dagegen mit im Schnitt 802 Euro durch. <\/p><p>Besonders schwer haben es junge Menschen mit eigener Bleibe. Von ihnen f&uuml;hrten 40 Prozent ein Leben &bdquo;mithin unterhalb des soziokulturellen Existenzminimums&ldquo; von seinerzeit 771 Euro, konstatierten die Autoren. Einem Viertel davon standen sogar weniger als 600 Euro zur Verf&uuml;gung. Dabei d&uuml;rfte sich die Lage heute &ndash; drei Jahre sp&auml;ter &ndash; noch zugespitzt haben. Es bestehe &bdquo;das Risiko einer Untererfassung&ldquo; des tats&auml;chlichen Ausma&szlig;es der Misere, hei&szlig;t es in der Analyse. Die ohnehin schon &bdquo;dramatischen Befunde&ldquo; spiegelten nicht die &bdquo;drastischen Einschnitte&ldquo; wider, die mit Beginn und w&auml;hrend der Corona-Krise eingetreten seien. <\/p><p>W&auml;hrend zweier monatelanger Lockdowns waren Hunderttausende Studentenjobs, f&uuml;r viele die wichtigste Einnahmequelle, weggebrochen. Die von der Gro&szlig;en Koalition aufgelegte &bdquo;&Uuml;berbr&uuml;ckungshilfe&ldquo; brachte nur sehr begrenzt Linderung. Die ersten Zusch&uuml;sse kamen nicht nur reichlich versp&auml;tet, sie fielen mit maximal 500 Euro pro Monat auch recht k&uuml;mmerlich aus. Und wegen erheblicher b&uuml;rokratischer Fallstricke konnten zahllose eigentlich Bed&uuml;rftige keine Anspr&uuml;che geltend machen. Dadurch waren viele gen&ouml;tigt, auf das vor&uuml;bergehend zinsfrei gestellte Studiendarlehen der Kreditanstalt f&uuml;r Wiederaufbau (KfW) zur&uuml;ckzugreifen. Der Staatsbank bescherte dies Kundschaft im &Uuml;berfluss (40.000 Neuabschl&uuml;sse mehr als 2019) und den Kunden die Aussicht auf eine Zukunft in der Schuldenfalle.<\/p><p><strong>Fr&ouml;hliches Studentenleben war einmal <\/strong><\/p><p>Auf alle F&auml;lle hat die Pandemie tiefe Spuren in der Studierendenschaft hinterlassen, nicht zuletzt in finanzieller Hinsicht. Und mit dem Ukraine-Krieg sind die Herausforderungen wieder gr&ouml;&szlig;er geworden. Ulrich Schneider, Hauptgesch&auml;ftsf&uuml;hrer des Parit&auml;tischen Gesamtverbands, befand in einer <a href=\"https:\/\/www.der-paritaetische.de\/alle-meldungen\/armut-im-studium-30-prozent-aller-studierenden-leben-in-armut\/\">Medienmitteilung<\/a> anl&auml;sslich der Ver&ouml;ffentlichung: &bdquo;Die altbackenen Klischees des fr&ouml;hlichen Studentenlebens bei wenig Geld, aber viel Freizeit, sind absolut &uuml;berholt und haben mit der Lebenswirklichkeit und dem Studiendruck heutzutage nichts mehr zu tun.&ldquo; Das Versprechen von Fortschritt, Chancengleichheit und gleichen M&ouml;glichkeiten f&uuml;r alle junge Menschen sei nicht viel wert, &bdquo;wenn es nicht gelingt, Studierende wirksam vor Armut zu sch&uuml;tzen und ihnen den R&uuml;cken f&uuml;r eine Ausbildung, frei von existenzieller Not, zu st&auml;rken&ldquo;. <\/p><p>Vom Adressaten, der Bundesregierung, kam dazu nicht einmal ein Mucks. Dabei war Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) just in den Tagen, in denen die Studie erschien, auf der gr&ouml;&szlig;ten Baustelle zugange, die es in puncto Studienfinanzierung gibt. Sie selbst hatte ihr Amt mit dem Versprechen angetreten, das Bundesausbildungsf&ouml;rderungsgesetz (BAf&ouml;G) einer Rundumerneuerung zu unterziehen, die Gef&ouml;rdertenzahlen erheblich auszuweiten und das System auch strukturell fit f&uuml;r die Zukunft zu machen. Noch am 12. Mai hatte sie bei der <a href=\"https:\/\/www.bmbf.de\/bmbf\/shareddocs\/reden\/de\/2022\/05-12-stark-watzinger-bundestag-bafoeg.html\">ersten Lesung im Bundestag<\/a> zu der von ihr eingebrachten 27. BAf&ouml;G-Novelle diesen sch&ouml;nen Satz gesprochen: &bdquo;Das BAf&ouml;G muss sich dem Leben anpassen, nicht umgekehrt.&ldquo; Faktisch l&auml;uft es aber genau &bdquo;umgekehrt&ldquo;, wie sp&auml;testens mit der Studie des Parit&auml;tischen klargeworden sein m&uuml;sste: Nach deren Ergebnissen gelten nahezu 45 Prozent aller BAf&ouml;G-Bezieher als arm, w&auml;hrend dies auf Hochsch&uuml;ler ohne &ouml;ffentliche Zuwendungen &bdquo;nur&ldquo; zu knapp 29 Prozent zutrifft. H&auml;tte es f&uuml;r die Ministerin noch eines Ansto&szlig;es bedurft, den ganz gro&szlig;en Wurf mit ihrer BAf&ouml;G-Reform zu landen, hier war er. <\/p><p><strong>Kleckern satt Klotzen <\/strong><\/p><p>Es kam anders. Am Donnerstag hat das h&ouml;chste deutsche Parlament das neue Regelwerk mit der Mehrheit der Regierungskoalition sowie den Stimmen der Linksfraktion verabschiedet, womit es zum kommenden Wintersemester 2022\/23 in Kraft treten kann. Die Ma&szlig;nahmen bleiben einmal mehr weit hinter den Notwendigkeiten zur&uuml;ck. Mit einem Aufschlag bei den Bedarfss&auml;tzen um 5,75 Prozent werden nicht einmal die Teuerungsraten bei Energie und Lebensmitteln kompensiert, die speziell seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine durch die Decke gehen. Im Mai betrug die Inflation &ndash; verglichen mit dem Vorjahresmonat &ndash; 7,9 Prozent und ein Ende der Preisrallye ist nicht in Sicht. Das vermeintliche Plus wird bei den Betroffenen faktisch mit einem dicken Minus ins Kontor schlagen. Zumal es die Zulage erst im Herbst geben wird und dann f&uuml;r mindestens zwei Jahre kein Nachschlag zu erwarten w&auml;re.<\/p><p>Urspr&uuml;nglich sollten die Leistungen um lediglich f&uuml;nf Prozent angehoben werden. Erst auf den letzten Dr&uuml;cker &ndash; wohl ein symbolisches Zugest&auml;ndnis an die Kritiker &ndash; rang sich am Mittwoch der Bildungsausschuss in seiner Beschlussempfehlung zu einem Bonus von einem dreiviertel Prozentp&uuml;nktchen durch. Damit erreicht der BAf&ouml;G-H&ouml;chstsatz (Grundbedarf, Wohnpauschale, Zuschlag f&uuml;r Kranken- und Pflegeversicherung) 934 Euro, was immer noch weit unterhalb der Armutsgef&auml;hrdungsgrenze liegt. Eigentlich sollte eine BAf&ouml;G-Reform, die den Namen verdient, mindestens die Entwicklung bei L&ouml;hnen und Preisen seit der vorangegangenen Reform aufholen und besser noch f&uuml;r die Zukunft vorbauen. Tats&auml;chlich hechelt das BAf&ouml;G der Realit&auml;t im Gefolge etlicher Nullrunden und mehrerer halbherziger Reformen aber schon seit einer halben Ewigkeit hinterher und mit jedem Jahr wird der Abstand gr&ouml;&szlig;er. <\/p><p>Wollte die Regierung das Vers&auml;umte wirklich nachholen, m&uuml;sste sie vielleicht da landen, wohin etwa die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hinstrebt: &bdquo;Unser Ziel ist ein BAf&ouml;G-H&ouml;chstsatz <a href=\"https:\/\/www.gew.de\/presse\/pressemitteilungen\/detailseite\/pressemittlung-vorlage\">mindestens in H&ouml;he des steuerlichen Existenzminimums<\/a> von 1.200 Euro&ldquo;, &auml;u&szlig;erte sich der stellvertretende Verbandsvorsitzende Andreas Keller am Mittwoch. Nicht ganz so hoch hinaus will der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB), der sich f&uuml;r eine <a href=\"https:\/\/www.dgb.de\/presse\/++co++e2054784-f2ca-11ec-b44c-001a4a160123\">pauschale Erh&ouml;hung um 150 Euro<\/a> ausspricht. Dagegen wird der Grundbedarf gem&auml;&szlig; Bundestagsbeschluss um blo&szlig; knapp 25 Euro auf 452 Euro steigen. <\/p><p><strong>Historischer Niedergang <\/strong><\/p><p>Den historischen Niedergang des BAf&ouml;G haben die NachDenkSeiten <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=72732\">hier<\/a> bereits vor einem Jahr nachgezeichnet. Anlass war ein Urteil des Bundesverwaltungsgerichts, das ausgerechnet im 50. BAf&ouml;G-Jubil&auml;umsjahr den Fall einer Kl&auml;gerin zur Pr&uuml;fung an das Bundesverfassungsgericht &uuml;berwiesen hatte. Nach dem Entscheid der Richter erfolgt die Festsetzung des Grundbedarfs intransparent und wider den Grundsatz eines chancengleichen Zugangs zu den Hochschulen unabh&auml;ngig von den Besitzverh&auml;ltnissen der Eltern. Schlie&szlig;t sich Karlsruhe dieser Position an, dann w&auml;re mit allen BAf&ouml;G-Novellen der zur&uuml;ckliegenden mindestens zwei Jahrzehnte gegen das Grundgesetz versto&szlig;en worden &ndash; einschlie&szlig;lich der j&uuml;ngsten. <\/p><p>Aktuell beziehen noch h&ouml;chstens elf Prozent aller Studierenden BAf&ouml;G-Zuwendungen. Das ist einerseits Folge der Entkopplung der Elternfreibetr&auml;ge von der Lohnentwicklung, wodurch immer mehr eigentlich Bed&uuml;rftige aus der F&ouml;rderung gepurzelt sind. Noch gr&ouml;&szlig;ere Verluste begr&uuml;nden sich durch den &bdquo;freiwilligen&ldquo; R&uuml;ckzug aus der Sozialleistung. Weil die Bez&uuml;ge in aller Regel nicht ann&auml;hernd zum Lebensunterhalt reichen und oft nur ein &bdquo;Zubrot&ldquo; neben der Erwerbsarbeit sind, jobben viele lieber ein paar Stunden mehr pro Woche und sparen sich so den leidigen Antragsstress sowie eine Zukunft mit Schulden. Dabei bleibt freilich weniger Zeit zum Studieren und der Studienerfolg auf der Strecke. Echte Abhilfe verspricht hier neben deutlich h&ouml;heren Leistungen vor allem die R&uuml;ckumstellung auf eine Vollf&ouml;rderung ohne h&auml;lftigen Darlehensanteil, wie dies Studierendenvertreter, Gewerkschaften und die Partei Die Linke fordern. <\/p><p>Stark-Watzinger setzt dagegen ziemlich einseitig auf die Karte Freibetr&auml;ge. Diese werden f&uuml;r Eltern in einem wuchtig anmutenden Schritt um 20,75 Prozent angehoben (urspr&uuml;nglich 20 Prozent), was der FDP-Frau allerhand Lob auch von Seiten ihrer Kritiker einbrachte. Die GEW wies allerdings unter der Woche darauf hin, dass das BMBF selbst nur mit einem bescheidenen Aufwuchs bei den Gef&ouml;rdertenzahlen rechnet. Demnach k&ouml;nnte der Anteil der BAf&ouml;G-Beg&uuml;nstigten unter allen Studierenden um gerade einmal 1,8 Prozentpunkte zulegen, also auf ein Niveau von vielleicht 13 Prozent. Die verhie&szlig;ene &bdquo;Trendumkehr&ldquo;, wie sie schon ihre Amtsvorg&auml;ngerinnen Johanna Wanka und Anja Karliczek (beide CDU) beschworen hatten, w&uuml;nschte man sich ein wenig kraftvoller. Wenn die Ausbildungsf&ouml;rderung wieder in der Breite wirken solle, m&uuml;ssten die Freibetr&auml;ge um 50 Prozent aufgestockt werden, meint jedenfalls die GEW.  <\/p><p><strong>Verm&ouml;gensgrenzen, Mietzuschuss: lebensfremd  <\/strong><\/p><p>Ebenfalls f&uuml;r Aufsehen hatte die Ministerin mit der geplanten Erh&ouml;hung der Verm&ouml;gensfreibetr&auml;ge f&uuml;r Studierende auf 45.000 Euro gesorgt. Aktuell liegt die Grenze, bis zu der Angespartes nicht aufs BAf&ouml;G angerechnet wird, bei 8.200 Euro. Allerdings h&auml;tte die Regelung zu Missbrauch einladen k&ouml;nnen. Unter anderem das Deutsche Studentenwerk (DSW) hatte im Anh&ouml;rungsverfahren auf Szenarien verwiesen, bei denen sich Eltern durch Verm&ouml;gens&uuml;bertragung auf ihre Kinder aus der Unterhaltspflicht stehlen k&ouml;nnten. Dem Risiko begegnete der Bildungsausschuss kurz vor Toresschluss mit einer &Auml;nderung dergestalt, dass beim Schonverm&ouml;gen eine Altersgrenze eingezogen wird: Unter 30-J&auml;hrige d&uuml;rfen h&ouml;chstens 15.000 Euro besitzen, f&uuml;r jene &uuml;ber 30 Jahren bleibt die Schwelle bei 45.000 Euro bestehen. Aber: Welcher Normalstudent hat schon Tausende Euro auf der hohen Kante liegen? Das Kalk&uuml;l, mit der Neubestimmung junge Menschen in relevanter Gr&ouml;&szlig;enordnung f&uuml;rs BAf&ouml;G zu gewinnen, erscheint daher recht lebensfremd. <\/p><p>Dasselbe gilt f&uuml;r die Nachbesserung beim Mietzuschlag f&uuml;r auf eigene Rechnung wohnende Studierende. Dieser steigt von 325 auf 360 Euro. Heutzutage werden in traditionellen Studierenden- und Gro&szlig;st&auml;dten f&uuml;r eine Unterkunft h&auml;ufig 500 Euro und mehr aufgerufen. In M&uuml;nchen sind es f&uuml;r ein WG-Zimmer mitunter 700 Euro. Bei einem BAf&ouml;G-H&ouml;chstsatz von 934 Euro bleibt davon kaum etwas &uuml;brig. Tats&auml;chlich gibt es auch Standorte, an denen 360 Euro den Bedarf &uuml;bersteigen, das jedoch ist die gro&szlig;e Ausnahme. Im Bundesmittel werden 414 Euro pro Monat f&auml;llig und mit jedem Jahr wird das Wohnen teurer. Unter anderem der DGB schlug deshalb bei einer Expertenanh&ouml;rung eine regionale Staffelung der Wohnpauschale gem&auml;&szlig; den Bedingungen der &ouml;rtlichen Wohnungsm&auml;rkte vor, drang damit aber nicht zur Regierung durch.   <\/p><p>Aber nicht alles an deren Novelle ist schlecht. Es wird h&ouml;here Zuschl&auml;ge f&uuml;r die Kranken- und Pflegeversicherung geben, mehr Geld f&uuml;r die Kinderbetreuung Studierender, eine Erh&ouml;hung der Altersgrenze von 30 Jahren bei BAf&ouml;G-Beginn auf 45 Jahre. Der letzte Punkt ist jedoch schon so ziemlich der einzige, der sich unter struktureller Erneuerung verbuchen l&auml;sst. Es fehlen Ma&szlig;nahmen zur besseren Vereinbarkeit von Studium, Familie und gegebenenfalls Beruf, indem man das BAf&ouml;G etwa f&uuml;r Teilzeitstudierende &ouml;ffnet, sowie eine Abkehr vom Kriterium der Regelstudienzeit. Sobald man ein Semester zu lange studiert, endet die F&ouml;rderung. Lediglich rund ein Drittel der Studierenden erf&uuml;llt heute noch diese Vorgabe.<\/p><p><strong>Stark-Watzinger will nachlegen <\/strong><\/p><p>Vor allem mangelt es am Willen, das System finanziell auf stabile Beine zu stellen. Solange den Anspruchsberechtigten nicht deutlich verbesserte Bez&uuml;ge winken, werden viele ihre Anspr&uuml;che auch weiterhin nicht wahrnehmen. Dazu braucht es insbesondere Verl&auml;sslichkeit, also regelm&auml;&szlig;ige Anpassungen der Leistungen an die Lebenswirklichkeit. Selbst die Koalitionsfraktionen haben im Bildungsausschuss per Entschlie&szlig;ungsantrag an das BMBF appelliert, Freibetr&auml;ge und Bedarfss&auml;tze an die Preis- und Lohnentwicklung zu koppeln. Gemieden wird allerdings der Begriff &bdquo;Automatismus&ldquo;, um den auch die Ressortchefin einen Bogen macht. Das h&ouml;re sich immer so sch&ouml;n an, sagte sie im April in einem <a href=\"https:\/\/www.jmwiarda.de\/2022\/04\/07\/es-muss-wieder-normalit%C3%A4t-einziehen-in-den-hochschulen\/\">Interview<\/a> mit dem Wissenschaftsjournalisten Jan-Martin Wiarda, &bdquo;hat aber auch den Nachteil, dass wir dann nicht mehr auf besondere Entwicklungen reagieren und auch mal mehr machen k&ouml;nnen, wenn es n&ouml;tig ist&ldquo;. <\/p><p>Mal mehr machen? In die 2000er-Jahre fallen bisher allein zwei Sechs-Jahres-Phasen, in denen die F&ouml;rdersummen komplett eingefroren waren &ndash; von 2002 bis 2008 und zwischen 2010 und 2016. Auch sonst gab es nie &bdquo;mal mehr&ldquo; als das Bittern&ouml;tigste, sondern in schlechter Regelm&auml;&szlig;igkeit viel zu wenig. Immerhin soll die n&auml;chste Reform schon in Arbeit sein. Sie wolle weitere grundlegende Ver&auml;nderungen <a href=\"https:\/\/www.studentenwerke.de\/de\/content\/bettina-stark-watzinger-%E2%80%9Cwir-wollen-jetzt\">&bdquo;in einem zweiten Schritt&ldquo;<\/a> noch innerhalb der laufenden Legislaturperiode anpacken, hatte Stark-Watzinger im Fr&uuml;hjahr verk&uuml;ndet. Dazu geh&ouml;re auch, das BAf&ouml;G elternunabh&auml;ngiger zu machen, indem die von der Ampelkoalition in Aussicht gestellte &bdquo;Kindergrundsicherung direkt an die Studierenden&ldquo; ausbezahlt werde. <\/p><p>Und dann sprach die Ministerin noch von einem &bdquo;regelm&auml;&szlig;igen Prozess&ldquo;, einem &bdquo;sinnvollen Rhythmus&ldquo; und davon, dass k&uuml;nftig nicht mehr &bdquo;nach Kassenlage&ldquo; entschieden werde. Was das bedeutet, muss die Zukunft zeigen angesichts ihrer taufrischen Reform, die wie &uuml;blich &bdquo;nach Kassenlage&ldquo; gestrickt und schon am Tag ihres Beschlusses hoffnungslos &uuml;berholt ist. Treffend hat das Werk die GEW betitelt: Ref&ouml;rmchen. <\/p><p>Titelbild: ESB Professional\/shutterstock.com<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/663acdb30f7d405090e60baef528ff12\" alt=\"\" title=\"\" height=\"1\" width=\"1\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach einer aktuellen Studie gilt jeder dritte Studierende in Deutschland als arm, unter den Empf&auml;ngern von Bundesausbildungsf&ouml;rderung sind es fast 45 Prozent. Gemessen daran ist die am Donnerstag vom Bundestag beschlossene 27. BAf&ouml;G-Reform wieder nur ein Tropfen auf den hei&szlig;en Stein. 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