{"id":85279,"date":"2022-06-29T08:38:51","date_gmt":"2022-06-29T06:38:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=85279"},"modified":"2022-06-29T10:03:58","modified_gmt":"2022-06-29T08:03:58","slug":"erfahrungsbericht-eines-delegierten-parteitag-der-linken-in-erfurt-leider-nicht-auf-der-hoehe-der-zeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=85279","title":{"rendered":"Linker Aufbruch? Erfahrungsbericht eines Parteitagsdelegierten"},"content":{"rendered":"<p>Wir haben einen Parteitag erlebt, der nicht so ganz von dieser Welt war. Personalentscheidungen und politische Debatten, die unter dem Regenbogenbanner des B&uuml;hnenbildes stattfanden, waren sehr weit weg von dem, was au&szlig;erhalb der Erfurter Messehalle in unserer Gesellschaft stattfindet. Von <strong>Alexander King<\/strong>.<br>\n<!--more--><\/p><ol>\n<li>Die Menschen au&szlig;erhalb des Erfurter Messezentrums kamen in den Debatten auf dem Parteitag kaum vor. Die zentralen gesellschaftlichen Themen (Lohn, Arbeit, Lebenshaltungskosten, Mieten) spielten eine untergeordnete Rolle. Analytische Betr&auml;ge zu den &ouml;konomischen Entwicklungen unserer Zeit oder konkrete Vorschl&auml;ge zum Schutz der Menschen vor weiter steigenden Energiepreisen und Lebenshaltungskosten und zur Sicherung von Arbeitspl&auml;tzen fehlten in den Debatten weitgehend. Insofern ging der Parteitag an der sozialen Realit&auml;t au&szlig;erhalb der Messe vorbei. Schade, denn wer in diesen Tagen in Erfurt ins Gespr&auml;ch mit B&uuml;rgern kam, hatte eigentlich ausreichend Gelegenheit, sich ein Bild davon zu machen, was die Leute umtreibt. Der Druck ist so hoch, dass es einfach war, auch mit wildfremden Leuten in die politische Debatte zu kommen. Die Wut &uuml;ber steigende Spritpreise und Inflation w&auml;chst genauso wie die Angst vor einer Ausweitung des Ukraine-Kriegs. Hier h&auml;tte DIE LINKE st&auml;rkere Akzente setzen m&uuml;ssen. <\/li>\n<li>Anstelle des Ringens um Antworten auf die dr&auml;ngenden aktuellen Fragen, die unmittelbar bevorstehende soziale und wirtschaftliche Krise, lag der Schwerpunkt des Parteitags zum einen auf einer eher emotional als analytisch gef&uuml;hrten Ukraine-\/Nato-Debatte, in der darum gerungen wurde, wie weit man den Gr&uuml;nen bei der Antwort auf den russischen Angriffskrieg entgegenkommt (etwa im Hinblick auf Waffenlieferungen, Einordnung des Konflikts und Wirtschaftssanktionen) oder an den bisherigen friedenspolitischen Pr&auml;missen festh&auml;lt. In den Beschl&uuml;ssen, die dazu gefasst wurden, traf man sich irgendwo in der Mitte. In den Botschaften, die z.B. durch die Reden russischer und ukrainischer G&auml;ste nach au&szlig;en getragen wurden, war die Verschiebung weg von der bisherigen Programmatik aber deutlicher. Dazu kam eine Sexismus-Debatte, die auf Au&szlig;enstehende eher irritierend als aufkl&auml;rerisch gewirkt haben d&uuml;rfte. <\/li>\n<li>Teilweise besorgniserregend ist die Debattenkultur, die in DIE LINKE unter dem Einfluss des identit&auml;tspolitischen Diskurses Einzug gehalten hat. Phasenweise glaubte man, einer szenischen Umsetzung von Sahra Wagenknechts Buch &bdquo;Die Selbstgerechten&ldquo; beizuwohnen: Ein Awareness-Team gei&szlig;elte von der B&uuml;hne herab Verfehlungen von Delegierten, es gab ein FLINTA*-Plenum und einen Workshop zu &bdquo;Kritischer M&auml;nnlichkeit&ldquo;. Mit der gr&ouml;&szlig;ten Selbstverst&auml;ndlichkeit beklagten junge Leute die Anwesenheit anderer Meinungen als Zumutung. Der Parteigrande Gregor Gysi musste sich f&uuml;r die schlichte Anmerkung, mit ver&auml;nderter Sprache ver&auml;ndere man noch nicht die Gesellschaft, ausbuhen lassen. Die Identit&auml;tspolitik hat ein derartiges Spaltpotenzial, dass man sich sicher sein kann, dass sich die unterschiedlichen Gruppen sehr schnell untereinander in die Wolle bekommen werden. Was bereits in Erfurt zu erkennen war, wird auf weiteren Parteitagen seine Fortsetzung finden. <\/li>\n<li>Von den identit&auml;tspolitischen &bdquo;Innovationen&ldquo; abgesehen, ist das Signal des Parteitags: Weiter so! Der bisherige Kurs soll fortgesetzt werden, aber k&uuml;nftig unbeschwert durch kritische Impulse und gelegentlichen Widerspruch. Kaum ein Beitrag kam ohne Abgrenzung von Sahra Wagenknecht oder ihr Nahestehenden aus. Die potenziellen W&auml;hler in Erfurt sehen es anders: &bdquo;Wir in Erfurt finden Sahra Wagenknecht gut. Das will ich Ihnen f&uuml;r Ihren Parteitag mitgeben&ldquo;, teilte eine &auml;ltere Dame in der Stra&szlig;enbahn einer Gruppe von Delegierten mit. &bdquo;Ich bin Fan von Sahra Wagenknecht&ldquo;, bekannte ungefragt auch eine Taxifahrerin auf dem Weg vom Bahnhof zur Messe. Ein anderer Taxifahrer las einem LINKE-Politiker wegen des Umgangs mit Wagenknecht kr&auml;ftig die Leviten. Auf dem Parteitag angekommen, fand man sich in einer anderen Welt wieder. Hier ging es vor allem darum, nicht nur Sahra Wagenknecht, sondern insgesamt die Unterzeichner des Aufrufs &bdquo;Popul&auml;re Linke&ldquo; auszugrenzen. Dass str&ouml;mungs&uuml;bergreifende Zusammenarbeit, trotz aller Bekundungen auf dem Parteitag, nicht gew&uuml;nscht ist, hatten &bdquo;Bewegungslinke&ldquo; vorab &uuml;ber die sozialen Medien klar zum Ausdruck gebracht. Der Verlauf des Parteitags darf also nicht &uuml;berraschen.<\/li>\n<li>Insofern gab es auch bei den Personalentscheidungen kein Aufbruchssignal: Zwei Vorsitzende wurden (wieder-)gew&auml;hlt, die f&uuml;r die schwersten Wahlniederlagen der LINKEN in ihrer Geschichte stehen: Das Ergebnis bei der EU-Wahl 2019, zu der Martin Schirdewan als Spitzenkandidat antrat, beschleunigte mit 5,5% den langsamen Abw&auml;rtstrend, den die LINKE bis dahin schon zu verzeichnen hatte. Janine Wissler fuhr als Spitzenkandidatin und Vorsitzende bei der letzten Bundestagswahl 2021 nur 4,9% ein, was die Partei fast ins Aus bef&ouml;rdert h&auml;tte. Weder Janine Wissler noch Martin Schirdewan haben auf dem Parteitag erkl&auml;rt, was sie aus diesen Niederlagen gelernt haben und k&uuml;nftig anders machen wollen. Trotzdem wurden sie gew&auml;hlt. S&ouml;ren Pellmann hingegen, der mit seinem gegen den Bundestrend errungenen Direktmandat in Leipzig gezeigt hat, wie man Menschen erfolgreich ansprechen und Wahlen gewinnen kann, hatte auf diesem Parteitag keine Chance. <\/li>\n<li>Folgerichtig blieb auch jede Aufarbeitung der Wahlniederlagen der letzten Jahre aus. Warum w&auml;hlen uns gerade diejenigen nicht mehr, f&uuml;r deren Interessensvertretung sich DIE LINKE einst gegr&uuml;ndet hat? Weder die Vorsitzende ging darauf ein, was aus den Wahlniederlagen im Hinblick auf die strategische Ausrichtung zu lernen w&auml;re, noch spielte das eine gr&ouml;&szlig;ere Rolle in der Generaldebatte, die ohnehin reichlich kurz ausfiel. Der Bericht der Fraktionsvorsitzenden Amira Mohamed Ali und der Gastbeitrag von Gregor Gysi bildeten eine positive Ausnahme.  <\/li>\n<\/ol><p>So wie sich DIE LINKE am vergangenen Wochenende in Erfurt pr&auml;sentiert hat, wird sie den gesellschaftlichen Herausforderungen, die sich stellen, nicht gerecht. Dabei w&auml;ren die Aufgaben gewaltig &ndash; und f&uuml;r DIE LINKE l&auml;ge darin eine echte Chance. Die Unzufriedenheit in der Bev&ouml;lkerung ist bereits mit den H&auml;nden zu greifen. Es ist durchaus m&ouml;glich und auf jeden Fall w&uuml;nschenswert, dass die Leute im Herbst auf die Stra&szlig;e gehen werden, gegen Preissteigerungen und Kaufkraftverlust, gegen eine schleichende Kriegsbeteiligung Deutschlands. Wird DIE LINKE dann vorne mit dabei sein und Protest erfolgreich nach links kanalisieren? Der Parteitag von Erfurt hat diese Frage nicht beantwortet. <\/p><p>Alexander King, Delegierter aus Tempelhof-Sch&ouml;neberg, Berlin<\/p><p>Titelbild: <a href=\"https:\/\/www.flickr.com\/photos\/die_linke\/52172781137\/in\/album-72177720300053179\/\">Flickr\/Die Linke\/Martin Heinlein<\/a><\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg06.met.vgwort.de\/na\/ce5b515511274577b1ff507976ba9e95\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir haben einen Parteitag erlebt, der nicht so ganz von dieser Welt war. Personalentscheidungen und politische Debatten, die unter dem Regenbogenbanner des B&uuml;hnenbildes stattfanden, waren sehr weit weg von dem, was au&szlig;erhalb der Erfurter Messehalle in unserer Gesellschaft stattfindet. 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