{"id":85304,"date":"2022-06-29T12:00:31","date_gmt":"2022-06-29T10:00:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=85304"},"modified":"2022-07-15T10:10:38","modified_gmt":"2022-07-15T08:10:38","slug":"preisobergrenzen-zoelle-goldembargo-ein-haufen-schnapsideen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=85304","title":{"rendered":"Preisobergrenzen, Z\u00f6lle, Goldembargo &#8211; ein Haufen Schnapsideen"},"content":{"rendered":"<p>Die G7-Staaten wollen die Sanktionen gegen Russland versch&auml;rfen und gleichzeitig die Inflation in den eigenen L&auml;ndern dr&uuml;cken. Daf&uuml;r <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/wirtschaft\/weltwirtschaft\/g7-sanktionen-goldembargo-preisobergrenzen-oel-gas-101.html\">pr&uuml;ft man<\/a> nun die Umsetzbarkeit von Preisobergrenzen f&uuml;r russische &Ouml;limporte. Doch das ist &ndash; genauso wie die in Deutschland <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/service\/institut-fuer-weltwirtschaft-kiel-zoll-auf-russisches-gas-und-oel-ist-besser-als-preisobergrenze-a-2594f0bc-e8a7-4932-887c-559716ec8920\">diskutierten<\/a> Z&ouml;lle auf russische &Ouml;l- und Gasimporte &ndash; eine &ouml;konomisch unsinnige Idee, die am Ende die Inflation nur weiter ankurbeln w&uuml;rde. Reine Symbolpolitik ist das verabschiedete Importverbot f&uuml;r russisches Gold. Im M&auml;rz wurden gerade einmal 26 Kilogramm russischen Goldes auf dem gr&ouml;&szlig;ten G7-Markt <a href=\"https:\/\/www.reuters.com\/markets\/commodities\/western-ban-russian-gold-imports-is-largely-symbolic-2022-06-27\/\">importiert<\/a>. Der Wegfall dieser zwei Barren wird Russland nicht schmerzen. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_5252\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-85304-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220629_Preisobergrenzen_Zoelle_Goldembargo_ein_Haufen_Schnapsideen_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220629_Preisobergrenzen_Zoelle_Goldembargo_ein_Haufen_Schnapsideen_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220629_Preisobergrenzen_Zoelle_Goldembargo_ein_Haufen_Schnapsideen_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220629_Preisobergrenzen_Zoelle_Goldembargo_ein_Haufen_Schnapsideen_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=85304-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220629_Preisobergrenzen_Zoelle_Goldembargo_ein_Haufen_Schnapsideen_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"220629_Preisobergrenzen_Zoelle_Goldembargo_ein_Haufen_Schnapsideen_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Sind es Allmachtsphantasien, Planlosigkeit oder der unbedingte Wille, irgendetwas zu beschlie&szlig;en, das nach noch h&auml;rteren Sanktionen klingt? Rational erkl&auml;rbar sind die j&uuml;ngsten Vorst&ouml;&szlig;e zur &bdquo;Versch&auml;rfung&ldquo; der Energiesanktionen gegen Russland jedenfalls nicht. Der Westen steht vor folgendem Problem: Seit der russischen Invasion in der Ukraine hat man zahlreiche Sanktionen gegen Russland verh&auml;ngt, die den Import russischen &Ouml;ls und Gases teilweise erschweren und teilweise ganz unterbinden. Damit hoffte man &ndash; so wird es zumindest kommuniziert &ndash; der russischen Regierung den Geldhahn abzudrehen. <\/p><p>Das Ergebnis ist jedoch das genaue Gegenteil. Die Handelsstr&ouml;me haben sich zum Teil ganz einfach auf den asiatischen Markt verlagert. In Summe exportiert Russland seit Beginn der Sanktionen lediglich <a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2022\/06\/27\/business\/g7-russia-oil-prices.html\">acht Prozent<\/a> weniger &Ouml;l, nimmt jedoch wegen des gestiegenen &Ouml;lpreises daf&uuml;r mehr Geld ein als vor den Sanktionen. Nicht Russland, sondern vor allem der Westen selbst ist Opfer der eigenen Sanktionen, da die steigenden Energiepreise direkt und indirekt die Verbraucherpreise in die H&ouml;he getrieben und zu den gr&ouml;&szlig;ten Preissteigerungen in den letzten f&uuml;nfzig Jahren gef&uuml;hrt haben. Haushalte und Industrie &auml;chzen und der Kaufkraftverlust wird die Konjunktur nachhaltig schw&auml;chen und den Westen in eine Wirtschaftskrise treiben.<\/p><p>Um dies abzuwenden und gleichzeitig Russland zu schw&auml;chen, pl&auml;dieren die USA und Kanada, also die zwei Staaten, die ohnehin kein &Ouml;l aus Russland mehr importieren, f&uuml;r eine Preisobergrenze f&uuml;r russisches &Ouml;l. Die Idee ist so einfach wie weltfremd &ndash; gesetzliche Mechanismen erlauben den Import von russischem &Ouml;l nur dann, wenn der abgerechnete &Ouml;lpreis unter einer festgelegten Grenze und somit deutlich unter dem Weltmarktpreis liegt. Die offene Frage: Warum sollte Russland sein &Ouml;l an den Westen mit einem Abschlag verkaufen? <\/p><p>L&auml;sst man einmal die physischen Grenzen von Verlade- und Tankerkapazit&auml;ten au&szlig;er Acht, ist &Ouml;l global handelbar und da die Nachfrage nach russischem &Ouml;l ja vorhanden ist, w&uuml;rde Russland sein &Ouml;l ganz einfach an die Abnehmer verkaufen, die die besten Preise bezahlen. Allein China und Indien k&ouml;nnten als Kunden die EU vollst&auml;ndig ersetzen. Europa m&uuml;sste sich dann neue Lieferanten suchen. In Frage k&auml;men unter anderem die USA und Kanada, also genau die beiden L&auml;nder, aus denen diese Schnapsidee kommt. Ein Schelm, wer B&ouml;ses dabei denkt.<\/p><p>Die Preisobergrenze w&uuml;rde nur dann &bdquo;funktionieren&ldquo;, wenn alle vorhandenen und potenziellen russischen &Ouml;lkunden sie anwenden w&uuml;rden. Das ist aber nicht der Fall. Wenn nur der Westen dieses Instrument anwendet, f&uuml;hrt dies lediglich zu einer weiteren Verschiebung der Handelsstr&ouml;me und zu einer weiteren Verteuerung des &Ouml;ls &ndash; Russland nimmt also noch mehr Geld ein, der Westen leidet noch st&auml;rker unter den Preissteigerungen.<\/p><p>Zumindest in der Theorie sieht die Situation beim Gas anders aus. Zwar ist auch Gas in verfl&uuml;ssigter Form weltweit handelbar, aber hier sind die physischen Grenzen durch Terminals und Tankerkapazit&auml;ten viel enger gesetzt. Europas Gas kommt vor allem aus Pipelines und die lassen sich nicht so schnell in andere L&auml;nder verlegen. Aus Italien kommt daher der Vorschlag, man solle eine Obergrenze f&uuml;r russische Gaslieferungen umsetzen. Anders als beim &Ouml;l sind die Gaspreise jedoch langfristig durch Preisanpassungsklauseln geregelt. Eine Preisobergrenze w&auml;re ein klarer Vertragsbruch, auf den Russland ohne jeden Zweifel mit einem Lieferstopp reagieren w&uuml;rde. Das ist genau das Szenario, das vor allem Deutschland verhindern will. Darum wurde die Schnapsidee aus Italien in Elmau auch nicht ernsthaft weiterdiskutiert.<\/p><p>Doch auch in Deutschland haben Schnapsideen Hochkonjunktur. So macht zurzeit die Idee von Strafz&ouml;llen f&uuml;r russisches &Ouml;l und Gas in den Medien von sich Reden. Ausgedacht haben sich das <a href=\"https:\/\/www.ifw-kiel.de\/de\/publikationen\/kiel-focus\/2022\/ein-zoll-auf-russisches-oel-ist-besser-als-eine-preisobergrenze-0\/\">Forscher vom IfW Kiel<\/a>. Demnach sollte der Staat russische Energieimporte durch eine Sondersteuer verteuern. Die marktwirtschaftliche Logik dahinter &ndash; am Ende werden &Ouml;l und Gas zum Marktpreis gehandelt, so dass die russischen Anbieter ihren Preis um die Summe der Z&ouml;lle senken m&uuml;ssen, um am Ende den gleichen Endpreis anbieten zu k&ouml;nnen wie andere Anbieter, deren G&uuml;ter nicht verzollt werden m&uuml;ssen. <\/p><p>Auf freien M&auml;rkten mit einem Angebots&uuml;berschuss mag so etwas ja funktionieren. Aber so funktioniert weder der &Ouml;l- noch der Gasmarkt. Diese sind durch ein Angebotsoligopol und Kartelle gekennzeichnet. Verk&uuml;rzt: Nicht der Abnehmer, sondern der Anbieter bestimmt den Preis. Wenn man also den Endpreis des gr&ouml;&szlig;ten Anbieters mit Z&ouml;llen k&uuml;nstlich verteuert, w&uuml;rde sich der Marktpreis mittelfristig nicht auf den Preis ohne, sondern auf den Preis mit Z&ouml;llen einpendeln. F&uuml;r Russland w&auml;re dies ein Nullsummenspiel, andere Anbieter w&uuml;rden von h&ouml;heren Preisen profitieren und die Abnehmer w&auml;ren die eigentlichen Verlierer, weil sie noch mehr Geld f&uuml;r ihre &Ouml;limporte bezahlen m&uuml;ssten. <\/p><p>Noch deutlicher w&auml;re diese Entwicklung beim Gas. Da hat Russland streng genommen fast ein Monopol. Es gibt gar keine freien Mengen auf dem Markt, die den Preis f&uuml;r russisches Gas nach unten bewegen k&ouml;nnten. So gesehen w&auml;ren Z&ouml;lle auf russisches Gas allen voran ein Konjunkturpaket f&uuml;r amerikanisches und kanadisches Fracking-Gas. In jedem Fall w&auml;ren die Zusatzbelastungen f&uuml;r Haushalte und Industrie ein nicht wegzudiskutierender Kollateralschaden von Z&ouml;llen. Das wissen nat&uuml;rlich auch die IfW-Forscher. <\/p><p>Sie schlagen daher vor, der Staat solle die zus&auml;tzlichen Zolleinnahmen an die B&uuml;rger weiterleiten. Dass dies ohnehin nicht funktioniert, wissen wir ja schon seit <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=84416\">Tankrabatt<\/a> und Energiepauschale. Hinzu kommt, dass man nur umverteilen kann, was man auch einnimmt. Da die Preise f&uuml;r &Ouml;l und Gas aus anderen L&auml;ndern sich an dem k&uuml;nstlich verteuerten Preis f&uuml;r russische Importe orientieren w&uuml;rden und der Staat diese Preissteigerung nicht &uuml;ber Z&ouml;lle absch&ouml;pfen und umverteilen kann, bleibt f&uuml;r die Haushalte und die Industrie so oder so eine zus&auml;tzliche Belastung. Einmal mehr w&uuml;rden die Sch&auml;den der Sanktionen vor allem auf die B&uuml;rger und die Unternehmen im eigenen Lande abgew&auml;lzt werden, w&auml;hrend der &bdquo;Nutzen&ldquo; &ndash; wenn &uuml;berhaupt &ndash; marginal ist. <\/p><p>Kommen aus dem Westen nur noch Schnapsideen? Nein! Das in Elmau verk&uuml;ndete Importembargo f&uuml;r russisches Gold ist keine Schnapsidee, sondern eine reine Nullnummer f&uuml;r PR-Zwecke. Russland ist in der Tat hinter China und Australien der gr&ouml;&szlig;te Goldproduzent und hat zumindest auf dem Papier vor den Sanktionen <a href=\"https:\/\/www.statista.com\/statistics\/1316948\/russia-gold-export-destinations\/\">gewaltige Mengen<\/a> Gold in die Schweiz (Uhrenproduktion) und nach Gro&szlig;britannien exportiert. Warum Gro&szlig;britannien? Dort befindet sich mit dem <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/London_Bullion_Market\">LBMA<\/a> der mit Abstand gr&ouml;&szlig;te Handelsplatz f&uuml;r Goldbarren. Diese werden zwar &uuml;ber den LBMA gehandelt, das hei&szlig;t aber nicht, dass das Gold physisch in London &uuml;ber die Theke geht. Somit ist Gro&szlig;britannien nur auf dem Papier der gr&ouml;&szlig;te Importeur russischen Goldes. <\/p><p>Die LBMA hat Russland jedoch bereits im M&auml;rz die Akkreditierung entzogen. Wurden im Februar noch 29 Tonnen Gold f&uuml;r 1,7 Mrd. USD auf dem Papier von Russland nach Gro&szlig;britannien &bdquo;exportiert&ldquo;, waren es im M&auml;rz nur noch 26 Kilogramm. Der Wegfall dieser zwei Barren Gold d&uuml;rfte Russland nicht sonderlich wehtun. Im Endeffekt hebelten die M&auml;rz-Sanktionen Gro&szlig;britanniens lediglich den Londoner LBMA aus. Nun verkauft Russland sein Gold halt direkt und nicht &uuml;ber den Umweg London an die Endkunden, die heute vor allem <a href=\"https:\/\/www.weltexporte.de\/schmuck-exporte\/\">in China und Indien sitzen<\/a>. Und der Westen? Der wird es schwer haben, die Herkunft des Goldes &uuml;berhaupt zu kontrollieren. Wenn das Gold erst einmal in Schweizer Luxusuhren oder Schmuck aus China, Indien oder den Emiraten verarbeitet wurde, ist ein Einfuhrverbot nicht mehr umsetzbar. Der Rubel rollt weiterhin und das Goldimportembargo hat keine praktische Bedeutung. <\/p><p>Der Plan des Westens, Russland durch Importbeschr&auml;nkungen und Embargos finanziell auszutrocknen, ist schlichtweg nicht durchf&uuml;hrbar. Vor allem der gigantische und stets nach Rohstoffen lechzende asiatische Markt verhindert hier jeden wirksamen Hebel. Das hindert den Westen aber nicht, jede noch so gro&szlig;e Schnapsidee zu promoten und vielleicht am Ende sogar durchzuf&uuml;hren. Doch nicht Russland, sondern der Westen selbst leidet unter diesen Sanktionen. Rational w&auml;re ein radikales Umdenken n&ouml;tig. Doch rational ist die Politik des Westens nun einmal nicht.<\/p><p>Titelbild: ramcreations\/shutterstock.com<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>Leserbriefe zu diesen Beitrag <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=85508\">finden Sie hier<\/a>.<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg09.met.vgwort.de\/na\/c408ed3271c340d49ebe1d582d5a7e34\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die G7-Staaten wollen die Sanktionen gegen Russland versch&auml;rfen und gleichzeitig die Inflation in den eigenen L&auml;ndern dr&uuml;cken. Daf&uuml;r <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/wirtschaft\/weltwirtschaft\/g7-sanktionen-goldembargo-preisobergrenzen-oel-gas-101.html\">pr&uuml;ft man<\/a> nun die Umsetzbarkeit von Preisobergrenzen f&uuml;r russische &Ouml;limporte. 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