{"id":85340,"date":"2022-06-30T09:42:18","date_gmt":"2022-06-30T07:42:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=85340"},"modified":"2022-06-30T17:20:37","modified_gmt":"2022-06-30T15:20:37","slug":"schief-gewickelt-zur-weiterentwicklung-von-unterricht-leistet-pisa-nichts","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=85340","title":{"rendered":"Schief gewickelt: \u201eZur Weiterentwicklung von Unterricht leistet PISA nichts.\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Vor 20 Jahren erschien die erste nationale Schulleistungsstudie in OECD-Regie. Ein halbes Jahr nach dem gro&szlig;en &bdquo;Schock&ldquo; verschaffte auch das Bundesl&auml;ndermessen keine Linderung &ndash; au&szlig;er Bayern nur Sitzenbleiber. Dabei sollte man auf die ganze Testerei nichts geben, meinen Bildungsforscher. Zielrichtung w&auml;ren nicht bessere Schulen, sondern Standardisierung, &Ouml;konomisierung und Privatisierung. Daf&uuml;r werden auch schon mal Fake News produziert, Sieger gek&uuml;rt, die keine sind, und ostasiatische Drillstaaten zu Mustersch&uuml;lern verkl&auml;rt. Selbst Deutschland hat seine Lektion gelernt: Pauken f&uuml;r die Pr&uuml;fung und den Bildungsnotstand ignorieren. So klappt&rsquo;s auch mit der Volksverdummung. Von <strong>Ralf Wurzacher<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_2233\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-85340-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220630_Schief_gewickelt_Zur_Weiterentwicklung_von_Unterricht_leistet_PISA_nichts_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220630_Schief_gewickelt_Zur_Weiterentwicklung_von_Unterricht_leistet_PISA_nichts_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220630_Schief_gewickelt_Zur_Weiterentwicklung_von_Unterricht_leistet_PISA_nichts_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220630_Schief_gewickelt_Zur_Weiterentwicklung_von_Unterricht_leistet_PISA_nichts_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=85340-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220630_Schief_gewickelt_Zur_Weiterentwicklung_von_Unterricht_leistet_PISA_nichts_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"220630_Schief_gewickelt_Zur_Weiterentwicklung_von_Unterricht_leistet_PISA_nichts_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Schreiben will gelernt sein. In Deutschlands Schulen gelingt das immer seltener. Ende Mai schlug der <a href=\"https:\/\/www.vbe.de\/presse\/pressedienste\/pressedienste-2022\/massive-probleme-beim-handschreiben-nach-corona\">Verband Bildung und Erziehung<\/a> (VBE) Alarm. Nach Ergebnissen der sogenannten <a href=\"https:\/\/www.schreibmotorik-institut.com\/images\/PK\/Ergebnisse_STEP_Studie_2022.pdf\">STEP-Studie<\/a> ist fast ein Drittel der Lehrkr&auml;fte im Primarbereich und gut die H&auml;lfte derer im Sekundarbereich mit den Leistungen ihrer Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;ler beim Handschreiben unzufrieden. Die vom Schreibmotorik-Institut in Heroldsberg bei N&uuml;rnberg nach 2015 und 2019 zum dritten Mal durchgef&uuml;hrte Umfrage unter rund 850 P&auml;dagogen deckt eine ganze Latte an Defiziten auf: Zunehmend mehr Kinder krakeln unleserlich, wechseln zwischen Druck- und Schreibschrift hin und her, werfen Klein- und Gro&szlig;buchstaben durcheinander, halten Zeilenlinien und Seitenbegrenzungen nicht ein und machen nach einer halben Stunde schlapp.  <\/p><p>Hartmut St&auml;ker, Pr&auml;sident des Brandenburgischen P&auml;dagogen-Verbandes (BPV), selbst Lehrer in L&uuml;bben, schilderte gegen&uuml;ber der &bdquo;Berliner Zeitung&ldquo; seine Erlebnisse: Ein Drittel k&auml;me bei Diktaten nicht mehr hinterher und viele k&ouml;nnten &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/news\/eklatante-probleme-brandenburger-schueler-koennen-nicht-richtig-schreiben-li.240192\">nicht &uuml;ber die Mitte<\/a> (des Heftblatts) denken&ldquo;. Gefragt nach den Ursachen, verwies er auf die Nutzung von Smartphones und den Verlust motorischer F&auml;higkeiten. &bdquo;Kinder m&uuml;ssen ja lernen, einen Stift zu halten und die richtigen Bewegungen zu machen.&ldquo; G&uuml;nther Fuchs, Vorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Brandenburg, beklagte fehlende individuelle F&ouml;rderung, unterschiedliche und unausgereifte p&auml;dagogische Ans&auml;tze und eine Nachrangigkeit in der Vermittlung basaler, also grundlegender F&auml;higkeiten und Fertigkeiten. Tats&auml;chlich wurde das Erlernen der Schreibschrift vielerorts aus dem Lehrplan getilgt und fragt man nach den Gr&uuml;nden, bekommt man zu h&ouml;ren: &bdquo;Die kriegen das einfach nicht mehr hin.&ldquo;<\/p><p><strong>Allgemeiner Niveauverfall<\/strong><\/p><p>In Sachen Bildung l&auml;uft einiges m&auml;chtig schief im sogenannten Land der Dichter und Denker. Und das gilt nicht erst seit Corona, wenngleich zwei Lockdowns mit monatelangem Distanzunterricht die Lage weiter versch&auml;rft haben. Im Rahmen von STEP befanden 70 Prozent der Befragten, die Probleme w&auml;ren nach &uuml;ber zwei Jahren Pandemie noch einmal gr&ouml;&szlig;er geworden. Andererseits hat sich dadurch ein stabiler Abw&auml;rtstrend blo&szlig; verfestigt, den bereits die Vorg&auml;ngeruntersuchungen offenbarten. Schon bei der 2015-Auflage gaben vier von f&uuml;nf Teilnehmern an, die Schreibf&auml;higkeit habe im Zeitverlauf nachgelassen. <a href=\"https:\/\/www.aerztezeitung.de\/Panorama\/Handschrift-Setzen-sechs-247805.html\">&bdquo;Handschrift. Setzen, sechs!&ldquo;<\/a>, titelte seinerzeit die &bdquo;&Auml;rztezeitung&ldquo;. Was g&auml;be es heute daf&uuml;r? Eine Sieben?<\/p><p>Eben nicht. Denn mit dem allgemeinen Niveauverfall einher gehen heftige und hektische Verrenkungen, denselben irgendwie zu kaschieren &ndash; sei es durch kreative Notenvergabe (das Einser-Abitur boomt wie nie), immer neue sogenannte Schulreformen oder Schulleistungstests (auch sogenannte), mit denen die Politik das System vermeintlich zukunftsf&auml;hig machen will. Allen voran die Mutter aller Schulleistungsstudien, der PISA-Test unter Federf&uuml;hrung der Organisation f&uuml;r wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), hat mehr Wandel und Ver&auml;nderung in hiesige Klassenzimmer gebracht als davor f&uuml;nf Jahrzehnte BRD-Schulpolitik. &bdquo;Aus PISA begr&uuml;ndete man die Einschulung von F&uuml;nfj&auml;hrigen, die Verk&uuml;rzung des Abiturs, die Intensivierung der Kindergartenbildung, die Einf&uuml;hrung von Zentralabituren und vieles mehr&ldquo;, &auml;u&szlig;erte der Mathematikdidaktiker Wolfram Meyerh&ouml;fer gegen&uuml;ber den NachDenkSeiten. &bdquo;Egal wie man diese Dinge findet, nichts davon lie&szlig; sich aus PISA herleiten &ndash; behauptet wurde das aber immerfort.&ldquo;<\/p><p><strong>Testeritis schadet Kindern<\/strong><\/p><p>Meyerh&ouml;fer ist einer der hierzulande profiliertesten PISA-Kritiker und sein Urteil ist vernichtend: Mit der Testeritis habe sich eine &bdquo;Kultur der Scheinlegitimierung von Beliebigem durch Wissenschaft etabliert&ldquo;. Forschungsressourcen w&uuml;rden aus Fragen von Bildungszielen und von Wegen des Lehrens und Lernens abgezogen und &bdquo;in das Vermessen von Menschen umgelenkt&ldquo;. Das passe zu den Bed&uuml;rfnissen von Administrationen, aber nicht zu denen von Lernenden und Lehrenden. &bdquo;Eine immer tiefere Kluft von Wissenschaft und p&auml;dagogischer Praxis ist die Folge.&ldquo; Damit vertritt er keine exklusive Meinung und auch keine, die neu w&auml;re. Schon 2013 hatte der Erziehungswissenschaftler Volker Ladenthin von einer <a href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/artikel\/211846.epochale-verdummung.html?sstr=ladenthin\">&bdquo;epochalen Verdummung&ldquo;<\/a> gesprochen, bevor dann 2014, vierzehn Jahre nach der PISA-Premiere, weit &uuml;ber Hundert Wissenschaftler und P&auml;dagogen aus Deutschland und aller Welt in einem <a href=\"http:\/\/bildung-wissen.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/offener-brief-schleicher-autoriserte-fassung.pdf\">Offenen Brief<\/a> an PISA-Direktor Andreas Schleicher ihrem &Auml;rger freien Lauf lie&szlig;en. <\/p><p>Demnach schade &bdquo;das neue PISA-Regime&ldquo; mit seinen kontinuierlichen globalen Testzyklen &bdquo;unseren Kindern und macht unsere Klassenzimmer bildungs&auml;rmer durch geh&auml;ufte Anwendung von Multiple-Choice-Testbatterien, vorgefertigen (und von Privatfirmen konzipierten) Unterrichtsmodulen, w&auml;hrend sich die Autonomie unserer Lehrer weiter verringert&ldquo;, hie&szlig; es in dem Schreiben. Die Aufmerksamkeit der Politik werde verlagert &bdquo;auf kurzfristige Ma&szlig;nahmen, in der Absicht, schnell im Ranking aufzuholen, obwohl die Forschung zeigt, dass nachhaltige Ver&auml;nderungen in der Bildungspraxis nicht Jahre, sondern Jahrzehnte ben&ouml;tigen, um fruchtbar zu werden&ldquo;. Fazit: &bdquo;Durch das Messen einer gro&szlig;en Vielfalt von Bildungstraditionen und -kulturen mit einem engen und einseitigen Ma&szlig;stab kann am Ende unseren Schulen und unseren Sch&uuml;lern irreparabler Schaden zugef&uuml;gt werden.&ldquo;<\/p><p><strong>Deutsches Sorgenkind berappelt sich &ndash; scheinbar<\/strong><\/p><p>Der Appell fand damals durchaus &ouml;ffentliche Beachtung, f&uuml;hrte aber zu nichts. Die OECD zog ihr Ding stur durch und legte im Dreijahrestakt eine Neuauflage nach. Einzig Corona brachte die Maschinerie zum Stocken. Eigentlich sollte PISA 2021 l&auml;ngst &uuml;ber die B&uuml;hne gegangen sein und man wollte die Ergebnisse im kommenden Dezember pr&auml;sentieren. Das ganze Prozedere verschiebt sich nun um ein Jahr und mit ihm das mediale Get&ouml;se. Dabei gab es dieser Tage ein kleines Jubil&auml;um zu &bdquo;feiern&ldquo;, das in der Berichterstattung praktisch unterging. Vor fast genau 20 Jahren, am 25. Juni 2002, wurde PISA-E ver&ouml;ffentlicht, eine nationale Erhebung zur Performance der 16 Bundesl&auml;nder. Das Resultat war so ern&uuml;chternd wie der legend&auml;re PISA-Schock, den das Land ein halbes Jahr davor, bei Bekanntgabe des internationalen Rankings, ersch&uuml;ttert hatte. Nicht einmal das siegreiche Bayern reichte ann&auml;hernd an den damaligen PISA-Musterknaben Finnland heran. Die anderen 15 Fl&auml;chen- und Stadtstaaten waren schlechter als Mittelma&szlig;. Das deckte sich mit dem globalen Schaulaufen im Dezember 2001. Da landete die BRD unter 32 Nationen auf Rang 21. In allen drei Pr&uuml;fungsbereichen &ndash; Schreib- und Lesekompetenz, Naturwissenschaften, Mathematik &ndash; schnitten die einheimischen Sch&uuml;ler unterdurchschnittlich ab. <\/p><p>So konnte es nicht weitergehen und tats&auml;chlich berappelte sich das deutsche Sorgenkind. Ausgehend von PISA 2012 setzte ein stabiler Aufw&auml;rtstrend in die obere H&auml;lfte des Tableaus ein. Aber wie passt das zusammen mit dem Bild von Heranwachsenden, die massenhaft keinen geraden Buchstaben zu Papier bringen? Wo also ist der Ertrag aus etlichen Schulreformen, die das &bdquo;Programme for International Student Assessment&ldquo; angesto&szlig;en hat? Es ist anzunehmen, dass es diesen so wenig gibt, wie es die Umstellung der Gymnasialzeit auf acht Jahre (G8) noch gibt. Zwischen 2002 und 2005 nahezu fl&auml;chendeckend eingef&uuml;hrt, ist das Regelabitur mit 13 Jahren (G9) heute fast allerorten zur&uuml;ckgekehrt. Selbst bis in die Kultusministerien hatte sich irgendwann herumgesprochen, dass die Ballung an Lernstoff nicht zielf&uuml;hrend ist, Kinder physisch und psychisch stark belastet und der Wirtschaft mit Azubis, die nicht bis drei z&auml;hlen k&ouml;nnen, nicht geholfen ist. Dann sind da der Aufbau von Ganztagsschulen oder die Inklusion, sprich die Regelbeschulung k&ouml;rperlich und geistig beeintr&auml;chtigter Kinder. Beides sind gut gemeinte Projekte, bleiben aber in einem Umfeld fortgesetzter Mangelverwaltung mit milliardenschwerem Sanierungsstau und personellen Notst&auml;nden historischen Ausma&szlig;es (<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=57765\">Lehrermangel<\/a>) ein sch&ouml;ner Traum. Sie gehen sogar nach hinten los, sobald durch die nicht ad&auml;quat zu bew&auml;ltigenden Zusatzaufgaben der geregelte Unterricht leidet und immer mehr Kinder zur&uuml;ckgelassen werden.  <\/p><p><strong>Stupide Methodik<\/strong><\/p><p>Die verbesserten deutschen PISA-Ergebnisse lassen sich bestimmt nicht darauf zur&uuml;ckf&uuml;hren, dass die Penn&auml;ler heute wirklich besser lesen, schreiben und rechnen als noch vor zwei Jahrzehnten. Jeder P&auml;dagoge mit l&auml;ngerer Berufserfahrung wird das best&auml;tigen. Vielmehr werden sie den PISA-Anforderungen besser gerecht, indem sie die Testroutinen &ndash; &uuml;berwiegend nach dem Mach-Dein-Kreuzchen-Prinzip &ndash; besser meistern. Es ist inzwischen g&auml;ngige Praxis, die Systematik im Vorfeld der Tests in den fraglichen Klassen einzu&uuml;ben. Welcher Schulleiter blamiert sich schon gerne? Nicht zuf&auml;llig machen bei PISA vielfach Kandidaten aus Asien das Rennen, deren Lehrpl&auml;ne auf Abschlusstests in wenigen F&auml;chern ausgerichtet sind. Au&szlig;erdem spielt in Fernost private Nachhilfe eine deutlich gr&ouml;&szlig;ere Rolle als anderswo und bestimmt ma&szlig;geblich &uuml;ber den pers&ouml;nlichen Schulerfolg. &bdquo;Schulleistung&ldquo; h&auml;ngt dort also zu einem nicht unerheblichen Grad von au&szlig;erschulischer Unterst&uuml;tzung ab. Wie sehr, wei&szlig; keiner. Der Faktor wird schlicht nicht beziffert, geschweige denn bei der Auswertung ber&uuml;cksichtigt.<\/p><p>Trotzdem ma&szlig;en sich die PISA-Macher an, Schulsysteme im globalen Ma&szlig;stab vermessen und vergleichen zu k&ouml;nnen mit dem Anspruch, sie so qualitativ voranzubringen. Dabei ist die Vorstellung, Geistiges messen und standardisieren zu k&ouml;nnen, an sich schon absurd. Meyerh&ouml;fer hatte dies 2013 im <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19428\">Interview mit den NachDenkSeiten<\/a> am Beispiel einfacher Rechenaufgaben veranschaulicht. So f&uuml;hrten verschiedene Wege zum Ziel und selbst einem falschen Ergebnis k&ouml;nnte mehr mathematisches Verst&auml;ndnis zugrunde liegen als bei Sch&uuml;lern, die stupide ihr Einmaleins gepaukt h&auml;tten. Derlei Differenzen blieben den Testern aber verborgen und das um so mehr, je komplexer die Aufgaben sind. Schule solle &bdquo;ja gerade geistige Vielfalt und Reichhaltigkeit herausbilden&ldquo;, gab der Didaktiker zu bedenken. &bdquo;Das widerspricht pr&auml;zisem Messen aber diametral.&ldquo;     <\/p><p><strong>&Ouml;konomistisches Weltbild<\/strong><\/p><p>Aber strebt die OECD &uuml;berhaupt nach Vielfalt und Reichhaltigkeit? Wohl kaum, wie schon die Beschr&auml;nkung auf nur drei &bdquo;Indikatoren&ldquo; zeigt. Anhand von Lesen, Rechnen und Kenntnissen in Naturwissenschaften auf die Gesamtqualit&auml;t eines Schulsystems zu schlie&szlig;en, zeugt von Engstirnig- und &Uuml;berheblichkeit. Wo bleiben soziale und ethische Kompetenzen, warum werden keine musikalischen, politischen Fertigkeiten oder solche in Geographie und Fremdsprachen in die Wertung aufgenommen? Faktisch bleiben gro&szlig;e und wesentliche Bereiche des schulischen Lebens von Heranwachsenden komplett ausgeblendet. Und w&uuml;rde man sie ber&uuml;cksichtigen &ndash; bei allen kulturellen Unterschieden Dutzender beteiligter Nationen &ndash; k&auml;me am Ende ein Wischiwaschi noch gr&ouml;&szlig;erer Machart heraus. Um &uuml;berhaupt irgendetwas halbwegs Griffiges und Vergleichbares zu fassen, ist Komplexit&auml;t deshalb zwingend zu vermeiden.  <\/p><p>Das betrifft ebenfalls die Auswahl der Getesteten, wobei die Fixierung auf 15-J&auml;hrige das f&uuml;r die OECD typische &ouml;konomistische Weltbild widerspiegelt. Am Ende der Vollzeitschulpflicht nach der 9. oder 10. Klasse sollen Schulabg&auml;nger &uuml;ber das n&ouml;tige R&uuml;stzeug verf&uuml;gen, um m&ouml;glichst passgenau und reibungslos in den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt zu wechseln. Ein Schl&uuml;ssel dazu ist laut Meyerh&ouml;fer die Mathematik selbst. Die Masse an &bdquo;brauchbaren Arbeitskr&auml;ften&ldquo; solle die Disziplin gar nicht verstehen, &bdquo;das bleibt Spezialisten vorbehalten&ldquo;, sondern &bdquo;unter dem Schlagwort von &sbquo;n&uuml;tzlicher Mathematik&lsquo; lediglich daran glauben, dass man alle Aspekte des Menschlichen mit Zahlen abbilden kann&ldquo;. <\/p><p><strong>&bdquo;Skandalisierung des Unspektakul&auml;ren&ldquo;<\/strong><\/p><p>Nichts versinnbildlicht die Leitbilder Standardisierung und &Ouml;konomisierung mit der Zielrichtung Privatisierung eindr&uuml;cklicher als das PISA-Nationenranking, das in schlechter Regelm&auml;&szlig;igkeit die Gem&uuml;ter erregt. Dabei nehmen es die Standardisierer mit den eigenen Standards gar nicht mal so genau, wodurch selbst nach den limitierten PISA-Statuten nicht immer der Beste gewinnt. Der P&auml;dagoge und Historiker Rainer B&ouml;lling hat in verschiedenen Beitr&auml;gen auf die <a href=\"https:\/\/bildung-wissen.eu\/fachbeitraege\/schiefer-als-der-schiefe-turm.html\">Irrungen und Wirrungen bei der Siegerk&uuml;r<\/a> hingewiesen. Demnach kam es wiederholt zu Verzerrungen der Ergebnisse, weil die f&uuml;r die L&auml;nder erforderliche Teilnehmerquote unterschritten beziehungsweise falsch erfasst wurde. &Ouml;sterreich zum Beispiel musste deshalb f&uuml;r die 2000er-Auswertung erst Jahre sp&auml;ter um mehrere Pl&auml;tze zur&uuml;ckgestuft werden und die USA h&auml;tten 2009 bei korrekter Bewertung zehn oder mehr R&auml;nge weiter oben rangiert. Stattdessen triumphierte seinerzeit Shanghai, obwohl die Metropole als Repr&auml;sentant f&uuml;r China die n&ouml;tige H&uuml;rde klar gerissen hatte. Kinder von Millionen Wanderarbeitern waren einfach &uuml;bergangen worden, weil sie die h&ouml;heren Schulen, an denen PISA stattfand, gar nicht besuchen d&uuml;rfen.<\/p><p>Solche Unsch&auml;rfen ziehen sich von oben bis unten durch die ganzen L&auml;nderrangreihen. Aus Sicht von Meyerh&ouml;fer h&auml;tten Ver&auml;nderungen im Mittelfeld &bdquo;wenig mit &Auml;nderungen in den Schulsystemen zu tun, sondern entstehen weitgehend durch die statistische Komplexit&auml;t von Massentestungen&ldquo;. Selbst vor Fake News schrecken die Verantwortlichen nicht zur&uuml;ck. So nimmt B&ouml;lling ein Modell auseinander, mit dem die Abst&auml;nde bei den Leistungspunkten in Schuljahre umgem&uuml;nzt werden. Damit werden scheinbar objektiv Bildungsr&uuml;ckstande beziffert, etwa derart, dass &ndash; wie bei PISA 2018 &ndash; sozial Benachteiligte drei Schuljahre hinter den OECD-Durchschnitt zur&uuml;ckfallen w&uuml;rden. Der P&auml;dagoge brandmarkt das Vorgehen als &bdquo;unsinnig&ldquo; und kalkulierte zum Beispiel f&uuml;r Finnland, dass die schw&auml;chsten Sch&uuml;ler &bdquo;nach acht Jahren Schulbesuch schon neun Jahre in R&uuml;ckstand geraten&ldquo;. Offensichtlich diene das Verfahren &bdquo;nur der Skandalisierung des Unspektakul&auml;ren und geh&ouml;rt daher auf den M&uuml;llhaufen der empirischen Bildungsforschung&ldquo;. <\/p><p><strong>Abo abbestellen!<\/strong><\/p><p>Nat&uuml;rlich war es begr&uuml;&szlig;enswert, dass hierzulande durch PISA eine Diskussion dazu losgetreten wurde, wie sehr Bildungserfolg von der famili&auml;ren Herkunft bestimmt wird. &Uuml;berhaupt liefert PISA einen ganzen Blumenstrau&szlig; an Argumenten f&uuml;r so sch&ouml;ne Dinge wie &bdquo;l&auml;ngeres gemeinsames Lernen&ldquo;, mehr Durchl&auml;ssigkeit zwischen den Schul- und Unterrichtsformen und nicht zuletzt f&uuml;r ethische und soziale Heterogenit&auml;t im Schulalltag. Deshalb steht PISA bei Lehrerverb&auml;nden, Gewerkschaften und selbst bei der politischen Linken ziemlich hoch im Kurs. Allerdings hat sich auf all diesen Handlungsfeldern seit der Jahrtausendwende praktisch nichts zum Besseren bewegt, nicht selten sogar zum Schlechteren. Alle noch so tollen Reformen nutzen nichts, solange sie nicht mit ausreichend &ouml;ffentlichen Mitteln unterf&uuml;ttert werden. Dabei hatte der neuseel&auml;ndische P&auml;dagoge John Hattie schon 2009 mit seiner Meta-Metaanalyse <a href=\"https:\/\/visible-learning.org\/de\/2009\/02\/hattie-studie-visible-learning\/\">&bdquo;Visible Learning&ldquo;<\/a> einen sehr einfachen Weg aus der Krise gewiesen. Nach Auswertung von &uuml;ber 50.000 Einzelstudien fand er heraus, dass vor allem gute Lehrerinnen und Lehrer Garanten f&uuml;r Schulerfolg sind und Reformen bei der Unterrichtsentwicklung ansetzen sollten und nicht bei den Strukturen. Aber wie geht der deutsche Weg? Nach einer j&uuml;ngeren <a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Studie-sagt-dramatischen-Lehrermangel-voraus-6663992.html\">Studie<\/a> des Bildungsforschers Klaus Klemm im Auftrag des VBE k&ouml;nnten bis Mitte des kommenden Jahrzehnts knapp 160.000 Lehrkr&auml;fte im Schuldienst fehlen.   <\/p><p>Bleibt die Frage, ob der deutsche PISA-Schock einen realen Kern hatte oder doch nur eingebildet war. Die BRD hatte stets einen hohen Erfassungsgrad bei der Stichprobe nahe 100 Prozent. H&auml;tte man sich bei der 2018er-Auflage mit dem OECD-Mittelwert von 89 Prozent begn&uuml;gt, w&auml;re Deutschland laut B&ouml;lling &bdquo;wahrscheinlich in die Spitzengruppe aufgestiegen&ldquo;. Ginge bei der Testerei alles mit rechten Dingen zu, w&auml;re den Schulen, Lehrern und Sch&uuml;lern vielleicht so manche verkorkste Reform erspart geblieben. F&uuml;r Meyerh&ouml;fer ist &bdquo;das Hauptproblem mit PISA, dass die empirische Bildungsforschung die Bildungsdebatte okkupiert hat&ldquo;. Es sei normal geworden, &bdquo;dass irgendwelche Tests zusammengeschustert werden und dass dann damit beliebige Aussagen produziert werden&ldquo;. Seine Empfehlung an die Politik: &bdquo;Zur Weiterentwicklung von Unterricht leistet PISA nichts. Die Bundesl&auml;nder sollten das PISA-Abo abbestellen.&ldquo;  <\/p><p>Titelbild: f11photo\/shutterstock.com<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/be4d2eff62ab4cbdaf2273b0de282593\" alt=\"\" title=\"\" height=\"1\" width=\"1\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor 20 Jahren erschien die erste nationale Schulleistungsstudie in OECD-Regie. Ein halbes Jahr nach dem gro&szlig;en &bdquo;Schock&ldquo; verschaffte auch das Bundesl&auml;ndermessen keine Linderung &ndash; au&szlig;er Bayern nur Sitzenbleiber. Dabei sollte man auf die ganze Testerei nichts geben, meinen Bildungsforscher. 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