{"id":8544,"date":"2011-03-03T10:57:37","date_gmt":"2011-03-03T09:57:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=8544"},"modified":"2014-08-11T11:27:32","modified_gmt":"2014-08-11T09:27:32","slug":"zwischen-revolution-und-demokratie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=8544","title":{"rendered":"Zwischen Revolution und Demokratie"},"content":{"rendered":"<p>Wir leben in spannenden Zeiten. In diesen Monaten st&uuml;rzt an der europ&auml;ischen S&uuml;dflanke eine Diktatur nach der anderen. Doch Europa, das sich selbst als Wiege der Demokratie begreift, muss sich mit der Rolle eines Zaungastes begn&uuml;gen. Wir haben die Diktaturen in der arabischen Welt zu lange und zu eifrig unterst&uuml;tzt, als dass wir nun f&uuml;r die Opfer unserer &bdquo;Freunde&ldquo; als ehrlicher Makler f&uuml;r eine Demokratisierung akzeptabel w&auml;ren. Welche Entwicklung das politische &bdquo;Feldexperiment&ldquo; nehmen wird, ist dabei ungewiss und wird in unseren Medien auch nicht weiter diskutiert. Revolutionen sind schlagzeilentauglich, der konstitutionelle Prozess, der jeder Revolution folgt, interessiert offenbar weniger. Die Revolutionstheoretiker Hardt und Negri sehen in Tunesien ein <a href=\"http:\/\/www.freitag.de\/politik\/1108-laboratorium-der-wende\">&bdquo;Laboratorium der Wende&ldquo;<\/a>. Doch die <a href=\"http:\/\/www.nzz.ch\/nachrichten\/politik\/international\/unsicherheit_und_ratlosigkeit_in_tunesien_1.9736550.html\">aktuellen Ereignisse<\/a> geben wenig Anlass zum Optimismus. Ob die Menschen, die in Tunis und Kairo auf die Stra&szlig;e gingen, ein politisches System bekommen, das ihren oft diffusen W&uuml;nschen entspricht, werden die n&auml;chsten Monate zeigen. Von Jens Berger<br>\n<!--more--><\/p><p>Als die englischen Revolution&auml;re 1649 K&ouml;nig Charles I. k&ouml;pften, ging zeitgen&ouml;ssischen Quellen zu Folge ein nerv&ouml;ses Raunen durch die Reihen der Schaulustigen. Die alte Ordnung war von nun an Geschichte. Aber was w&uuml;rde die Zukunft bringen? Diese Frage stellen sich auch die Menschen in Tunesien, die ihren alten Machthaber zwar nicht gek&ouml;pft, aber immerhin aus dem Lande gejagt haben. Die j&uuml;ngere Geschichte ist reich an Revolutionen und Systemwechseln. Meist haben sich allerdings in der postrevolution&auml;ren Zeit wieder die alten Kr&auml;fte durchgesetzt. Wie Korken schwimmen diese Anpassungsk&uuml;nstler immer oben. Auch in Tunesien besteht die reale Gefahr, dass sich die alten Kr&auml;fte nicht so einfach von der Macht trennen lassen. Eine organisierte Opposition, die das Machtvakuum f&uuml;llen k&ouml;nnte, gibt es nicht. <\/p><p>An diesem Vakuum ist auch die europ&auml;ische Politik schuld. W&auml;hrend europ&auml;ische Stiftungen in jedem Land, das uns nicht unbedingt freundschaftlich verbunden ist, die zivilgesellschaftlichen Kr&auml;fte nach besten M&ouml;glichkeiten unterst&uuml;tzen, lie&szlig; man diese Kr&auml;fte in verb&uuml;ndeten Diktaturen weitestgehend nackt im Regen stehen. Wenn man sich die Akteure im postrevolution&auml;ren Prozess in Tunesien anschaut, werden die Folgen dieses Unterlassens deutlich: Die ehemalige Staatspartei RCD wurde mittlerweile verboten, die Oppositionsparteien sind als &bdquo;Blockparteien&ldquo; verschrien, die Funktion&auml;re der Einheitsgewerkschaft UGTT waren St&uuml;tzen des alten Systems, und Milit&auml;r und Sicherheitsapparat sind ebenfalls keine glaubw&uuml;rdigen Anw&auml;lte f&uuml;r Reformen. Eine organisierte Opposition gibt es nicht. Wie auch? Schlie&szlig;lich wurde jegliche Opposition seit Jahrzehnten verboten, niedergekn&uuml;ppelt und weggesperrt &ndash; mit dem Plazet der treuen Partner n&ouml;rdlich des Mittelmeers.<\/p><p>Wie ein demokratischer Transformationsprozess vonstattengehen k&ouml;nnte, umrei&szlig;t der tunesisch-st&auml;mmige Politikwissenschaftler Hamadi El-Aouni in einem <a href=\"http:\/\/www.hr-online.de\/website\/radio\/hr2\/index.jsp?rubrik=14224&amp;key=standard_podcasting_derTag&amp;mediakey=podcast\/derTag\/derTag_20110207&amp;type=a\">Interview<\/a> mit dem Hessischen Rundfunk. Doch die von ihm vorgeschlagene und von den Demonstranten geforderte verfassungsgebende Versammlung ist immer noch nicht einberufen worden. Stattdessen wird das Land durch eine &bdquo;&Uuml;bergangsregierung&ldquo; der alten Kader regiert, die in immer k&uuml;rzer werdenden Abst&auml;nden von der Stra&szlig;e zum R&uuml;cktritt gezwungen und dann durch neue, noch &auml;ltere Kader austauscht werden. Der aktuelle &Uuml;bergangspremier hei&szlig;t B&eacute;ji Caid Essebsi, ist 84 Jahre &bdquo;jung&ldquo;, war fr&uuml;her Au&szlig;enminister und gilt wegen seines hohen Alters als relativ unbelastet. Namen und Gesichter sind jedoch austauschbar, solange hinter den Kulissen die alten Kr&auml;fte die F&auml;den ziehen. Nun ruhen die Hoffnungen auf zwei <a href=\"http:\/\/www.bbc.co.uk\/news\/world-africa-12214649\">politische Gruppierungen<\/a>, die aus dem britischen bzw. franz&ouml;sischen Exil ins Land zur&uuml;ckkehren, aber keine engeren Verbindungen zur Revolutionsbewegung im Lande haben. <\/p><p>Dies sind die Schattenseiten der &bdquo;Facebook-Revolutionen&ldquo;. Junge, meist gut ausgebildete Kinder der Mittelschicht k&ouml;nnen zwar in Zeiten der sozialen Onlinenetzwerke hervorragend eine dezentrale Protestbewegung befeuern und sind als echte Graswurzelbewegungen mit lockerer Organisationsstruktur und basisdemokratischer Entscheidungsfindung auch eine sympathische Erscheinungsform. Wenn sie ihr Interimsziel erreichen, stehen sie jedoch genau so verdutzt da wie einst die Engl&auml;nder, als sie Charles I. k&ouml;pften. <\/p><p>Die Situation in Tunesien ist brenzlig. Das Land ist auf dem Weg in eine <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/print\/welt_kompakt\/print_politik\/article12675238\/Tunesien-am-Rande-einer-humanitaeren-Katastrophe.html\">humanit&auml;re Katastrophe<\/a>, die Devisenbringer Tourismus und Export liegen &ndash; revolutionsbedingt &ndash; brach. Wenn die alten Kr&auml;fte die Revolution&auml;re nicht bald ernsthaft an den konstitutionellen Prozessen beteiligen, droht dem Land eine gef&auml;hrliche Anarchie, die auch in einem blutigen B&uuml;rgerkrieg enden k&ouml;nnte. Dabei ist es keinesfalls gewiss, ob das Land einen demokratischen Weg beschreiten wird. Die jungen Mittelschichtskinder <a href=\"http:\/\/www.fpif.org\/articles\/fiction_blossoms_into_tunisias_jasmine_revolution\">wollen<\/a> Jobs und eine Lebensperspektive. Die l&auml;ndliche Bev&ouml;lkerung und die &auml;rmeren Schichten der St&auml;dte wollen vor allem eine ausreichende &ouml;konomische Basis, um ihre Familie zu ern&auml;hren. Zuerst kommt das Fressen, dann die Moral &ndash; um diese Ziele zu erreichen, ist die Demokratie keine conditio sine qua non. Tunesien ist in der Tat ein &bdquo;Laboratorium der Wende&ldquo; &ndash; wohin diese Wende f&uuml;hren wird, ist jedoch nicht vorherzusagen.<\/p><p><em>Zum Thema:<\/em><\/p><p><a href=\"http:\/\/www.zdf.de\/ZDFmediathek\/beitrag\/video\/1274048\/auslandsjournal-vom-02.-Maerz-2011\">ZDF Auslandsjournal vom 2. M&auml;rz<\/a> (dritter Beitrag)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir leben in spannenden Zeiten. In diesen Monaten st&uuml;rzt an der europ&auml;ischen S&uuml;dflanke eine Diktatur nach der anderen. Doch Europa, das sich selbst als Wiege der Demokratie begreift, muss sich mit der Rolle eines Zaungastes begn&uuml;gen. Wir haben die Diktaturen in der arabischen Welt zu lange und zu eifrig unterst&uuml;tzt, als dass wir nun f&uuml;r<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=8544\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,20],"tags":[947,912,1046],"class_list":["post-8544","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-landerberichte","tag-arabellion","tag-buergerkrieg","tag-tunesien"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8544","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=8544"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8544\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8546,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8544\/revisions\/8546"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=8544"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=8544"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=8544"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}