{"id":8557,"date":"2011-03-04T09:24:06","date_gmt":"2011-03-04T08:24:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=8557"},"modified":"2014-08-11T11:30:07","modified_gmt":"2014-08-11T09:30:07","slug":"die-weltwirtschaftskrise-und-das-ploetzliche-verschwinden-des-postfordismus-ueber-den-lautlosen-niedergang-einer-theorie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=8557","title":{"rendered":"Die Weltwirtschaftskrise und das pl\u00f6tzliche Verschwinden des \u201ePostfordismus\u201c: \u00dcber den lautlosen Niedergang einer Theorie"},"content":{"rendered":"<p>Mit der 2009 un&uuml;bersehbar gewordenen Weltwirtschaftskrise ist es um die im linken Diskurs stellenweise inflation&auml;r verwendeten Begrifflichkeiten wie &bdquo;Fordismus&ldquo; und &bdquo;Postfordismus&ldquo; merkw&uuml;rdig still geworden. Die Weltwirtschaftskrise blamierte nicht nur die neoliberalen oder neoklassischen &Ouml;konomen, sondern warf auch die neo-marxistisch inspirierte Post-\/Fordismustheorie und die daraus abgeleiteten politischen Gewissheiten &uuml;ber die Obsoletheit einer keynesianisch ausgerichteten Politik &uuml;ber den Haufen. Von Christian Girschner<br>\n<!--more--><\/p><p>&bdquo;Mit &bdquo;Fordismus&ldquo; wird die historische Gestalt des Kapitalismus bezeichnet, die seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs bis in die siebziger Jahre dieses Jahrhunderts hinein f&uuml;r die globalen gesellschaftlichen, &ouml;konomischen und politischen Verh&auml;ltnisse (&hellip;) bestimmend war. (&hellip;). Die Bezeichnung dieser historischen Periode des Kapitalismus als &bdquo;fordistisch&ldquo; geht auf die Einf&uuml;hrung der tayloristischen Massenproduktion in Henry Fords Automobilwerken zur&uuml;ck. Dies revolutionierte nicht nur die kapitalistische Arbeitsorganisation und die gesamtwirtschaftlichen Prozesse, sondern auch Klassenstrukturen, Wertvorstellungen und Lebensweisen.&ldquo; (Joachim Hirsch 1995, 75f.)<\/p><p>Mit der 2009 un&uuml;bersehbar gewordenen Weltwirtschaftskrise ist es um die im linken Diskurs stellenweise inflation&auml;r verwendeten Begrifflichkeiten wie &bdquo;Fordismus&ldquo; und &bdquo;Postfordismus&ldquo; merkw&uuml;rdig still geworden. Beide Begriffe stammen aus der Regulationstheorie, die in den achtziger und neunziger Jahren die kritische Sozial- und Wirtschaftswissenschaft beeinflusste und bestimmte. &bdquo;Fordismus&ldquo; und &bdquo;Postfordismus&ldquo; wurden daher auch in der linken Publizistik h&auml;ufig benutzt. So bezog sich beispielsweise der inzwischen verstorbene Peter Glotz, der in den Medien gerne als SPD-Vordenker bezeichnet wurde, positiv auf die Post-\/Fordismustheorie, um damit seine Abwendung von einer keynesianisch orientierten Politik zu rechtfertigen. <\/p><p>&bdquo;Fordismus&ldquo; bezeichnet eine besondere Periode der kapitalistischen Entwicklung, die nach dem Zweiten Weltkrieg einsetzte, welche durch industrielle Massenproduktion, Massenkonsum, Ausbau des Sozialstaats, keynesianische Wirtschaftspolitik, m&auml;chtigen Gewerkschaften u.a.m. bestimmt wurde. Allerdings geriet nach Auffassung der Regulationstheorie die Periode des &bdquo;Fordismus&ldquo; in den siebziger Jahren in eine strukturelle Krise und leitete den allm&auml;hlichen oder vermuteten &Uuml;bergang in den sogenannten &bdquo;Postfordismus&ldquo; &ndash; eines angeblich neuen Entwicklungs- und Wachstumsmodells des Kapitalismus &ndash; ein. Die Regulationstheorie entwickelte zur besseren Charakterisierung kapitalistischer Perioden die Kategorien Akkumulationsregime und Regulationsweise, um so die historisch spezifische Stabilit&auml;t und Dauerhaftigkeit aufzuzeigen. Wie dem auch im Einzelnen sei, nicht unwesentlich sind die daraus gezogenen politischen Konsequenzen dieser Periodisierung der kapitalistischen Entwicklung. So galt der &bdquo;Fordismus&ldquo; mehr oder minder als Zeitalter der Sozialdemokratie und der keynesianischen Wirtschafts- und Wohlfahrtspolitik, w&auml;hrend die Krise des &bdquo;Fordismus&ldquo; das unwiederbringliche Ende dieser sozialdemokratischen &Auml;ra einl&auml;utete. Denn der Kapitalismus habe sich so sehr in seiner Struktur ver&auml;ndert, dass eine keynesianische Wirtschaftspolitik unerbittlich scheitern muss und damit der Abbau des Sozialstaats unvermeidlich w&auml;re. Die Krise des Fordismus bzw. der Postfordismus bedeutet zugleich das Ende der &bdquo;Sozialstaatsillusion&ldquo;. Neokonservative bzw. neoliberale Strategien werden dagegen als politische Reaktionen auf die Krise des Fordismus bzw. auf das Scheitern des Keynesianismus angesehen, die darauf angelegt sind, neue &ouml;konomische Wachstumspotenziale zu erzeugen. Die linke Postfordismustheorie geriet mit dieser starren Periodisierungskonzeption in Gefahr, die neoliberale Politik als quasi unabwendbaren Schicksalschlag der kapitalistischen Entwicklung zu legitimieren. Es ist daher auch nicht verwunderlich, dass die vorgenommene Unterteilung der kapitalistischen Entwicklung in &bdquo;Fordismus&ldquo; und &bdquo;Postfordismus&ldquo; immer sehr schematisch und daher sehr willk&uuml;rlich war. Politik&ouml;konomische Ph&auml;nomene, die nicht unter das Post-\/Fordismus-Modell subsumiert werden konnten, wurden entweder ignoriert oder als zu vernachl&auml;ssigende Fakten erkl&auml;rt. Dieser Schematismus und die damit einhergehende (unfreiwillige) theoretische Rechtfertigung des Wirtschaftsliberalismus als unausweichlicher Kern des &bdquo;Postfordismus&ldquo; endete stets damit, keynesianische Handlungsalternativen des Staates als &uuml;berholtes Relikt einer untergegangenen Epoche abzuqualifizieren.<br>\nAm bekanntesten deutschen Vertreter der Fordismus-Postfordismus-Theorie, Joachim Hirsch, l&auml;sst sich diese These belegen. Denn Hirsch hatte noch vor einigen Jahren in einer Rezension &uuml;ber das Buch &bdquo;Machtwahn&ldquo; von Albrecht M&uuml;ller einige aus dieser Periodisierung entspringende Handlungskonsequenzen herausgestellt, als er ausf&uuml;hrte:<br>\n&bdquo;Der Autor (also Albrecht M&uuml;ller; C.G.) h&auml;tte sich auf jeden Fall fragen m&uuml;ssen, was in den siebziger Jahren zur Krise der keynesianisch-staatsreformistischen Regulationsweise gef&uuml;hrt hat. Sie ist schlie&szlig;lich an ihren eigenen Widerspr&uuml;chen zerbrochen. Erst die Krise des Fordismus und das damit verbundene Scheitern des sozialdemokratischen Politikprojekts hatten schlie&szlig;lich den Siegeszug des Neoliberalismus (&hellip;) m&ouml;glich gemacht. Erst dadurch erhielt die neoliberale Propaganda ihre materielle Basis. Die Wende der SPD h&auml;ngt ganz wesentlich damit zusammen und l&auml;sst sich nicht allein mit der Inkompetenz und Korruptheit ihrer Funktion&auml;re erkl&auml;ren. &bdquo;Globalisierung&ldquo; wird bei M&uuml;ller zu einem blo&szlig;en ideologischen Konstrukt. Der sicherlich h&ouml;chst schwammige Begriff bezieht sich jedoch auch auf die Realit&auml;t eines durchgreifend ver&auml;nderten Akkumulationsmodus und tief greifend umgew&auml;lzter Klassenverh&auml;ltnisse. F&uuml;r M&uuml;ller bedeutet die Krise des fordistischen Kapitalismus keinen historischen Bruch, sondern markiert nichts anderes als eine nicht weiter ernst zu nehmende Modifikation der alten Verh&auml;ltnisse. Weil dem nicht so ist, erscheint der Appell, einfach zu alten sozialdemokratischen Konzepten zur&uuml;ckzukehren, nicht nur praktisch in den Wind geschrieben. Er zielt auch in die falsche Richtung.&ldquo; (Hirsch 2006: <a href=\"http:\/\/www.links-netz.de\/K_texte\/K_hirsch_mueller.html\">&bdquo;Eliten&ldquo;: dumm oder korrupt? &Uuml;ber Albrecht M&uuml;llers &bdquo;Machtwahn&ldquo;<\/a>; vergl. dazu meine Kritik: Girschner 2006: <a href=\"\/?p=1638\">Das Ende des Keynesianismus im &lsquo;Post-Fordismus&rsquo;)<\/a><\/p><p>Die auf sehr wackligen F&uuml;&szlig;en stehende regulationstheoretische Phaseneinteilung des Kapitalismus geht hier mit einer sehr harschen politischen Verurteilung all derjenigen einher, die sich dieses Phasenmodell nicht zu eigen machen. Wie wenig plausibel dieses Phasenmodell der Regulationstheorie jedoch ist, l&auml;sst sich anhand einiger Aussagen aus den Arbeiten von Joachim Hirsch selbst belegen.<\/p><p>&bdquo;Ein &uuml;berzeugendes Regulationsmodell f&uuml;r den nachfordistischen Kapitalismus&ldquo;, so hei&szlig;t es bei ihm noch 1995 &uuml;ber die Krise des Fordismus, &bdquo;ist weder auf nationaler noch internationaler Ebene erkennbar. Sichtbar sind bestenfalls einige Entwicklungen und Tendenzen, die aber einen h&ouml;chst widerspr&uuml;chlichen Charakter tragen.&ldquo; (Hirsch 1995, 173f.) Es wird ferner einger&auml;umt: &bdquo;Der in der wissenschaftlichen Diskussion ebenso gel&auml;ufig gewordene wie inflation&auml;r gebrauchte Begriff des &bdquo;Postfordismus&ldquo; bezeichnet also keine neue und koh&auml;rente kapitalistische Formation, sondern eher das inzwischen recht lange anhaltende Fortdauern einer globalen kapitalistischen Krise.&ldquo; (ebd., 178) <\/p><p>Dagegen geht der Verfasser keine zehn Jahre sp&auml;ter dann pl&ouml;tzlich davon aus, dass der &bdquo;Postfordismus&ldquo; doch schon existiert. F&uuml;r diesen &ndash; von ihm selbst nicht thematisierten &ndash; Positionswandel findet man allerdings keine neuen Argumente, vielmehr bleibt es auf dem Niveau von suggestiven Versicherungen. Au&szlig;erdem lieferte der Verfasser keine genauere zeitliche Angabe &uuml;ber die Herausbildung des &bdquo;Postfordismus&ldquo; bzw. &uuml;ber das Ende des &bdquo;Fordismus&ldquo;. <\/p><p>Hirsch ist sich seiner prek&auml;ren Argumentationslage offensichtlich bewusst, denn er m&ouml;chte auf seine neue Feststellung dann doch nicht festgenagelt werden, deshalb macht er entsprechende Einschr&auml;nkungen: &bdquo;Wenn hier von der Existenz einer spezifischen postfordistischen Formation des Kapitalismus ausgegangen wird, dann geschieht dies unter Ber&uuml;cksichtigung der Tatsache, dass dieser keineswegs eine geschlossene und koh&auml;rente Akkumulations-, Regulations- und Hegemonialstruktur aufweist. Davon kann man allerdings bei genauerer Betrachtung auch in Bezug auf den Fordismus kaum sprechen.&ldquo; (Hirsch 2005, 130) Hier fragt man sich, welche theoretische Aussagekraft eine solche Periodisierung der kapitalistischen Entwicklung besitzt, wenn diese durch die Hintert&uuml;r immer wieder relativiert werden muss. Wieso soll man &uuml;berhaupt die kapitalistische Entwicklung in unterschiedliche Schablonen oder Perioden pressen, die, wie selbst eingestanden wird, dann doch nicht ganz so streng genommen werden sollten, weil die soziale Realit&auml;t doch etwas komplexer, undurchsichtiger und diffuser ist? Diese Frage stellt sich Hirsch nicht. Aber daf&uuml;r wei&szlig; er gegen&uuml;ber Albrecht M&uuml;ller und entgegen seinen schwammigen Aussagen &uuml;ber die Post-\/Fordismus-Periodisierung eines mit letzter Gewissheit, dass im heutigen &bdquo;Postfordismus&ldquo; eine keynesianisch ausgerichtete Wirtschafts- und Sozialpolitik unwiederbringlich scheitern muss. <\/p><p>Diese Behauptung wurde von Hirsch vor der schweren Weltwirtschaftskrise (2008\/9) gemacht. Die Weltwirtschaftskrise n&ouml;tigte inzwischen den Staaten eine mehr oder weniger keynesianisch orientierte Politik auf, um einen schnellen und v&ouml;lligen wirtschaftlichen Zusammenbruch des Weltmarktes zu verhindern (was wohl, wie es augenblicklich aussieht, einigerma&szlig;en gelungen ist, was die Zukunft bringt, bleibt jedoch &ndash; u.a. wegen der erneuten Hinwindung zu neoliberalen Strategien der Staaten &ndash; abzuwarten). Und revidiert jetzt die Regulationstheorie ihre praktisch widerlegte These von der Unm&ouml;glichkeit einer keynesianischen Politik im &bdquo;Postfordismus&ldquo;?<\/p><p>Hirsch &auml;ndert angesichts der unerwarteten Renaissance keynesianischer Staatsstrategien nicht seine schematische Einteilung der historischen Entwicklung, vielmehr pr&auml;sentiert er eine entscheidend ge&auml;nderte Variante der Periodisierung des Kapitalismus. Demzufolge w&auml;hrte der Fordismus nur<br>\n&bdquo;bis Mitte der siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts, (&hellip;). Auf seine Krise folgte die als Globalisierung bezeichnete Etablierung des neoliberalen Finanzkapitalismus, auch Postfordismus genannt. Der ist nun, etwas &uuml;ber drei&szlig;ig Jahre sp&auml;ter, ebenfalls am Ende und wieder verschieben sich damit die globalen &ouml;konomischen und politischen Machtverh&auml;ltnisse. Bei diesen raschen Ver&auml;nderungen ist nat&uuml;rlich nicht ganz leicht zu erkennen, mit welchem Kapitalismus man gerade zu tun hat. Das hat sich auch daran gezeigt, dass es keine Einigkeit dar&uuml;ber gab, wie seine eben zu Ende gehende Form genannt werden sollte und ob es sich dabei &uuml;berhaupt um eine eigenst&auml;ndige Phase oder eher um ein sich Dahinschleppen der Fordismus-Krise gehandelt hat. Der Begriff &bdquo;Postfordismus&ldquo; war jedenfalls eher eine Hilfsbezeichnung. Das ist nun deutlicher geworden.&ldquo; (Hirsch 2009,182)<\/p><p>Aber eindeutig ist: Der &bdquo;Postfordismus (geh&ouml;rt) der Vergangenheit&ldquo; an (ebd., 183). Der &bdquo;Postfordismus&ldquo;, also der zentrale Untersuchungsgegenstand der Regulationstheorie, ist damit quasi &uuml;ber Nacht verschwunden, gleichzeitig ist der Keynesianismus in der Weltwirtschaftskrise wieder zur&uuml;ckgekehrt. Beide Entwicklungen wurden weder von Hirsch noch von einem anderen Postfordismustheoretiker vorausgesehen, geschweige jemals thematisiert. F&uuml;r den Postfordismustheoretiker bleibt deshalb nichts anderes mehr &uuml;brig, als seine Theorie, wenn dieser ihr denn treu bleiben will, wieder mit der empirischen Realit&auml;t der kapitalistischen Entwicklung in Einklang zu bringen. Aber wie soll dies gelingen, ohne die widerlegten Kernannahmen dieser Theorie &uuml;ber die kapitalistische Entwicklung zu verwerfen?<\/p><p>Halten wir kurz fest, wie widerspr&uuml;chlich und sprunghaft der Frankfurter Politikwissenschaftler bislang argumentiert hat: In seinem Buch von 1995 kriselte der &bdquo;Fordismus&ldquo; noch vor sich her, von einem &bdquo;Postfordismus&ldquo; war noch nichts zu sehen. Aber im Krisenjahr 2009 wird pl&ouml;tzlich behauptet, dass es einen &bdquo;Postfordismus&ldquo; schon seit Ende der siebziger Jahre gegeben haben soll. Die Existenz eines sich langsam herausbildenden &bdquo;Postfordismus&ldquo; hatte derselbe Autor jedoch erst 2005 postuliert. Damals behauptete er nicht, dass sich der &bdquo;Postfordismus&ldquo; bereits Ende der siebziger Jahre herausgebildet habe. In seiner periodisierungstheoretischen Not macht Hirsch, die durch die gegenw&auml;rtige Weltwirtschaftskrise herr&uuml;hrt, eine Tugend und behauptet deshalb, dass der &bdquo;Postfordismus&ldquo; schon seit &uuml;ber drei&szlig;ig Jahren existierte. W&auml;re der Autor bei seiner Auffassung von 2005 geblieben, dann h&auml;tte der &bdquo;Postfordismus&ldquo; bis zur aktuellen Weltwirtschaftskrise keine drei bzw. vier Jahre (oder ein paar Jahre mehr?) existiert. Jedoch w&auml;re dies eine sehr k&uuml;mmerliche und kurze Periode innerhalb der kapitalistischen Entwicklung gewesen und h&auml;tte den Grundannahmen der Regulationstheorie &uuml;ber den Verlauf des Kapitalismus v&ouml;llig widersprochen. Wenn man aber an der Regulationstheorie festhalten will, darf dies nicht sein, weshalb es den &bdquo;Postfordismus&ldquo; f&uuml;r Hirsch nun bereits am Ende der siebziger Jahre gegeben haben muss. Man sieht hier deutlich, wie sich der Autor die kapitalistischen Perioden je nach argumentativer Zweckm&auml;&szlig;igkeit und theoretischer Notwendigkeit zurechtschneidet. In seiner argumentativen Not gesteht er allerdings ein, dass die Periodisierungskategorien Post-\/Fordismus doch nur &bdquo;Hilfsbezeichnungen&ldquo; gewesen sein sollen. Aber auf dieser Grundlage ma&szlig;te sich der Autor fr&uuml;her an, das unwiederbringliche Ende der keynesianischen Politik zu verk&uuml;nden und alle Verfechter einer solchen Politik als unbelehrbare Nostalgiker hinzustellen.<\/p><p>Aber was kommt nach dem untergegangenen &bdquo;Postfordismus&ldquo;? Vielleicht der &bdquo;Neo-Postfordismus&ldquo;? Eine Antwort darauf findet man bei den inzwischen sprachlos gewordenen Post-\/Fordismus-Theoretikern derzeit nicht. Die Postfordismustheoretiker wurden von der &ouml;konomischen Krisenentwicklung buchst&auml;blich &uuml;berrollt, weswegen sie auch &uuml;ber keine Bezeichnung f&uuml;r die &bdquo;neue&ldquo; Periode nach dem pl&ouml;tzlich verschwundenen &bdquo;Postfordismus&ldquo; verf&uuml;gen. Auch Hirsch gibt keine regulationstheoretische Antwort darauf, vielmehr steht er mit leeren H&auml;nden da. Indessen schreibt er, dass sich im Zuge der Weltwirtschaftskrise ein &bdquo;staatsmonopolistische(r) Kapitalismus&ldquo; herausbildet, wo die &bdquo;enge Verbindung von Staat und Kapital, zwecks Sicherung des Profits weiter ausgebaut wird und festere institutionelle Strukturen bekommt&ldquo; (Hirsch 2009, 186).<\/p><p>Damit stellt Hirsch das regulationstheoretische Periodisierungsmodell nun v&ouml;llig infrage und kehrt in seiner theoretischen Hilflosigkeit wieder zu einem &auml;lteren neomarxistischen Theorem zur&uuml;ck, ohne sich jedoch explizit von der Regulationstheorie zu verabschieden, geschweige diese als gescheitert zu betrachten. In einem weiteren Artikel f&uuml;hrt er diese Argumentation fort: <\/p><p>&bdquo;Die aus der Krise hervorgehende gesellschaftliche Formation k&ouml;nnte als eine neue Variante des staatsmonopolistisch-interventionistischen Kapitalismus bezeichnet werden. Das hei&szlig;t, dass das neoliberale Programm verst&auml;rkt mit Hilfe der Staaten durchgesetzt wird. Allerdings ist das, was man als relative Autonomie des Staates bezeichnet, zumindest stark eingeschr&auml;nkt. Der Staat operiert immer deutlicher im Interesse einer Kapitalfraktion.&ldquo; (Hirsch 2010: <a href=\"http:\/\/www.links-netz.de\/T_texte\/T_hirsch_abgrund.html\">Gestern standen wir noch am Rande des Abgrunds &ndash; heute sind wir schon einen Schritt weiter<\/a>)<\/p><p>Au&szlig;erdem verabschiedete sich Hirsch mit dem staatsmonopolistischen Theorem nicht nur von der alten regulationstheoretischen Periodisierung, sondern auch von seinem fr&uuml;heren Pauschalurteil &uuml;ber die historische Obsoletheit der keynesianischen Wirtschaftspolitik. Angesichts der schweren Weltwirtschaftskrise und die damit verbundene Wiederkehr keynesianischer Politikans&auml;tze h&auml;lt Hirsch nun doch die von ihm fr&uuml;her scharf kritisierten und abgelehnten Positionen und Handlungsoptionen weitgehend f&uuml;r sinnvoll (allerdings mit den obligatorischen Einschr&auml;nkungen und rhetorischen R&uuml;ckzugsgefechten eines Strukturtheoretikers), die doch Albrecht M&uuml;ller bereits vor einigen Jahren in seinem Buch &bdquo;Machtwahn&ldquo; vertreten hatte: <\/p><p>&bdquo;Momentan haben keynesianische wirtschaftspolitische Konzepte wieder eine gewisse Konjunktur. Eine R&uuml;ckkehr zum fordistischen Status quo ist jedoch weder m&ouml;glich noch sinnvoll. Das hei&szlig;t sicher nicht, dass auf k&uuml;rzere Sicht entsprechende Ma&szlig;nahmen unsinnig w&auml;ren. Dies allerdings nur, wenn sie mit einer grundlegenden Umgestaltung der Arbeitsmarktbedingungen verbunden werden, die der immer weiter gehenden Prekarisierung der Arbeitsverh&auml;ltnisse entgegenwirkt, die zunehmend schiefer werdende Einkommensverteilung korrigiert und auf diese Weise die innere Nachfrage gest&uuml;tzt wird, also z. B. durch die fl&auml;chendeckende Einf&uuml;hrung von Mindestl&ouml;hnen, den Ausbau des K&uuml;ndigungsschutzes und das Verbot prek&auml;rer Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnisse. Die Schieflage der deutschen &Ouml;konomie beruht auf einer grundlegenden Schw&auml;che der inneren Nachfrage, die durch eine Jahrzehnte lang ge&uuml;bte und schlie&szlig;lich gewaltsam erzwungene &bdquo;Lohnzur&uuml;ckhaltung&ldquo; hervorgerufen worden ist. Daraus resultiert eine Exportabh&auml;ngigkeit, die international ebenso destabilisierend wirkt wie auf der anderen Seite das wachsende Au&szlig;enhandelsdefizit der USA. Zweifellos ist auch das Auflegen von staatlichen Konjunkturprogrammen sinnvoll. Dies allerdings nur, wenn sie nicht darauf hinauslaufen, die bestehenden industriellen Strukturen, z. B. in der Autoindustrie zu befestigen und die Umverteilung von unten nach oben weiter vorantreiben. Staatsschulden m&uuml;ssen n&auml;mlich irgendwann aus Steuern zur&uuml;ckgezahlt werden, und diese werden unter den Bedingungen des herrschenden Steuersystems immer st&auml;rker durch die Masse der Bev&ouml;lkerung aufgebracht. Kurzfristig ist also die R&uuml;ckkehr zu keynesianischen Politikformen sinnvoll, sofern ihre Instrumente sinnvoll und nachhaltig eingesetzt werden. Die grundlegenden Probleme w&uuml;rden damit allerdings nicht gel&ouml;st.&ldquo; (Hirsch 2009: <a href=\"http:\/\/www.links-netz.de\/T_texte\/T_hirsch_alternativen.html\">Die Krise des neoliberalen Kapitalismus: welche Alternativen?<\/a>)<\/p><p>Fazit: Die Weltwirtschaftskrise blamierte nicht nur die neoliberalen oder neoklassischen &Ouml;konomen, sondern warf auch die neo-marxistisch inspirierte Post-\/Fordismustheorie und die daraus abgeleiteten politischen Gewissheiten &uuml;ber die Obsoletheit einer keynesianisch ausgerichteten Politik &uuml;ber den Haufen. Allerdings bedeutet dies nicht, dass es eine an der Kritik der politischen &Ouml;konomie orientierte Kritik der keynesianischen Theorie und Praxis nicht gibt bzw. nicht geben kann, aber von der Regulationstheorie, die einen starren Schematismus &uuml;ber die historische Entwicklung des Kapitals entwickelt und verfochten hatte, wird man eine ausdifferenzierte Kritik nicht erwarten k&ouml;nnen. Da man davon ausgehen kann, dass die Verfechter der Post-\/Fordismustheorie diese nicht sang- und klanglos aufgeben werden, nachdem sie in den letzten drei Jahrzehnten eine unendliche Anzahl von Aufs&auml;tzen und B&uuml;chern verfasst haben, wird es spannend, mit welchem intellektuellem Man&ouml;ver sie diese gescheiterte Theorie aufrecht erhalten und weiter f&uuml;hren wollen. Eines l&auml;sst sich jetzt schon festhalten, die Regulationstheorie hat &ndash; wie viele andere Theorien vor ihr &ndash; die politik&ouml;konomische Entwicklungs- und Krisendynamik v&ouml;llig untersch&auml;tzt und falsch bestimmt.<\/p><p>Literatur<br>\nGirschner, Christian 2006: &Ouml;konomismus und Funktionalismus. Eine Kritik an der Regulationstheorie von J. Hirsch; unter: <a href=\"http:\/\/www.trend.infopartisan.net\/trd1206\/t281206.html\">trend onlinezeitung Nr.12<\/a>.<\/p><p>Hirsch, Joachim 1995: Der nationale Wettbewerbsstaat. Staat, Demokratie und Politik im globalen Kapitalismus; Berlin-Amsterdam<\/p><p>Hirsch, Joachim 2005: Materialistische Staatstheorie. Transformationsprozesse des kapitalistischen Staatensystems; Hamburg<\/p><p>Hirsch, Joachim 2009: Weltwirtschaftskrise 2.0 oder der Zusammenbruch des neoliberalen Finanzkapitalismus; in: Zeitschrift f&uuml;r kritische Theorie 28-29, S. 182-186<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit der 2009 un&uuml;bersehbar gewordenen Weltwirtschaftskrise ist es um die im linken Diskurs stellenweise inflation&auml;r verwendeten Begrifflichkeiten wie &bdquo;Fordismus&ldquo; und &bdquo;Postfordismus&ldquo; merkw&uuml;rdig still geworden. Die Weltwirtschaftskrise blamierte nicht nur die neoliberalen oder neoklassischen &Ouml;konomen, sondern warf auch die neo-marxistisch inspirierte Post-\/Fordismustheorie und die daraus abgeleiteten politischen Gewissheiten &uuml;ber die Obsoletheit einer keynesianisch ausgerichteten Politik &uuml;ber<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=8557\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[205,145,132],"tags":[1047,477,1048,476],"class_list":["post-8557","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-neoliberalismus-und-monetarismus","category-sozialstaat","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-fordismus","tag-keynesianismus","tag-neoklassische-wirtschaftstheorie","tag-weltwirtschaftskrise"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8557","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=8557"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8557\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8559,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8557\/revisions\/8559"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=8557"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=8557"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=8557"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}