{"id":85643,"date":"2022-07-09T14:00:02","date_gmt":"2022-07-09T12:00:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=85643"},"modified":"2022-07-14T14:58:57","modified_gmt":"2022-07-14T12:58:57","slug":"sind-wir-eine-kranke-angstgesellschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=85643","title":{"rendered":"Sind wir eine kranke Angstgesellschaft?"},"content":{"rendered":"<p>Wie ist es zu erkl&auml;ren, dass auf der einen Seite in unserer Gesellschaft eine Kleinigkeit (z. B. die Frage &bdquo;Wo kommst du denn her?&ldquo; an einen dunkelh&auml;utigen Menschen) w&uuml;tende Diskriminierungsvorw&uuml;rfe ausl&ouml;st, auf der anderen Seite aber auf dem H&ouml;hepunkt der Coronakrise sogar Medien, Intellektuelle und Politiker in aller &Ouml;ffentlichkeit gegen Menschen, die sich nicht gegen Corona haben impfen lassen, in der &uuml;belsten Weise gehetzt haben &ndash; und hetzen konnten? Und zwar so, dass wahrscheinlich der juristische Tatbestand der Volksverhetzung massenhaft gegeben war &ndash; und vermutlich 2019 auch noch Staatsanw&auml;lte auf den Plan gerufen h&auml;tte. Der Arzt und Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz, ber&uuml;hmt geworden durch sein Buch &bdquo;Gef&uuml;hlsstau&ldquo;, analysiert in seinem neuen Buch <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/angstgesellschaft.html?listtype=search&amp;searchparam=Hans-Joachim%20Maaz%20Angstgesellschaft\">&bdquo;Angstgesellschaft&ldquo;<\/a> die seiner Meinung nach dahinterstehende Psychodynamik. Auch in diesem Buch spielt der von ihm gepr&auml;gte Begriff &bdquo;Gef&uuml;hlsstau&ldquo; eine zentrale Rolle. Unser Autor <strong>Udo Brandes<\/strong> hat es f&uuml;r die NachDenkSeiten gelesen.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_7489\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-85643-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220708_Sind_wir_eine_kranke_Angstgesellschaft_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220708_Sind_wir_eine_kranke_Angstgesellschaft_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220708_Sind_wir_eine_kranke_Angstgesellschaft_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220708_Sind_wir_eine_kranke_Angstgesellschaft_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=85643-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220708_Sind_wir_eine_kranke_Angstgesellschaft_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"220708_Sind_wir_eine_kranke_Angstgesellschaft_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Maaz&rsquo; zentrale Begriffe und analytische Kategorien sind die Begriffe Fr&uuml;hst&ouml;rung, Selbstentfremdung und ein sich daraus ergebender Gef&uuml;hlsstau sowie der Begriff der Normopathie. Unter Normopathie versteht Maaz (S. 29)<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;eine pathologische Gesellschaftsentwicklung, in der das Gest&ouml;rte, das Falsche f&uuml;r normal gehalten wird, weil die Gesellschaft von einer Mehrheit der Fr&uuml;hentfremdeten gestaltet wird.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Eine Fr&uuml;hentfremdung: Damit meint Maaz eine Traumatisierung in der fr&uuml;hen Kindheit, die das emotional wie praktisch hochgradig von den Eltern abh&auml;ngige Kind zwingt, seine wirklichen Gef&uuml;hle (also zum Beispiel eine berechtigte Wut auf die Eltern, weil diese es schlagen) zu unterdr&uuml;cken und sich von seinem &bdquo;wahren Selbst&ldquo; zu entfremden &ndash; und diese Gef&uuml;hle nicht mehr bewusst wahrzunehmen. Was die Gef&uuml;hle als solche aber nicht beseitigt bzw. erledigt. Sie sind unbewusst nach wie vor vorhanden. Dies f&uuml;hre zu einem Gef&uuml;hlsstau, der ohne die Aufarbeitung der Fr&uuml;htraumatisierung nicht abgebaut werden k&ouml;nne und deshalb immer wieder kompensiert werden m&uuml;sse, solange dies nicht geschehen sei.<\/p><p><strong>Eine Gesellschaft, in der das Falsche, Kranke als Normalit&auml;t angesehen wird<\/strong><\/p><p>Die fr&uuml;hen Traumatisierungen teilt Maaz in unterschiedliche Kategorien auf, wie zum Beispiel Mutterbedrohung, Muttervergiftung, Muttermangel oder Vaterflucht und Vatererpressung usw. Je nachdem wie jemand fr&uuml;hgest&ouml;rt ist, reagiert er dann, so Maaz, unterschiedlich in der Coronakrise auf die staatlichen Ma&szlig;nahmen und den gesellschaftlichen Druck zur Impfung. Er bildet auch da wieder Kategorien wie zum Beispiel die Vertrauenden, die Naiven und Gl&auml;ubigen, die Unsicheren, die Bequemen usw. Unsere Gesellschaft sieht Maaz als eine normopathische Gesellschaft, in der das Falsche, Kranke als Normalit&auml;t angesehen wird (siehe das Zitat oben). Unsere Gesellschaft sei deshalb sehr anf&auml;llig f&uuml;r Extremismus (S. 30):<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;In Krisenzeiten verlieren die individuellen Lebensformen ihre kompensierende Bedeutung (damit mein Maaz zum Beispiel Konsum; UB) und fokussieren sich auf F&uuml;hrung und Rettung. Die Normopathen werden dann zum mehrheitlichen Heer der Mitl&auml;ufer und der Schritt zum Mitt&auml;ter f&uuml;r falsches, verlogenes bis verbrecheriches Handeln in der Gefolgschaft und im Dienste der Herrschaft ist nur noch sehr klein. (&hellip;) So soll das Falsche mit noch mehr Falschem bet&auml;ubt werden. In diesem Zustand befindet sich die Pandemie-Angstgesellschaft. Der Impfstoff ist zur Droge pervertiert, dessen Fragw&uuml;rdigkeit durch immer mehr Boostern verleugnet wird.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>F&uuml;r Maaz sind Normopathien<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;extremistische gesellschaftliche Fehlentwicklungen, die sich mehrheitlich aus der Verst&ouml;rung der Fr&uuml;htraumatisierung bilden. Auch eine Demokratie kann zu einer normopathischen Diktatur einer Mehrheit &uuml;ber Minderheiten werden, wenn durch eine Angst-Herrschaft den Selbstentfremdeten eine illusion&auml;re Rettung st&auml;ndig suggeriert wird&ldquo; (S. 31).\n<\/p><\/blockquote><p>Die Schlussfolgerung von Maaz (S. 38):<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wir k&ouml;nnen die Demokratie nur retten oder notwendigerweise weiterentwickeln, wenn jeder von uns bem&uuml;ht ist, seine Fr&uuml;h&auml;ngste zu begreifen und den Gef&uuml;hlsstau abzutragen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Corona-Angst aus psychiatrischer Sicht<\/strong><\/p><p>Maaz hat als Psychiater immer wieder die Erfahrung gemacht, dass es einen &Uuml;bergang gibt von einer &bdquo;&uuml;berwertigen Idee&ldquo; zu einer &bdquo;Wahnvorstellung&ldquo;. Dies sei der Unterschied zwischen einer neurotisch-affektbesetzten, &uuml;berm&auml;&szlig;igen &Uuml;berzeugung, die lebensgeschichtlich und pers&ouml;nlichkeitsstrukturell begr&uuml;ndet ist und bei der noch eine kritische Einsicht m&ouml;glich sein k&ouml;nne, und einer psychotischen Wahnidee, die sich jedem Zweifel, jeder kritischen Reflexion entziehe:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Das war das Erste, was ich als junger Psychiater zu begreifen hatte, dass jede Diskussion &uuml;ber Wahninhalte v&ouml;llig sinnlos ist&ldquo; (S. 85).\n<\/p><\/blockquote><p>F&uuml;r die psychiatrische Arbeit bleibe nur die Suche nach der m&ouml;glichen psychodynamischen Bedeutung eines Wahninhaltes, ohne dass es irgendeine Verst&auml;ndigung mit dem Wahnkranken dar&uuml;ber geben k&ouml;nne. In Bezug auf die Corona-Krise schlussfolgert er deshalb:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Impfen erf&uuml;llt zurzeit die Kriterien einer &uuml;berwertigen Idee, die Corona-Angst ist zu einem kollektiven Wahn gewuchert. Gewiss sind das COVID-19-Virus, die Infekti&ouml;sit&auml;t und schwere bis t&ouml;dliche Krankheitsverl&auml;ufe real. Jedoch hat das allgemeine, &uuml;berall lauernde Bedrohungsgef&uuml;hl aus der Corona-Pandemie eine kollektiv-psychiotische Erkrankungsangst hergestellt. Ich habe maskierte Menschen angstvoll oder emp&ouml;rt beiseite springen sehen, wenn sie glaubten, es sei ihnen jemand zu nahe gekommen (auch mit Maske gesch&uuml;tzt!), so als wenn ein Schizophrener vor halluzinierten Strahlen oder Giftwolken ausweichen wollte&ldquo; (S.85).\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Res&uuml;mee<\/strong><\/p><p>Maaz beschreibt in seinem Buch sehr pr&auml;zise und treffend die Symptome, also das irrationale Verhalten in allen Bereichen der Gesellschaft, das so weit geht, dass selbstverst&auml;ndliche medizinische, ethische, epidemiologische und zulassungsrechtliche Standards pl&ouml;tzlich nicht mehr gelten. Dass also zum Beispiel nicht wenigstens in Kohortenstudien penibelst die Wirkung und Sicherheit der gentechnischen Pr&auml;parate, die jetzt als Impfstoffe eingesetzt werden, ergebnisoffen &uuml;berpr&uuml;ft werden, um wissenschaftlich korrekt, n&auml;mlich evidenzbasiert, beurteilen zu k&ouml;nnen, ob diese neuartigen gentechnischen Behandlungen tats&auml;chlich sch&uuml;tzen und gesundheitlich unbedenklich sind. <\/p><p>Stattdessen passiert das Umgekehrte, etwa wenn Bundesgesundheitsminister Lauterbach sich mit H&auml;nden und F&uuml;&szlig;en gegen die gesetzlich vorgeschriebene Evaluierung der einzelnen Ma&szlig;nahmen wehrt und versucht, diese zu verhindern. Oder wenn das Paul-Ehrlich-Institut zur Verf&uuml;gung stehende Daten nicht mehr &ouml;ffentlich zug&auml;nglich macht. Die Liste solcher Irrationalit&auml;ten lie&szlig;e sich fortsetzen und w&uuml;rde sehr lang werden. Dies beschreibt Maaz in seinem Buch sehr gut. <\/p><p>Auch sein Ansatz, dass das bewusste Sch&uuml;ren von Panik und Angst durch die Regierungen, Beh&ouml;rden und Medien in Kombination mit einem Gef&uuml;hlsstau die hochaggressiven, feindseligen Hassausbr&uuml;che gegen Ungeimpfte verursacht hat, scheint mir plausibel. Aber seine Analyse, woher dieser Gef&uuml;hlsstau kommt, die kann ich nicht in vollem Umfang teilen. Meines Erachtens macht Maaz mit seiner These, hier w&uuml;rden sich massenhaft Fr&uuml;hst&ouml;rungen aus der Kindheit Bahn brechen, weil sie nicht mehr kompensiert werden k&ouml;nnen, einen Denkfehler, den der Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter schon 1976 in seinem Buch &bdquo;Fl&uuml;chten oder Standhalten&ldquo;[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>] zu Recht kritisiert hat (<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=57520\">N&auml;heres dazu auf den NachDenkSeiten hier<\/a>).<\/p><p><strong>Hassausbr&uuml;che kann man auch ohne Fr&uuml;hst&ouml;rung erkl&auml;ren<\/strong><\/p><p>Richter st&ouml;rte sich daran, dass seine Zunft, die Psychoanalytiker, die psychischen Probleme und Lebenskonflikte von Menschen prim&auml;r mit traumatischen Kindheitserlebnissen und mangelnder &bdquo;seelischer Reife&ldquo; erkl&auml;rten und die Bedeutung des Sozialen f&uuml;r psychische Probleme v&ouml;llig vernachl&auml;ssigten. Ganz nach dem Motto &bdquo;Ist die Kindheit erst aufgearbeitet, haben wir einen reifen, psychisch stabilen Erwachsenen&ldquo;:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Diese illusion&auml;re Phantasie von einem souver&auml;nen Verh&auml;ltnis des Individuums zur sozialen Wirklichkeit wird u. a. auch daran erkennbar, dass die psychoanalytische Theorie lange Zeit &uuml;berhaupt nur die Umweltkonstellationen des Kindes und des Jugendlichen als wirksame Konfliktfaktoren betrachtet hat. Das machte deutlich, dass man der Umwelt der Erwachsenen gar keine neuartigen und spezifischen Einflussm&ouml;glichkeiten auf das seelische Leben zutraute.&ldquo; (Richter S. 10).\n<\/p><\/blockquote><p>Es lasse sich aber nicht ernsthaft bestreiten, so Richter, dass die soziale Umwelt als psychisch wirkender Faktor ein Eigengewicht habe und ebenso psychische Konflikte ausl&ouml;sen k&ouml;nne wie traumatische Kindheitserlebnisse:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Es gibt demnach eine Selbstt&auml;uschung des naiven Individuums, das an Stelle der gegenw&auml;rtigen sozialen Realit&auml;t immer wieder nur seine projezierten Kindheitsprobleme vor sich sieht. Und es gibt die andere Selbstt&auml;uschung, u. a. mancher Analytiker, welche umgekehrt daran glauben, die soziale Welt des Erwachsenen wiederhole nur in zahlreichen Variationen die Konfliktkonstellationen der Kindheitsphase&ldquo; (Richter S. 10-11).\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Auch der erwachsene Mensch ist sehr verletzlich<\/strong><\/p><p>Der Erwachsene sei aber mit einer F&uuml;lle von neuartigen sozialen Bedingungen konfrontiert, f&uuml;r deren Bew&auml;ltigung die in seiner Kindheit gelernten Verhaltensmuster nicht ausreichten. Er m&uuml;sse deshalb neue Antworten auf Fragestellungen finden, die sich zum Beispiel in der Arbeitswelt und politischen Vorg&auml;ngen erg&auml;ben. In diesem Zusammenhang nennt Richter als zentrale Angst des Menschen (auch des erwachsenen) die Isolationsangst. Er belegt dies unter anderem mit dem ber&uuml;hmten Experiment des amerikanischen Psychologen Stanley Milgram (N&auml;heres zu dessen Experiment kann man auf Wikipedia nachlesen). Richter ist der Auffassung, dass der Durchschnittsmensch autorit&auml;tsh&ouml;rig ist und viel verletzlicher, als wir in unserem Alltagsbewusstsein glauben.<\/p><p>Ich halte Richters Kritik f&uuml;r sehr treffend. Man muss, um die neudeutsche &bdquo;Angstgesellschaft&ldquo; zu erkl&auml;ren, nicht davon ausgehen, dass diese prim&auml;r durch kindliche Fr&uuml;hst&ouml;rungen verursacht wird, die durch die Corona-Krise massenhaft getriggert werden. Es ist meines Erachtens eine Illusion zu glauben, dass der einzelne Mensch unabh&auml;ngig von der ihn umgebenden Gesellschaft und deren Einwirkungen auf ihn Selbstbewusstsein, Selbstwertgef&uuml;hl und eine emotionale Stabilit&auml;t quasi aus sich selbst heraus generieren kann. Anders formuliert: Auch ein erwachsener und psychisch stabiler Mensch, der eine weitgehend optimale Kindheit durchlaufen hat (eine total gl&uuml;ckliche Kindheit wird es nie geben, das w&auml;re die Erwartung eines Paradieses auf Erden), kann als Erwachsener in irrationale Verhaltensweisen verfallen und aggressiv und feindselig werden, wenn die gesellschaftlichen Verh&auml;ltnisse ihn massiv unter Druck setzen. <\/p><p>Und genau das geschieht seit &uuml;ber drei Jahrzehnten: Unsere Gesellschaft wurde zu einer durch&ouml;konomisierten, neoliberalen Wettbewerbsgesellschaft umgebaut. Dies f&uuml;hrte f&uuml;r den Einzelnen zu einen enormen Druck, weil er sich st&auml;ndig ver&auml;ndernden Marktverh&auml;ltnissen neu anpassen muss. Und Misserfolg am Markt wird nach dem Motto &bdquo;Jeder ist seines Gl&uuml;ckes Schmied&ldquo; einzig und allein dem einzelnen Menschen zur Last gelegt, was sich unter anderem auch in dem Leitmotto der Hartz-IV-Gesetze (&bdquo;F&ouml;rdern und Fordern&ldquo;) ausdr&uuml;ckt. Im Wettbewerb am Markt zu bestehen, das bedeutet auch, viele Kr&auml;nkungen, &Auml;ngste und Frustrationen und daraus resultierende aggressive Gef&uuml;hle unterdr&uuml;cken zu m&uuml;ssen. Au&szlig;erdem f&ouml;rdert der Zwang, sich am Markt als erfolgreicher Akteur darzustellen, nat&uuml;rlich den individuellen Narzissmus. In der Coronakrise wurde zus&auml;tzlich vielen Menschen die wirtschaftliche Existenz ruiniert und es wurden au&szlig;erdem systematisch Todes&auml;ngste gesch&uuml;rt. Man muss deshalb meines Erachtens nicht unter einem fr&uuml;hkindlichen Trauma leiden, um sein inneres seelisches Gleichgewicht zu verlieren. Allein der Gef&uuml;hlsstau, der sich aus so einer neoliberalen Wettbewerbsgesellschaft ergibt, reicht aus, um Feindseligkeiten und das Bed&uuml;rfnis nach einem S&uuml;ndenbock zu triggern.<\/p><p>Auch um eine &bdquo;Normopathie&ldquo;, also einen massenhaft auftretenden, extremen Konformismus zu erkl&auml;ren, muss man keine massenhaften Fr&uuml;hst&ouml;rungen annehmen. Die immer schlimmer werdende Cancel Culture in unserer Gesellschaft belegt ja nur zu deutlich, wie sehr die Menschen f&uuml;r ihr wirtschaftliches und soziales &Uuml;berleben in die Konformit&auml;t gezwungen werden.<\/p><p><strong>Wir sind eine stark besch&auml;digte Gesellschaft<\/strong><\/p><p>Dies alles bedeutet aber nat&uuml;rlich auch nicht, dass ich abstreiten will, dass Menschen mit einer Fr&uuml;hst&ouml;rung auf die Corona-Krise bzw. den Umgang der gesellschaftlichen Institutionen damit besonders heftig reagieren &ndash; sei es in Form von extremen Angstattacken, so dass sie sich kaum noch aus dem Haus trauen, oder durch einen fanatischen Hass auf Menschen, die sich nicht impfen lassen wollten. Oder in Form eines geradezu religi&ouml;sen Erl&ouml;sungsglaubens durch Impfstoffe und das Bed&uuml;rfnis nach einer &bdquo;Exkommunikation&ldquo; (so bezeichnet man in der Katholischen Kirche den Ausschluss aus der Gemeinschaft der Gl&auml;ubigen) von Ungeimpften.<\/p><p>Nur glaube ich nicht, dass die &uuml;berwiegende Mehrzahl der irrationalen Verhaltensweisen, die wir seit Beginn der Corona-Krise erleben, allein durch Fr&uuml;hst&ouml;rungen zu erkl&auml;ren ist. Auch den Begriff der &bdquo;Normopathie&ldquo; finde ich ungl&uuml;cklich gew&auml;hlt, denn wer entscheidet, was das &bdquo;richtige&ldquo; und was das &bdquo;falsche&ldquo; Leben ist? Eine Moral ist immer auch die Moral einer sozialen Klasse. Die pathologisierende Sichtweise des Begriffes &bdquo;Normopathie&ldquo; kann leicht zu einer anderen Form der Moralisierung f&uuml;hren, n&auml;mlich zur Unterscheidung zwischen &bdquo;b&ouml;sen Fr&uuml;hgest&ouml;rten bzw. Kranken&ldquo; und &bdquo;guten Gesunden&ldquo;.<\/p><p>Ich finde es eher plausibel, dass wir Menschen als soziale Wesen nicht ohne einen bestimmten Grad an &auml;u&szlig;eren Halt durch die Gemeinschaft auskommen. Und verlieren wir den, setzt schnell eine massive Isolationsangst ein, die wir dann, wie H.-E. Richter das sehr sch&ouml;n in &bdquo;Fl&uuml;chten oder Standhalten&ldquo; beschrieb, an andere weitergeben &ndash; zum Beispiel in Form von Feindseligkeit gegen Ungeimpfte, die als S&uuml;ndenbock verfolgt werden. Ich w&uuml;rde deshalb die Frage in der &Uuml;berschrift (&bdquo;Sind wir eine kranke Angstgesellschaft?&ldquo;) so beantworten: Wir sind eine durch den neoliberalen Konkurrenzkapitalismus stark besch&auml;digte Gesellschaft, in der sich viele Menschen alleingelassen f&uuml;hlen und massive Existenz&auml;ngste haben. Und das ist ein gesellschaftlicher Humus, der Angstneurosen, Feinseligkeiten und Hassausbr&uuml;che nur so sprie&szlig;en l&auml;sst. Kommen dann neue gesellschaftliche Krisen, k&ouml;nnen all diese angestauten &Auml;ngste wunderbar auf ein Thema projiziert und fokussiert werden. Dies sieht im Prinzip auch Maaz so. Nur dass er dabei die individuellen Kindheitstraumata betont.<\/p><p>Auch wenn ich manches anders sehe bzw. einsch&auml;tze als Maaz und sein Tonfall mir bisweilen zu biblisch-verk&uuml;ndigend ist, fand ich die Lekt&uuml;re anregend und interessant. Wer sich f&uuml;r die Psychodynamiken des Unbewussten in der Corona-Krise interessiert, findet hier viel Stoff zum Nachdenken und interessante Gedankeng&auml;nge. Ein Buch, das ich trotz meiner Kritik hier zur Lekt&uuml;re empfehlen m&ouml;chte.<\/p><p>Hans-Joachim Maaz: Angstgesellschaft, Franck &amp; Timme Verlage, Berlin 2022, 244 Seiten, 18,00 Euro.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Horst-Eberhard Richter: Fl&uuml;chten oder Standhalten, Psychosozial-Verlag (die neueste Auflage stammt von 2012; meine Ausgabe von 2001), 315 Seiten, 22,90 Euro<\/p>\n<\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/de7f85f2967a46b7b153b66459c36c90\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie ist es zu erkl&auml;ren, dass auf der einen Seite in unserer Gesellschaft eine Kleinigkeit (z. 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