{"id":85741,"date":"2022-07-13T11:00:32","date_gmt":"2022-07-13T09:00:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=85741"},"modified":"2022-07-15T12:42:45","modified_gmt":"2022-07-15T10:42:45","slug":"die-us-amerikanische-realpolitik-im-ukraine-krieg-und-die-bisher-verdraengten-konsequenzen-fuer-deutschland-und-europa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=85741","title":{"rendered":"Die US-amerikanische Realpolitik im Ukraine-Krieg und die bisher verdr\u00e4ngten Konsequenzen f\u00fcr Deutschland und Europa"},"content":{"rendered":"<p>Die US-amerikanische Realpolitik basiert ausschlie&szlig;lich auf den nationalen Interessen der nuklearen Gro&szlig;macht USA. Das ist durchaus legitim, muss aber von eventuellen Verb&uuml;ndeten immer und vor allem auch zeitgerecht zur Kenntnis genommen werden. Doch von dieser Einsicht scheinen die europ&auml;ischen und insbesondere die bundesdeutschen Entscheidungstr&auml;ger, gerade im Fall des Ukraine-Krieges, noch weit entfernt. Es droht ein b&ouml;ses Erwachen. <strong>Von J&uuml;rgen H&uuml;bschen<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_1594\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-85741-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220715-US-amerikanische-Realpolitik-im-Ukraine-Krieg-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220715-US-amerikanische-Realpolitik-im-Ukraine-Krieg-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220715-US-amerikanische-Realpolitik-im-Ukraine-Krieg-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220715-US-amerikanische-Realpolitik-im-Ukraine-Krieg-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=85741-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220715-US-amerikanische-Realpolitik-im-Ukraine-Krieg-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"220715-US-amerikanische-Realpolitik-im-Ukraine-Krieg-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Afghanistan ist das j&uuml;ngste Beispiel daf&uuml;r, dass die USA ihre Entscheidungen ausschlie&szlig;lich aus der nationalen Sicht Washingtons treffen. Die amerikanische Afghanistan-Operation &bdquo;Enduring Freedom&ldquo; zur Bek&auml;mpfung des internationalen Terrorismus begann am 07. Oktober 2001. Die NATO schloss sich diesem Kampf am 20.12.2001 mit der Operation &bdquo;International Security Assistance Force&ldquo; (ISAF) an. Am 28. Dezember 2014 entschieden sich die USA ohne erkennbaren konkreten Grund und vor allem auch ohne Abstimmung mit ihren Verb&uuml;ndeten dazu, den Kampfeinsatz zu beenden. Die NATO schloss sich dieser Entscheidung notgedrungen am 31. Dezember 2014 an und beendete ihre Operation &bdquo;ISAF&ldquo;. <\/p><p>Am 1. Januar 2015 starteten die USA mit der Operation &ldquo;Freedom&acute;s Sentinel&rdquo;, ihrer Unterst&uuml;tzungsoperation in Afghanistan. Die NATO folgte auch diesem, erneut nicht abgestimmten Vorgehen Washingtons mit ihrer Operation &bdquo;Resolute Support&ldquo;. 2021 war die US-Regierung nach nicht zielf&uuml;hrenden Gespr&auml;chen mit den afghanischen Taliban offensichtlich zu der Erkenntnis gelangt, ihren verlustreichen und letztlich auch erfolglosen Milit&auml;reinsatz in Afghanistan zu beenden. Erneut ohne jegliche R&uuml;cksprache mit ihren Alliierten beendeten die USA ihre Afghanistan-Operation &bdquo;Freedom&acute;s Sentinel&ldquo; und zogen zum 31. August 2021 die letzten amerikanischen Soldaten aus dem Land am Hindukusch ab. Da ihre Verb&uuml;ndeten ohne die USA nicht in der Lage waren, ihren Einsatz fortzusetzen, beendete die NATO ihre Unterst&uuml;tzungsoperation &bdquo;Resolute Support&ldquo; offiziell am 21. September 2021. Die derzeitige katastrophale Lage in Afghanistan unter einer Regierung der Taliban ist eine Konsequenz der amerikanischen Realpolitik.<\/p><p>Der nachfolgende Beitrag besch&auml;ftigt sich mit der Frage, ob im Zusammenhang mit dem westlichen Engagement im Ukraine-Krieg ein vergleichbares Vorgehen der US-Regierung &ndash; vielleicht mit einem &auml;hnlich desastr&ouml;sen Ergebnis &ndash; ausgeschlossen werden kann.<\/p><p><strong>Die US-amerikanische Realpolitik im Ukraine-Krieg<\/strong><\/p><p>Um diese Frage beantworten zu k&ouml;nnen, muss man sich das Verhalten und wesentliche grunds&auml;tzliche Aussagen des US-Pr&auml;sidenten und seiner Administration in Erinnerung rufen.<\/p><p>Am 26. M&auml;rz 2022 beendete Pr&auml;sident Biden in Warschau seine Rede &uuml;ber den von Pr&auml;sident Putin begonnenen Krieg in der Ukraine mit den Worten:<em> <\/em><\/p><blockquote><p>\n&ldquo;<em>Um Himmels Willen, dieser Mann kann nicht an der Macht bleiben.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Nachdem dieser Satz auch zu erheblichen Irritationen in seiner eigenen Administration gef&uuml;hrt hatte, versicherte der US-Pr&auml;sident zwei Tage sp&auml;ter:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Ich habe die moralische Emp&ouml;rung zum Ausdruck gebracht, die ich empfinde, und ich entschuldige mich nicht daf&uuml;r. Niemand glaubt, dass ich davon gesprochen habe, Putin zu Fall zu bringen. Niemand glaubt das.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Am 31. Mai 2022 erkl&auml;rte der US-Pr&auml;sident, dass er die Ausfuhr des Raketensystems &bdquo;HIMAR&ldquo; an die Ukraine genehmigt habe, nachdem die ukrainische F&uuml;hrung zugesichert habe, mit diesen Raketen keine Ziele auf russischem Territorium anzugreifen. Den Export dieses modernen Waffensystems begr&uuml;ndete der US-Pr&auml;sident mit den Worten:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Die Lieferung der fortschrittlichen Waffen wird es der Ukraine erm&ouml;glichen, auf dem Schlachtfeld zu k&auml;mpfen und am Verhandlungstisch in der bestm&ouml;glichen Position zu sein.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Einen Tag sp&auml;ter, am 1. Juni 2022, schrieb Biden in einem &bdquo;Opinion Essay&ldquo; in der New York Times:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Ich habe die Ukraine weder ermutigt noch dazu bef&auml;higt, &uuml;ber ihre Grenzen hinaus zuzuschlagen, und ich m&ouml;chte den Krieg nicht verl&auml;ngern, nur um Russland Schmerzen zuzuf&uuml;gen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Eine derartig widerspr&uuml;chliche Position gegen&uuml;ber Russland findet sich auch im Verhalten und den Aussagen der milit&auml;rischen F&uuml;hrung der USA.<\/p><p>Nach einem unangek&uuml;ndigten Besuch in Kiew sagte US-Verteidigungsminister Lloyd J. Austin:<\/p><blockquote><p>\n&ldquo;Wir wollen, dass Russland in dem Ma&szlig;e geschw&auml;cht wird, dass es nicht mehr in der Lage ist, die Dinge tun kann, die es bei der Invasion der Ukraine getan hat.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Vor diesem Hintergrund war es &uuml;berraschend, dass der US-Verteidigungsminister &ndash; zum ersten Mal seit dem 18. Februar 2022 &ndash; am 13. Mai 2022 seinen russischen Amtskollegen Sergej Schojgu anrief, um diesen laut US-amerikanischen Angaben zu einem sofortigen Waffenstillstand zu dr&auml;ngen. Au&szlig;erdem habe Austin auf die Bedeutung der Aufrechterhaltung der Kommunikationswege hingewiesen. Das russische Verteidigungsministerium erkl&auml;rte, es seien Fragen der internationalen Sicherheit besprochen worden. Dabei sei es auch um die Lage in der Ukraine gegangen. Weitere Einzelheiten wurden nicht bekannt.<\/p><p>Der russische Machtapparat hatte zuvor beklagt, dass es keine Kontakte zwischen Moskau und Washington mehr gebe.<\/p><p>Knapp eine Woche sp&auml;ter, am 19. Mai 2022, telefonierte der amerikanische Generalstabschef, General Mark Milley, erstmalig seit Kriegsbeginn mit dem russischen Generalstabschef, General Valery Gerassimow. Auch in diesem Fall ging die Initiative von den USA aus. Ein Sprecher des US-Generalstabs sagte zum Inhalt des Telefonats: Es sei um <em>&bdquo;wichtige sicherheitsbezogene Themen&ldquo; <\/em>gegangen. Der Sprecher des Pentagon, John Kirby, erg&auml;nzte: <em>&bdquo;Wir glauben, dass es wichtig ist, dass die Kommunikationslinien offen sind.&ldquo;<\/em><\/p><p>Der US-Pr&auml;sident und seine Administration behalten sich aber nicht nur vor, sich hinsichtlich des Engagements im Ukraine-Krieg und ihrer Haltung gegen&uuml;ber Russland an den Realit&auml;ten und damit an den nationalen Interessen zu orientieren, sondern passen ihre Politik auf Grund des Ukraine-Krieges auch auf internationaler Ebene an. Dazu zwei Beispiele:<\/p><p><strong>Venezuela<\/strong><\/p><p>Im Jahr 2019 hatten die USA ihre diplomatischen Beziehungen zu Venezuela abgebrochen und ihre westlichen Verb&uuml;ndeten aufgefordert, ihrem Beispiel zu folgen und statt des gew&auml;hlten Pr&auml;sidenten Maduro den Oppositionsf&uuml;hrer Guaid&oacute; als Nachfolger anzuerkennen. U.a. Deutschland folgte dieser Aufforderung. Im Zusammenhang mit den wegen des Angriffskrieges verh&auml;ngten Sanktionen gegen Moskau stellten die USA ihre &Ouml;limporte aus Russland ein und forderten ihre Verb&uuml;ndeten auf, ihrem Beispiel zu folgen. Da sich auch in den USA die Energiepreise, vor allen Dingen an den Tankstellen, wegen des Ukraine-Krieges st&auml;ndig weiter erh&ouml;hten, entschloss sich Washington zu einer Kehrtwende in seiner Venezuela-Politik. Am 6. M&auml;rz flog eine US-Delegation nach Venezuela, um mit Pr&auml;sident Maduro vermutlich auch &uuml;ber die Wiederaufnahme der 2019 gestoppten &Ouml;llieferungen in die USA zu verhandeln. Offensichtlich sieht die US-Regierung dies als eine Option, den Verzicht auf russisches &Ouml;l auszugleichen. W&auml;hrend der zweit&auml;gigen Gespr&auml;che wehten die Fahnen der USA und Venezuelas vor dem Verhandlungsgeb&auml;ude und als Zeichen des guten Willens wurden zwei US-Amerikaner aus dem Gef&auml;ngnis entlassen. Maduro bezeichnete das Treffen als fruchtbar.<\/p><p><strong>Saudi-Arabien<\/strong><\/p><p>Die USA waren nach der Ermordung des saudischen Journalisten Jamal Kashoggi am 2. Oktober 2018 im saudischen Konsulat in Istanbul auf Distanz zum K&ouml;nigreich am Golf gegangen, vor allem auch deshalb, weil die CIA ermittelt hatte, dass die Ermordung Kashoggis mit Wissen oder m&ouml;glicherweise sogar auf Anweisung von Kronprinz Mohammed Bin Salman (MBS) erfolgt war. Der damalige demokratische Pr&auml;sidentschaftskandidat und heutige US-Pr&auml;sident Joe Biden hatte seinerzeit gesagt, er w&uuml;rde die Saudis den Preis zahlen lassen und sie &bdquo;zu dem Paria machen, der sie sind&ldquo;.<\/p><p>Auch der saudische Krieg im Jemen, der trotz eines gerade verl&auml;ngerten Waffenstillstands grunds&auml;tzlich noch andauert, hat zu einer Distanzierung der US-Regierung vom saudischen K&ouml;nigreich gef&uuml;hrt. Obwohl die Verantwortlichen f&uuml;r die Liquidierung Kashoggis noch immer nicht zur Rechenschaft gezogen wurden und Saudi-Arabien den Krieg im Jemen trotz der Forderung Washingtons noch immer nicht beendet hat, plante die US-Regierung f&uuml;r Ende Juni dieses Jahres eine Reise des US-Pr&auml;sidenten nach Riad. Dabei spielt es offensichtlich auch keine Rolle, dass 15 von 19 identifizierten Terroristen, die an dem Anschlag vom 11. September 2001 beteiligt waren, aus Saudi-Arabien stammten.<\/p><p>Zur Vorbereitung der Reise des US-Pr&auml;sidenten war in der letzten Mai-Woche eine US-Delegation unter F&uuml;hrung des Koordinators f&uuml;r den Nahen Osten, Brett McGurk, nach Saudi-Arabien gereist. Die OPEC k&uuml;ndigte ann&auml;hernd zeitgleich an, ihre &Ouml;lf&ouml;rdermenge im Juli und August von aktuell 439.000 Barrel pro Tag auf 648.000 Barrel pro Tag zu steigern.<\/p><p>US-Au&szlig;enminister Blinken kommentierte diese politische Kehrtwende Washingtons mit den Worten, dass Menschenrechte noch immer wichtig seien, die USA aber die Gesamtheit ihrer Interessen in der Beziehung mit den Saudis im Blick behalten m&uuml;ssen.<\/p><p><strong>Die Konsequenzen f&uuml;r Europa<\/strong><\/p><p>Im Dezember 2013 hatte der deutsche Politiker Egon Bahr im Gespr&auml;ch mit Sch&uuml;lern eines Gymnasiums erkl&auml;rt:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>In der internationalen Politik geht es nie um Demokratie oder Menschenrechte. Es geht um die Interessen von Staaten.<\/em>&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Diese Aussage bewahrheitet sich in der US-amerikanischen Au&szlig;enpolitik nachdr&uuml;cklich, und deswegen m&uuml;ssen Europa und besonders Deutschland aufpassen, dass sie mit ihrem Pro-Ukraine-Programm nicht pl&ouml;tzlich allein Russland gegen&uuml;berstehen. Nach einem Bericht der US-Zeitschrift &bdquo;The Hill&ldquo; vom 02. Juni 2022 schwindet die Unterst&uuml;tzung der US-amerikanischen Bev&ouml;lkerung f&uuml;r die Russlandpolitik der Regierung und auch des Pr&auml;sidenten pers&ouml;nlich dramatisch. In dem Bericht wird ausgef&uuml;hrt, dass im M&auml;rz sich noch eine gro&szlig;e Mehrheit der US-Bev&ouml;lkerung, weit &uuml;ber 60 Prozent, f&uuml;r eine bedeutende Rolle der USA in der Ukraine aussprach. In der j&uuml;ngsten AP-NORC-Umfrage sanken diesen Zustimmungswerte um 20 Prozent. &Auml;hnlich zeigt sich die Entwicklung bei der Einsch&auml;tzung der pers&ouml;nlichen Rolle von Biden in der Ukrainekrise. Verf&uuml;gte er im M&auml;rz noch &uuml;ber Zustimmungswerte f&uuml;r seine Russlandpolitik im Bereich zwischen 60 und 70 Prozent, so spricht sich in aktuellen Umfragen eine knappe Mehrheit von 51 Prozent gegen die Russlandpolitik des amtierenden US-Pr&auml;sidenten aus.<\/p><p>Diese Entwicklung ist f&uuml;r den US-Pr&auml;sidenten besonders kritisch, weil im November 2022 die &bdquo;Midterm Elections&ldquo; anstehen und die Gefahr besteht, dass die regierenden Demokraten ihre Mehrheit im Repr&auml;sentantenhaus verlieren. Auch die Mehrheit im Senat steht auf der Kippe, weil sie wegen der Patt-Situation zwischen Demokraten und Republikanern nur auf der Stimme der Vizepr&auml;sidentin Kamala Harris basiert.<\/p><p>Da die Vergangenheit gezeigt hat, dass sich die Stimmung der Bev&ouml;lkerung vieler westeurop&auml;ischer Staaten &ndash; wenn auch mit einem gewissen Zeitverzug &ndash; an der &ouml;ffentlichen Meinung der USA orientiert, scheint absehbar, dass auch in diesen Staaten die Unterst&uuml;tzung f&uuml;r die Russland- und Ukraine-Politik schwinden wird. Zum Beispiel ist bereits heute festzustellen, dass die Inflationsrate in Deutschland von derzeit knapp acht Prozent und die st&auml;ndig steigenden Preise, vor allem auch im Energiesektor, zu einer deutlich sp&uuml;rbaren Unruhe und Verunsicherung in der Bev&ouml;lkerung gef&uuml;hrt haben. Zus&auml;tzlich entsteht bei einem Teil der finanziell schlechter gestellten B&uuml;rger der Eindruck, dass f&uuml;r die ukrainischen Fl&uuml;chtlinge und auch f&uuml;r die Ukraine selbst unbeschr&auml;nkt finanzielle Mittel zur Verf&uuml;gung stehen, w&auml;hrend im eigenen Land immer mehr Menschen wegen der Preisentwicklung kein gesichertes finanzielles Auskommen mehr haben.<\/p><p>Auch die Tatsache, dass sich aktuell alle m&ouml;glichen Organisationen und Initiativen f&uuml;r die Unterst&uuml;tzung ukrainischer Fl&uuml;chtlinge engagieren und dabei ebenso vom Schicksal schwer getroffene, Asyl suchende Menschen anderer L&auml;nder aus dem Auge verloren werden, es mittlerweile sozusagen &bdquo;Fl&uuml;chtlinge 1. und 2. Klasse&ldquo; gibt, birgt sozialen Z&uuml;ndstoff.<\/p><p>Ob die derzeitige &ouml;ffentliche und mediale Unterst&uuml;tzung f&uuml;r umfangreiche Waffenlieferungen an die Ukraine, bis hin zu schweren Waffen, Bestand haben wird, muss bezweifelt werden und wird stark davon abh&auml;ngen, wie sich die USA verhalten. Ein weiterer wichtiger Faktor f&uuml;r die Entwicklung der Stimmungslage in Europa ist, dass die politisch interessierten B&uuml;rger zu begreifen beginnen, dass die von den USA forcierte Isolierung Russlands und die damit verbundenen Sanktionen lediglich von etwa 65 der 195 L&auml;nder dieser Welt unterst&uuml;tzt werden. Vor allem die L&auml;nder Afrikas und Lateinamerikas, aber auch fast alle asiatischen Staaten wie China, Indien oder auch Indonesien und damit der gr&ouml;&szlig;te Teil der Weltbev&ouml;lkerung sind klar auf Distanz gegen&uuml;ber Washington, nicht zuletzt, weil die &auml;rmeren L&auml;nder unter den Folgen des Krieges und der westlichen Sanktionspolitik besonders leiden.<\/p><p>Jetzt werden sogar die ersten Stimmen laut, die, wie etwa &bdquo;The Hill&ldquo;, erkl&auml;ren:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Nicht Russland ist die weltweit gesehen isolierteste Supermacht, sondern unter Umst&auml;nden die Vereinigten Staaten selbst&ldquo;.\n<\/p><\/blockquote><p>Man verurteilt zwar weltweit mit Mehrheit den russischen Angriffskrieg in der Ukraine nach wie vor, hat aber zunehmend Zweifel, ob die Politik der USA und ihrer Verb&uuml;ndeten gegen&uuml;ber Moskau wirklich zielf&uuml;hrend ist oder vielleicht den eigenen L&auml;ndern mehr schadet als Russland selbst. Es werden klare Friedensinitiativen vermisst und vor allem auch Konzepte f&uuml;r die Zeit danach, weil ja jeder Krieg irgendwann endet und Russland bis zum Ural dann immer noch ein Teil Europas sein wird.<\/p><p>Fazit: Europa muss mit der spekulativen Diskussion dar&uuml;ber, wer diesen Krieg gewinnen oder verlieren wird, umgehend aufh&ouml;ren und endlich die Initiative ergreifen, diese milit&auml;rische Auseinandersetzung zu beenden. Dazu ist es vermutlich wichtiger, zun&auml;chst bei Pr&auml;sident Biden auf Augenh&ouml;he vorstellig zu werden, um dann gemeinsam den russischen, aber auch den ukrainischen Pr&auml;sidenten unmissverst&auml;ndlich aufzufordern, einem sofortigen Waffenstillstand zuzustimmen. Erst danach kann &uuml;ber eine dringend erforderliche, neue europ&auml;ische Friedensordnung verhandelt werden.<\/p><p>Sollte Europa diese Option nicht nutzen, kann nicht ausgeschlossen werden, dass sich die beiden nuklearen Superm&auml;chte USA und Russland, zu irgendeinem Zeitpunkt und ohne R&uuml;cksprache mit ihren Verb&uuml;ndeten, auf einer anderen Ebene verst&auml;ndigen und Europa mit dem Problemfall Ukraine alleingelassen wird.<\/p><p>Titelbild: <a href=\"https:\/\/www.shutterstock.com\/de\/g\/tanaonte\">Ivan Marc<\/a> \/ shutterstock<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die US-amerikanische Realpolitik basiert ausschlie&szlig;lich auf den nationalen Interessen der nuklearen Gro&szlig;macht USA. Das ist durchaus legitim, muss aber von eventuellen Verb&uuml;ndeten immer und vor allem auch zeitgerecht zur Kenntnis genommen werden. 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